Weisheit des Körpers

Āsana: die Körperhaltung als Tor zur Stille

Āsana ist die Körperhaltung des Yoga – ursprünglich der ruhige Sitz für die Meditation, später zu einer Vielfalt von Haltungen entfaltet. Diese Notiz verfolgt den Weg vom „festen und angenehmen“ Sitz Patañjalis über das Hatha-Yoga bis zum modernen Haltungs-Yoga und vergleicht die Körperhaltungen der Versenkung quer durch die Traditionen.

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Definition

Āsana (Sanskrit आसन) bedeutet wörtlich „Sitz" oder „Haltung". Das Wort leitet sich von der Verbalwurzel ās („sitzen", „verweilen", „sich niederlassen") ab und bezeichnet zunächst das Sitzmöbel, die Unterlage, den Platz, auf dem man sich niederlässt — und erst von dort übertragen die Weise, wie der Körper sich hält. Im Gerüst der Yoga-Philosophie ist Āsana das dritte der acht Glieder des klassischen Yoga; in der heutigen, weltweit verbreiteten Praxis ist es zum sichtbarsten, ja beinahe alleinigen Gesicht des Yoga geworden. Zwischen diesen beiden Polen — dem stillen Meditationssitz der Frühzeit und der athletischen Haltungsvielfalt der Moderne — liegt eine lange Geschichte, in der sich der Begriff weitete, verschob und schließlich beinahe verkehrte.

Diese Notiz folgt zunächst dem Weg des Āsana innerhalb der indischen Tradition: von der knappen Bestimmung des Patañjali über die Ausweitung im Hatha-Yoga bis zur Vervielfachung der Haltungen im 20. Jahrhundert. Danach öffnet sie den Blick auf die Körperhaltungen der Versenkung in anderen Wegen — den buddhistischen Lotossitz, die Gebetshaltungen des Christentums, die Stellungen des islamischen Gebets, die Körperpraxis der Sufis — und fragt nach dem gemeinsamen Grund: dem Körper als Träger und Tor der inneren Sammlung. Sie schließt mit der Kritik an einer Praxis, die das Āsana von seinem meditativen Ziel löst und es auf Gymnastik reduziert.

Wichtig ist von Beginn an die Unterscheidung zweier Bedeutungsebenen. In der ältesten Schicht meint Āsana den Sitz — die eine, ruhige, lange durchzuhaltende Haltung, in der die Meditation stattfindet. In der späteren, besonders der modernen Schicht meint Āsana die Haltung im weiten Sinne — jede der Hunderten von Körperstellungen, die ein Übender im Verlauf einer Yoga-Stunde durchläuft. Diese Verschiebung vom Sitz zur Haltung ist der rote Faden der ganzen Geschichte.

Āsana bei Patañjali: der feste und angenehme Sitz

Im Yoga-Sūtra des Patañjali (etwa 200–400 n. Chr.) ist Āsana das dritte Glied des achtgliedrigen Pfades (aṣṭāṅga yoga). Die Reihenfolge der acht Glieder, in Sūtra 2.29 aufgezählt, lautet: yama (ethische Gebote gegenüber der Welt), niyama (Selbstdisziplin), āsana (Haltung), prāṇāyāma (Atemkontrolle), pratyāhāra (Zurückziehen der Sinne), dhāraṇā (Konzentration), dhyāna (Meditation), samādhi (Versenkung). Āsana steht also an der Schwelle, an der die Arbeit am äußeren Verhalten in die Arbeit am Körper übergeht — die Vorbereitung des leiblichen Gefäßes für alles, was folgt.

Bemerkenswert ist, wie wenig Patañjali über das Āsana sagt. Er widmet ihm nur drei knappe Aphorismen, und keiner davon beschreibt eine einzige konkrete Körperhaltung. Der berühmteste lautet:

Sūtra 2.46: sthira-sukham āsanam — „Die Haltung sei fest und angenehm." Zwei Worte fassen das ganze Ideal: sthira (fest, stabil, ruhig, unbewegt) und sukha (angenehm, leicht, bequem, mühelos). Eine Haltung verdient den Namen Āsana erst, wenn sie diese beiden scheinbar gegensätzlichen Qualitäten zugleich trägt — Festigkeit ohne Verspannung, Leichtigkeit ohne Nachlässigkeit. Der Sitz soll so stabil sein, dass der Körper über lange Zeit hinweg vergessen werden kann, und so angenehm, dass keine Unruhe und kein Schmerz die Aufmerksamkeit nach außen zieht.

