Es ist die Zeit des Festes, der Rosen

1Es ist die Zeit des Festes, der Rosen,
O Schenke bring' Wein!
Wer setzte je zur Zeit der Rosen
Ein leeres Glas hinweg?

2Durch die Enthaltsamkeit, durch's Fasten
Verengte sich mein Herz,
O Schenke, gib voll Wein den Becher,
Es tut sich wieder auf.

3Den Frommen, welcher den Verliebten
Noch gestern Lehren gab,
Erblickte ich von aller Sitte
Entblößet und berauscht.

4Benütz' in diesen Rosentagen
Froh die Gelegenheit,
Und bei den Schenken suche Wonne,
Bist anders du verliebt.

5Die Rosen sind vorbeigegangen,
Was sitzt ihr träge da?
So ohne Lautenspiel und Leier,
So ohne Freund und Glas!

6Weißt du, was bei dem Morgentrunke
So schön und lieblich scheint?
Der Widerschein der Schenkenwangen,
Der in den Becher fällt.

7Die Sänger stimmen wohl die Saiten,
Wenn in des Prinzen Kreis
Er von Hafisens Hochgesängen
Etwas zu spielen denkt.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.