Sota — Blatt 48b

1weitet die Hölle ihren Rachen undsperrt ihr Maul unermeßlich auf, daß hinabfährt ihre Pracht, ihr Reichtum, ihr Gebrause und was darin frohlockt.

2MIT DEM TODE DER ERSTEN PROPHETEN. Wer sind die ersten Propheten? R. Hona erwiderte: Das sind David, Šemuél und Šelomo. R. Naḥman sagte: Zur Zeit Davids ist es zuweilen gelungenund zuweilen nicht gelungen; Çadoq fragte, und es gelang ihm, Ebjathar fragte und es gelang ihm nicht, denn es heißt :und Ebjathar ginghinauf.

3Rabba b. Šemuél wandte ein: [Es heißt:]und er war beflissen, Gott zu suchen in den Tagen Zekharjas, der ihn in der Furcht Gottesunterwies; doch wohl durch die Urim und Tummim!? – Mein, durch die Propheten.

4Komm und höre: Mit der Zerstörung des ersten Tempels hörten die Freistädteauf, die Urim und Tummim verschwanden und die Davidische Dynastie erlosch!?

5Wenn jemand aber erwidert, [es heißt ja:]und der Vorsteher sprach zu ihnen, daß sie vom Hochheiligen nicht essen sollten, bis wieder ein Priester den Urim und Tummim vorstehen würde, so ist dies so zu verstehen, als wenn jemand zu seinem Nächsten sagt: bis die loten auferstanden sind und der Messias, der Sohn Davids, gekommen ist.

6Vielmehr, erklärte R. Naḥman b. Jiçḥaq, die [Bezeichnung] ‘erste Propheten’ schließt Ḥaggaj, Zekharja und Maleakhi aus, die die letzten waren. Die Rabbanan lehrten nämlich: Mit dem Tode von Ḥaggaj, Zekharja und Maleakhi wich die Prophetie von Jisraél, aber immerhin bedienten sie sich noch der Hallstimme.

7Einst waren sie im Söller des Hauses des Gorja in Jeriho versammelt, da ertönte über ihnen eine Hallstimme vom Himmel und sprach: Einer ist unter euch, der würdig ist, daß die Göttlichkeit auf ihm ruhe, nur ist sein Zeitalter dessen nicht würdig. Da richteten sie ihre Augen auf Hillel den Älteren. Als er starb, hielten sie über ihn folgende Trauerrede: O Frommer, o Sanftmütiger, Schüler des E͑zra!

8Abermals waren sie in einem Söller in Jabne versammelt, da ertönte über ihnen eine Hallstimme vom Himmel und sprach: Einer ist unter euch, der würdig ist, daß die Göttlichkeit auf ihm ruhe, nur ist sein Zeitalter dessen nicht würdig. Da richteten sie ihre Augen auf Šemuél den Kleinen. Als er starb, hielten sie über ihn folgende Trauerrede: O Frommer, o Sanftmütiger, Schüler des Hillel!

9Er sprachauch bei seinem Sterben: Šimo͑n und Jišma͑él werden dem Schwerte [verfallen], ihre Genossen der Hinrichtung und das übrige Volk der Plünderung, und viele Leiden werden über das Volk kommen. Auch über R. Jehuda b. Baba wollten sie sagen: o Frommer, o Sanftmütiger, nur war es eine Unglückszeit, denn man durfte über die von der Regierung Hingerichteten keine Trauerrede halten.

10MIT DER ZERSTÖRUNG DES [ZWEITEN] TEMPELS VERSCHWAND DER ŠAMIR &C. Die Rabbanan lehrten: Mit dem Šamir baute Selomo den Tempel, denn es heißt:und das Gebäude, als es erbaut wurde, aus ganzen Steinen aus dem Bruche; die Worte sind wörtlichzu verstehen – so R. Jehuda.