Sūtra 2.47 ergänzt, wie diese Festigkeit-im-Angenehmen erreicht wird: durch das Lockern der Anstrengung (prayatna-śaithilya) und das Aufgehen im Unendlichen (ananta-samāpatti). Die Haltung wird nicht erzwungen, sondern losgelassen; der Geist, der sich nicht länger um die Mühe der Stellung sorgen muss, kann sich auf das Grenzenlose ausrichten.

Sūtra 2.48 nennt die Frucht: Wer im Āsana gefestigt ist, wird von den „Gegensatzpaaren" (dvandva — Hitze und Kälte, Lust und Schmerz, Ehre und Schmach) nicht mehr bedrängt. Der ruhige Körper wird zum Fundament eines vom Wechsel der Eindrücke unangefochtenen Geistes.

Für Patañjali ist Āsana also kein Selbstzweck und keine Leistung, sondern ein Sitz für die Meditation. Das ganze Gewicht des achtgliedrigen Pfades liegt auf den inneren Gliedern — auf dhāraṇā, dhyāna und samādhi. Die Haltung hat eine dienende Funktion: Sie stellt den Körper still, damit er aus dem Weg ist. Ein Körper, der bequem und fest sitzt, hört auf, sich bemerkbar zu machen; das Nervensystem beruhigt sich, die Schwankungen des Geistes (citta-vṛtti) nehmen ab, und der Boden für die tiefere Sammlung wird bereitet. Die Hunderte von Haltungen, die heute mit dem Wort Yoga verbunden werden, kennt Patañjali nicht. Sein Āsana ist im Grunde der Meditationssitz — eine einzige, durchgehaltene Stellung.

Die Ausweitung im Hatha-Yoga

Die Verwandlung des Āsana vom einen Sitz zur Vielfalt der Haltungen vollzieht sich im Hatha-Yoga, jener Tradition, die sich vom 11. bis 15. Jahrhundert in den Kreisen der nātha-Yogis (besonders um Matsyendranātha und Gorakṣanātha) herausbildete. Die klassischen Handbücher dieser Schule — die Haṭhayoga-pradīpikā des Svātmārāma (etwa 15. Jahrhundert), die Gheraṇḍa-saṃhitā und die Śiva-saṃhitā — rücken den Körper ins Zentrum und behandeln das Āsana erstmals ausführlich.

Doch auch hier ist die Zahl der Haltungen zunächst überschaubar. Die Haṭhayoga-pradīpikā beschreibt etwa fünfzehn Āsanas, von denen nur ein Teil die heute geläufigen stehenden oder umgekehrten Stellungen sind; viele bleiben Sitz- und Meditationshaltungen. Die Gheraṇḍa-saṃhitā spricht zwar davon, es gebe so viele Āsanas wie Lebewesen — eine sprichwörtliche 8.400.000 —, doch lehrt sie selbst nur zweiunddreißig als die für den Menschen wesentlichen. Die Vervielfachung ist also angelegt, aber noch nicht entfaltet.

Der Zweck des Āsana weitet sich im Hatha-Yoga über den bloßen Meditationssitz hinaus, ohne ihn aufzugeben. Die Haltungen sollen:

Das Hatha-Yoga fügt dem stillen Sitz also den bewegten, gesundheitlich und energetisch begründeten Körper hinzu. Doch das Ziel bleibt überleibhaft: Der Körper wird geübt, um schließlich im ruhigen Sitz zu münden und die inneren Glieder des Yoga zu ermöglichen. Die Tiefenschlaf-Meditation Yoga Nidrā etwa setzt einen Körper voraus, der zur vollkommenen Ruhe fähig ist — eine Frucht eben jener Stabilität, die das Āsana einübt.

Die klassischen Sitze

Im Kern der Tradition steht eine kleine Zahl von Meditationssitzen — Haltungen, die nicht durchlaufen, sondern eingenommen und gehalten werden, oft über Stunden. Sie sind das eigentliche Āsana im ältesten Sinn.

