Fordre ja nicht von mir Trunknem

1Fordre ja nicht von mir Trunknem
Pflichterfüllung, gute Werke,

2Denn am Tage der Bestimmung
Ward zum Becher ich bestimmet.

3Seit ich an dem Quell der Liebe
Mich nach Brauch gewaschen habe,
Hab' ich ja mit einem Worte
Allem übrigen entsaget.

4Gib mir Wein, daß vom Geheimnis
Meines Loses ich dir sage,
Welches Angesicht ich liebe,
Welcher Duft mich trunken machte.

5Berge trugen diese Lasten
Nicht so sicher wie die Ameis.
Trinker, du verzweifle niemals
An der Pforte der Erbarmung.

6Außer dem Narzissenauge
(Gott bewahr's vor bösen Augen)
Hat im blauen Himmelskreise
Alles seine Ruh verloren.

7Willig werde meine Seele
Deinem Munde hingeopfert,
In der Garten schöner Ansicht
Blühet keine schönre Knospe.

8Deine Liebe hat Hafisen
Salomonen gleich gemacht,
Denn es bleibt ihm vom Genüsse
Nichts als Wind in leeren Händen.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.