Sota — Blatt 20a
1R. A͑qiba befindet sich ja aber mit sich selbst in einem Widerspruche: dort sagt er, daß esvom Verwischen abhängig sei, und hier sagt er, daß es von [der Darbringung] der Handvoll abhängig sei!? –
2Zwei Tannaím streiten über die Ansicht R. A͑qibas.
3Sie fragten: Wie ist es, wenn sie zuerst aus Mutwillen gesagt hat, sie wolle nicht trinken, und später zurücktritt und sagt, sie wolle trinken? Ist es, wenn sie gesagt hat, sie wolle nicht trinken, ebenso als würde sie gesagt haben, sie habe sich verunreinigt, und da sie sich als unrein bekannt hat, kann sie nicht mehr zurücktreten, oder aber bekundet sie durch den Willen zu trinken, daß sie es vorher nur aus Angst gesagt hatte? – Dies bleibt unentschieden.
4Der Vater Šemuéls sagte: Man muß etwas Bitteres in das Wasser tun, denn die Schrift sagt:das bittere Wasser, das bereits vorher bitter war.
5WENN SIE BEVOR DIE ROLLE VERWISCHT WORDEN IST SAGT, SIE WOLLE NICHT TRINKEN, SO WIRD DIE ROLLE VERSTECKT UND IHR SPEISOPFER AUF DIE ASCHE GESTREUT. IHRE ROLLE IST NICHT MEHR BRAUCHBAR, DAMIT EINE ANDERE EHEBRUCHSVERDÄCHTIGTE TRINKEN ZU LASSEN. WENN DIE ROLLE BEREITS VERWISCHT WORDEN IST UND SIE SAGT, SIE HABE SICH VERUNREINIGT, SO WIRD DAS WASSER AUSGESCHÜTTET UND IHR SPEISOPFER AUF DIE ASCHE GESTREUT. WENN DIE ROLLE BEREITS VERWISCHT WORDEN IST UND SIE SAGT, SIE WOLLE NICHT TRINKEN, SO WENDE MAN GEWALT AN UND ZWINGE SIE ZU TRINKEN.
6KAUM IST SIE MIT DEM TRINKEN FERTIG, SO WIRD IHR GESICHT GELB, DIE AUGEN TRETEN HERVOR UND DIE ADERN SCHWELLEN IHR AN. MAN LÄSST SIE HINAUSBRINGEN, DAMIT SIE DEN TEMPELHOF NICHT VERUNREINIGE.
7HAT SIE EIN VERDIENST, SO HÄLT ES [DIE WIRKUNG] ZURÜCK; MANCHES VERDIENST HÄLT SIE EIN JAHR ZURÜCK, MANCHES ZWEI JAHRE UND MANCHES DREI JAHRE. HIERAUS FOLGERTE BEN A͑ZAJ, DASS MAN VERPFLICHTET SEI, SEINE TOCHTER DIE TORA ZU LEHREN, DAMIT SIE, WENN SIE TRINKEN MUSS, WISSE, DASS DAS VERDIENST IHR BEISTEHE. R. ELIE͑ZER SAGTE: WER SEINE TOCHTER DIE TORA LEHRT, LEHRT SIE AUSSCHWEIFUNG.
8R. JEHOŠUA͑ SAGTE: EINER FRAU IST EIN KABUND AUSSCHWEIFUNG LIEBER ALS NEUN KAB UND ENTHALTSAMKEIT. ER PFLEGTE ZU SAGEN: EIN DUMMER FRÖMMLING, EIN LISTIGER BÖSEWICHT, EINE PHARISÄISCHEFRAU UND DIE SCHLÄGEDER PHARISÄER, DAS SIND DIEJENIGEN, DIE DIE WELT ZUGRUNDE RICHTEN.
9GEMARA. R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls im Namen R. Meírs: Als ich die Tora bei R. A͑qiba lernte, pflegte ich Vitriol in die Tinte zu tun, und er sagte mir nichts. Als ich aber [später] zu R. Jišma͑él kam, fragte er mich: Mein Sohn, was ist deine Beschäftigung? Ich erwiderte ihm: Ich bin [Tora]schreiber. Da sprach er zu mir: Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist eine Gottesarbeit; wenn du einen Buchstaben ausläßt oder einen Buchstaben zuviel [schreibst], zerstörst du die ganze Welt.
10Ich erwiderte ihm: Ich habe etwas, das ich in die Tinte tue, es ist Vitriol. Hierauf sprach er zu mir: Darf man denn Vitriol in die Tinte tun, die Tora sagt ja: er verwische, eine Schrift, die sich verwischenläßt!? –
11Was sagte ihm jener und was erwiderte ihm dieser? –
12Er sprach zu ihm wie folgt: selbstverständlich bin ich kundig im Schreiben der defekten und vollenWorte, aber ich brauche auch nicht zu befürchten, eine Fliege könnte sich auf das Häkchen des Daleth setzen, es verwischen und daraus ein Rešmachen, denn ich habe etwas, das ich in die Tinte tue, nämlich Vitriol. –
13Dem widersprechend wird ja aber gelehrt: R. Meír sagte: Als ich die Tora bei R. Jišma͑él lernte, pflegte ich Vitriol in die Tinte zu tun, und er sagte mir nichts. Als ich aber [später] zu R. A͑qiba kam, verbot er es mir.
14Hier besteht also ein Widerspruch sowohl hinsichtlich des Lernensals auch hinsichtlich des Verbotes!?
15Allerdings ist der Widerspruch hinsichtlich des Lernens zu erklären: er kam zuerst zu R. A͑qiba, und da er ihn nichtverstand, ging er zu R. Jišma͑él, bei dem er die Tora lernte, und er kehrte dann zu R. A͑qiba zurück, dessen Erläuterungen er dann verstand;
16aber hinsichtlich des Verbotes besteht ja ein Widerspruch!? – Dem ist auch so.
17Es wird gelehrt: R. Jehuda sagte: R. Meír sagt, man dürfe zu jedem Behufe Vitriol in die Tinte tun,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.