Schevuot — Blatt 16b

1WENN ER IM TEMPELHOFE UNREIN GEWORDEN UND DIES IHM ENTFALLEN IST &C. Woher dies vom Unreinwerden im Tempelhofe? R. Elea͑zar erwiderte: Ein Schriftvers lautet:die Wohnung des Herrn hat er verunreinigt, und ein anderer Schriftvers lautet:denn das Heiligtum des Herrn hat er verunreinigt, und da [der zweite] wegen der außerhalb erfolgten Verunreinigung nicht nötig !ist, so beziehe man ihn auf die innerhalb erfolgte Verunreinigung. –

2Ist denn [einer der] Schriftverse überflüssig, sie sind ja beide nötig, denn es wird gelehrt: R. Elea͑zar sagte: Wenn es ‘Wohnung’ heißt, wozu heißt es ‘Heiligtum’, und wenn es ‘Heiligtum’ heißt, wozu heißt es ‘Wohnung’? Wenn es nur ‘Wohnung’ und nicht ‘Heiligtum’ hieße, so würde ich gesagt haben, man sei nur wegen [Verunreinigung] der Wohnungschuldig, weil diese mit dem Salböl gesalbt war, nicht aber wegen der des Heiligtums; und wenn es nur ‘Heiligtum’ und nicht ‘Wohnung’ hieße, so würde ich gesagt haben, man sei nur wegen [Verunreinigung] des Heiligtums schuldig, weil dessen Heiligkeit eine ewige ist, nicht aber wegen der der Wohnung; daher heißt es ‘Wohnung’ und ‘Heiligtum’!? –

3R. Elea͑zar fragte folgendes ; merke, die Wohnung heißt ja auch ‘Heiligtum’ und das Heiligtum heißt ja auch ‘Wohnung’, wozu sind nun zwei verschiedenartige Schriftverse nötig, sollte es doch entweder in beiden ‘Heiligtum’ oder in beiden ‘Wohnung’ heißen, wozu heißt es nun ‘Wohnung’ und ‘Heiligtum’? Hieraus ist also beides zu entnehmen, und da er nicht auf die außerhalb erfolgte Verunreinigung zu beziehen ist, so beziehe man ihn auf die innerhalb erfolgte Verunreinigung. –

4Allerdings wird das Heiligtum ‘Wohnung’ genannt, denn es heißt:ich werde meine Wohnung unter euch aufschlagen, wo finden wir aber, daß die Wohnung ‘Heiligtum’ genannt wird? Wollte man sagen, in folgendem Schriftverse:sodann brachen die Qehathiten auf, die das Heiligtum trugen, so bezieht dies sich ja auf die Bundeslade!? – Vielmehr, in folgendem:und sie sollen mir ein Heiligtum errichten, daß ich in ihrer Mitte wohne, und darauf heißt es:genau wie ich dir zeige, das Modell der Wohnung.

5DA NIEDERWIRFT ODER DIE DAUER EINER NIEDERWERFUNG VERWEILT. Raba sagte: Dieslehrten sie nur von dem Falle, wenn er sich nach innen nieder geworfen hat, wenn aber nach außen, so ist er nur dann [schuldig], wenn er so lange verweilt hat, nicht aber, wenn er nicht so lange verweilt hat.

6Manche beziehen dies auf den Schlußsatz: oder die Dauer einer Niederwerfung verweilt hat; demnach ist auch beim Niederwerfen das Verweilen erforderlich. Hierzu sagte Raba: Dies lehrten sie nur von dem Falle, wenn er sich nach außen niedergeworfen hat, wenn aber nach innen, auch wenn er nicht so lange verweilt hat. Er meint es also wie folgt: hat er sich nach innen niedergeworfen oder bei einer Niederwerfung nach außen die Dauer einer Niederwerfung verweilt, so ist er schuldig. –

7Welche heißt eine Niederwerfung, wobei ein Verweilen erfolgt, und welche heißt eine Niederwerfung, wobei kein Verweilen erfolgt? – Ein einfaches Niederknien heißt eine Niederwerfung, wobei kein Verweilen erfolgt, das Ausbreiten von Händen und Füßen heißt eine Niederwerfung, wobei ein Verweilen erfolgt. –

8Welche Dauer hat ein Verweilen? – Hierüber streiten R. Jiçḥaq b. Naḥmani und noch einer, das ist R. Šimo͑n b. Pazi, wie manche sagen, R. Šimo͑n b. Pazi und noch einer, das ist R. Jiçḥaq b. Naḥmani, und wie manche sagen, R. Šimo͑n b. Naḥmaní; einer sagt, wie das Lesen des [weiter folgenden] Schriftverses, und einer sagt, wie von beugten bis zum Schlüsse des Schriftverses.Und alle Kinder Jisraél sahen, wie das Feuer herabfuhr und die Herrlichkeit des Herrn über dem Tempel lagerte; da beugten sie sich mit dem Angesichte zur Erde nieder auf das Steinpflaster, warfen sich nieder und priesen den Herrn, daß er gütig sei und seine Gnade ewig währt.

9Die Rabbanan lehrten: ‘Bücken’, mit dem Gesichte [zur Erde], wie es heißt:Bath Šeba͑ bückte sich mit dem Gesichte zur Erde. ‘Knien’, auf den Knien [liegen], wie es heißt:von seinem Knien (auf den Knien). ‘Niederwerfung’, Hände und Füße ausstrecken, wie es heißt:sollen wir etwa kommen, ich, deine Mutter und deine Brüder, uns vor dir zur Erde niederzuwerfen?

10Raba fragte: Ist für die Geißelungein Verweilen erforderlich oder ist für die Geißelung kein Verweilen erforderlich? Ist [die Bedingung des] Verweilens überliefert nur für das Opfer, nicht aber für die Geißelung,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.