B.K.S. Iyengar: Präzision, Ausrichtung und das Licht des Yoga
Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar (1918–2014) war ein indischer Yoga-Meister, Schüler von T. Krishnamacharya und Begründer des nach ihm benannten Iyengar-Yoga. Sein Welterfolg „Light on Yoga“ (1966) wurde zur einflussreichsten modernen Āsana-Referenz; kennzeichnend für seine Methode sind äußerste Präzision, anatomische Ausrichtung, langes Halten der Haltungen und der systematische Einsatz von Hilfsmitteln wie Gurten und Klötzen.
Definition
B.K.S. Iyengar — mit vollem Namen Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar (1918–2014) — war ein indischer Yoga-Meister und gilt als einer der einflussreichsten Vermittler des Yoga im 20. Jahrhundert. Als Schüler des großen Lehrers Krishnamacharya entwickelte er aus dem klassischen Hatha-Yoga eine eigene, höchst systematische Methode, die heute weltweit als Iyengar Yoga bekannt ist. Sein 1966 erschienenes Buch Light on Yoga (deutsch Licht auf Yoga) wurde zum meistgelesenen Āsana-Handbuch der Moderne und prägte über Generationen hinweg das Bild dessen, was im Westen unter „Yoga" verstanden wird. Iyengars Name steht für drei eng verbundene Grundgedanken: für die Präzision der Körperhaltung, für die anatomische Ausrichtung (Alignment) und für das Licht — das Wissen, das die Āsana auf den Geist wirft, wenn sie mit voller Aufmerksamkeit ausgeführt wird.
Diese Notiz stellt zunächst Iyengars Leben und Werk in knappen Zügen dar, beschreibt sodann die Kennzeichen seiner Methode und verortet sie schließlich vergleichend — gegenüber anderen Strömungen des modernen Yoga, vor allem dem dynamischen Ashtanga-Yoga des Pattabhi Jois, und gegenüber dem klassischen achtgliedrigen Pfad des Patañjali-Yoga. Im Hintergrund steht dabei stets die Frage, die Iyengars ganzes Werk durchzieht: Wie kann der Körper, dieses sichtbarste und gröbste Instrument des Menschen, zum Tor zum Geist werden?
Leben: vom kränklichen Kind zum Weltlehrer
Iyengar wurde am 14. Dezember 1918 im südindischen Dorf Bellur (im heutigen Bundesstaat Karnataka) in eine arme Brahmanenfamilie geboren. Seine Kindheit war von Krankheit und Schwäche geprägt: Eine Grippeepidemie, Malaria, Typhus und Tuberkulose machten den Jungen über Jahre hinweg zu einem kränklichen, unterernährten Kind, dem die Ärzte keine lange Lebenserwartung gaben. Eben diese körperliche Hinfälligkeit wurde, paradox genug, zum Ausgangspunkt seines Lebenswerks — denn der Yoga kam zu ihm zunächst nicht als geistiger Weg, sondern als ein Mittel der Genesung.
Im Alter von etwa fünfzehn Jahren kam Iyengar nach Mysore, an die Schule seines Schwagers Krishnamacharya, der dort am Hof des Maharadschas eine Yogaschule leitete. Krishnamacharya (1888–1989) gilt vielen als „Vater des modernen Yoga"; aus seinem Unterricht gingen mehrere Lehrer hervor, die das Yoga im 20. Jahrhundert weltweit verbreiteten — neben Iyengar vor allem Pattabhi Jois, der Begründer des Ashtanga-Vinyasa-Yoga, sowie Krishnamacharyas Sohn T.K.V. Desikachar. Der junge Iyengar wurde von seinem Lehrer streng, ja hart behandelt; die Ausbildung war fordernd und keineswegs liebevoll. Doch in der Anstrengung der Haltungen kräftigte sich sein Körper zusehends, und es erwachte in ihm jene unbedingte Hingabe an die Praxis, die ihn lebenslang auszeichnen sollte.
