Immer bin ich betrunken
1Immer bin ich betrunken
Vom Hauche deiner krausen Locken,
Immer bin ich verstöret
Vom Blicke deines Zauberauges.
2Nach so vieler bestandner
Geduld, o Herr! kann ich nicht einstens
Auf der Brauen Altare
Verbrennen meines Auges Kerze!
3Sorgsam halt' ich in Ehren
Den schwarzen Apfel meines Auges,
Weil er gleichsam ein Abdruck
Vom schwarzen Mal ist, für die Seele.
4Wenn du wünschest, auf einmal
Das ew'ge Leben uns zu zeigen,
O so sage dem Ostwind:
Daß er den Wangenschleier lüfte.
5Wenn du wünschest, auf einmal
Die Welt entkörpert ganz zu schauen,
Lös' die Locken, es hangen
An jedem Härchen tausend Seelen.
6Beide, ich und der Ostwind,
Sind ein Paar verwirrter Toren;
Ich vom Zauber des Auges,
Und er von dem Geruch des Haares.
7Hoher Geist ward Hafisen!
Von dieser Welt, und von der andern
Springet nichts ihm ins Aug', als
Der Staub der Schwelle deiner Türe.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.