Padmāsana, der „Lotossitz", gilt als der vollendetste Meditationssitz: Beide Füße ruhen, Sohle nach oben, auf den gegenüberliegenden Oberschenkeln; das Becken ist verankert, die Wirbelsäule richtet sich von selbst auf, der Körper bildet ein stabiles Dreieck, das lange ohne Stütze hält. Die nach oben gekehrten Fußsohlen und die geschlossene Form gelten als energetisch in sich gesammelt. Padmāsana verlangt jedoch große Hüftöffnung und ist für viele ohne Vorbereitung nicht erreichbar oder gar schädlich für die Knie.

Siddhāsana, der „Sitz des Vollendeten", ist der zweite große Meditationssitz und gilt in mehreren Hatha-Texten sogar als der wichtigste überhaupt. Ein Ferse liegt am Damm, die andere darüber; die Beine sind übereinandergelegt, ohne die volle Verschränkung des Lotos zu fordern. Siddhāsana ist leichter zu halten als Padmāsana und wird als besonders geeignet für lange Atem- und Konzentrationsarbeit beschrieben.

Sukhāsana, der „angenehme Sitz" (von sukha — eben jenem Wort aus sthira-sukham), ist der einfache Schneidersitz: die Beine locker gekreuzt, ohne Verschränkung. Er trägt das Ideal schon im Namen — die mühelose, lange durchhaltbare Haltung — und ist der Sitz, in dem die meisten Menschen ihre Meditation beginnen. Was zählt, ist nicht die Schwierigkeit der Form, sondern dass die Haltung sthira und sukha zugleich ist: fest und angenehm.

Diese drei Sitze zeigen, worum es im ältesten Āsana geht: nicht um die Bewältigung einer schwierigen Stellung, sondern um die eine Haltung, in der der Körper still wird und vergessen werden kann. Der aufrechte Rücken, das ruhige Becken, der gelöste Atem — das ist die ganze Technik. Alles andere ist Vorbereitung darauf.

Die moderne Vervielfachung

Das Bild, das heute weltweit mit „Yoga" verbunden wird — ein Strom dynamischer Körperhaltungen, fließend verbunden, oft sportlich anspruchsvoll —, ist überraschend jung. Die Forschung (etwa Mark Singletons Yoga Body, 2010) hat gezeigt, dass das moderne Haltungs-Yoga (englisch modern postural yoga) eine Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts ist, in der das klassische Hatha-Erbe sich mit westlicher Gymnastik, Turnen und Körperkultur verband und das Āsana eine bis dahin unbekannte Zentralstellung gewann.

Die Schlüsselfigur ist Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989), der im Palast von Mysore wirkte und als „Vater des modernen Yoga" gilt. In seinem Unterricht verschmolzen die überlieferten Haltungen mit dynamischen, atemgeführten Bewegungsabläufen. Aus seiner Schule gingen die drei Lehrer hervor, die das Āsana weltweit prägten:

In dieser modernen Linie kehrt sich das alte Verhältnis um. Bei Patañjali war Āsana ein kleines, dienendes Glied; im modernen Haltungs-Yoga ist es beinahe das Ganze. Hunderte von Haltungen, oft nach Tieren, Weisen oder Gegenständen benannt, werden geübt, verfeinert, fotografiert, in Sequenzen gereiht. Der Gewinn ist eine zugängliche, gesundheitsfördernde, körperlich erfahrbare Praxis für Millionen; der Verlust, auf den die Kritik zielt, ist die Entkopplung vom meditativen Ziel — der ruhige Sitz, das eigentliche Āsana, droht im Strom der Stellungen zu verschwinden.

Der große Vergleich: Körperhaltungen der Versenkung

Dass die innere Sammlung eine bestimmte Körperhaltung verlangt, ist keine Eigenheit des Yoga. Quer durch die religiösen Traditionen findet sich die Einsicht, dass der Leib am Vollzug der Versenkung, des Gebets, der Andacht teilhat — dass die Haltung des Körpers die Haltung der Seele formt und trägt. Die folgenden Abschnitte stellen einige dieser Körperhaltungen nebeneinander.