1937 schickte Krishnamacharya den knapp Neunzehnjährigen nach Pune (Poona), um dort Yoga zu unterrichten. Damit beginnt Iyengars eigentliche Laufbahn. Allein, mittellos und ohne festes Lehrgebäude musste er sich seine Methode weitgehend selbst erarbeiten — durch jahrzehntelange, unermüdliche Erforschung des eigenen Körpers. Genau diese Notwendigkeit, ohne ständige Anleitung zu lernen, erklärt vieles an der späteren Methode: ihre minutiöse Genauigkeit, ihre experimentelle Haltung gegenüber jeder einzelnen Stellung und ihren Erfindungsreichtum im Gebrauch von Hilfsmitteln. Pune blieb für den Rest seines Lebens sein Wirkungsort; nach seiner Ehefrau benannte er später das dort errichtete Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute, das 1975 eröffnet wurde und bis heute das weltweite Zentrum seiner Tradition ist.
Der Durchbruch zur internationalen Bekanntheit kam in den 1950er Jahren durch die Begegnung mit dem Geiger Yehudi Menuhin, der bei Iyengar Yoga studierte und ihn in den Westen einlud. Über Menuhins Vermittlung unterrichtete Iyengar in Europa und den Vereinigten Staaten und gewann eine wachsende Schülerschaft. Den Höhepunkt seiner Wirkung markiert das Erscheinen von Light on Yoga im Jahr 1966 — ein Buch, das weltweit übersetzt wurde und in dem Iyengar mit über zweihundert Haltungen, hunderten von Fotografien des Autors selbst und genauen Anleitungen einen Standard setzte, der bis heute nicht überholt ist. Iyengar lehrte und praktizierte bis ins hohe Alter; er starb am 20. August 2014 in Pune im Alter von fünfundneunzig Jahren.
Das Werk: die drei „Lichter"
Iyengars schriftliches Werk lässt sich um drei große Bücher gruppieren, deren Titel jeweils mit dem Wort „Licht" beginnen — ein Bild, das den Yoga als ein Erhellen, ein Wissendmachen versteht. Das erste und berühmteste ist Light on Yoga (Licht auf Yoga, 1966). Es ist im Kern ein gewaltiges Lehrbuch der Āsana: Es ordnet die Haltungen nach Schwierigkeitsgrad, beschreibt Schritt für Schritt ihren Aufbau, ihre Wirkungen und ihre Gefahren und enthält einen ausführlichen Abschnitt über den Atem. Die Fülle und Genauigkeit dieses Werks machten es zur einflussreichsten modernen Āsana-Referenz überhaupt; es ist gleichsam die Enzyklopädie des Haltungs-Yoga.
Das zweite Werk, Light on Prāṇāyāma (1981), widmet sich der Atemschulung. Es entfaltet systematisch die Techniken der Atemregelung, des Prāṇāyāma, in derselben präzisen Weise, in der das erste Buch die Körperhaltungen behandelt hatte. Damit machte Iyengar deutlich, dass die Āsana für ihn nie das letzte Ziel war, sondern die notwendige Vorbereitung: Erst ein durch die Haltungen gekräftigter und geöffneter Körper ist imstande, den Atem — und damit das Prāṇa, die Lebensenergie — fein und ohne Schaden zu führen.
Das dritte Werk, Light on the Yoga Sūtras of Patañjali (1993), ist Iyengars ausführlicher Kommentar zu den Yoga-Sūtra des Patañjali, dem klassischen Grundtext der Yoga-Philosophie. Hier zeigt sich Iyengars Anspruch, dass seine körperbetonte Methode kein bloßes Turnen, sondern eine Form gelebter Philosophie sei: Er liest die Sūtras nicht als Theoretiker, sondern als Praktiker, der jeden Vers an der eigenen jahrzehntelangen Erfahrung misst. Spätere Bücher wie Light on Life (2005) fassen seine Lehre in eher essayistischer, an ein breites Publikum gerichteter Form zusammen. Gemeinsam ist allen Werken die Überzeugung, dass der Yoga ein Weg vom Äußeren zum Inneren ist — von der Haltung des Körpers zur Sammlung des Geistes.
Bemerkenswert ist die Form, in der dieses Werk vermittelt wurde. Light on Yoga enthält mehrere hundert Fotografien, auf denen Iyengar die Haltungen selbst vorführt — der Lehrer wird in seinem eigenen Buch zum sichtbaren Modell der Vollkommenheit, die er beschreibt. Diese Verbindung aus genauem Wort und gezeigtem Bild war für die Verbreitung entscheidend: Sie erlaubte es Menschen in aller Welt, die Methode auch ohne unmittelbaren Zugang zu einem Lehrer zu studieren, und machte das Buch zu einem Standardwerk, das in zahllose Sprachen übersetzt wurde. Iyengars Sprache ist dabei zugleich technisch und bildhaft; er erklärt die mechanische Ausführung einer Haltung mit anatomischer Genauigkeit und deutet zugleich ihre Wirkung auf Atem, Nerven und Gemüt. Eben diese Doppelnatur — strenge Technik und geistige Deutung in einem — kennzeichnet sein ganzes schriftstellerisches Werk und unterscheidet es von bloßen Übungsanleitungen.
