Sota — Blatt 47b
1BIS ZU SEINENTAGEN WAR IN JERUŠALEM DER HAMMERIN TÄTIGKEIT, AUCH BRAUCHTE MAN IN SEINEN TAGEN NICHT WEGEN DES DEMAJZU FRAGEN.
2GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Woher, daß, wenn dem Kalbe das Genick gebrochen worden ist und darauf der Totschläger gefunden wird, dieses ihm keine Sühne schaffe? Es heißt :und dem Lande wird keine Sühne für das Blut, das darin vergossen worden ist, es sei denn durch das Blut dessen, der es vergossen hat.
3WENN EIN ZEUGE SAGT: ICH HABE DEN MÖRDER GESEHEN &C. Nur wenn ein anderer ihm widerspricht, wenn aber ein anderer ihm nicht widerspricht, so ist der einzelne Zeuge glaubhaft;
4woher dies? – Die Rabbanan lehrten:Und es nicht bekannt ist, wer ihn erschlagen hat; wenn es aber bekannt ist, wer ihn erschlagen hat, selbst einem am Ende der Welt, so erfolge das Genickbrechen nicht. R. A͑qiba sagte: Woher, daß, wenn das Synedrium gesehen hat, wie jemand einen Menschen erschlagen bat, ihn aber nicht kennt, das Genickbrechen nicht erfolge? Es heißt: und unsere Augen haben nicht gesehen, sie aber haben es ja gesehen. –
5Wieso kann, wenn du sagst, ein einzelner Zeuge sei glaubwürdig, der andere ihm widersprechen, U͑la sagte ja, daß überall, wo die Tora einem einzelnen Zeugen geglaubt hat, er als zwei gelte, und die Worte des einen sind ja zweien gegenüber ungültig!? – U͑la kann dir erwidern, man lese: so erfolgt das Genickbrechen nicht. Ebenso sagte auch R. Jiçḥaq man lese: so erfolgt das Genickbrechen nicht.
6R. Ḥija aber sagt, man lese: so erfolgt das Genickbrechen. – Nach R. Ḥija ist ja ein Einwand von der Lehre U͑las zu erheben!? – Das ist kein Einwand; das eine, wenn gleichzeitig, das andere, wenn hintereinander. –
7Wir haben gelernt: Wenn ein Zeuge sagt: ich habe den Totschläger gesehen, und zwei sagen: du hast ihn nicht gesehen, so erfolgt das Genickbrechen. Demnach erfolgt es nicht, wenn es einer und einer sind; dies ist eine Widerlegung der Lehre R. Ḥijas!? –
8Wie ist nach deiner Auffassung der Schlußsatz zu erklären: wenn zwei sagen: wir haben ihn gesehen, und einer sagt: ihr habt ihn nicht gesehen, so erfolgt das Genickbrechen nicht. Demnach erfolgt das Genickbrechen, wenn es einer und einer sind!?
9Vielmehr spricht unsere ganze Mišna von unzulässigenZeugen, und zwar nach der Lehre R. Neḥemjas, welcher sagt, daß überall, wo die Tora einem einzelnen Zeugen geglaubt hat, man sich nach der Mehrheit der Personen richte. Zwei Frauen gegenüber einem Manne haben dieselbe Bedeutung wie zwei Männer gegenüber einem Manne.
10Manche sagen: Wenn ein einzelner tauglicher Zeuge zuerst gekommen ist, so gelten auch hundert Frauen als einZeuge, hier aber wird von dem Falle gesprochen, wenn zuerst eine Frau gekommen ist. Die Lehre R. Nehemjas ist wie folgt zu erklären: R. Neḥemja sagte: Überall, wo die Tora einem einzelnen Zeugen geglaubt hat, richte man sich nach der Mehrheit der Personen. Zwei Frauen gegenüber einer Frau haben dieselbe Bedeutung wie zwei Männer gegenüber einem Manne; zwei Frauen aber gegenüber einem Manne gelten als Hälfte gegen Hälfte. –
11Wozu sind zwei Lehrenvon den unzulässigen Zeugen nötig!? – Man könnte glauben, nur erschwerend richte man sich nach der Mehrheit der Personen, nicht aber erleichternd, so lehrt er uns.
12ALS DIE MÖRDER SICH MEHRTEN &C. Die Rabbanan lehrten: Als die Mörder sich mehrten, wurde das Genickbrechen des Kalbes abgeschafft. Dies hat nur wegen eines Zweifels zu erfolgen, daher wurde, als die öffentlichen Mörder sich mehrten, das Genickbrechen des Kalbes abgeschafft.
