Die Dogon und das Sirius-Mysterium: Behauptung, kultureller Kontext und wissenschaftliche Kritik
Die Nommo-/Sirius-Erzählungen der Dogon, die Feldforschung von Griaule und Dieterlen und Robert Temples Behauptung; mit der Kritik von van Beek, Sagan und Brosch die Beleglosigkeit der These einer „uralten fortgeschrittenen Astronomie".
Definition und allgemeiner Rahmen
Die Dogon und das Sirius-Mysterium ist ein umstrittenes Thema, in dem sich die Kosmologie- und Schöpfungserzählungen des Dogon-Volkes, das in Westafrika, in der mittleren Region Malis an den Steilwänden von Bandiagara lebt, mit der Mitte des 20. Jahrhunderts diesen Erzählungen zugeschriebenen Behauptung eines „fortgeschrittenen astronomischen Wissens" überschneiden. Im Zentrum der Behauptung steht die Annahme, die Dogon hätten gewusst, dass der hellste Stern des Himmels, der Sirius (in der Dogon-Sprache sigi tolo), einen mit bloßem Auge unsichtbaren „schweren und unsichtbaren Gefährten" (po tolo) besitze. Die populäre Literatur hat diesen Gefährten mit dem in der modernen Astronomie als Sirius B bekannten Weißen Zwerg gleichgesetzt; daraus hat sie die Schlussfolgerung gezogen, dieses Wissen sei den Vorfahren der Dogon von den Sternen kommenden Wesen (Nommo) übermittelt worden.
Diese Notiz behandelt das Thema notwendigerweise zweischichtig. Die erste Schicht beschreibt mit Respekt den eigenen inneren Reichtum der Dogon-Kultur, die Tiefe der Schöpfungsmythologie und die geistige Bedeutung, die diese Erzählungen für ein Volk tragen. Die zweite Schicht legt in neutraler Sprache dar, warum die Behauptungen einer „uralten fortgeschrittenen Astronomie" und eines „außerirdischen Kontakts" aus wissenschaftlicher und anthropologischer Sicht beleglos sind, aus welchen methodischen Mängeln sie herrühren und welche plausibleren Erklärungen es gibt. Der Platz des Themas innerhalb der Debatten um Kosmische Spiritualität und die Prä-Astronautik-Theorie ist bestimmend; denn das Dogon-Sirius-Beispiel ist zu einem der meistzitierten „Beweise" des modernen „antike Astronauten"-Diskurses geworden.
Schon in diesen einleitenden Sätzen ist die grundlegende Unterscheidung zu betonen: Dass die Mythologie einer Kultur bedeutsam, tief und wertvoll ist, und dass diese Mythologie eine Behauptung über eine physisch-historische Tatsache trägt, sind völlig verschiedene Dinge. Die Dogon-Kosmologie ist im ersten Fall außerordentlich reich; im zweiten Fall aber, also wenn es um die Behauptung „verborgener astronomischer Daten" geht, können die vorliegenden Belege diese Behauptung nicht tragen. Die gesamte Notiz beruht auf der sorgfältigen Wahrung dieser Unterscheidung.
Das Dogon-Volk und der kulturelle Kontext
Die Dogon sind ein Volk, das sich in der malischen Region Mopti, besonders entlang der Steilwände von Bandiagara (Falaise de Bandiagara), niedergelassen und eine eigene Sprachfamilie, Architektur und ein eigenes religiöses System entwickelt hat. Man nimmt an, dass sie vermutlich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert aus den islamisierten Ebenen flohen und in dieser schroffen Felsregion Zuflucht suchten; die Tellem-Bauten, deren Spuren heute noch an den hohen Punkten der Steilwände zu sehen sind, sind die Überreste der Siedler, die ihnen vorausgingen. Die Dogon-Gesellschaft beruht auf dem Ackerbau (besonders Hirse), einer komplexen Verwandtschaftsordnung, den toguna genannten Versammlungshäusern der Männer und einem reichen Ritualkalender. Ihre Maskentraditionen, ihre Holzskulpturkunst und ihre mündliche Literatur zählen zu den feinsinnigsten kulturellen Erbschaften Westafrikas; deshalb stehen die Dogon-Siedlungen und die Region Bandiagara auf der Liste des UNESCO-Welterbes.
