Ich weiß, daß niemand meinem Freund
1Ich weiß, daß niemand meinem Freund
An Treu und Anmut gleichkommt,
Und daß hierin der Widerspruch
Am wenigstens dir zukommt.
2Ich schwör' es bei dem alten Bund,
Daß keiner der Vertrauten,
Dem Freund an wahrer Dankbarkeit
Und an Geradheit gleichkommt.
3Wiewohl sich mit Liebkosungen
Die Liebeshändler brüsten,
So weiß ich doch, daß meinem Freund
An Anmut keiner gleichkommt.
4Viel tausend Münzen bringet man
Zu Markt, sie zu verkaufen,
Wiewohl nicht eine an Gehalt
Dem Kern des Freundes gleichkommt.
5Mein Herz, betrüb' dich nicht zu sehr,
Ob bittern Spott der Neider,
Weil meinem hoffenden Gemüt
Daraus nichts Übels zukommt.
6Ich malte tausend Bilder aus,
Mit kunstgewandtem Pinsel,
Wiewohl kein einziges davon
Dem Bild des Freundes gleichkommt.
7O weh! o weh! es zieht davon
Des Lebens Karawane,
So daß ihr Staub nicht bis in's Land
Von meinen Wünschen hinkommt.
8Du lebe mit den Leuten so,
Daß wenn du Erbe wärest,
Doch keinem, der vorübergeht,
Von dir ein Stäubchen zukommt.
9Verbrennet ist Hafisens Herz,
Ich fürchte, daß die Sage
Davon nicht einstens bis zum Ohr
Des großen Schahes hinkommt
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.