Taanit — Blatt 16a

1der von anderen beschämt wird.— Wo tat man sie hinauf? R. Jiçḥaq erwiderte: Auf die Stelle der Tephillin, denn es heißt: daß er den Trauernden Çijons zulege, ihnen Schmuck statt Asche zu verleihen.

2Weshalb geht man auf den Stadtplatz hinaus? R. Ḥija b.Abba erwiderte: Dies bedeutet: wir beteten im Verborgenen und sind nicht erhört worden, nun wollen wir uns öffentlich entwürdigen.

3Reš Laqiš erwiderte [Dies bedeutet:] wir sind nun [aus dem Bethause] verbannt, mag unsere Verbannung für uns eine Sühne sein. – Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen, wenn man aus einem Bethause nach einem anderen wandert. –

4Weshalb bringt man die Lade auf den Stadtplatz hinaus? R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Dies bedeutet: wir besaßen einen intimen Gegenstand, und er ist durch unsere Sünde entwürdigt worden. –

5Weshalb legt man Sackzeug an? R. Ḥija b.Abba erwiderte: Dies bedeutet: wir sind dem Vieh gleich. – Weshalb streut man Asche auf die Lade? R. Jehuda b. Pazi erwiderte: Dies bedeutet: mit ihm bin ich in der Not. Reš Laqiš erwiderte: in all ihren Bedrängnissen fühlte er sich bedrängt. R. Zera sagte: Als ich anfangs die Schüler Asche auf die Lade tun sah, erbebte ich am ganzen Körper. –

6Weshalb tut ein jeder Asche auf sein Haupt? – Hierüber streiten R. Levi b. Ḥama und R. Ḥanina; einer sagt, [dies bedeutete:] wir sind vor dir dem Staube gleich, und einer sagt, damit er uns der Asche Jiçḥaqs gedenke. – Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen bei gewöhnlichem Staube. –

7Weshalb geht man auf den Begräbnisplatz hinaus? – Hierüber streiten R. Levi b.Ḥama und R. Ḥanina; einer sagt, [dies bedeute:] wir sind vor dir den Toten gleich, und einer sagt, damit die Toten für uns Erbarmen bitten. – Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen bei einem nichtjüdischen Begräbnisplatze. –

8Weshalb heißt dieser Berg ‘Morija’? – Hierüber streiten R. Levi b. Ḥama und R. Ḥanina; einer erklärt, weil von diesem Belehrungfür Jisraél ausging, und einer erklärt, weil von diesem aus ein Schreckenfür die weltlichen Völker ausging.

9DER ÄLTESTE UNTER IHNEN TRÄGT EINDRINGLICHE WORTE VOR. Die Rabbanan lehrten: Ist ein Greis anwesend, so trägt dies der Greis vor, wenn aber nicht, so trägt dies ein Gelehrter vor; ist auch kein Gelehrter anwesend, so trägt dies ein Mann von Aussehen vor. – Ist denn unter Greis, von dem wir sprechen, ein ungelehrter zu verstehen!? Abajje erwiderte: Er meint es wie folgt: Ist ein gelehrter Greis anwesend, so trage er es vor, wenn aber nicht, so trage es ein Gelehrter vor; ist auch ein solcher nicht anwesend, so trage es ein Mann von Aussehen vor:

10Brüder, nicht Sack und Fasten machen es, sondern Buße und gute Werke; so heißt es auch nicht von den Einwohnern Ninives, Gott habe ihr Sackzeug und ihr Fasten gesehen, sondern: Gott sah ihre Handlungen, daß sie von ihrem schlechten Wandel zurückgekehrt waren.

11Mensch und Vieh sollen Säcke anlegen. – Was taten sie? – Sie trennten die Muttertiere und die Jungen von einander und sprachen; Herr der Welt, erbarmst du dich unserer nicht, so erbarmen wir uns nicht dieser!

12Und Gott mit aller Macht anrufen. – Was sagten sie? – Sie sprachen vor ihm: Herr der Welt, Gedemütigter und Ungedemütigter, Frommer und Frevler, wer ist vor wem zu verdrängen!?

13Und soll ein jeder von seinem schlimmen Wandel ablassen und von dem an ihren Händen klebenden Raube. – Was heißt: und von dem an ihren Händen klebenden Raube. Šemuél erklärte: Wenn jemand einen Balken geraubt und ihn zum Bau einer Burg verwendet hat, so mußte er die ganze Burg niederreißen und dem Eigentümer seinen Balken zurückgeben.

14R. Ada b. Ahaba sagte: Wenn einem eine Sünde anhaftet und er dies bekennt, ohne jedoch davon zu lassen, so ist es ebenso, als wenn jemand ein Kriechtier in der Hand hält und ein Reinigungsbad nimmt, dem das Untertauchen nichts nützt, auch wenn er in allen Wassern der Welt untertaucht. Wirft er es aus der Hand und taucht in vierzig Seá Wasser unter, so ist das Tauchbad sofort wirksam, wie es heißt:

15wer [die Sünde] bekennt und sie läßt, findet Erbarmen; ferner heißt es: wir wollen unser Herz mit den Händen zu Gott im Himmel erheben.

16STELLT MAN SICH ZUM BETEN HIN, SO LÄSST MAN EINEN GREIS &C. Die Rabbanan lehrten: Stellt man sich zum Beten hin, so läßt man nur einen Geübten vor die Lade treten, auch wenn ein Greis und ein Gelehrter anwesend sind. R. Jehuda sagt, der mit Anhang belastet ist und nichts besitzt, sich auf dem Felde abmüht und dessen Haus leer ist,

17von tadellosem Lebenswandel, demütig, beim Volke beliebt und anmutig ist, eine angenehme Stimme hat, im Lesen von Tora, Propheten und Hagiographen und im Studium von Midraš, Halakha und Agada bewandert und in allen Segenssprüchen kundig ist. Da richteten die Rabbanan ihre Augen auf R. Jiçḥaq b.Ami. –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.