Die Kennzeichen der Methode
Die Methode des Iyengar Yoga ist durch eine kleine Zahl klar bestimmbarer Merkmale gekennzeichnet, die sie von anderen Yogaschulen unterscheiden. Das erste und übergreifende ist die Präzision. Für Iyengar gibt es in einer Haltung kein gleichgültiges Detail: Die Stellung der Füße, die Drehung der Oberschenkel, die Ausrichtung des Beckens, die Öffnung des Brustkorbs, die Lage der Schulterblätter, der Sitz des Kopfes — jedes Glied hat seinen rechten Ort, und erst die Summe dieser unzähligen kleinen Korrekturen ergibt die vollendete Haltung. Diese Genauigkeit ist kein Selbstzweck; sie dient der Sicherheit (weil eine falsch ausgerichtete Haltung Schaden anrichten kann) und zugleich der Vertiefung, weil die ständige aufmerksame Korrektur den Geist auf den Körper sammelt.
Das zweite Merkmal ist die Ausrichtung (Alignment). Iyengar deutete den Körper anatomisch und geometrisch: Knochen und Gelenke sollen so übereinander geordnet werden, dass Kraft und Last sich gleichmäßig verteilen, die Wirbelsäule sich streckt und der Atem frei fließen kann. Diese fast architektonische Sorgfalt um die innere Ordnung des Körpers ist das eigentliche Markenzeichen seiner Schule und der Grund, weshalb Iyengar Yoga oft als der „anatomischste" oder „technischste" der großen Yogawege gilt.
Das dritte Merkmal ist die lange Haltedauer. Anders als in den fließenden, schnell wechselnden Stilen verweilt der Übende im Iyengar Yoga lange in einer einzelnen Haltung — oft viele Atemzüge, manchmal Minuten. In dieser Dauer soll die Haltung sich von innen heraus klären, der Körper sich der idealen Ausrichtung annähern und der Geist zur Ruhe kommen. Das Halten verwandelt die Āsana von einer Bewegung in eine meditative Stellung; es ist die körperliche Brücke zu Patañjalis Bestimmung der Āsana als das, was „fest und angenehm" (sthira-sukha) sein soll.
Das vierte und vielleicht bekannteste Merkmal ist der systematische Einsatz von Hilfsmitteln (im Englischen props). Iyengar entwickelte und popularisierte den Gebrauch von Gurten, Klötzen (Blöcken), Decken, Polstern, Stühlen und Seilen an der Wand. Diese Hilfsmittel haben einen doppelten Sinn: Zum einen ermöglichen sie es auch dem steifen, schwachen, älteren oder kranken Menschen, eine Haltung in korrekter Ausrichtung einzunehmen, die ihm sonst verschlossen bliebe; zum anderen erlauben sie es dem Fortgeschrittenen, in einer Haltung länger und tiefer zu verweilen, ohne sich zu überanstrengen. Aus eben dieser Arbeit mit Hilfsmitteln erwuchs auch der therapeutische Zweig des Iyengar Yoga, der gezielt bei körperlichen Beschwerden eingesetzt wird — ein Ansatz, der bis in Iyengars eigene Kindheit zurückreicht, als der Yoga ihm selbst die Gesundheit zurückgab.
Der Gedanke hinter den Hilfsmitteln verdient eine genauere Betrachtung, weil er die ganze Eigenart der Methode beleuchtet. In den älteren Yogatraditionen galt die Haltung als etwas, das man durch jahrelange Übung allmählich erringt; wer sie noch nicht erreichte, übte sie eben unvollkommen. Iyengars Neuerung bestand darin, die ideale Ausrichtung der Haltung von der momentanen Beweglichkeit des Übenden zu entkoppeln: Ein Klotz unter der Hand, ein Gurt um den Fuß, eine Decke unter dem Becken stellen die richtige Geometrie der Stellung sofort her, auch wenn der Körper sie aus eigener Kraft noch nicht hervorbringen kann. So erfährt der Übende die korrekte Ausrichtung von Anfang an — nicht als fernes Ziel, sondern als gegenwärtige Wirklichkeit, in die er hineinwächst. Darin liegt eine demokratisierende Kraft: Der Yoga wird vom Vorrecht der ohnehin Beweglichen zu einem Weg, der grundsätzlich jedem offensteht. Zugleich aber bleibt der Anspruch an die Genauigkeit ungebrochen — die Hilfsmittel senken nicht den Maßstab, sondern machen ihn erreichbar.
