Sota — Blatt 45b

1Ihr habt es gelernt: Wenn er eine Garbe angefaßt hat, um sie in die Stadt zu bringen, und sie auf eine andere gelegt und dann vergessen hat, so ist die untere Vergessenes und die obere kein Vergessenes. R. Šimo͑n b. Jehuda sagt im Namen R. Šimo͑ns, beide seien kein Vergessenes, die untere nicht, weil sie verborgen ist, die obere nicht, weil sie schwebend ist. Sie glaubten, daß diese Autoren der Ansicht R. Jehudas sind, welcher erklärt: auf dem Felde, ausgenommen die verborgene,

2somit besteht ihr Streit wahrscheinlich in folgendem: einer ist der Ansicht, hei Dingen derselben Art gebe es ein Verbergen, und einer ist der Ansicht, bei solchen gebe es kein Verbergen. –

3Nein, wären sie der Ansicht R. Jehudas, so würden sie übereinstimmen, daß es bei Dingen derselben Art ein Verbergen gebe, hier aber führen sie denselben Streit wie R. Jehuda und die Rabbanan; die Rabbanan sind der Ansicht jener Rabbananund R. Šimo͑n b. Jehuda ist der Ansicht R. Jehudas. –

4Wieso heißt esdemnach ‘auf eine andere’, dies sollte ja auch von dem Falle gelten, wenn er sie auf Erde oder Geröll [gelegt hat]!? – Dem ist auch so, nur hebt er die Ansicht R. Jehudas hervor, daß es sogar bei Dingen derselben Art ein Verbergen gebe.

5Die Rabbanan lehrten: Ein Erschlagener, nicht aber ein Erdrosselter; ein Erschlagener, nicht aber ein Zuckender; auf dem Boden, nicht aber in einem Steinhaufen verborgen; liegend, nicht aber an einem Baume hangend; auf dem Felde, nicht aber auf dem Wasser schwimmend. R. Elea͑zar sagt, ist es ein Erschlagener, so erfolge in all diesen Fällen das Genickbrechen.

6Es wird gelehrt: R. Jose b. R. Jehuda sagte: Sie sprachen zu R. Elea͑zar: Pflichtest du etwa nicht bei, daß, wenn ein Erdrosselter auf dem Misthaufen liegend aufgefunden wird, das Genickbrechen nicht zu erfolgen habe!? Man sage also: ein Erschlagener, nicht aber ein Erdrosselter, ebenso auch: auf dem Boden, nicht aber in einem Steinhaufen verborgen; liegend, nicht aber an einem Baume hangend; auf dem Felde, nicht aber auf dem Wasser schwimmend. – Und R. Elea͑zar!? – Es heißt überflüssigerweise Erschlagener.

7WIRD ER NAHE DER GRENZE, NEBEN EINER STADT, DEREN MEISTEN EINWOHNER NICHTJUDEN SIND, GEFUNDEN &C. Denn es heißt: wenn gefunden wird, ausgenommen das Gewöhnliche.

8ODER NEBEN EINER STADT, IN DER KEIN GERICHT VORHANDEN IST. Denn es heißt: die Ältesten der Stadt, die da nicht vorhanden sind. MAN MESSE NUR NACH EINER STADT &C. Selbstverständlich, er lehrte ja bereits: neben einer Stadt, in der kein Gericht vorhandenist, somit weiß ich ja, daß das Messen nur nach einer Stadt erfolge, in der ein Gericht vorhanden ist!? –

9Er lehrt uns das, was in der folgenden Lehre gelehrt wird: Woher, daß, wenn er nahe einer Stadt, in der kein Gericht vorhanden ist, gefunden wird, man diese lasse, und nach einer Stadt, in der ein Gericht vorhanden ist, messe? Es heißt: die Ältesten der Stadt sollen nehmen, in jedem Falle.

10WIRD ER GENAU ZWISCHEN ZWEI STÄDTEN GEFUNDEN, SO BRINGEN BEIDE ZWEI KÄLBER – SO R. ELIE͑ZER. JERUŠALEM BRINGT DAS GENICKBROCHENE KALB NICHT. WENN DER KOPF AN EINER STELLE UND DER RUMPF AN EINER ANDEREN STELLE GEFUNDEN WIRD, SO BRINGE MAN DEN KOPF ZUM RUMPFE – so R. ELIE͑ZER; R. A ͑QIBA SAGT, DEN RUMPF ZUM KOPFE. VON WO AUS MISST MAN? R. ELIE͑ZER SAGT, VON SEINEM NABEL, R. A͑QIBA SAGT, VON SEINER NASE, R. ELIE͑ZER B. JA ͑QOB SAGT, VON DER STELLE, AN DER ER ERSCHLAGENER WORDEN IST, VON SEINEM HALSE.

