Reich mir, o Schenke, das Glas

1Reich mir, o Schenke, das Glas,
Bringe den Gästen es zu,
Leicht' ist die Lieb' im Anfang,
Es folgen aber Schwierigkeiten.

2Wegen des Moschusgeruchs,
Welchen der Ostwind geraubt
Deinen gekrau'sten Locken,
Wie vieles Blut entfloß dem Herzen!

3Folge dem Worte des Wirts,
Färbe den Teppich mit Wein.
Reisende sind der Wege,
Sie sind des Laufs der Posten kundig.

4Kann ich genießen der Lust
In des Geliebten Gezelt,
Wenn mich zum Aufbruch immer
Der Karawane Glocke rufet!

5Finstere Schatten der Nacht!
Wogen und Wirbelgefahr,
Können Euch wohl begreifen,
Die leicht geschürzt am Ufer wohnen?

6Durch die befriedigte Lust
Ward ich zum Märchen der Stadt,
Kann ein Geheimnis bleiben
Der Stoff der allgemeinen Sage?

7Wünschest du Ruhe Hafis,
Folge dem köstlichen Rat:
Willst du das Liebchen finden,
Verlaß die Welt und laß sie gehen.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.