Im Zentrum der Dogon-Religion steht die alle sechzig Jahre gefeierte Sigui-Zeremonie. Diese Zeremonie ist das Gedenken an Tod und Wiedergeburt, an den Tod des ersten Ahnen und an die Übermittlung der Sprache (des Wortes) an die Menschheit. Sie wird mit den von Generation zu Generation weitergegebenen olubaru-Geheimnissen, mit großen, schlangenförmig aus Holz geschnitzten Masken und einem langen Vorbereitungsprozess in Gestalt eines Zuges vollzogen, der nacheinander von Dorf zu Dorf voranschreitet. Die Verknüpfung der sechzigjährigen Periode des Sigui mit Sirius (oder, wie behauptet, mit seinem unsichtbaren Gefährten) ist zu einer der Hauptstützen des Mysterium-Diskurses geworden. Doch hier ist Vorsicht geboten: Die sechzigjährige Periode ist in der Dogon-Kosmologie auch unabhängig von Sirius eine grundlegende Zähleinheit und wird weitgehend mit dem Rhythmus der menschlichen Generationen verbunden, also mit dem menschlichen Lebensmaß, nach dem eine Person das Sigui erlebt, das nächste aber nicht mehr erreichen kann. Die wahre Umlaufperiode von Sirius B beträgt hingegen etwa fünfzig Jahre; selbst die Diskrepanz zwischen dem sechzigjährigen Sigui und dieser Zahl ist eine der Einzelheiten, die die Behauptung eines „präzisen astronomischen Wissens" schwächen.
In der Dogon-Mythologie sind die Nommo die vom schöpferischen Himmelsgott Amma erschaffenen, mit dem Wasser gleichgesetzten, zwillingshaften und zweigeschlechtlichen Urwesen. Die Nommo sind Träger der Ordnung, der Fruchtbarkeit, des Wassers und des Wortes (der Sprache); in den meisten Erzählungen sind sie eine Erlöser-Ahnen-Gestalt, die geopfert und zerstückelt, dann wiederbelebt wird und so die kosmische Ordnung und die menschliche Gesellschaft ermöglicht. Auch wenn populäre Bücher die Nommo als „im Wasser lebende, fischähnliche außerirdische Lehrer" umgedeutet haben, ist Nommo im Dogon-Kontext in erster Linie ein kosmogonisches und geistiges Prinzip; es ist Teil einer tiefen Symbolik, die mit dem Wasser, der Fruchtbarkeit, dem Thema der Zwillingshaftigkeit und Ganzheit, mit der Geburt des Wortes und der Ordnung zu tun hat. In der Dogon-Schöpfungserzählung finden sich zudem äußerst vielschichtige Motive: dass sich das Universum aus einem von Amma geworfenen Samen, einem „Ei" entfaltet; dass die Gestalt yurugu (der fahle Fuchs) der Unordnung die Ordnung stört; und dass das Wort in drei Stufen (trocken, feucht, vollkommen) zur Menschheit herabsteigt. Dieser Reichtum zeigt, dass die Dogon-Religion ein eigenständiges intellektuelles System ist.
Dieser symbolische Reichtum trägt aus Sicht der vergleichenden Mythologie interessante Parallelen zu Wasser-Weisheits-Gestalten wie Oannes in Mesopotamien; doch sind diese Parallelen nicht als unmittelbarer historischer Kontakt, sondern als gemeinsame Muster der menschlichen Vorstellungskraft zu lesen. Dass das Wasser mit Fruchtbarkeit und Wissen, das Wort mit der Schöpfung gleichgesetzt wird, ist ein Thema, das vielerorts auf der Welt unabhängig voneinander entstanden ist; es an eine einzige „verlorene Quelle" zu binden, ist eine überflüssige und beleglose Annahme.