11GEMARA. Was ist der Grund R. Elie͑zers? – Er ist der Ansicht, man könne esgenau feststellen, und dies gilt sowohl von einer nahen [Stadt] als auch von mehreren.

12JERUŠALEM BRINGT DAS GENICKBROCHENE KALB NICHT. Denn die Schrift sagt :zum Erbbesitze, und er ist der Ansicht, Jerušalem sei an die Stämme nicht verteilt worden.

13WENN DER KOPF AN EINER STELLE GEFUNDEN WIRD &C. Worüber streiten sie, wenn etwa über das Messen, so spricht ja, wenn der Schlußsatz [die Frage] erörtert, von welcher Stelle zu messen ist, der Anfangsatz nicht vom Messen!? R. Jiçḥaq erwiderte: Sie streiten über die Besitznahme des Platzes durch einen Pflichttoten.

14Er meint es wie folgt: ein solcher erwirbt seinen Platz hinsichtlich der Bestattung, wenn aber der Kopf an einer Stelle und der Rumpf an einer anderen Stelle gefunden wird, so bringe man, wie R. Elie͑zer sagt, den Kopf zum Rumpfe, und wie R. A͑qiba sagt, den Rumpf zum Kopfe. – Worin besteht ihr Streit? – Einer ist der Ansicht, der Rumpf bleibe auf der Stelle liegen, der Kopf aber rolle fort, und einer ist der Ansicht, der Kopf bleibe da liegen, wo er fällt, der Rumpf aber falle weiter.

15VON WO AUS MISST MAN. Worin besteht ihr Streit? – Einer ist der Ansicht, das Leben sitze hauptsächlich in der Nase, und einer ist der Ansicht, es sitze hauptsächlich im Nabel. –

16Es wäre anzunehmen, daß sie [denselben Streit führen], wie die folgenden Tannaím. Womit beginnt die Bildung des Embryos? Mit dem Kopfe, denn es heißt:vom Mutterschoße an warst du meine Zuflucht, ferner heißt es:scheredeinen Hauptschmuck und wirf ihn fort &c. Abba Šaúl sagt, mit dem Nabel, und die Wurzeln verbreiten sich nach allen Richtungen. –

17Du kannst auch sagen, auch Abba Šaúl sei dieser Ansicht, denn Abba Šaúl vertritt seine Ansicht nur hinsichtlich der Bildung, weil der Embryo von der Mitte aus sich entwickelt, hinsichtlich des Lebens aber stimmen alle überein, daß es hauptsächlich in der Nase sitze, wie es heißt:alles, was Lebensodem in seiner Nase trug &c.

18R. ELIE͑ZER B. JA͑QOB SAGT, VON DER STELLE, AN DER ER ERSCHLAGENER WORDEN IST, VON SEINEM HALSE. Was ist der Grund des R. Elie͑zer b. Ja͑qob? – Es heißt:dich zu legen auf den Hals erschlagener Frevler.

19SOBALD DIE ÄLTESTEN VON JERUŠALEM SICH VERABSCHIEDET HABEN UND FORTGEGANGEN SIND, HOLEN DIE ÄLTESTEN DER BETREFFENDEN STADT EIN RINDERKALB, DAS NOCH NICHT AM JOCHE GEZOGEN HAT, DAS ABER DURCH EIN GEBRECHEN NICHT UNTAUGLICH WIRD, UND BRINGEN ES IN EIN FELSIGES TAL HINAB. ‘FELSIG’, SINNGEMÄSS: HART; JEDOCH IST ES ZULÄSSIG, AUCH WENN ES NICHT FELSIG IST. DA BRICHT MAN IHM VON HINTEN DAS GENICK MIT EINEM HACKEMESSER. DIESE STELLE DARF NICHT MEHR BESÄT UND BEARBEITET WERDEN, WOHL ABER DARF MAN DA FLACHS HECHELN UND STEINE HAUEN.

20DIE ÄLTESTEN DIESER STADT WASCHEN DIE HÄNDE MIT WASSER AN DER STELLE, WO DAS GENICKBRECHEN DES KALBES ERFOLGT IST, UND SPRECHEN :Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen haben nichts gesehen. KÖNNTE ES UNS DENN IN DEN SINN KOMMEN, DASS DIE ÄLTESTEN DES GERICHTES BLUT VERGIESSEN!? VIELMEHR: NICHT IST ER AN UNS HERANGETRETEN UND HABEN WIR IHN OHNE NAHRUNG ABGEWIESEN, NICHT HABEN WIR IHN GESEHEN UND OHNE GELEIT GELASSEN.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.