Außer deiner Schwelle hab' ich

1Außer deiner Schwelle hab' ich
Keinen Zufluchtsort,
Außer deiner Türe leg' ich
Nirgends hin mein Haupt.

2Wenn der Feind den Säbel ziehet,
Werf ich weg den Schild,
Keinen andern Säbel kenn' ich
Als das Wehgeschrei.

3Warum soll ich von der Schenke
Wenden mein Gesicht?
Auf der ganzen Erde gibt es
Keinen bessern Weg.

4Wirft in meinen Lebensspeicher
Einen Brand das Los,
Sage zu der Flamme, brenne,
Ich verliere nichts.

5Ich bin ein getreuer Sklave
Des Narzissenaugs,
Das im Rausch des Übermutes
Keinen angeschaut.

6Überall seh' ich die Straße
Von Gefahr umstrick't,
Außer deinen Locken weiß ich
Keinen Zufluchtsort.

7Herr der Schönheit! reite langsam
Mit gehalt'nem Zaum',
Denn es ist am Wege keiner,
Der nicht Klagen hat.

8Tue keinem was zu Leide,
Tu' sonst, was du willst,
Außer dieser gibt es keine
Sünde im Gesetz.

9Unrecht liegt mit offnen Flügeln
Auf der ganzen Stadt,
Wo ist dann des Wuchses Bogen
Wo der Pfeil des Augs?

10Gib den Herzensschatz Hafisens
Nicht dem Haar und Mal;
Denn nicht alle Schwarze wissen
Sorglich umzugehen.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.