11R. Neḥemja sprach zu ihm: Ist dies denn möglich, es heißt ja: alles dieses aus kostbaren Steinen &c. mit dem Meißel gemeißelt!? Wenn es aber dennoch heißt :es wurde bei der Errichtung des Gebäudes nichts gehört,[so ist zu erklären, die Steine] wurden außerhalb hergerichtet und nach innen gebracht. Rabbi sagte: Die Worte R. Jehudas sind einleuchtend bei den Steinen für den Tempel, und die Worte R. Neḥemjas bei den Steinen für sein eigenes Haus. –

12Wofür wurde nach R. Neḥemja der Šamir verwendet? – Wie gelehrt wird: Auf diese Steine durfte man nicht mit Tinte schreiben, denn es heißt:Siegelgravierung, auch durfte man darauf nicht mit einem Stichel gravieren, denn es heißt:in ihrer Vollständigkeit.

13Vielmehr schrieb man auf diese zuerst mit Tinte und legte den Šamir hinauf, wodurch sie sich von selbst spalteten, wie eine Feige, die im Sommer platzt, ohne daß von ihr etwas fehlt, oder wie die Ebene in der Regenzeit sich spaltet, ohne daß etwas sich verliert.

14Die Rabbanan lehrten: Der Šamir ist ein gerstengroßes Wesen, das in den sechs Schöpfungstagen erschaffenwurde, und es gibt nichts Hartes, das vor ihm bestehen könnte. – Worin wird er verwahrt? – Man wickelt ihn in Charpie und legt ihn in eine mit Gerstenkleie gefüllte Bleidose.

15R. Ami sagte: Seit der Zerstörung des ersten Tempels verschwanden feine Seide und weißes Krystall. Ebenso wird gelehrt: Seit der Zerstörung des ersten Tempels verschwanden feine Seide, weißes Krystall und die eisernenKriegswagen. Manche sagen, auch der aus Šenir herrührende geronnene Wein, der einem Feigenkuchen glich.

16DER SÜSSE SEIM. Was ist süßer Seim? Rabh erklärte: Mehl, das auf dem Siebe schwimmtund einem aus Honig und Öl gekneteten Teige gleicht. Levi erklärte: Zwei an den Ofen geklebte Brote, die so anschwellen, daß sie einanderberühren. R. Jehošua͑ b. Levi erklärte: Das ist der Honig, der von den Bergen kommt. – Wo ist diesangedeutet? – Nach der Übersetzung des R. Šešeth: Wie die Bienen abspringen und in der Weltenhöhe herumschwirren und aus den Gebirgsgräsern Honig bringen.

17Dort haben wir gelernt: Alles, was durch den Strahl verbundenwird, ist rein, ausgenommen der Ziphim-Honig und Capahath. Was ist Ziphim? R. Joḥanan erwiderte: Ein Honig, an dem man Fälschungen begeht. Reš Laqiš erwiderte: Er wird so nach seiner Herkunft benannt, wie es heißt:Ziph, Ṭelem, und Bea͑loth.

18Desgleichen heißt es:als die Ziphim kamen und zu Šaúl sprachen: siehe, der David &c. Warum [hießen sie] Ziphim? R. Joḥanan erwiderte: Leute, die ihre Worte fälschten. R. Elea͑zar erwiderte: Sie werden so nach ihrer Herkunft benannt, wie es heißt: Ziph, Ṭelem und Bea͑loth.

19UND MÄNNER DES VERTRAUENS HABEN AUFGEHÖRT. R. Jiçḥaq sagte: Es sind die Männer, die auf den Heiligen, gepriesen sei er, [nicht] vertrauen. Es wird nämlich gelehrt: R. Elie͑zer der Große sagte: Wer Brot im Korbe hat und sagt: was werde ich morgen essen, gehört zu denen, die klein im Vertrauen sind.

20Das ist es, was R. Elea͑zar gesagt hat: Es heißt :wer raubt den Tag, die Kleinheit; was veranlaßte, daß die Tafel der Frommen in der zukünftigen Welt beraubt wird? Ihre Kleinheit, denn sie vertrauten nicht auf den Heiligen, gepriesen sei er. Raba erklärte: Das sind die Kleinender jisraélitischen Frevler,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.