Ein Morgen war, wo mir ein Glas
1Ein Morgen war, wo mir ein Glas
Von Wein ist zugefallen.
Wo von dem Mund des Schenken Wein
Mir auf den Gaum gefallen.
2Der Jugend-Zeiten wollte ich
Zurücke wieder führen,
Ach leider! daß schon lange her
Die Scheidung vorgefallen.
3In eine Ecke träumt' ich mich,
Von seinem trunk'nen Auge,
Ach leider! daß mir die Geduld
Ob seinen Brau'n entfallen!
4Verkündigt Freudenkunde nun,
Weil in dem Morgenschlafe
Noch gestern in mein Kämmerlein
Ein Sonnenstrahl gefallen.
5Wohin ich immer ging und kam,
Erfuhr ich, daß die Heilung
Von seiner Blicke süßem Spiel
Sehr weit entfernt gefallen.
6O Schenke gib den Becher her,
Denn wer auf diesem Pfade
Nicht wie Verliebte gehet, ist
In Heuchelei verfallen.
7Vernehmet, daß Hafisens Geist,
Als er dies Lied geschrieben,
Gleich einem Vogel in das Netz
Von der Begier gefallen.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.