Schevuot — Blatt 29a

1und Feigen gegessen und dieserhalb ein Opfer abgesondert, und darauf Trauben allein gegessen hat, so gelten die Trauben als halbesQuantum, und wegen eines halben Quantums ist man kein Opfer schuldig. Ebenso auch hierbei: wenn er gesagt hat: ein Schwur, daß ich keine zehn essen werde, und darauf gesagt hat: ein Schwur, daß ich keine neun essen werde, [und nachdem er neun gegessen] und dieserhalb ein Opfer dargebracht hat ein zehntes gegessen hat; das zehnte ist somit ein halbes Quantum, und wegen eines halben Quantums ist man nicht schuldig.

2WELCHER IST EIN NICHTIGKEITSSCHWUR? WENN JEMAND ETWAS BESCHWÖRT, UND ES DEN MENSCHEN BEKANNT IST, DASS ES ANDERS SEI: WENN ER VON EINER STEINSÄULE SAGT, SIE SEI AUS GOLD, VON EINEM MANNE, ER SEI EINE FRAU, ODER VON EINER FRAU, SIE SEI EIN MANN.

3FERNER, WENN JEMAND ETWAS UNMÖGLICHES BESCHWÖRT: WENN ICH NICHT EIN IN DER LUFT FLIEGENDES KAMEL GESEHEN HABE, WENN ICH NICHT EINE SCHLANGE WIE EIN ÖLPRESSBALKEN GESEHEN HABE.

4FERNER, WENN ZEUGEN ZU EINEM, DER SIE FÜR IHN ZEUGNIS ABZULEGEN AUFFORDERT, SAGEN: EIN SCHWUR, DASS WIR FÜR DICH KEIN ZEUGNIS ABLEGENWERDEN. FERNER, WENN JEMAND SCHWÖRT, EIN GEBOT ZU UNTERLASSEN: KEINE FESTNÜTTE ZU ERRICHTEN, KEINEN FESTSTRAUSS ZU NEHMEN, ODER KEINE TEPHILLIN ANZULEGEN. DIES IST EIN NICHTIGKEITSSCHWUR, WEGEN DESSEN MAN SICH BEI VORSÄTZLICHKEIT DER GEISSELUNG SCHULDIG MACHT UND BEI UNVORSÄTZLICHIXKEIT FREI IST.

5[SAGT JEMAND:] EIN SCHWUR, DASS ICH DIESEN LAIB ESSEN WERDE, EIN SCHWUR, DASS ICH IHN NICHT ESSEN WERDE, SO IST DER ERSTE EIN BEKRÄFTIGUNGSSCHWUR UND DER ZWEITEEIN NICHTIGKEITSSCHWUR;

6HAT ER IHN GEGESSEN, SO HAT ER EINEN NICHTIGKEITSSCHWUR GELEISTET, HAT ER IHN NICHT GEGESSEN, SO HAT ER EINEN BEKRÄFTIGUNGSSCHWUR ÜBERTRETEN.

7GEMARA. U͑lla sagte: Diesnur, wenn es drei Menschen bekanntist.

8WENN JEMAND ETWAS UNMÖGLICHES BESCHWÖRT: WENN ICH NICHT EIN IN DER LUFT FLIEGENDES KAMEL GESEHEN HABE. Es heißt nicht: daß ich gesehen habe; was heißt: wenn ich nicht gesehen habe? Abajje erwiderte: Lies: ich schwöre, daß ich gesehen habe. Raba erwiderte: Wenn er sagt: Alle Früchte der Welt sollen mir verboten sein, wenn ich nicht ein in der Luft fliegendes Kamel gesehen habe.

9Rabina sprach zu R. Aši: Vielleicht sah dieser Mann einen großen Vogel und gab ihm den Namen Kamel, und beim Schwören richtete er sich nach seinen Gedanken!?

10Wolltest du erwidern, man richte sich nach seinem Munde und nicht nach seinen Gedanken, so wird ja gelehrt: Wenn [das Gericht] einenschwören läßt, spricht man zu ihm: Wisse, daß wir dich nicht in deinem Sinne schwören lassen, sondern in unserem Sinneund im Sinne des Gerichtes. Doch wohl aus dem Grunde, weil wir sagen, er kann [dem Kläger] Spielmarken gegeben und diese Geld genannt haben, sodaß er in seinem Sinne [richtig] schwört!? –

11Nein, da erfolgt dies wegen des Raba-Stockes. –

12Komm und höre: Ebenso finden wir bei Mose, der, als er die Jisraéliten beschwor, zu ihnen sprach: Wisset, daß ich euch nicht in euerem Sinne schwören ließ, sondern im Sinne Gottes und in meinem Sinne. Wozu denn, er sollte doch zu ihnen gesagt haben: haltet, was euch Gott gesagt hat? Doch wohl deshalb, weil sie in ihrem Herzen an einen Götzen gedacht haben konnten!? –

13Nein, weil Götzen ebenfalls Gott genannt werden, denn es heißt:Götter aus Silber und Götter aus Gold. –

14Sollte er zu ihnen gesagt haben: haltet die Tora!? – [Dies hieße:] eine Tora.– Sollte er gesagt haben: haltet beide Gesetzlehren!? – [Dies hieße:] das Gesetz vom Sündopfer und das Gesetz vom Schuldopfer. – [Sollte er gesagt haben:] haltet die ganze Gesetzlehre!? – [Dies hieße:] das Gesetz vom Götzendienste, denn der Meister sagte, der Götzendienst sei so streng, daß, wenn jemand ihn verleugnet, es ebenso sei, als würde er sich zur ganzen Tora bekennen. –

15Sollte er zu ihnen gesagt haben: haltet das Gebot!? – [Dies hieße:] ein Gebot. – Haltet die Gebote!? – [Dies hieße:] zwei. – Alle Gebote!? – [Dies hieße:] das Çiçithgebot, denn der Meister sagte, das Çiçithgebot wiege alle Gebote auf. –

16Sollte er zu ihnen gesagt haben: Haltet die sechshundertunddreizehnGebote!? – Auch nach deiner Auffassung ist ja einzuwenden, sollte er zu ihnen nur gesagt haben: in meinem Sinne, wozu brauchte er zu sagen: im Sinne Gottes?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.