Sota — Blatt 36b

1Auf dem Schulterkleide waren sie nicht so verteilt, wie sie im Buche Numeriaufgezählt werden, sondern wie sie im zweiten Bucheaufgezählt werden;

2die Söhne Leas in ihrer Reihenfolge, von den Söhnen Raḥels einer zuerst und einer zuletzt, und die Söhne der Mägde in der Mitte.

3Wie erkläre ich aber [die Worte] nach ihrer Geburt? Nach den Namen, wie ihr Vater sie nannte, nicht aber nach den Namen, wie Moše sie nannte: Reúben und nicht Reúbeni, Šimo͑n und nicht Šimo͑ni, Dan und nicht Dani, Gad und nicht Gadi. Dies ist somit eine Widerlegung der Ansicht R. Kahanas. Eine Widerlegung. –

4Was heißt demnach: und die eine Hälfte? – Es wird gelehrt: Die Hälfte am Berge Gerizim war größer als die Hälfte am Berge E͑bal, weil [der Stamm] Levi unten war. –

5Im Gegenteil, wenn Levi unten war, so waren sie ja weniger!? – Er meint es wie folgt: obgleich Levi unten war, denn mit ihnen waren auch die Nachkommen Josephs, von denen es heißt :da sprachen die Nachkommen Josephs zu Jehošua͑ also: Warum hast du mir nur ein Los und einen Teil als Erbbesitz gegeben, da ich doch viel Volkes bin &c.Da sprach Jehošua͑ zu ihnen: Wenn du viel Volkes bist, so ziehe in den Wald hinauf.

6Er sprach zu ihnen: Geht, versteckt euch in die Wälder, damit das böse Auge über euch keine Gewalt habe. Sie erwiderten ihm: Über die Nachkommenschaft Josephs hat das böse Auge keine Gewalt. Es heißt:ein fruchttragendes Reis ist Joseph, ein fruchttragendes Reis an der Quelle [a͑le a͑jin], und R. Abahu sagte, man lese nicht a͑le a͑jin sondern o͑le a͑jin [das Auge übersteigend].

7R. Jose b. R. Ḥanina entnimmt dies aus folgendem :sie mögen sich fischähnlich auf Erden vermehren; wie die Fische im Meere das Wasser bedeckt und das Auge über sie keine Gewalt hat, ebenso hat über den Samen Josephs das Auge keine Gewalt. –

8Wieso fünfzig Buchstaben, es sind ja fünfzig weniger einen!? R. Jiçḥaq erwiderte: Joseph wurde ein Buchstabe hinzugefügt, denn es heißtals Zeugnis in Jehoseph setzte er ihn ein, als er nach dem Lande Micrajim auszog.

9R. Nahman b. Jiçḥaq wandte ein: Es mußte ja nach ihrer Geburterfolgen!? – Vielmehr, in der ganzen Tora heißt es Binjam‘n, hier aber Binjamin, wie es auch heißt:und sein Vater nannte ihn Binjamin.

10R. Ḥanan b. Bizna sagte im Namen R. Šimo͑n des Frommen: Joseph heiligte den Namen des Himmels im Verborgenen, und man fügte ihm einen Buchstabenvom Namen des Heiligen, gepriesen sei er, hinzu, Jehuda heiligte den Namen des Himmels öffentlich, und er wurde ganz nach dem Namen des Heiligen, gepriesen sei er, benannt. –

11Was ist es, was Joseph tat? – Es heißt:da geschah es eines Tages, daß er ins Haus kam, um seine Geschäfte zu verrichten. R. Joḥanan sagte, dies lehre, daß beide eine Sünde beabsichtigt hatten. Daß er ins Haus kam, um seine Geschäfte zu verrichten. Rabh und Šemuél [streiten hierüber]; einer erklärt, seine Geschäfte zu verrichten, wörtlich, und einer erklärt, er ging hinein, um das Bedürfniszu verrichten.

12Niemand von den Leuten des Hauses &c. Ist es denn möglich, daß in einem so großen Hause, wie es das Haus jenes Frevlers war, niemand da war? – In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Jener Tag war ein Festtag, und alle gingen in den Götzentempel; sie aber sagte, sie sei krank, denn sie dachte, es gebe für sie keinen geeigneteren Tag als diesen, um mit Joseph zusammenzukommen.