Buddhismus — der Lotossitz und das Zazen

Der Buddhismus teilt mit dem Yoga den indischen Ursprung und damit den Meditationssitz. Der überlieferte Sitz der Versenkung ist auch hier der volle Lotossitz (im Sanskrit padmāsana), in dem der Buddha in unzähligen Darstellungen unter dem Erwachungsbaum gezeigt wird: Beine verschränkt, Wirbelsäule aufgerichtet, Hände im Schoß zur Meditationsgeste gelegt, der Blick gesenkt oder halb geschlossen. Wo der volle Lotossitz nicht erreichbar ist, treten der halbe Lotossitz oder der einfache Kreuzsitz an seine Stelle; die burmesische Haltung mit nebeneinanderliegenden Unterschenkeln ist eine verbreitete leichtere Form.

Im japanischen Zen gewinnt die Sitzhaltung eine eigene, scharf umrissene Bedeutung. Zazen — das „Sitzen in Versenkung" — ist nicht Vorbereitung der Meditation, sondern die Meditation selbst; im Sōtō-Zen gilt das bloße, absichtslose Sitzen (shikantaza) als der unmittelbare Ausdruck des Erwachens. Die Haltung ist genau geregelt: der Sitz auf einem festen Kissen, die Knie am Boden, sodass Becken und Knie ein stabiles Dreieck bilden; die Wirbelsäule senkrecht; die Hände in einer bestimmten Schale übereinandergelegt; die Augen halb offen, der Blick gesenkt. Die Strenge der Form ist hier kein Beiwerk: Die genaue Haltung ist der Weg, nicht ein Mittel zu ihm. Darin berührt sich Zen mit dem ältesten Āsana — der eine, vollkommen durchgehaltene Sitz —, treibt den Gedanken aber bis zur Identität von Haltung und Verwirklichung.

Eine Eigenheit kommt im Zen hinzu: die Gehmeditation (kinhin), die das lange Sitzen rhythmisch unterbricht. Hier wird die Versenkung in die langsame, achtsame Bewegung des Gehens getragen — ein Hinweis darauf, dass auch im Buddhismus die Haltung nicht auf den Sitz beschränkt bleiben muss.

Christentum — Knien, Stehen, Niederwerfung

Das Christentum kennt keine durchgebildete Sitzmeditation wie der Osten, dafür ein reiches Repertoire an Gebetshaltungen, die je eine innere Geste verleiblichen. Das Knien ist die Haltung der Demut, der Buße und der Anbetung: Der Beter macht sich klein vor Gott, gibt die aufrechte Selbstbehauptung auf. Das Stehen — die älteste christliche Gebetshaltung, in der Ostkirche bis heute vorherrschend — drückt Ehrfurcht und österliche Auferstehungsfreude aus; oft mit erhobenen, geöffneten Händen (der Orantenhaltung) als Gebärde des Empfangens und der Hingabe. Die Niederwerfung (Prostration), bei der sich der Beter ganz zu Boden streckt, ist die äußerste Geste der Selbsthingabe; sie findet sich in der Mönchstradition, bei Weihen und in der Karfreitagsliturgie.

Eine dem östlichen Sitz strukturell nahe Praxis bietet der Hesychasmus der orthodoxen Tradition — besonders die Klöster des Berges Athos. Hier wird das immerwährende Jesusgebet in einer gesammelten, leicht vorgebeugten Sitzhaltung verrichtet, der Blick nach innen, oft zum Herzen gerichtet, der Atem mit den Worten des Gebets verbunden. Diese Verbindung von Haltung, Atem und wiederholtem Wort bildet die deutlichste christliche Parallele zur sitzenden Versenkung der östlichen Wege.

Islam — rukūʿ und sujūd im Gebet

Das islamische Pflichtgebet, der Ṣalāt, ist unter allen hier verglichenen Traditionen die am strengsten durchgeformte Abfolge von Körperhaltungen. Der Betende durchläuft eine festgelegte Folge: das Stehen (qiyām) mit der Rezitation des Korans; die Verneigung rukūʿ, bei der der Oberkörper mit geradem Rücken zur Waagerechten gebeugt wird und die Hände auf den Knien ruhen — eine Geste der Ehrfurcht; das Wiederaufrichten; und die Niederwerfung sujūd, bei der Stirn, Nase, beide Handflächen, Knie und Fußspitzen den Boden berühren. Im sujūd ist der Mensch in der tiefsten denkbaren Demut vor Gott — die Stirn, der Sitz des Stolzes, auf dem Boden. Es folgt das Sitzen zwischen den Niederwerfungen und am Ende des Gebets.

