Gestern sah ich, daß Engeln
1Gestern sah ich, daß Engeln
In der Schenke saßen,
Adamslehmen zerrührten,
Und in Becher gossen.
2Die Besitzer der höchsten
Reinigkeit und Herrschaft
Haben mit mir Betrunknen,
Becher angestoßen.
3Nicht zu tragen vermochten
Himmeln Last der Liebe,
Deshalb wurde dies Los mir
Närrischen gegeben.
4Gott sei Dank, daß nun Friede
Zwischen mir und ihr ist!
Tanzend haben Huris
Wein des Dankes getrunken.
5Soll ich mich nicht verirren,
Hundert tausendmale!
Durch ein einziges Körnlein
Ward einst Adam irre.
6Du verzeihe dem Streite,
Zwei und siebzig Sekten,
Weil sie Wahrheit nicht kannten,
Fielen in den Irrtum.
7Was von Kerzen uns lachet,
Ist nicht wahres Feuer,
Wahres Feuer ist jenes,
Das verzehrt die Mücke.
8Liebe machet die Herzen
Winkelsitzern blutig,
Wie das Mal, das die Wangen
Der Geliebten zieret.
9Keiner hat noch Gedanken
Wie Hafis entschleiert,
Seit die Locken der Wortbraut
Sind gekräuselt worden.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.