Der Mond der Schönheit borgt sein Licht

1Der Mond der Schönheit borgt sein Licht
Von deiner Wangen Strahlen,
Der Glanz der Anmut strahlet aus
Von deines Kinnes Grübchen.

2Kann mein versammeltes Gemüt
Mit deines Haares Locken,
Die ganz zerstreuet sind, o Gott!
Sich je zusammen finden.

3Des Sinnes dich zu schauen, kam
Mein Geist auf meine Lippen,
Soll er entfliehn? Soll er zurück?
Was ist dein Herrscherwille?

4Gehst du vorbei, heb' auf den Saum
Vom Blute und vom Staube,
Denn viele deiner Opfer sind
Auf diesem Weg gefallen.

5Verwaiset ist mein Herz, o gebt
Hievon den Freunden Kunde!
O Freunde! meine Seele ist
Mit Euern Seelen eines.

6Was nützet die Enthaltsamkeit
Dem, der dein Auge sah?
Viel besser ists, die Nüchternheit
Dem Trunknen nicht verkaufen.

7Mein träges Glück, das lange schlief,
Ist endlich aufgewachet,
Der Schimmer deines Angesichts
Hat ihm ins Aug' geblitzet.

8Der Ostwind bring' mir einen Strauß
Vom Rosenbusch der Wangen,
Vielleicht wird mir dann sein Geruch
Vom Staube deines Gartens.

9Ihr sollet leben, Euer Wunsch
Werd' stets erfüllt ihr Schenken!
Wiewohl mein Glas zu Eurer Zeit
Nicht einmal voll geworden.

10Horcht auf! es betet nun Hafis.
Sagt Amen, denn er betet.
Herr! gib uns unser täglich Brot
Vom Zucker ihrer Lippen.

11O Morgenwind zieh hin nach Jesd
Sag denen, die dort wohnen,
Der Kopf des, der nicht dankbar ist,
Sei Eurer Ballen Schlägel.

12Zwar bin ich weit von Euch entfernt,
Doch ist mein Geist nicht ferne,
Ich bin der Diener Eures Schahs
Und Euer Loberedner.

13Ich habe Mut, ich fleh bei Gott!
O höchster Schah der Schahe!
Ich küß die Erde deines Zelts
Wie das Gewölb des Himmels.

14Schenk! erleucht' mit dem Licht des Weins den Becher,
Sänger singe; nun geht's nach unsern Wünschen.

15Ich erblick im Pokal der Wangen Abglanz.
Wiss es, der du nichts weißt vom Glück des Trinkens.

16Rausch und Trunkenheit ziemt dem Aug des Freundes;
Deshalb raubt mir der Rausch so Zaum als Zügel.

17Dieser Schmächtigen Reiz gefallt solang nur,
Bis sich meine Zypress' mit Schwanken nahet.

18Wessen Zunge die Lieb' beseelet, stirbt nicht.
Ewig bleibet mein Ruhm im Weltenbuche.

19Ich befürchte, daß nicht am Jüngsten Tage
Priesterbrot und der Wein von gleichem Wert sei.

20Ostwind, gehst du vorbei beim Rosenhaine,
Gib doch Kunde von mir dem treuen Freunde.

21Du ätherische Flut, und du o Mondschiff,
Ihr verschwindet zugleich in seiner Großmut.

22O mein Auge verstreu' das Korn der Tränen,
Daß sich fange im Netz der Wollust Vogel.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.