Temura — Blatt 15b

1wir haben ja gelernt: Desgleichen sagte R. Jose:Die angekommen waren aus der Gefangenschaft, die Söhne der Exulanten, brachten Brandopfer &c., Farren &c., neunundneunzig Widder, siebenundsiebzig Lämmer, zwölf Sündopferböcke, alles Brandopfer für den Herrn. –

2Wird denn ein Sündopfer als Brandopfer dargebracht!? Raba erwiderte: Wie Brandopfer; wie das Brandopfer nicht gegessen werden darf, ebenso Sündopfer, die nicht gegessen werden durften. R. Jose sagte nämlich: Sie brachten sie wegen Götzendienstes. Hierzu sagte R. Jehuda im Namen Šemuéls: Wegen des Götzendienstes, den sie in den Tagen Çidqijahus getrieben hatten.

3Erglaubte, wer der Ansicht ist, ein Gemeindesündopfer, dessen Eigentümer Sühne erlangt haben, sei verenden zu lassen, sei auch der Ansicht, ein Gemeindesündopfer, dessen Eigentümer gestorben sind, sei verenden zu lassen. Da waren ja die Eigentümergestorben, und es wurde dargebracht!?

4R. Papa erwiderte: Auch nach demjenigen, welcher sagt, ein Gemeindesündopfer, dessen Eigentümer Sühne erlangt haben, sei verenden zu lassen, ist ein Gemeindesündopfer, dessen Eigentümer gestorben sind, nicht verenden zu lassen, weil eine Gemeinde nicht stirbt. –

5Woher entnimmt dies R. Papa: wollte man sagen, weil es heißt:statt deiner Väter werden deine Söhnesein, so sollte dies auch von einem Privaten gelten!? –

6Vielmehr, dies, daß eine Gemeinde nicht stirbt, ist von den Ziegenböcken der Feste und der Neumonde zu entnehmen. Der Allbarmherzige sagt, daß man sie von der Hebe der Tempelkammerbringe; die Eigentümer dieses Geldes können ja gestorben sein? Vielmehr sagen wir, eine Gemeinde sterbe nicht.

7Wenn du aber willst, sage ich: als man diese Sündopfer darbrachte, brachte man sie für die Lebenden dar, denn es heißt:viele aber von den Priestern und den Leviten und den Stammeshäuptern, den Greisen, die das erste Haus gesehen hatten, da dieses Haus vor ihren Augen gegründet ward, weinten mit lauter Stimme, während viele mit Jauchzen &c. –

8Vielleicht waren diese in der Minderheit!? – Dies kannst du nicht sagen, denn es heißt:und das Volk erkannte nicht die Stimme des Weinens des Volkes, –

9Wieso brachten sie sie dar, eswar ja vorsätzlich erfolgt!? R. Joḥanan erwiderte: Es war nur eine Entscheidung pro präsenti.

10Dies ist auch einleuchtend, denn wenn du nicht so erklären wolltest, so können allerdings die Farren und die [zwölf] Böcke den zwölf Stämmen entsprochen haben, wem entsprechend aber waren die [zwölf] Lämmer!? Vielmehr war es nur eine Entscheidung pro präsenti.

11Dort haben wir gelernt: Mit dem Tode des Joseph b. Joe͑zer aus Çereda und des Joseph b. Joḥanan aus Jerušalem hörten die Trauben auf. Männer bei denen allesist.

12Hierzu sagte R. Jehuda im Namen Šemuéls: Alle Trauben, die in Jisraél seit den Tagen Mošes bis zum Tode des Joseph b. Joe͑zer auftraten, studierten die Tora wie unser Meister Moše; von da ab studierten sie die Tora nicht mehr wie unser Meister Moše. –

13R. Jehuda sagte ja aber im Namen Šemuéls, in den Trauertagen über Moše seien dreitausend Halakhoth vergessen worden!? – Die vergessen wurden, gerieten in Vergessenheit, die aber studiert wurden, studierten sie wie unser Meister Moše. –

14Es wird ja aber gelehrt, daß sie, seitdem Moše gestorben ist, wenn mehrfür unrein waren, als unrein, und wenn mehr für rein waren, als rein entschieden!? –

15Das Auffassungsvermögen war gemindert worden, studiert aber haben sie wie unser Meister Moše.

16In einer Barajtha wurde gelehrt: An allen Trauben, die seit den Tagen Mošes bis zum Tode des Joseph b. Joe͑zer aus Çereda in Jisraél auftraten, war keinerlei Makel, von da ab war an ihnen etwas Makel. –

17Es wird ja aber gelehrt: Einst war ein Frommer, der an Herzschmerzen litt, und als man die Ärzte befragte, sagten sie, es gebe für ihn kein anderes Mittel, als daß er jeden Morgen warme Milch sauge. Da holte man ihm eine Ziege, die man ihm an den Fuß seines Bettes band, und er sog Milch von dieser.

18Als eines Morgens seine Kollegen ihn besuchen kamen und die Ziege sahen, sprachen sie: Ein bewaffneter Räuberist in diesem Hause, und wir kommen ihn besuchen! Hierauf ließen sie sich nieder und stellten eine Untersuchungan, und sie fanden an ihm nur die eine Sünde inbetreff dieser Ziege.

19Auch er selber sprach bei seinem Hinscheiden: Ich weiß, daß an mir keine andere Sünde haftet, als die Sünde inbetreff dieser Ziege, indem ich die Worte meiner Kollegen übertreten habe. Die Weisen sagten nämlich, man dürfe im Jisraéllande kein Kleinvieh halten.

20Es ist uns überliefert, daß überall, wo es ‘einst war ein Frommer’ heißt, es entweder R. Jehuda b. Baba oder R. Jehuda b. Ilea͑j ist, und diese Gelehrten waren ja viele Generationen nach Joseph b. Joe͑zer aus Çereda!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.