Bemerkenswert ist die Vollständigkeit: Der ganze Körper wird in eine bestimmte, vorgeschriebene Reihenfolge von Stellungen gebracht, die den geistigen Vollzug — Lobpreis, Ehrfurcht, Hingabe — leiblich tragen. Anders als der eine, gehaltene Meditationssitz ist der Ṣalāt eine durchschrittene Choreographie von Haltungen, in der jede Stellung mit einem bestimmten inneren Akt und festen Worten verbunden ist. Darin ähnelt seine Struktur eher der durchlaufenen Haltungsfolge des modernen Yoga als dem unbewegten Sitz Patañjalis — nur dass ihr Sinn durchweg der der Anbetung ist, nicht der der Versenkung ins eigene Innere.

Sufismus — die Körperpraxis des Gedenkens

Im Sufismus, der mystischen Innenseite des Islam, tritt zum geformten Pflichtgebet die Körperpraxis des Gottesgedenkens (dhikr). Hier wird der Leib auf eigene Weise zum Träger der Versenkung. Beim sitzenden, stillen Gedenken (dhikr des Herzens) sitzt der Übende gesammelt, oft mit gesenktem Kopf, und bindet die wiederholten Gottesnamen an den Rhythmus des Atems — eine Praxis, die in ihrer Verbindung von Haltung, Atem und Wort dem Zusammenspiel von Sitz und Prāṇāyāma strukturell nahekommt.

Beim lauten, gemeinschaftlichen Gedenken kommt der Körper in Bewegung: rhythmisches Wiegen, Schwingen des Oberkörpers, koordiniertes Atmen im Kreis der Versammelten. Die bekannteste Form ist der drehende Tanz (samāʿ) des Mevlevi-Ordens — die „drehenden Derwische" —, bei dem die Drehung um die eigene Achse, eine Hand zum Himmel, die andere zur Erde, selbst zur Haltung der Versenkung wird: der Körper als Achse zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. Hier ist nicht die Ruhe, sondern die Bewegung das Tor — ein eigener Pol gegenüber dem unbewegten Sitz, und doch derselbe Grundgedanke: dass der Leib am Aufstieg der Seele teilhat.

Der Körper als Tempel und Träger der Versenkung

Über alle Unterschiede der Form hinweg — gehaltener Sitz oder durchschrittene Folge, Ruhe oder Drehung, Lotossitz oder Niederwerfung — teilen diese Wege eine Grundüberzeugung: Der Körper ist nicht Hindernis, sondern Träger des geistigen Vollzugs. Die christliche Rede vom Leib als „Tempel" des Geistes, die yogische vom Körper als dem Gefäß, das den Aufstieg des Prāṇa ermöglicht, die sufische vom Atem als Faden zwischen Mensch und Gott — sie alle weisen in dieselbe Richtung. Die Haltung des Körpers ist nicht beliebig: Sie formt, stützt und drückt aus, was im Inneren geschieht. Der gerade Rücken sammelt; das gebeugte Knie demütigt; die offene Hand empfängt; der ruhige Sitz stillt. Das Āsana im weitesten Sinne — die bedeutungstragende Körperhaltung der Andacht — ist insofern ein Erbe der ganzen Menschheit, das jede Tradition auf ihre Weise ausprägt. Auch die vergleichende Religionsgeschichte (etwa bei Mircea Eliade) hat im Yoga und seinen Haltungstechniken früh ein Phänomen von übergreifender Bedeutung erkannt.

Kritik und Grenzen

So weit das Āsana sich entfaltet hat, so deutlich sind die Gefahren dieser Entfaltung — und die ernsthafteste Kritik kommt aus dem Inneren der Tradition selbst.

Reduktion auf Gymnastik. Die naheliegendste Kritik trifft das moderne Haltungs-Yoga: dass es das Āsana von seinem Wurzelboden gelöst und auf ein körperliches Übungssystem verkürzt hat — eine Form der Fitness unter anderen, geschätzt für Beweglichkeit, Kraft und Entspannung, gelöst von den sieben übrigen Gliedern des Pfades. Was bei Patañjali ein dienendes Glied im Dienst der Versenkung war, wird zum Selbstzweck; der „Sitz für die Meditation" verschwindet hinter dem Spektakel der „Posen". Damit kehrt sich der Sinn beinahe um: Eine Disziplin, die den Körper still machen sollte, damit er vergessen werde, macht den Körper zum alleinigen Gegenstand der Aufmerksamkeit.