13ALS DIE EHEBRECHER SICH MEHRTEN &C. Die Rabbanan lehrten :Und der Mann ist frei von Schuld; ist der Mann frei von Schuld, so prüft das Wasser seine Frau, ist der Mann nicht frei von Schuld, so prüft das Wasser seine Frau nicht. Ferner heißt es:ich ahnde es nicht mehr an eueren Töchtern, wenn sie huren &c. –
14Wozu ist das ‘femer’nötig? – Man könnte glauben, nur seineSchuld, nicht aber die seiner Söhne und seiner Töchter, so heißt es auch: ich ahnde es nicht mehr an eueren Töchtern, wenn sie huren, und nicht an eueren jungen Weibern, wenn sie ehebrechen.
15Man könnte ferner glauben, dies gelte nur von der Sünde mit einer verheirateten Frau, nicht aber mit einer Ledigen, so heißt es :da sie selbst mit den Huren abseits gehen und mit den Lustdirnen opfern &c. –
16Was heißt :und das unverständige Volk müht sich ab? R. Elea͑zar erwiderte: Der Prophet sprach zu Jisraél: wenn ihr auf euch selbst achtet, so prüft das Wasser eure Frauen, wenn aber nicht, so prüft das Wasser eure Frauen nicht.
17Seitdem die Genußsüchtigensich mehrten, beugte sich die Rechtssprechung, entarteten die Handlungen und an der Welt ist keine Befriedigung mehr. Seitdem das Ansehen der Person vor Gericht sich mehrte, hörte auf [das Verbot :]fürchte niemand, gilt nicht mehr: ihr sollt nicht erkennen. Man wirft das Joch des Himmels ab und nimmt das Joch der [Menschen aus] Fleisch und Blut auf sich.
18Seitdem die Flüsterer bei Gericht sich mehrten, wächst der Zorn gegen Jisraél und die Göttlichkeit ist gewichen, denn es heißt :in der Mitte der Richter wird er richten. Seitdem sich diejenigen mehrten, [von denen es heißt :]ihr Herz geht ihrem Gewinne nach, mehrten sich diejenigen, [von denen es heißt :]die das Böse gut und das Gute bös heißen. Seitdem sich diejenigen mehrten, [von denen es heißt:] die das Böse gut und das Gute bös heißen, mehrten sich Wehrufein der Welt.
19Seitdem die Speichelzieher sich mehrten, mehrten sich die Hochmütigen, verminderten sich die Schüler und die Tora sucht nach solchen, die sie studieren. Seitdem die Hochmütigen sich mehrten, begannen die Töchter Jisraéls sich mit diesen zu verheiraten, denn unser Zeitalter sieht nur auf das äußere. –
20Dem ist ja aber nicht so, der Meister sagte ja, wer hochmütig ist, werde nicht einmal von seinen eigenen Hausleuten gelitten, denn es heißt:ein prahlerischer Mann, er wohnt nicht, er wohnt nichteinmal in seiner eigenen Wohnung!? – Anfangs reißen sie sich um ihn, später aber wird er ihnen verächtlich.
21Seitdem sich diejenigen mehrten, die den Hausherren Warenaufbürden, mehrten sich Bestechung und Rechtsbeugung und das Gute hat aufgehört. Seitdem die Gefälligkeitsnehmer und Dankverpflichtetensich mehrten, mehrte sich: jeder tat, was recht war in seinen Augen. Die Niedrigen werden erhoben und die Hohen erniedrigt, und die Nationverkümmert fortgesetzt. Seitdem die Geizigen und Plünderer sich mehrten, mehrten sich die Hartherzigen und die ihre Hände beim Leihen verschließen. Sie übertreten das, was in der Tora geschrieben steht:hüte dich, daß &c.
22Seitdem sich diejenigen mehrten, [von denen es heißt :]die Hälse gestreckt und die Augen umherwerfend, mehrte sich [die Veranlassung zum] Fluchwasser, nur ist es abgeschafft worden. Seitdem sich diejenigen mehrten, die Geschenke nehmen, wurden die Tage vermindert und die Jahre gekürzt, denn es heißt:wer Geschenke haßt, wird leben. Seitdem die Hochmütigen sich mehrten, mehrte sich Streit in Jisraél. Seitdem die Schüler Šammajs und Hillels sich mehrten, die nicht genügend famuliert haben, mehrte sich Streit in Jisraél, und die Tora ist wie zwei Toroth geworden. Seitdem sich diejenigen mehrten, die von den Nichtjuden Almosen annehmen, kam Jisraél obenund jene unten, Jisraél vorwärts und jene zurück.
23MIT DEM TODE DES JOSE B. JOÉZER &C. Was heißt Trauben? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: Männer, in denen alles ist. JOḤANAN DER HOCHPRIESTER SCHAFFTE AB &C. Aus welchem Grunde? R. Jose b. R. Ḥanina erwiderte: Weil man ihn nicht nach Vorschrift entrichtete; die Tora sagt, daß man ihn an die Leviten entrichte,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.