Taanit — Blatt 28b

1Weshalb verdrängt das Loblied seinen [Beistand] und das Zusatzgebet nicht seinen?

2R. Aši erwiderte ihm: Wenn es den des folgenden [Gebetes] verdrängt, um wieviel mehr seinen!? Jener entgegnete: Ich meine es wie folgt: es sollte nur seinen verdrängen!?

3Dieser erwiderte: Tatsächlich ist R. Jose deiner Ansicht, denn es wird gelehrt: R. Jose sagte: Auch an einem Tage, an dem es ein Zusatzopfer gibt, fällt der Beistand nicht aus. Welcher Beistand: wenn der des Morgens, so sagt ja der erste Tanna dasselbe, wenn der des Zusatzgebetes, wie sollte er seinen nicht verdrängen,

4und wenn der des Vespergebetes, so wird er ja durch das Holzopfer verdrängt; doch wohl der des Schlußgebetes. Schließe hieraus, daß es seinen verdrängt, den folgenden aber nicht. Schließe hieraus. –

5Sollte er auch lehren, daß am ersten Nisan der Beistand ausfalle, weil an diesem das Loblied gelesen und das Zuatzopfer und das Holzopfer dargebracht wurden!? Raba erwiderte: Hieraus ist eben zu entnehmen, daß das Loblied am Neumonde kein Gebot der Tora ist.

6R. Joḥanan sagte nämlich im Namen des R. Šimo͑n b. Jehoçadaq: An achtzehn Tagen im Jahre liest der Einzelne das ganze Loblied, und zwar: an den acht Tagen des Hüttenfestes, an den acht Tagen des Ḥanukafestes, am ersten Tage des Pesaḥfestes und am ersten Tage des Wochenfestes; in der Diaspora sind es einundzwanzig Tage: an den neun Tagen des Hüttenfestes, an den acht Tagen des Ḥanukafestes, an den zwei ersten Tagen des Pesaḥfestes und an beiden Tagen des Wochenfestes.

7Einst kam Rabh nach Babylonien und sah, daß sie am Neumond das Loblied lasen, und er wollte sie unterbrechen. Als er sie aber überspringen sah, sagte er: Es scheint also, daß dies bei ihnen ein Brauch ihrer Vorfahren ist. Es wird gelehrt: Der Einzelne beginne nicht [zu lesen], hat er begonnen, so beende er es auch.

8FÜNF [UNGLÜCKLICHE] EREIGNISSE TRAFEN UNSERE VORFAHREN AM SIEBZEHNTEN TAMMUZ &C. Woher, daß an diesem die Gesetzestafeln zerbrochen wurden? – Es wird gelehrt: Am sechsten des Monats [Sivan] wurden Jisraél die zehn Gebote gegeben; R. Jose sagt, am siebenten desselben. Nach dem dies am sechsten erfolgte, wurden sie ihnen am sechsten gegeben und am siebenten stieg Moše hinauf,

9und nach dem dies am siebenten erfolgte, wurden sie ihnen am siebenten gegeben und an diesem stieg Moše auch hinauf, denn es heißt: am siebenten Tage rief er Moše; ferner heißt es: da begab sich Moše in die Wolke hinein und stieg auf den Berg. Hierauf blieb Moše vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berge. Vierundzwanzig des Sivan und sechzehn des Tammuz sind zusammen vierzig.

10Am siebzehnten Tammuz kam er herab und zerbrach die Gesetzestafeln, wie es heißt: als er nun in die Nähe des Lagers kam, und das Kalb sah &c. da warf er die Tafeln weg und zerschmetterte sie am Fuße des Berges.

11DAS BESTÄNDIGE OPFER EINGESTELLT. Dies ist eine Überlieferung.

12BRESCHE IN DIE STADT GELEGT. Geschah dies denn am siebzehnten, es heißt ja: im vierten Monate, am neunten des Monats, als die Hungersnot in der Stadt überhand genommen, und darauf heißt es: da wurde Bresche in die Stadt gelegt!?

13Raba erwiderte: Das ist kein Einwand; das eine gilt vom ersten Male und das andere gilt vom zweiten Male. Es wird nämlich gelehrt: Zum ersten Male wurde am neunten Tammuz Bresche in die Stadt gelegt, zum zweiten Male geschah es am siebzehnten desselben.

14DIE TORA DURCH POSTUMUS VERBRANNT. Dies ist eine Überlieferung.

15UND EIN GÖTZENBILD IN DEM TEMPEL AUFGESTELLT. Woher dies? – Es heißt: und von der Zeit, da das beständige Opfer aufgehoben werden wird, um dafür das verwüstende Scheusal zu setzen. –

16War es denn eines, es heißt ja: und auf dem Flügel werden die entsetzlichen Scheusale stehen!? Raba erwiderte: Es waren zwei, aber eines fiel auf das andere und brach ihm eine Hand ab. Man fand darauf folgende Inschrift:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.