Wettbewerb und Ego. Patañjalis Yoga zielt auf das Stillwerden der Ich-Regungen; die ersten beiden Glieder (yama, niyama) verlangen Gewaltlosigkeit, Nicht-Anhaften und Selbstbescheidung. Eine Haltungspraxis, die nach immer schwierigeren, fotogeneren, bewunderten Stellungen strebt, kann genau das Gegenteil nähren: Ehrgeiz, Vergleich, die Sucht nach Bewunderung. Wo das Āsana zum Leistungsausweis wird — gar zum Wettbewerb —, arbeitet es dem eigenen Ziel entgegen und füttert eben jenes Ego, das es auflösen sollte.

Verletzungen. Das Streben nach extremen Stellungen ohne geduldige Vorbereitung führt zu körperlichem Schaden: überlastete Knie aus dem erzwungenen Lotossitz, Bandscheiben- und Schulterverletzungen aus ehrgeizigen Umkehr- und Rückbeugehaltungen, Nackenschäden aus dem Kopfstand. Die klassische Bestimmung sthira-sukham — fest und angenehm — ist genau die Schutzregel dagegen: Eine Haltung, die nicht zugleich stabil und schmerzfrei ist, ist noch kein Āsana. Wo sukha (das Angenehme, Mühelose) dem Ehrgeiz geopfert wird, verfehlt die Praxis ihre eigene Definition.

Verlust des meditativen Ziels. Die umfassendste Kritik bündelt die übrigen: Das Āsana droht sein Ziel zu vergessen. Es war nie für sich selbst da, sondern um den Körper zu bereiten — für das Prāṇāyāma, für das Zurückziehen der Sinne, für die Sammlung, für die Versenkung. Eine Praxis, die bei der Haltung stehenbleibt und den Weg nach innen nicht antritt, hat das Werkzeug zum Zweck gemacht. Die Lehrer der Tradition mahnen darum unablässig, das Āsana als das zu nehmen, was es ist: nicht das Ganze, sondern die Schwelle.

Fazit

Die Geschichte des Āsana ist die Geschichte einer Verschiebung — vom Sitz zur Haltung, vom Mittel zum vermeintlichen Zweck. In seiner ältesten Schicht ist Āsana der eine, ruhige, lange durchgehaltene Sitz, in dem die Meditation stattfindet: sthira-sukham āsanam, fest und angenehm, ein Körper, der still genug wird, um vergessen zu werden. Das Hatha-Yoga weitete diesen Sitz zu einer Vielfalt von Haltungen, die den Körper kräftigen, reinigen und den Fluss des Prāṇa ordnen — ohne doch das alte Ziel aufzugeben. Erst das moderne Haltungs-Yoga rückte das Āsana ins Zentrum und drohte den Sitz hinter dem Strom der Stellungen verschwinden zu lassen.

Der Vergleich mit anderen Wegen zeigt, dass die Frage nach der rechten Körperhaltung der Versenkung universal ist: der Lotossitz des Buddha und das Zazen des Zen, die kniende, stehende, sich niederwerfende Andacht des Christentums, die durchschrittene Folge aus rukūʿ und sujūd im islamischen Gebet, die drehende und gedenkende Körperpraxis der Sufis — sie alle bezeugen, dass der Leib am inneren Vollzug teilhat, dass die Haltung des Körpers die Haltung der Seele trägt. Ob in der Ruhe des Sitzes oder in der Bewegung des Tanzes: Der Körper ist Tempel und Träger, nicht Hindernis.

Darin liegt das bleibende Maß, an dem sich jede Haltungspraxis messen lässt. Das Āsana ist nicht die schwierigste Stellung, sondern die Haltung, in der der Körper fest und angenehm zugleich wird und das Tor zur Stille öffnet. Wo es das tut, ist auch die einfachste Haltung — der angenehme Sitz Sukhāsana — vollkommenes Āsana. Wo es das vergisst, bleibt auch die kunstvollste Pose bloße Gymnastik.