Schevuot — Blatt 39a
1daß die ganze Welt erbebte, als der Heilige, gepriesen sei er, am Berge Sinaj sprach: du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht freventlich aussprechen.
2Von allen in der Tora genannten Sünden heißt es: er vergibt, von dieser aber heißt es: er vergibt nicht. Wegen aller in der Tora genannten Sünden bestraft man nur ihn selbst, wegen dieser aber ihn und seine ganze Familie, denn es heißt:gestatte deinem Munde nicht, dein Fleisch in Schuld zu bringen, und unter Fleisch ist der Verwandte zu verstehen, denn es heißt:und entziehe dich nicht von deinem Fleische.
3Wegen aller in der Tora genannten Sünden bestraft man ihn allein, wegen dieser aber bestraft man ihn und die ganze Welt, denn es heißt:schwören und lügen &c. –
4Vielleicht nur, wenn er allesgetan hat!? – Dies ist nicht einleuchtend, denn es heißt:denn wegen des Schwörens trauert das Land, und es heißt:deshalb trauert das Land, und es schmachten alle seine Bewohner.
5Wegen aller anderen Sünden wartet man ihm, wenn er Verdienste hat, zwei oder drei Generationen, wegen dieser aber bestraft man ihn sofort, denn es heißt:ich habe ihn ausgehen lassen, Spruch des Herrn der Heerscharen, damit er komme in das Haus des Diebes und in das Haus dessen, der in meinem Namen falsch schwört, sich im Innern seines Hauses festsetze und es zugrunde richte samt seinem Holzwerke und seinen Steinen.
6Ich habe ihn ausgehen lassen, sofort; damit er komme in das Haus des Diebes, das ist derjenige, der die Menschen täuscht, wenn er nämlich bei seinem Nächsten kein Geld hat, und ihn mahnt und ihn beschwört; und in das Haus dessen, der in meinem Namen falsch schwört, dem Wortlaute gemäß; sich im Innern seines Hauses festsetze und es zugrunde richte samt seinem Holzwerke und seinen Steinen; hier lernst du, daß der Falschschwur Dinge zerstört, die sogar Feuer und Wasser nicht zerstören.
7Sagt er, er wolle nicht schwören, so entläßt man ihn sofort, wenn er aber sgt, er sei zu schwören bereit, so sprechen die Anwesenden zu einander:Zieht euch zurück von den Zelten dieser gottlosen Männer &c. Wenn [das Gericht] einen schwören läßt, spricht man zu ihm: Wisse, daß wir dich nicht in deinem Sinne schwören lassen, sondern im Sinne Gottes und des Gerichts.
8Ebenso finden wir bei unserem Meister Moše, der, als er die Jisraéliten beschwor, zu ihnen sprach: Wisset, daß ich euch nicht in eurem Sinne beschwöre, sondern im Sinne Gottes und in meinem Sinne, denn es heißt:aber nicht mit euch allein &c., sondern mit jedem, der hier vorhanden ist.
9Ich weiß dies nur von denjenigen, die am Berge Sinaj gestanden haben, woher dies von den späteren Generationen und den Proselyten, die sich später bekehren werden? Es heißt:und der nicht vorhanden ist.
10Ich weiß dies ferner nur von den Geboten, die sie am Berge Sinaj auf sich genommen haben, woher dies von den später erneuerten Geboten, wie beispielsweise das Lesen der Esterrolle? Es heißt:Sie bestätigten und sie nahmen, sie bestätigten, was sie bereits auf sich genommen hatten. –
11Was heißt: auch er kann in jeder Sprache gesprochen werden? –
12Wie wir gelernt haben: Folgendes kann in jeder Sprache gesprochen werden: der Abschnitt von der Ehebruchsverdächtigten, das Bekenntnisbeim Zehnten, das Šema͑, das Gebet, der Tischsegen, der Zeugniseid, und der Depositeneid, und hierzu sagt er, auch der gerichtliche Eid könne in jeder Sprache gesprochen werden.
13Der Meister sagte: Man spricht zu ihm: Wisse, daß die ganze Welt erbebte, als der Heilige, gepriesen sei er, sprach: du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht freventlich aussprechen. Aus welchem Grunde: wollte man sagen, weil dies am [Berge] Sinaj gesprochen wurde, so wurden ja da alle zehn Gebote gesprochen, und wollte man sagen, weil dies am strengsten sei, so ist dies ja nicht der Fall!?
14Es wird nämlich gelehrt: Folgende sind leichte [Sünden: Übertretungen von] Geboten und Verboten, ausgenommen das Verbot des Aussprechens; strenge sind mit der Ausrottung und der gerichtlichen Todesstrafe [belegte Sünden]. Mit diesen genannt wird auch das Verbot des Aussprechens!? –
15Vielmehr, aus dem hier angeführten Grunde: Bei allen in der Tora genannten Sünden heißt es: er vergibt, und bei dieser heißt es: er vergibt nicht. –
16Heißt es denn von anderen in der Tora genannten Sünden nicht, daß er sie nicht vergebe, es heißt ja:vergeben, ganz vergeben wird er nicht!? –
17Dies ist nach R. Elea͑zar zu erklären, denn es wird gelehrt: R. Elea͑zar sagte: Man kann nicht sagen, er vergebe, da es heißt, er vergebe nicht, und man kann auch nicht sagen, er vergebe nicht, da es heißt, er vergebe; wie ist dies nun [zu erklären]? Er vergibt denen, die Buße tun, und nicht denen, die keine Buße tun.
18«Wegen aller in der Tora genannten Sünden bestraft man nur ihn selbst, wegen dieser aber ihn und seine ganze Familie.» Wird denn wegen anderer in der Tora genannten Sünden nicht auch die Familie bestraft,
19es heißt ja:so will ich mein Antlitz wider einen solchen richten und wider seine Familie!? Hierzu wird gelehrt: R. Šimo͑n sagte: Welche Sünde hat denn seine Familie begangen, wenn er gesündigt hat? Dies besagt, du hast keine Familie, in der ein Zöllner sich befindet, die nicht ganz aus Zöllnern bestände, und in der ein Plünderer sich befindet, die nicht ganz aus Plünderern bestände, weil sie ihn beschützen. –
20Dies gilt von der allgemeinen Strafe, jenes aber von der direkt ihn treffenden Strafe. Es wird nämlich gelehrt: Rabbi sagte:ich will ihn ausrotten, was lehrt dies? Da es heißt: so will ich mein Antlitz richten, so könnte man glauben, seine ganze Familie werde ausgerottet, so heißt es ihn, er selbst wird ausgerottet werden, nicht aber seine ganze Familie.
21«Wegen aller anderen in der Tora genannten Sünden bestraft man ihn allein, wegen dieser aber ihn und die ganze Welt, denn es heißt: schwören und lügen, und es heißt: deshalb trauert das Land. Vielleicht nur, wenn er alles getan hat!? – Dies ist nicht einleuchtend, denn es heißt: denn wegen des Schwörens trauert das Land.»
22Wird denn wegen aller anderen in der Tora genannten Sünden nicht auch die ganze Welt bestraft, es heißt ja:sie werden straucheln einer durch seinen Bruder, einer durch die Sünde seines Bruders; dies lehrt, daß ganz Jisraél für einander verantwortlich sei!? –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.