Tamid — Blatt 32a
1Ist die Entfernung vom Himmel zur Erde größer oder vom Osten zum Westen? Sie erwiderten ihm: Vom Osten zum Westen. Dies ist zu beweisen: ist die Sonne im Osten, so kann jeder auf sie schauen, ist die Sonne im Westen, so kann jeder auf sie schauen, ist die Sonne im Zenith (des Himmels), so kann niemand auf sie schauen.
2Die Weisen aber sagen, beide [Entfernungen] gleichen einander, denn es heißt: wie hoch der Himmel über der Erde ist &c., wie fern der Osten vom Westen ist &c. und wenn eine von ihnen größer wäre, so sollte er von beiden die größere [Entfernung] genannt haben. – Weshalb kann demnach niemand auf die Sonne schauen, wenn sie im Zenith (des Himmels) ist? – Weil sie frei steht und nichts sie bedeckt.
3Er sprach zu ihnen: Ist der Himmel zuerst erschaffen worden oder die Erde? Sie’ erwiderten: Der Himmel ist zuerst erschaffen worden, denn es heißt: zu Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.
4Er sprach zu ihnen: Ist das Licht zuerst erschaffen worden oder die Finsternis? Sie erwiderten ihm: Dies ist nicht zu entscheiden. – Sollten sie ihm erwidert haben, die Finsternis sei zuerst erschaffen worden, denn es heißt: und die Erde war wüst und öde, und Finsternis, und nachher erst: und Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht!? –
5Sie dachten, er könnte dazu kommen, sie zu fragen, was oben und was unten, was vorher, und was nachher. –
6Demnach sollten sie ihm auch inbetreff des Himmels nicht geantwortet haben!? – Zuerst glaubten sie, es sei nur Zufall, daß er dies gefragt hatte, als sie aber sahen, daß er weiter solches fragte, überlegten sie, darauf nicht zu antworten, denn er könnte dazu kommen, sie zu fragen, was oben und was unten, was vorher und was nachher.
7Er sprach zu ihnen: Wer ist weise? Sie erwiderten ihm: Weise ist, wer die Folgen voraussieht. Er sprach zu ihnen: Wer ist ein Held? Sie erwiderten ihm: Ein Held ist, wer seinen Trieb bezwingt. Er sprach zu ihnen: Wer ist reich? Sie erwiderten ihm: Reich ist, wer seines Loses froh ist.
8Er sprach zu ihnen: Was tue der Mensch, daß er lebe? Sie erwiderten ihm: Er töte sich. – Was tue der Mensch, daß er sterbe? – Er genieße das Leben. Er sprach zu ihnen: Was tue der Mensch, um bei den Leuten beliebt zu sein? Sie erwiderten ihm: Er hasse Königschaft und Regieren. Da sprach er zu ihnen: Mein [Rat] ist besser als eurer: er liebe Königschaft und Regieren, erweise aber den Menschen Gutes.
9Er sprach zu ihnen: Ist es besser, auf dem Meere zu wohnen, oder ist es besser, auf dem Festlande zu wohnen? Sie erwiderten ihm: Es ist besser, auf dem Festlande zu wohnen, denn die Seefahrer finden alle erst dann Befriedigung, wenn sie das Festland betreten.
10Hierauf sprach er zu ihnen: Wer von euch ist der Weiseste? Sie erwiderten ihm: Wir sind alle gleich, denn alle Fragen, die du an uns gerichtet hast, haben wir alle zusammen beantwortet. Hierauf sprach er zu ihnen: Was soll das bedeuten, daß ihr euch gegen mich auflehnt? Sie erwiderten ihm: Der Satan siegt.
11Da sprach er zu ihnen: Ich kann euch durch königlichen Befehl töten. Sie erwiderten ihm: Die Gewalt ist in der Hand des Königs, aber dem Könige ziemt die Lüge nicht. Hierauf kleidete er sie in Purpurgewänder und legte ihnen goldene Halsketten um den Hals.
12Alsdann sprach er zu ihnen: Ich möchte nach (dem Staate) Afrika gehen. Sie erwiderten ihm: Du kannst nicht hinkommen, denn es ist durch finstere Berge abgeschnitten. Er entgegnete: Es geht nicht anders, als daß ich hingehe, und deshalb frage ich euch, was zu tun sei.
13Da sprachen sie zu ihm: Laß lybische Esel holen, die auch im Finstern gehen, und knäule Stricke; diese binde an dieser Seite fest, und halte sie während du den Weg gehst, bis du den Ort erreicht hast.
14Nachdem er also getan hatte und ausgezogen war, erreichte er eine Gegend, die nur von Weibern [bewohnt] war, und als er mit ihnen Krieg führen wollte, sprachen sie zu ihm: Tötest du uns, so wird man sagen, er habe nur Weiber getötet, und töten wir dich, so wird man sagen, du seiest ein König, den Weiber getötet haben. Hierauf sprach er zu ihnen: Holet mir Brot. Da brachten sie ihm goldene Brote auf einem goldenen Tische.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.