Die Feldforschung von Griaule und Dieterlen
Der Ursprung der Behauptung sind die seit 1931 über Jahrzehnte hinweg fortgeführten Dogon-Feldforschungen des französischen Anthropologen Marcel Griaule (1898–1956) und seiner Schülerin und Kollegin Germaine Dieterlen (1903–1999). Griaule führte 1946 mit einem alten und blinden Dogon-Jäger namens Ogotemmêli eine Reihe von Gesprächen über dreiunddreißig Tage; diese Gespräche wurden unter dem Titel Dieu d'eau (1948; englisch Conversations with Ogotemmêli) veröffentlicht. Später legten Griaule und Dieterlen in dem Werk Le renard pâle (1965; Der fahle Fuchs) eine ausführliche „Dogon-Astronomie" zum Sirius-System vor. Diesen Texten zufolge „wussten" die Dogon, dass po tolo (der Gefährte des Sirius) überaus schwer, klein und unsichtbar sei und sich in einer fünfzigjährigen Umlaufbahn um Sirius bewege.
Hier ist ein wichtiger historisch-methodischer Punkt zu betonen: Griaule begründete eine eingehende und langfristige Tradition der teilnehmenden Beobachtung, die die vorherrschende Anthropologiemethode seiner Zeit weit übertraf, und sein Beitrag zur französischen Ethnologie ist unbestritten. Statt einer oberflächlichen Beschreibung zielte Griaule darauf ab, zur inneren Logik des Dogon-Denkens, zu seinem symbolischen System und zu seinem „tiefen Wissen" (la parole claire, das klare Wort) vorzudringen. Dieser Ansatz ist ein frühes und wertvolles Beispiel dafür, indigene Denksysteme in der Anthropologie ernst zu nehmen.
Gleichwohl stützen sich die spezifischen Daten zu Sirius auf eine sehr begrenzte Zahl von älteren Gewährsleuten (besonders Ogotemmêli und einige olubaru), und Griaules Gesprächsstil wurde so geführt, dass er die Gefahr trug, mit seinen Fragen die Antworten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Griaule war so sehr darauf fixiert, die gesuchte „systematische Kosmologie" zu finden, dass er die stückweise eintreffenden, mitunter widersprüchlichen Erzählungen zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügte; wie viel von dieser Zusammenfügung den Dogon und wie viel dem ordnenden Geist des Forschers selbst gehört, ist ungewiss. Diese methodische Fragilität bildet den Kern der Kritik, die weiter unten ausführlich behandelt wird, und ist der Punkt, an dem eine kritische Bewertung zwingend wird.
Robert Temple und „The Sirius Mystery"
Die Person, die das Thema aus dem Kreis der akademischen Ethnologie herausholte und in ein globales Phänomen der Populärkultur verwandelte, ist der amerikanische Autor Robert K. G. Temple. Temples Buch The Sirius Mystery (Das Sirius-Mysterium) von 1976 entwickelt auf der Grundlage der Daten von Griaule und Dieterlen die folgende Behauptung: Das „Wissen" der Dogon über Sirius B könne nicht irdischen Ursprungs sein; dieses Wissen sei vor Tausenden von Jahren von wasserverbundenen, amphibischen Wesen aus dem Sirius-System übermittelt worden. Temple bringt diese Wesen nicht nur mit dem Nommo der Dogon, sondern zugleich mit dem Oannes Mesopotamiens und verschiedenen Gestalten der ägyptischen und griechischen Mythologie in Verbindung und konstruiert so eine einzige Erzählung von „aus dem Sirius kommenden Lehrern". In den späteren Auflagen seines Buches erweiterte Temple seine Behauptung und brachte vor, die Dogon hätten auch um einen „dritten Stern" und Planeten um Sirius gewusst; diese Zusätze widersprechen der astronomischen Wirklichkeit jedoch noch mehr.
Temples These verbreitete sich rasch in dem kulturellen Klima, das die breitere prähistorische Astronauten-Welle der Zeit — besonders die Bestseller Erich von Dänikens — geschaffen hatte. Das Buch wurde zu einem der Ecksteine des populären Diskurses, der UFO- und UAP-Erzählungen mit antiken Mysterien verband, und erreichte über Fernsehdokumentationen Millionen von Menschen. An dieser Stelle ist eine kritische Mahnung nötig: Die Verbreitung und die kulturelle Anziehungskraft einer Behauptung sind kein Beweis für ihre Wahrheit. Eine Idee mag eine noch so breite Masse erreichen — ihre wissenschaftliche und historische Prüfung kann nur durch Belege erfolgen; und wie unten zu sehen sein wird, ist dieser Beleg nicht vorhanden.
