Taanit — Blatt 11a
1Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen, wenn man sich auf einem Schiffe befindet; oder auch wenn man von Herberge zu Herberge reist.
2R. Papa aß [s]ein Brot von Parasange zu Parasange. Er ist also der Ansicht, wegen Leibschmerzen.
3R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wer in einem Hungerjahre [freiwillig] hungert, wird keines unnatürlichen Todes sterben, denn es heißt: bei Hungersnot erlöst er dich vom Tode; es sollte ja ‘von Hungersnot’ heißen!? Vielmehr meint er es wie folgt: als Belohnung dafür, daß er in Hungerjahren hungert, wird er vor einem unnatürlichen Tode verschont.
4Reš Laqiš sagte: Es ist verboten, in Hungerjahren den Beischlaf auszuüben, denn es heißt: Joseph wurden zwei Söhne geboren, bevor das Hungerjahr anbrach. Es wird gelehrt: Kinderlose dürfen in Hungerjahren den Beischlaf ausüben.
5Die Rabbanan lehrten: Wenn Jisraél sich in Schmerz befindet und einer sich absondert, so kommen die zwei den Menschen begleitenden Dienstengel, legen die Hände auf sein Haupt und sprechen: Möge dieser da, der sich von der Gemeinde abgesondert hat, den Trost der Gemeinde nicht sehen.
6Ein Anderes lehrt: Wenn die Gemeinde sich in Schmerz befindet, so darf man nicht sagen: Ich will nach Hause gehen, essen und trinken, und Friede über dich, meine Seele. Wer dies tut, über den spricht die Schrift: da gab es Lust und Freude, Rindertöten und schlachten, Fleischessen und Weintrink; Essen und Trinken, denn morgen sterben wir. Was aber folgt darauf : Und der Herr der Heerscharen hat sich in meinen Ohren vernehmen lassen: Wahrlich, diese Missetat soll euch nicht vergeben werden, bis ihr sterbet.
7Dies gilt jedoch nur von den Mittelmäßigen, von den Frevlern aber heißt es: kommt herbei, wir wollen Wein holen und laßt uns Rauschtrank zechen; und wie heute so auch der morgende Tag. Was aber folgt darauf: der Gerechte kommt um, ohne daß es jemand zu Herzen nähme.
8Vielmehr muß der Mensch sich am Schmerze der Gemeinde beteiligen, denn so finden wir es auch bei unserem Meister Moše, daß er sich am Schmerze der Gemeinde beteiligte. Es heißt nämlich: als jedoch die Arme Mošes ermüdeten, nahmen sie einen Stein und legten ihm den unter; da setzte er sich darauf; hatte denn Moše kein einziges Polster oder Kissen, um sich darauf zu setzen!? Vielmehr sagte Moše wie folgt: Jisraél befindet sich in der Not, auch ich will mit ihnen in der Not sein. Wer sich am Schmerze der Gemeinde beteiligt, dem ist es beschieden, den Trost der Gemeinde zu schauen.
9Vielleicht sagt jemand: wer kann gegen mich zeugen? Die Steine seines Hauses und die Balken seines Hauses zeugen gegen den Menschen, wie es heißt: denn der Stein wird aus der Wand herausschreien, und die Sparren aus dem Holzgerüste werden es zurufen. In der Schule R. Šilas sagten sie: Die zwei den Menschen begleitenden Dienstengel zeugen gegen ihn, wie es heißt: denn seine Engel entbietet er gegen dich.
10R. Ḥidqa sagte: Die Seele des Menschen zeugt gegen ihn, denn es heißt: wahre die Pforten deines Mundes vor der, die in deinem Busen liegt. Manche sagen: Die Glieder des Menschen zeugen gegen ihn, denn es heißt: ihr seid meine Zeugen, Spruch des Herrn.
11Ein Gott der Treue und ohne Unrecht. Ein Gott der Treue: wie die Frevler auch wegen des geringsten Vergehens in der zukünftigen Welt bestraft werden, ebenso werden die Frommen auch wegen des geringsten Vergehens auf dieser Welt bestraft.
12Und ohne Unrecht: wie man die Frommen auch wegen des geringsten Verdienstes in der zukünftigen Welt belohnt, ebenso belohnt man die Frevler auch wegen des geringsten Verdienstes auf dieser Welt.
13Gerecht und redlich ist er. Sie sagten: Beim Hinscheiden des Menschen ins Jenseits werden ihm all seine Taten aufgezählt, indem man zu ihm spricht: Dies und das hast du an jener Stelle und an jenem Tage getan. Er antwortet: Ja. Sodann heißt man ihn unterzeichnen, und er unterzeichnet, denn es heißt: durch die Hand eines jeden läßt er unterzeichnen. Und nicht nur dies, sondern er muß auch das Urteil anerkennen und sprechen: Ihr habt über mich ein richtiges Urteil gefällt. Damit in Erfüllung gehe was gesagt wurde: damit du Recht behaltest in deinem Spruche.
14Šemuél sagte: Wer im Fasten verweilt, heißt ein Sünder. Er ist also der Ansicht des Autors der folgenden Lehre. R. Elea͑zar ha Qappar Berabbi sagte: Es heißt: er schaffe ihm Sühne dafür, daß er sich an der Seele vergangen hat; an welcher Seele hat er sich denn vergangen? Weil er sich dem Weingenusse entzogen hat.
15Nun ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dieser, der sich nur die Entziehung des Weines auferlegt hat, Sünder heißt, um wieviel mehr derjenige, der sich die Entziehung jeglichen Genusses auf erlegt.
16R. Elea͑zar sagt, er heiße ein Heiliger, denn es heißt: er soll als Heiliger gelten, er lasse sein Haupthaar frei wachsen. [Nun ist ein Schluß vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern:] wenn dieser, der sich nur die Entziehung des einen Genusses auferlegt hat, Heiliger heißt, um wieviel mehr derjenige, der sich die Entziehung jeglichen Genusses auferlegt. –
17Und Šemuél, er wird ja Heiliger genannt!? – Dies gilt nur von seinem Haare. – Und R. Elea͑zar, er wird ja Sünder genannt!? – Dies, weil er sich an einer Leiche verunreinigt hat. –
18Kann R. Elea͑zar dies denn gesagt haben, er sagte ja, der Mensch betrachte sich stets so,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.