Taanit — Blatt 9a

1du sollst verzehnten; verzehnte, damit du reich wirst.

2Einst traf R. Joḥanan ein Kind des Reš Laqiš und sprach zu ihm: Sage mir deinen Schriftvers. Dieses erwiderte: Du sollst verzehnten. Jener fragte: Was bedeutet dies? Dieses erwiderte: Verzehnte, damit du reich wirst. Jener fragte: Woher weißt du dies? Darauf erwiderte es: Geh und mache einen Versuch.

3Jener fragte: Darf man denn den Heiligen, gepriesen sei er, versuchen, es heißt ja: ihr sollt den Herrn nicht versuchen!? Darauf erwiderte dieses: Folgendes sagte R. Hosa͑ja: ausgenommen dies, denn es heißt: bringt den Zehnten ganz in das Schatzhaus, daß sich Zehrung in meinem Hause befinde, und versucht es einmal auf diese Weise mit mir, spricht der Herr der Heerscharen, ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels öffne und euch bis zum Übermaße mit Segen überschütte. –

4Was heißt: bis zum Übermaße? Rami b. Ḥama erwiderte im Namen Rabhs: Bis eure Lippen müdewerden, ‘genügt’ zu sagen. Alsdann sprach jener: Würde ich zu diesem Verse gelangt sein, so brauchte ich weder dich noch deinen Lehrer Hosa͑ja.

5Abermals traf R. Joḥanan das Kind des Reš Laqiš sitzen und folgenden Schriftvers vortragen: Des Menschen Narrheit zerstört seinen Weg, aber wider den Herrn tobt sein Herz.

6Da staunte R. Joḥanan, indem er sprach: Gibt es denn etwas, das in den [hagiographischen] Schriften geschrieben steht, und nicht in der Tora angedeutet ist!? Da erwiderte dieses: Ist dies etwa nicht angedeutet, es heißt ja: da entsank ihnen der Mut, und bebend sahen sie einander an und riefen: Was hat Gott uns da angetan!?

7Als hierauf R. Joḥanan seine Augen erhob und [das Kind bewundernd] ansah, kam seine Mutter heran und zog es fort, indem sie ihm zurief: Geh weg von ihm, damit er es mit dir nicht so mache, wie er es mit deinem Vater gemacht hat.

8R. Joḥanan sagte [ferner]: Regen [kommt auch] wegen eines Einzelnen, Lebensunterhalt nur wegen einer Gemeinschaft. Regen wegen eines Einzelnen, denn es heißt: der Herr wird seine reiche Schatzkammer, den Himmel, für dich öffnen, um deinem Lande Regen zu geben; Lebensunterhalt nur wegen einer Gemeinschaft, denn es heißt: ich will euch Brot fallen lassen.

9Man wandte ein: R. Jose b.Jehuda sagte: Drei gute Verwalter hatte Jisraél und zwar: Moše, Ahron und Mirjam, derentwegen ihnen drei wertvolle Gaben geschenkt wurden, und zwar: der Brunnen, die Wolkensäule und das Manna. Der Brunnen wegen des Verdienstes Mirjams, die Wolkensäule wegen des Verdienstes Ahrons, und das Manna wegen des Verdienstes Mošes. Als Mirjam starb, verschwand der Brunnen, denn es heißt: dort starb Mirjam, darauf folgt: und die Gemeinde hatte kein Wasser. Durch das Verdienst beider aber kam er wieder.

10Als Ahron starb, verschwanden die Wolken der Herrlichkeit, denn es heißt: und der Kenaa͑nite, der König von A͑rad vernahm. Er vernahm nämlich, daß Ahron gestorben sei und die Wolken der Herrlichkeit verschwunden seien; da glaubte er, es sei ihm nun die Freiheit gegeben, Jisraél zu bekriegen. Hierauf deutet der Schriftvers hin: und die ganze Gemeinde sah, daß Ahron verschieden war,

11worüber R. Abahu sagte, man lese nicht sah, sondern wurde gesehen. Dies nach Reš Laqiš, denn Reš Laqiš sagte, [das Wort] ’ki‘ habe vier Bedeutungen: wenn, vielleicht, sondern, denn.

12Durch das Verdienst Mošes aber kamen beide wieder. Als aber Moše starb, verschwanden sie alle. Es heißt nämlich: ich schaffte die drei Hirten in einem Monate weg; starben sie denn in einem Monate, Mirjam starb ja im Nisan, Ahron im Ab und Moše im Adar!? Vielmehr lehrt dies, daß die drei wertvollen Gaben, die ihnen ihretwegen geschenkt worden waren, in einem Monate verschwunden seien.

13Wir finden also, daß Lebensunterhalt wegen eines Einzelnen gewährt wurde!? – Anders war es bei Moše; da es für die Gemeinschaft erfolgte, glich er der Gemeinschaft.

14R. Hona b. Manoaḥ, R. Šemuél b. Idi und R. Ḥija aus Vastanja pflegten [die Vorträge des] Raba zu besuchen. Nachdem die Seele Rabas zur Ruhe eingekehrt war, besuchten sie [die Vorträge des] R. Papa. Einst trug er eine Lehre vor, die ihnen nicht einleuchtete, und sie winkten einander zu; da wurde er bestürzt.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.