Diese vier Merkmale greifen ineinander und bilden ein zusammenhängendes Ganzes. Die Präzision verlangt nach genauer Ausrichtung; die Ausrichtung lässt sich nur in einer länger gehaltenen Haltung wirklich verwirklichen und prüfen; und die Hilfsmittel sind das Werkzeug, mit dem Ausrichtung und Halten auch dort möglich werden, wo der Körper noch nicht von selbst dazu fähig ist. Was von außen wie eine bloß körperliche oder gar mechanische Disziplin aussehen mag, ist in Iyengars Verständnis eine Schule der Aufmerksamkeit: Die ständige, in jede Faser des Leibes hineinreichende Wachheit, die seine Methode fordert, ist bereits eine Form jener Sammlung des Geistes, auf die der ganze Yoga zielt.
Yoga als Tor: vom Körper zum Geist
So körperbetont Iyengars Methode auch erscheint, ihr letzter Sinn liegt nicht im Körper. Iyengar verstand sich ausdrücklich als Lehrer des klassischen achtgliedrigen Yoga, wie ihn Patañjali in den Yoga-Sūtra beschreibt (siehe ausführlich Patañjalis achtgliedriger Pfad). Dieser Pfad führt über acht Glieder: die ethischen Regeln (yama, niyama), die Körperhaltung (Āsana), die Atemregelung (Prāṇāyāma), den Rückzug der Sinne (pratyāhāra) und schließlich die drei inneren Glieder der Sammlung — die Konzentration (dhāraṇā), die Meditation (Dhyāna) und die Versenkung (Samādhi). Die ersten Glieder sind die „äußeren", die letzten die „inneren".
Iyengars eigentümlicher Beitrag liegt darin, dass er die Āsana und das Prāṇāyāma — die gröberen, „äußeren" Glieder — mit solcher Tiefe behandelte, dass sie selbst zu einem Weg nach innen wurden. Für ihn ist die in höchster Aufmerksamkeit gehaltene Haltung bereits eine Form der Sammlung: Die unzähligen feinen Korrekturen zwingen den Geist, ganz im Körper gegenwärtig zu sein, und eben diese durchdringende Aufmerksamkeit ist der Keim der Meditation. So wird die Körperhaltung, die scheinbar nur das gröbste Glied ist, zum Tor, durch das der Übende zu den inneren Gliedern gelangt. Iyengar sprach davon, dass die Intelligenz oder das Bewusstsein bis in die äußersten Spitzen des Körpers, bis in die Poren der Haut, ausgebreitet werden müsse — eine Formel, die sein ganzes Verständnis zusammenfasst: Der Körper ist nicht das Hindernis des Geistes, sondern sein erstes und unmittelbarstes Feld. In diesem Sinn ist Iyengar Yoga ein Yoga „von außen nach innen": Wer den Körper vollkommen durchdringt, durchdringt zuletzt sich selbst.
Iyengar im Vergleich
Iyengars Stellung wird erst im Vergleich ganz deutlich. Drei Vergleichslinien bieten sich an: die Linie innerhalb der Schule Krishnamacharyas (Iyengar gegenüber Ashtanga), die Linie innerhalb des modernen Yoga überhaupt und die Linie zwischen dem modernen Posen-Yoga und dem klassischen achtgliedrigen Weg.