13Und sie erfaßte ihn bei seinem Gewande und sprach &c. In jener Stunde erschien ihm im Fenster die Gestalt seines Vaters und sprach zu ihm: Joseph, dereinst werden deine Brüder auf die Steine des Schulterkleides aufgeschrieben werden und auch du unter ihnen; ist es dein Wunsch, daß dein Name aus ihrer Mitte gelöscht werde und du Hurengenosse genannt werdest!? So heißt es auch:der Hurengenosse verschwendet Vermögen.

14Hierauf;es blieb in Stärke sein Bogen. R. Joḥanan sagte im Namen R. Meírs: Sein Bogenerlangte seine Stärke wieder.Arme und Hände spreizten sich; er stemmte die Händegegen den Boden, daß ihm der Same aus seinen Fingernägeln hervorkam.

15Aus den Händen des Gewaltigen Ja͑qobs; die Gewalt Ja͑qobs war es, die veranlaßt hat, daß er auf die Steine des Schulterkleides eingegraben wurde.Von dort der Hirte, der Stein Jisraéls; von da ab war es ihm beschieden, ein Hirte zu werden, wie es heißt:Hirte Jisraéls, horch doch auf, der du (wie) die Schafe Josephs leitest.

16Es wird gelehrt: Joseph war würdig, daß ihm zwölf Stämme entstammen sollten, wie solche seinem Vater Ja͑qob entstammt sind, denn es heißt:dies sind die Nachkommen Ja͑qobs, Joseph, nur ist ihm der Same aus den Fingernägeln abgegangen. Immerhin entstammten solche seinem Bruder Binjamin, und alle wurden sie nach ihm benannt, wie es heißt:und die Söhne Binjamins waren Belo͑ Bekher, A͑šbel &c.

17Belá, weil er unter die Völker geraten [bala͑] ist; Bekher, weil er der Erstgeborene [bekhor] seiner Mutter war; Ašbe1, weil Gott ihn in die Gefangenschaft geraten ließ [šabo el]; Gera, weil er in Gastschaft wohnte [gar];

18Naa͑man, weil er besonders lieb [nai͑m] war; Eḥi und Roš, er ist mein Bruder [aḥi] und mein Haupt [roš]; Mupimund Ḥupim, er sah nicht meine Hochzeit [ḥupa] und ich sah nicht seine Hochzeit; Ard, er stieg [jarad] unter die weltlichen Völker hinab. Manche erklären: Ard, sein Gesicht gleich einer Rose [vered].

19R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: In der Stunde, wo der Pareo͑ zu Joseph sprach :ohne dich soll niemand seine Hand heben &c., sprachen die Sterndeuter des Pareo͑ [zu ihm:] Einen Sklaven, den sein Herr für zwanzig Silberlinge gekauft hat, willst du über uns herrschen lassen!? Er erwiderte ihnen: Ich sehe an ihm königliche Eigenschaften.

20Sie sprachen zu ihm: Demnach müßte er die siebzig Sprachen verstehen. Hierauf kam Gabriél und lehrte ihn die siebzig Sprachen, er aber begriff nicht; da fügte er ihm einen Buchstabenvom Namen des Heiligen, gepriesen sei er, hinzu, und er lernte sie. Daher heißt es:als Zeugnis in Jehoseph setzte er ihn ein, als er nach dem Lande Miçrajim auszog; eine Sprache, die ich nicht kannte, vernahm ich. Am folgenden Tage antwortete er dem Pareo͑ in jeder Sprache, in der er mit ihm redete;

21als er aber diesen in der Heiligensprache anredete, verstand er ihn nicht. Hierauf bat er ihn, daß er ihn diese Sprache lehre. Da lehrte er sie ihn, er aber begriff sie nicht. Hierauf sprach er zu ihm: Schwöre mir, daß du dies nicht verrätst. Da schwor er es ihm.

22Als er später zu ihm sagte :mein Vater hat mich schwören lassen, erwiderte er ihm: Geh, laß dir deinen Schwur auflösen. Er entgegnete dann: So will ich mir auch den dir geleisteten Schwur auflösen lassen. Daher sprach er zu ihm, obgleich es ihm nicht lieb war:Ziehe hinauf und begrabe deinen Vater, wie er dich hat schwören lassen.

23Was ist das, was Jehuda getan hat? – Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Als die Jisraéliten am Meere standen, wetteiferten die Stämme mit einander; der eine sagte, er wolle zuerst ins Meer hinabsteigen, und der andere sagte, er wolle zuerst ins Meer hinabsteigen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.