Du fassest, Freundin, nicht das Wort

1Du fassest, Freundin, nicht das Wort,
Hier liegt der Fehler.
Hörst du's von einem Mann von Herz,
Sag' nicht dies ist ein Fehler.

2Es biegt mein Kopf sich diesem nicht,
Nicht and'rem Leben,
Gesegnet sei der Herr für Zwist,
Der mir im Kopfe lieget.

3Ich weiß nicht wer das kranke Herz
Wohl mag bewohnen,
Still bin ich doch, darinnen ist,
Beständig Zank und Lärmen.

4Dem Schleier ist mein Herz entflohn,
Wo bist du, Sänger?
O sing', es bringt noch dieser Ton,
Vielleicht mein Herz zurechte.

5Von jeher hatt' ich nichts zu tun,
Mit Weltgeschäften,
Dein Angesicht hat mir die Welt,
Geschmückt für meine Augen.

6Wie oft hab' ich ob deinem Bild,
Kein Aug' geschlossen,
Durch hundert Nächte trink ich Wein,
Wo aber ist die Schenke?

7Es ist die Zelle zwar befleckt,
Vom Blut des Herzens,
Wenn du mit Wein sie waschen willst,
Hast du das Recht in Händen.

8Es brennt in meinem Herzen Glut,
Die nie verlöschet,
Deswegen werd' ich hochgeschätzt,
Im Kloster unsers Wirtes.

9Wie trillerte uns gestern wohl,
In Schlaf der Sänger?
Daß mir der Lebenshauch entfloh,
Daß heut das Hirn noch voll ist.

10Man gab dem Herzen gestern Ruf,
Von deiner Liebe,
Aus Sehnsucht ist deshalb die Brust
Gefüllt mit Sang und Klange.

11Seitdem, als zu Hafisen kam
Der Ton des Liebchens,
Ward aus Begier des Herzens Berg,
Erfüllt vom Widerhalle.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.