Iyengar und Ashtanga: zwei Söhne eines Lehrers
Die aufschlussreichste Gegenüberstellung ist die mit dem Ashtanga-Vinyasa-Yoga des Pattabhi Jois (1915–2009), der wie Iyengar bei Krishnamacharya in Mysore lernte. Beide gingen aus derselben Quelle hervor, entwickelten jedoch geradezu gegensätzliche Methoden. Ashtanga ist dynamisch und fließend: Die Haltungen werden in festen, durchnummerierten Serien zu einem ununterbrochenen Bewegungsfluss (vinyasa) verbunden, in dem jede Stellung durch Übergänge an die nächste gekoppelt und mit einem rhythmischen Atem (ujjāyī) synchronisiert ist. Die Praxis erzeugt Hitze, Schweiß und Ausdauer; der Übende folgt einer vorgegebenen, immer gleichen Abfolge, die er auswendig kennt. Iyengar hingegen löst die Haltung aus dem Fluss heraus und betrachtet sie einzeln: Statt der Bewegung steht das Verweilen im Mittelpunkt, statt der festen Serie die genaue Analyse jeder Stellung, statt der erzeugten Hitze die innere Ordnung. Wo Ashtanga durch Wiederholung und Rhythmus reinigt, wirkt Iyengar durch Präzision und Dauer. Beide gehen denselben achtgliedrigen Weg an — Pattabhi Jois nannte seine Methode sogar nach den „acht Gliedern" (ashtanga) —, doch der eine sucht das Tor zum Inneren über den meditativen Fluss der Bewegung, der andere über die meditative Stille der gehaltenen Form.
Iyengar im Feld des modernen Haltungs-Yoga
Über diesen einen Gegensatz hinaus steht Iyengar in einem breiteren Feld moderner Yogastile, die im 20. Jahrhundert entstanden und das Yoga weltweit verbreiteten. Manche dieser Stile sind dynamischer und vom Ashtanga abgeleitet (etwa die verschiedenen Vinyasa- und Power-Yoga-Formen); andere arbeiten mit Hitze (wie das in geheizten Räumen praktizierte Bikram-Yoga); wieder andere sind sanft und langsam. Innerhalb dieses Feldes nimmt Iyengar Yoga eine besondere Stellung ein: Es ist der Stil der größten technischen Strenge und zugleich derjenige, der durch seine Hilfsmittel am weitesten zugänglich ist — fähig, sowohl den Hochleistungspraktiker als auch den Kranken und Alten anzuleiten. Seine Wirkung reicht zudem weit über die eigene Schule hinaus: Das Vokabular der „Ausrichtung", die Aufmerksamkeit auf die anatomisch korrekte Haltung und der Gebrauch von Klötzen und Gurten haben sich über die Grenzen des Iyengar Yoga hinaus in nahezu alle modernen Stile hinein verbreitet. In gewissem Sinn ist Iyengars Methode zur stillen Grammatik des gesamten westlichen Haltungs-Yoga geworden.
Modernes Posen-Yoga und der klassische Acht-Glieder-Weg
Die grundsätzlichste Vergleichslinie betrifft das Verhältnis des modernen, körperbetonten Yoga zum klassischen Yoga der Texte. In den Yoga-Sūtra des Patañjali nimmt die Āsana nur einen schmalen Raum ein — sie wird in wenigen Versen als ein „fester und angenehmer Sitz" behandelt, vor allem als Vorbereitung der Meditation; der Schwerpunkt des klassischen Weges liegt eindeutig auf den inneren Gliedern, auf der Sammlung des Geistes bis hin zum Samādhi. Auch das überlieferte Hatha-Yoga der mittelalterlichen Texte kannte zwar Reinigungen, Atemtechniken und einige Haltungen, doch nichts von der modernen Fülle an akrobatischen Posen. Der moderne Yoga hingegen — und Iyengar gehört zu seinen Begründern — hat die Āsana ins Zentrum gerückt und zu einem eigenen, hochentwickelten Gebäude ausgebaut.
Hier ist Iyengars Position differenziert zu sehen. Einerseits hat gerade er den Āsana-Reichtum des modernen Yoga maßgeblich begründet und damit die Verschiebung des Schwerpunkts vom Geistigen zum Körperlichen mit vollzogen. Andererseits war er ausdrücklich bemüht, diesen Körper-Yoga in den klassischen achtgliedrigen Rahmen zurückzubinden: Sein Kommentar zu den Sūtras, seine Lehre vom Prāṇāyāma und seine wiederholte Betonung, dass die Āsana nur das Tor und nicht das Ziel sei, sind eben dieser Versuch, die moderne Betonung des Körpers wieder an die geistige Zielsetzung des klassischen Weges anzuschließen. Iyengar steht damit an der Nahtstelle zwischen dem modernen Posen-Yoga und dem alten Acht-Glieder-Weg — als einer, der den Körper so ernst nahm wie kaum ein anderer und ihn doch nie für das Letzte hielt.
