Rosen sind ohne Rosenwangen nicht lieblich
1Rosen sind ohne Rosenwangen nicht lieblich,
Ohne den Wein sind Frühlingstage nicht lieblich.
2Reize der Flur, und laue Lüftchen des Hains sind
Ohne der Tulpenflur der Wangen nicht lieblich.
3Mädchen mit Rosenwuchs und zuckrigem Mund sind
Ohne Umarmung, ohne Küsse nicht lieblich.
4Siehe der Tanz der Zeder, die Ruhe der Ros' ist
Ohne den Laut der Nachtigallen nicht lieblich.
5Mag der Verstand Gemälde betrachten,
Ist's nicht das Bild des Liebchens, nimmer ist's lieblich.
6Lieblich sind Flur, und Wein und Rosen; doch wisse
Ohne Gespräch der Freundin sind sie nicht lieblich.
7Seelen, Hafis, so kleine winzige Münze
Vor den Geliebten auszustreu'n ist nicht lieblich.
8Ich sinn darauf, daß mir etwas gelinge,
Woraus dann meinem Gram sein Ende komme;
9Das Herz ist nicht für Gegner, denn es scheint,
Daß wenn ein Teufel geht, ein Engel komme.
10Die Dränger halten Rat in Finsternissen,
Du bitt', daß Licht der Sonne, daß es komme.
11Du kannst am Tor der harten Menschen sitzen,
Und warten, daß zuletzt der Hausherr komme.
12Du bettle zu, kannst einen Schatz noch finden,
Vielleicht daß dir ein Blick vom Weg herkomme.
13Der Treue und der Lügner bieten Waren,
Ich möchte wissen, wem der Kauf zukomme.
14O Nachtigall, du liebst, begehre Leben,
Wohl möglich, daß ein grünes Zweiglein komme,
15Hafis ist faul, es ist natürlich,
Daß man aus Schenken trunken komme.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.