Lang' ist's, daß der Sehnsucht Flamme

1Lang' ist's, daß der Sehnsucht Flamme
Tief in meinem Innern ist,
Daß vom brennenden Verlangen
Brust und Herz zerstöret ist.

2Lebenswasser ist ein Ausfluß
Von dem Zuckermund des Freundes,
Während daß die Sonn' ein Abglanz
Seines Mondgesichtes ist.

3Und von meinem Geiste blies ich
Adam einen Odem ein;
Dieser Vers erklärt mir, wie
Ich und er nur eines ist.

4Die Geheimnisse der Liebe
Siehet nicht ein jeder ein,
Wisset, daß zu solchen meine
Seele eingeweihet ist.

5Du erklärest uns den Glauben,
Prediger, schweig' einmal still,
Weil des Freundes Wort in beiden
Welten unser Glaube ist.

6Weißt du wohl, warum der Apfel
Meines Auges blutig ist?
Weil die Liebe seiner Wangen
In dem blut'gen Herzen ist.

7Bis am Tage des Gerichtes
Danke du Hafts dafür,
Daß vom Anfang her dein Abgott
Dir zum Freund gegeben ist.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.