Des Herzens Blut von meinem Auge

1Des Herzens Blut von meinem Auge
Auf das Gesicht heruntergeht,
Was soll ich sagen, was vom Auge
Auf das Gesicht heruntergeht.

2Ich habe tief in meinem Busen
Die Sehnsucht und Begier versteckt,
Und diese Sehnsucht ists, durch welche
Mein Herz einst in die Lüfte geht.

3Ich habe in den Staub des Weges
Des Freundes mein Gesicht gelegt,
Wohl billig ist, daß beim Gesichte
Er als bekannt vorübergeht.

4Der Augen Wasser ist ein Gießbach,
Durch dessen Kraft ein jedes Herz,
Und wär' es von dem härt'sten Steine,
Von selbst aus seinem Platze geht.

5Mit meines Auges Tränenstrom
Hab' ich zu zanken Tag und Nacht,
Ich frag' ihn aus, warum er immer
Nach des Geliebten Wohnung geht.

6Sobald mein liebgewohnter Vollmond
Daher in seinem Kleide geht.

7Es geht Hafis mit reinem Herzen
Und fröhlich zu der Schenke hin,
Wie reinen Sinns ein frommer Mann
In seine Zelle geht.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.