Moderne Astronomie: Was ist Sirius B in Wirklichkeit?
Bevor wir zur wissenschaftlichen Bewertung übergehen, ist die astronomische Tatsache zu klären. Sirius ist mit etwa 8,6 Lichtjahren Entfernung von der Erde der hellste Stern des Himmels und in Wirklichkeit ein Doppelsternsystem. Die helle Komponente Sirius A ist ein Hauptreihenstern. Sein Gefährte Sirius B hingegen ist ein Weißer Zwerg: ein höchst dichter Sternüberrest, von einer Masse nahe der Sonne, aber auf Erdgröße zusammengepresst. Ein Teelöffel Weiße-Zwerg-Materie entspricht unter Erdbedingungen einem Gewicht von Tonnen; diese außerordentliche Dichte konnte erst mit der Quantenphysik des 20. Jahrhunderts (dem Entartungsdruck der Elektronen) erklärt werden.
Sirius B wurde 1844 von Friedrich Bessel aus den Unregelmäßigkeiten in der Himmelsbewegung des Sirius mathematisch vorhergesagt; erstmals beobachtet wurde er 1862 vom amerikanischen Teleskopbauer Alvan Graham Clark mit einem der größten Linsenteleskope jener Zeit. Die Natur der Weißen Zwerge wiederum wurde erst zwischen 1910 und 1930 aufgeklärt, als man die Sternentwicklung und die Quantenstatistik verstand.
Diese Chronologie ist entscheidend: Sirius B ist mit bloßem Auge definitiv nicht zu sehen (er ist ein im Licht des hellen Sirius A verschwindendes, mattes Objekt um die 8. Größenklasse), und das Wissen, dass er „schwer, klein, dicht" ist, konnte erst mit der teleskopischen Astronomie und Physik des 19. Jahrhunderts und danach gewonnen werden. Daher erfordert die Behauptung, „ein altes Volk habe dieses Wissen vor Tausenden von Jahren besessen", falls sie zuträfe, in der Tat eine außergewöhnliche Erklärung. Mit dem berühmten Prinzip Carl Sagans: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege. Und wie unten zu sehen sein wird, ist dieser Beleg nicht vorhanden.
Wissenschaftliche Bewertung und kritische Betrachtung
Dieser Abschnitt bildet die zweite, kritische Schicht des Themas und behandelt systematisch, warum die Behauptung wissenschaftlich und anthropologisch nicht zu begründen ist. Das Ziel ist nicht, die Dogon-Kultur herabzuwürdigen; im Gegenteil, es geht darum, zu verhindern, dass ein ihr zu Unrecht aufgebürdeter Diskurs einer „außerirdischen Quelle" das eigene schöpferische kulturelle Erbe der Dogon überschattet. Dies bedeutet, dass der Respekt vor der Wahrheit und der Respekt vor der Kultur zugleich gewahrt werden.
1. Unsichtbarkeit mit bloßem Auge und das Problem des Anachronismus
Die grundlegendste Schwäche der Behauptung wurde oben benannt: Sirius B ist mit bloßem Auge nicht zu sehen, und seine Eigenschaft als „dichter, schwerer Weißer Zwerg" lässt sich nur mit der modernen Astrophysik erkennen. Dafür, dass eine Kultur ohne Teleskop und ohne die Begriffe der modernen Physik zu einem solchen Wissen gelangt, gibt es keinen bekannten, realen Mechanismus. Die Annahme „außerirdischer Lehrer" wird vorgebracht, um diese Lücke zu füllen; doch ist dies keine Erklärung, sondern die zu beweisende Behauptung selbst. Das heißt, das zu Erklärende (der außerirdische Kontakt) wird an die Stelle der Erklärung gesetzt, und es wird zirkulär geschlossen. In der wissenschaftlichen Methode gilt es nicht als gültiger Beleg, eine Lücke mit „noch nicht erklärbar, also gibt es einen außergewöhnlichen Grund" zu füllen (Schluss nach Art des Lückenbüßer-Gottes).
