Taanit — Blatt 29a
1Du wolltest den Tempel zerstören, aber deine Hand ist ihm übergeben worden.
2AM NEUNTEN AB WURDE ÜBER UNSERE VORFAHREN VERHÄNGT, NICHT IN DAS LAND EINZUZIEHEN. Woher dies? – Es heißt: am ersten Tage desselben Monats, im zweiten Jahre, wurde die Wohnung aufgerichtet. Hierzu sagte der Meister: Im ersten Jahre fertigte Moše die Wohnung und im zweiten Jahre stellte er sie auf und schickte die Kundschafter aus. Ferner heißt es: im zweiten Jahre, im zweiten Monate, am zwanzigsten des Monats, erhob sich die Wolke von der Wohnung des Gesetzes;
3ferner heißt es: da zogen sie vom Berge des Herrn drei Tagereisen weiter, und hierzu sagte R. Ḥama b. Ḥanina, [dies lehre,] daß sie sich an diesem Tage von Gott wandten. Ferner heißt es: das hergelaufene Gesindel aber, das sich unter ihnen befand, bekam Gelüste; da begannen auch die Kinder Jisraél wiederum zu jammern &c. Ferner heißt es: einen ganzen Monat lang &c. Dies war am zweiundzwanzigsten Sivan.
4Ferner heißt es: da wurde Mirjam sieben Tage abgesperrt. Dies war am neunundzwanzigsten Sivan. Darauf heißt es: entsende Männer,
5und es wird gelehrt, daß Moše die Kundschafter am neunundzwanzigsten Sivan sandte. Ferner heißt es: und nach Verlauf von vierzig Tagen, nachdem sie das Land ausgekundschaftet hatten, kehrten sie um. — Das sind ja vierzig Tage weniger einen!?
6Abajje erwiderte: Der Tammuz dieses Jahres war vollzählig, denn es heißt: er hat ein Festgegen mich ausgerufen, daß man meine Jünglinge zermalme.
7Ferner heißt es: da erhob die ganze Gemeinde ein lautes Geschrei und das Volk jammerte in jener Nacht, und Rabba sagte im Namen R. Joḥanans, jene Nacht war die des neunten Ab. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach dann zu ihnen: Ihr habt ohne Anlaß gejammert, ich aber werde ihn euch zum ewigen Jammer[tage] machen.
8DAS ERSTE MAL DER TEMPEL ZERSTÖRT. Denn es heißt: im fünften Monate aber, am siebenten des Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukhadneçars, des Königs von Babel, kam Nebuzar-Adan, der Oberste der Leibwächter, der Diener des Königs von Babel, nach Jerušalem und verbrannte den Tempel des Herrn &c. Ferner heißt es: im fünften Monate aber, am zehnten des Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukhadneçars, des Königs von Babel, kam Nebuzar-Adan, der Oberste der Leibwächter, der Diener des Königs von Babel, nach Jerušalem &c.
9Hierzu wird gelehrt: Es kann ja nicht am siebenten gewesen sein, da es ‘am zehnten’ heißt; es kann auch nicht am zehnten gewesen sein, da es ‘am siebenten’ heißt; wie ist dies [zu erklären]? Am siebenten drangen die Nichtjuden in den Tempel, (am siebenten und) am achten aßen sie da und richteten Verderben an,
10und am neunten gegen Abend setzten sie ihn in Brand. Er brannte den ganzen Tag, denn es heißt: wehe uns, schon neigt sich der Tag, lang strecken sich die abendlichen Schatten. Das ist es, was R. Joḥanan sagte: Wäre ich in jenem Zeitalter, würde ich [die Trauerfeier] auf den zehnten gesetzt haben, weil der Tempel größtenteils an diesem verbrannt wurde. – Und die Rabbanan!? – Bei einem Unglück ist der Beginn die Hauptsache.
11UND DAS ZWEITE MAL. Woher dies? – Es wird gelehrt: Man führt Gutes an einem guten Tage und Böses an einem bösen Tage herbei.
12Sie sagten, der Tag, an dem der Tempel das erste Mal zerstört wurde, war der neunte Ab, er war Ausgang eines Šabbaths und des Siebentjahres. Die Priesterwache Jehojarib hatte dann Dienst, und die Leviten standen auf der Estrade und sangen das Lied. – Welches Lied sangen sie? – Und er vergalt ihnen ihren Frevel und in ihrer Bosheit vertilgte er sie. Noch hatten sie [die Worte:] vertilgte er sie, der Herr unser Gott, nicht beendet, da kamen die Nichtjuden und eroberten ihn. Ebenso auch das zweite Mal.
13BITTHER EROBERT. Dies ist eine Überlieferung.
14UND DIE STADT GESCHLEIFT. Es wird gelehrt: Als Tyrannus Rufus den Tempel zerstörte, wurde R. Gamliél zur Hinrichtung verurteilt. Ein Hegemon kam ins Lehrhaus und rief: Der Nasenmann wird verlangt, der Nasenmann wird verlangt. Als R. Gamliél dies hörte, versteckte er sich vor ihnen.
15Hierauf ging jener heimlich zu ihm und sprach zu ihm: Bringst du mich in die zukünftige Welt, wenn ich dich rette? Dieser erwiderte: Jawohl. Jener sprach: Schwöre mir! Da schwor er es ihm. Hierauf stieg er auf den Söller, stürzte sich herab und starb. Es ist nämlich überliefert, daß, wenn sie eine Verurteilung beschließen und einer von ihnen stirbt, sie die Verurteilung aufheben. Alsdann ertönte eine Hallstimme und sprach: Dieser Hegemon ist der zukünftigen Welt teilhaftig.
16Die Rabbanan lehrten: Als der Tempel das erste Mal zerstört wurde, versammelten sich Scharen von priesterlichen Jünglingen und stiegen auf das Dach des Tempels mit dem Schlüssel desselben in der Hand und sprachen: Herr der Welt, da es uns nicht beschieden ist, treue Schatzmeister zu sein, so mögen die Schlüssel dir anvertraut werden! Hierauf warfen sie sie nach oben, und eine Art Handteller kam hervor und nahm sie auf. Sodann sprangen sie hinab und stürzten sich ins Feuer.
17Über sie klagt der Prophet Ješa͑jahu: Ausspruch über das Offenbarungstal. Was ist dir doch, daß du ganz auf die Dächer gestiegen bist, von Gebraus erfüllter, lärmender Ort, fröhliche Stadt? Deine Erschlagenen sind nicht mit dem Schwerte erschlagen, und nicht im Kampfe gefallen. Auch der Heilige, gepriesen sei er, gackert über sie gleich den Hühnern, wie es heißt: Mauern werden gestürzt und Geschrei hallte gegen die Berge.
18MIT DEM EINTRITT DES AB IST DIE FRÖHLICHKEIT EINZUSCHRÄNKEN &C. R. Jehuda, Sohn des R. Šemuél b.Šilath, sagte im Namen Rabhs: Wie man mit dem Eintritt des Ab die Fröhlichkeit einschränke, ebenso mehre man die Fröhlichkeit mit dem Eintritt des Adar.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.