Kann ein trübes Gemüt sich
1Kann ein trübes Gemüt sich
Freun an fröhlichen Liedern,
Laßt uns sagen ein Wort,
Sei es nun, was es auch sei.
2Fänd' ich nur einen Ring,
Verfertigt aus deinen Rubinen,
Wäre mir hundertmal
Untertan Salomons Reich.
3Du betrübe dich nicht, mein Herz,
Wenn die Neider dein spotten,
Denn es liegt vielleicht
Manches des Guten darin.
4Wer den Sinn nicht versteht
Von meinem beseelenden Pinsel,
Macht kein gutes Gemäld',
War' er ein Maler aus Sin.
5Herzensblut und Wein,
Ein jedes ward einem gegeben,
Solchergestalt wird im Kreis
Unseres Schicksals geteilt.
6Sehr ist verschieden
Das Los des Rosenwassers der Rose,
Jenes sitzet zu Markt,
Diese im Winkel versteckt.
7Ha! es wird nicht geschehn,
Daß Hafis vom Rausch sich ernüchtre,
Denn von ewig her ward dieser
Zum Los ihm bestimmt.
8Das Glück gibt mir vom Wind
Des Freund's das Zeichen nicht,
Das Schicksal spendet mir
Des Haar's Geheimnis nicht.
9Ich bin aus Sehnsucht tot,
Zum Schleier führt kein Weg,
Und führt ein Weg, so gibt
Man mir das Zeichen nicht.
10Ich gab für einen Kuß
Des Munds die Seele hin,
Die Seele nimmt er nicht,
Den Kuß, den gibt er nicht.
11Der Wind durchwühlt sein Haar,
O niederträcht'ges Los!
Es gibt mir nicht die Kraft,
Dem Winde gleich zu weh'n.
12Wie sehr ich auch den Rand
In Zirkelform umgeh',
So gibt mir doch das Los
Den Punkt zum Durchgang nicht.
13Der Dank wird endlich doch
Geerntet durch Geduld,
Die Zeit, die not ist, nicht.
14Ich sprach: ich geh' in's Bett,
Den Freund im Schlaf zu seh'n,
Allein Hafisens Ach!
Und Weh! gibt Ruhe nicht.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.