Wieder hat mich der Wein
1Wieder hat mich der Wein
Des Gebrauchs der Sinne beraubet,
Anfangs tat er mir schön,
Später berauscht' er mich dann.
2Tausendmal sei es gedankt
Dem edeln rötlichen Weine,
Daß ich durch ihn das Gelb'
Meines Gesichtes verlor,
3Gerne liebkos't ich die Hand,
Die zuerst die Trauben gepflückt hat,
Glücklich wandle der Fuß,
Welcher die Trauben zertrat.
4Eingeprägt ist der Stirne das Los
Von den Händen des Schicksals,
Was das Schicksal schrieb,
Scheret kein Messer hinweg.
5Prahle mit Philosophie nicht viel!
In der Stunde des Todes
Steht verwirrt und bestürzt
Selbst Aristoteles da.
6Du betrage dich so
In deinem Leben auf Erden,
Daß man bei'm Tode nicht sag':
Ewig hin ist er nun tot.
7Von dem Glase voll Weins
Wird jeder berauscht mit der Einheit,
Der den lauteren Wein
Immerfort trinkt wie Hafis.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.