Ich sprach: Ich leide deinethalb
1Ich sprach: Ich leide deinethalb,
Sie sprach: Dies soll zu Ende kommen,
Ich sprach: O werde du mein Mond!
Sie sprach: Vielleicht mag es so kommen.
2Ich sprach: Von Liebenden sollst du
Der wahren Treue Pflichten lernen;
Sie sprach: Von Mondgesichtern wird
Hierin nicht viel zum Vorschein kommen.
3Ich sprach: Ich sperre deinem Bild
Den Weg zum Herzen vor dem Aug';
Sie sprach: Mein Bild ist ränkevoll,
Es wird auf andern Wegen kommen.
4Ich sprach: Der Duft der Locken hat
Mich in der Welt ganz irr geführet;
Sie sprach: Ei wär' es dir bekannt,
Er wird als Führer zu dir kommen.
5Ich sprach: Ich fiel vom Mörderstreich
Der Lust nach deines Monds Rubinen;
Sie sprach: Du leiste treuen Dienst,
Dann wird dafür die Nahrung kommen.
6Ich sprach: Wann wird dein böses Herz
Sich endlich zu den Freunden neigen?
Sie sprach: Du rede nicht hievon,
Eh' daß des Friedens Zeit gekommen.
7Ich sprach: Hast du geseh'n, wie schnell
Die Zeit der Wonne ist vergangen?
Sie sprach: O schweige still, Hafis,
Auch dieses wird noch anders kommen.
8Wer von Ewigkeit her die Huld
Des Glückes verdient hat,
Wird in Ewigkeit hin trinken
Den Becher nach Wunsch.
9Als ich den Wein begehrte,
Da überfiel mich die Reue,
Nach gekosteter Frucht, sagte ich,
Werd' ich's bereu'n.
10Nun gesetzt, ich nähm' auf die Schultern
Den Teppich wie Lilien
Wäre mein Ordenskleid
Doch rosengefärbet vom Wein,
11Ohne das Licht des Weins
Vermag ich nicht einsam zu sitzen,
Des Vernünftigen Zell' ist
Ja beständig erhellt.
12Jetzt im Frühling, im freundlichen Kreis,
Bei trauten Gesprächen
Nicht zu nehmen das Glas
Von dem Geliebten ist dumpf.
13Fröhlichen Muts! wenn auch
Das Glas nicht mit Steinen besetzt ist,
Wackeren Trinkern gilt
Nektar der Reb' als Rubin.
14Siehst du gute Männer mein Herz,
So fliehe die Bösen,
Böser erlernter Brauch
Ist von der Torheit ein Mal.
15Scheinet mein Tun gleich ohne
Besinnung, so ist es doch ernsthaft,
Denn das Betteln gilt hier
Mir für die Würde des Schahs.
16Sehet, Hafis trinkt Wein
Im Verborgenen, so sagte ein Frommer;
Frommer! was heimlich geschieht,
Ist noch nicht Sünde deshalb.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.