Kritik und Grenzen
So unbestritten Iyengars Verdienste sind, so wenig ist seine Wirkung ohne kritische Anfragen geblieben. Eine erste, von verschiedenen Seiten erhobene Anfrage betrifft die starke Verschiebung zum Körperlichen, die der moderne Yoga insgesamt und Iyengar als einer seiner Hauptvertreter mit sich brachte. Wer den klassischen Yoga vom Geist und von der Meditation her denkt, kann in der enormen Ausarbeitung des Āsana-Systems eine Verkürzung sehen: Das Yoga drohe vom inneren Befreiungsweg zu einer hochentwickelten Körperdisziplin zu werden, in der die ethischen und meditativen Glieder gegenüber der perfekten Haltung in den Hintergrund treten. Iyengar selbst hat dieser Gefahr entgegengewirkt, doch ob seine Schüler im Alltag stets den Weg „durch" den Körper hindurch nahmen oder beim Körper stehenblieben, bleibt eine offene Frage der gelebten Praxis.
Eine zweite Anfrage betrifft die historische Einordnung. Die religionswissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass das moderne Haltungs-Yoga — einschließlich der Schule Krishnamacharyas — kein bruchloses Erbe einer uralten Tradition ist, sondern im frühen 20. Jahrhundert wesentlich neu gestaltet wurde, teils auch unter dem Einfluss westlicher Gymnastik- und Körperkulturbewegungen. Manche der heute selbstverständlichen Haltungen lassen sich in den alten Texten nicht oder nur in Ansätzen nachweisen. Das mindert Iyengars schöpferische Leistung nicht, rückt sie aber ins rechte Licht: Er war weniger der Bewahrer eines fertigen alten Systems als der geniale Gestalter eines neuen, der sich seiner Wurzeln im klassischen Patañjali-Yoga und im Hatha-Yoga bewusst war und sie ehrte, ohne in allem von ihnen abzuhängen.
Eine dritte Anfrage betrifft die Methode selbst. Die große Strenge und die langen Haltedauern des Iyengar Yoga können, falsch oder ehrgeizig praktiziert, zu Überdehnung und Verletzungen führen — ein Risiko, das bei aller Sorgfalt um die Ausrichtung nicht völlig verschwindet und das in der Diskussion um die Sicherheit des modernen Yoga immer wieder benannt wird. Schließlich ist, wie bei vielen großen Lehrergestalten des 20. Jahrhunderts, auch die Person Iyengars und die Strenge mancher seiner Unterrichtsmethoden Gegenstand unterschiedlicher Beurteilung geblieben. Diese Anfragen heben Iyengars Rang nicht auf; sie verorten ihn lediglich als das, was er war: ein außerordentlich wirkmächtiger moderner Gestalter, dessen Werk man am besten würdigt, indem man es weder unkritisch verklärt noch seine bleibende Bedeutung übersieht.
Fazit
B.K.S. Iyengar verwandelte ein einst kränkliches Leben in einen der einflussreichsten Wege des modernen Yoga. Aus dem klassischen Hatha-Yoga formte er eine Methode, deren Kennzeichen — Präzision, Ausrichtung, lange Haltedauer und der Einsatz von Hilfsmitteln — heute weit über seine eigene Schule hinaus das Yoga prägen. Mit Light on Yoga schuf er die maßgebliche moderne Āsana-Referenz, mit Light on Prāṇāyāma und seinem Sūtra-Kommentar band er die Körperarbeit an die Atemschulung und an die Yoga-Sūtra des Patañjali zurück.
Im Vergleich mit dem dynamischen Ashtanga des Pattabhi Jois zeigt sich Iyengars eigener Weg zur inneren Sammlung: nicht durch den Fluss der Bewegung, sondern durch die Stille der genau gehaltenen Form. Im Vergleich mit dem klassischen achtgliedrigen Weg steht er an der Nahtstelle zwischen dem modernen Posen-Yoga und der alten Lehre — als einer, der die Āsana mit beispielloser Tiefe ausarbeitete und sie doch stets als bloßes Tor verstand, hinter dem die inneren Glieder warten: die Konzentration, die Meditation des Dhyāna und die Versenkung des Samādhi. Dass der gröbste Teil des Menschen, der Körper, der Weg zum feinsten, dem Geist, sein könne — dies ist die einfache und folgenreiche Einsicht, die Iyengar dem Yoga des Hinduismus (Sanātana Dharma) und der Welt hinterlassen hat.