Meiner Hand ist das Herz
1Meiner Hand ist das Herz
Entflohen ihr Herzenbesitzer!
Wehe! bei Gott! Weh mir!
Denn das Geheimnis ist weg!
2Gestern tönte so schön
Von Wein und Rosen Aodi,
Bringet den Morgenwein,
O ihr Betrunkenen her!
3Schau in das Glas! es ist
Der Spiegel des griechischen Königs,
Alle Pläne Daros wirst
Du erspähen darin.
4Gnädiger Herr! aus schuldigem Dank
Für blühenden Wohlstand
Fraget doch eines Tags,
Wie es Derwischen ergeht.
5Ruhe hienieden und dort
Verbürgen diese zwei Worte:
Liebreich begegne dem Freund,
Feinden begegne mit Gunst.
6Mir ward Eintritt ins Land
Des guten Namens versaget.
Tadler, gefallt es dir nicht,
Änd're das ewige Los.
7Dieser bittere Saft, dem Weisen
Die Mutter der Laster
Schmeckt viel lieblicher mir
Als ein jungfräulicher Kuß:
8In unfreundlicher Zeit genieß,
Und freu dich des Rausches!
Dieser Alchimiker macht Bettler
Wie Karun beglückt.
9Sträube dich nicht, sonst wirst du
Wie Kerzen in Gluten verflammen,
In der Geliebten Hand
Werden die Steine zu Wachs.
10Persische Schönen verleihn
Mit ihren Worten das Leben,
Greisen und Frömmlingen gib
Schenke die Kunde davon!
11Ach nicht mit Willen besudelt
Hafis die Kleider mit Weinfleck.
Frommer Lehrer verzeih!
O du verzeihest es ihm.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.