Sota — Blatt 3a

1Demnach sind beide der Ansicht, die Verwarnung sei verboten.-

2Was bedeutet Qinnuj nach demjenigen, welcher sagt, die Verwarnung sei erlaubt? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Qinnuj ist nichts weiter als ein Ausdruck der Verwarnung, wie es heißt: der Herr eifert für sein Land.

3Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Wenn ein Mensch heimlich eine Sünde begeht, so macht dies der Heilige, gepriesen sei er, öffentlich bekannt, denn es heißt: und über ihn ein Geist der Eifersucht geht, und unter ‘gehen’ ist eine Bekanntmachung zu verstehen, wie es heißt: da gebot Moše und man ließ einen Ruf durch das Lager gehen.

4Reš Laqiš sagte: Ein Mensch begeht nur dann eine Sünde, wenn ein Geist der Torheit in ihn fährt, denn es heißt: wenn irgend eines Mannes Frau sich vergeht, und geschrieben ist: eine Torheit begeht.

5In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Weshalb glaubte die Tora bei der Ehebruchsverdächtigten einem einzelnen Zeugen? Weil die Wahrscheinlichkeit dafür spricht, denn er hat sie verwarnt, sie sich verborgen, und ein Zeuge bekundet, daß sie sich verunreinigt habe.

6R. Papa sprach zu Abajje: Die Verwarnung wird ja in der Schrift nach dem Verbergen und der Verunreinigung genannt!?

7Dieser erwiderte: Und geht, wenn es bereits vorher gegangen war. —

8[Es heißt ja auch:] und es gehe jeder Gerüstete von euch, demnach wäre auch hierbei ebenso zu verstehen!? —

9Da heißt es: und wenn das Land vor dem Herrn unterworfen ist, und ihr darauf umkehrt, demnach bezieht es sich auf die Zukunft; wenn man aber hierbei nach der Reihenfolge der Schrift, kommen wird, auslegen wollte, so wäre ja, nach der Verunreinigung und dem Sich verbergen, die Verwarnung nicht nötig.

10In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Ein Mensch verwarnt seine Frau nur dann, wenn ein Geist in ihn gefahren ist, denn es heißt: und über ihn ein Geist der Eifersucht geht und er gegen seine Frau eifert. — Was ist dies für ein Geist?

11Die Rabbanan erklärten, ein Geist der Unreinheit. R. Aši erklärte, ein Geist der Reinheit.

12Einleuchtend ist die Ansicht desjenigen, der ein Geist der Reinheit sagt, denn es wird gelehrt: Und er gegen seine Frau eifert, dies ist freigestellt — so R. Jišma͑él; R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht. Erklärlich ist dies, wenn du ein Geist der Reinheit sagst, ist es denn aber, wenn du ein Geist der Unreinheit sagst, Pflicht oder freigestellt, daß ein Mensch einen Geist der Unreinheit in sich bringe!?

13Der Text. Und er gegen seine Frau eifert, dies ist freigestellt — so R. Jišma͑él; R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht. An ihr verunreinige er sich, dies ist freigestellt — so R. Jišma͑él; R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht.

14Ewig haltet sie zur Arbeit, dies ist freigestellt — so R. Jišma͑él; R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht.

15R. Papa sprach zu Abajje, manche sagen, R. Mešaršeja zu Raba: Demnach wäre anzunehmen, daß R. Jišma͑él und R. A͑qiba diesen Streit in der ganzen Tora führen; einer sagt, es sei freigestellt, und der andere sagt, es sei Pflicht!? Dieser erwiderte: Sie streiten nur über [diese] Schriftverse.

16«Und er gegen seine Frau eifert, dies ist freigestellt — so R. Jišma͑él: R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht.»

17Was ist der Grund R. Jišma͑éls? — Er ist der Ansicht des Autors der folgenden Lehre: R. Elie͑zer b. Ja͑qob sagte: Die Tora sagt: du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen, somit konnte man glauben, dies sei auch hierbei zu berücksichtigen, so heißt es: und über ihn ein Geist der Eifersucht geht und er gegen seine Frau eifert. —

18Und R. A͑qiba!? — [Der Ausdruck] ‘eifern’ wird zweimal gebraucht. —

19Und R. Jišma͑él!? — Da er schreiben will: und sie sich verunreinigt hat, und sie sich nicht verunreinigt hat, so heißt es auch [wiederum]: und er gegen seine Frau eifert.

20Dies nach einer Lehre der Schule R. Jišma͑éls, denn in der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Jeder Abschnitt, der gelehrt und wiederholt worden ist, ist nur wegen einer darin vorkommenden Neuerung wiederholt worden.

21«An ihr verunreinige er sich, dies ist. freigestellt — so R. Jišma͑él; R. A͑qiba sagt, es sei Pflicht.»

22Was ist der Grund R. Jišma͑éls? — Es heißt: rede zu den Priestern, den Kindern Ahrons, und sprich zu ihnen: er darf sich an keiner Seele in seinem Volke verunreinigen, daher heißt es: an ihr verunreinige er sich. —

23Und R. A͑qiba!? Dies geht hervor aus [den Worten:] nur an seinen Blutsverwandten, und wenn es noch heißt: an ihr verunreinige er sich, so deutet dies auf die Pflicht. —

24Und R. Jišma͑él!? — An ihr verunreinige er sich, nicht aber an einzelnen Gliedern von ihr. —

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.