2. Die Kritik Carl Sagans
Carl Sagan behandelt in seinem Werk Broca's Brain (1979) die Dogon-Sirius-Behauptung ausführlich. Sagans entscheidende Beobachtung lautet: Hätten die Dogon fortgeschrittene astrophysikalische Einzelheiten wie die Dichte von Sirius B wirklich von „Außerirdischen" gelernt, so wäre zu erwarten, dass sie auch über weit grundlegendere und leichter zu übermittelnde Kenntnisse verfügten. Doch besitzen die Dogon kein stimmiges Wissen über die mit bloßem Auge unsichtbaren, jenseits des Saturn liegenden Planeten Uranus und Neptun, mochten diese auch später entdeckt worden sein. Sagan vertritt die weit plausiblere Erklärung des kulturellen Kontakts: Das Wissen könnte nicht von den Sternen, sondern von europäischen Quellen stammen, die im 19. und 20. Jahrhundert mit den Dogon in Kontakt traten. Diese Kritik Sagans ist eine vorbildliche Anwendung der Tradition der wissenschaftlichen Skepsis und konkretisiert das Prinzip „Um eine Behauptung zurückzuweisen, gilt es nicht, sie schlechtzumachen, sondern eine bessere Erklärung zu liefern".
3. Ian Ridpath und die inneren Widersprüche
Der Astronomieautor Ian Ridpath (1978) stellt fest, dass die Dogon-Sirius-Legende „voller Ungewissheiten, Widersprüche und offenkundiger Fehler" sei. Manche Einzelheiten in den Texten von Griaule und Dieterlen (andere Sterne des Sirius, Elemente wie emme ya tolo) decken sich nicht mit der modernen Astronomie; die vorhandenen „Treffer" werden ausgewählt und hervorgehoben, während die „Fehlschläge" übergangen werden. Dies ist ein typisches Beispiel des Bestätigungsfehlers (der geistigen Neigung, nur die die These stützenden Daten auszuwählen und das Gegenteilige auszuscheiden). Hat eine Erzählung hinreichend viele Einzelheiten, so ist es unausweichlich, dass ein Teil von ihnen „zufällig" mit dem modernen Wissen übereinstimmt; die methodologische Redlichkeit erfordert, dass auch die nicht übereinstimmenden Teile in Rechnung gestellt werden.
4. Bernard Ortiz de Montellano und die Zuverlässigkeit der Quellen
Der Anthropologe Bernard Ortiz de Montellano hat ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit der grundlegenden Daten von Griaule und Dieterlen geäußert. Die Daten stützen sich auf eine geringe Zahl von Gewährsleuten, sind nicht unabhängig bestätigt, und Griaules Gesprächsmethode trägt eine Struktur, die geeignet ist, die gesuchten Antworten hervorzubringen. Dies bedeutet, dass „ein außergewöhnliches Ergebnis auf einer höchst fragilen Datenbasis ruht". In der wissenschaftlichen Epistemologie kann die Stärke einer Behauptung nicht größer sein als die Stärke des sie tragenden Belegs; aus einer schwachen und nicht wiederholbaren Datenlage lässt sich kein außergewöhnliches Ergebnis ableiten.
5. Walter van Beeks Neuuntersuchung (Kontamination und Lenkung)
Die entscheidendste Kritik stammt aus der erneuten Feldforschung des Anthropologen Walter E. A. van Beek, die er in den 1980er Jahren durchführte und unter dem Titel „Dogon Restudied" (1991) in der Zeitschrift Current Anthropology veröffentlichte. Obwohl van Beek jahrelang unter den Dogon lebte und in den Gebieten, in denen Griaule gearbeitet hatte, mit einem breiten Spektrum von Gewährsleuten sprach, konnte er die von Griaule und Dieterlen beschriebene ausführliche „Sirius-Astronomie" nicht bestätigen. Nach van Beeks Befunden:
- Die Dogon kennen Sirius als einen wichtigen Stern; doch gibt es keinen Beleg dafür, dass sie ihn als einen Doppelstern sähen oder dass die Astronomie in ihren Glaubenssystemen eine zentrale Rolle spiele.
- Das von Griaule gewonnene „systematische" Wissen ist höchstwahrscheinlich das gemeinsame Erzeugnis seines lenkenden Gesprächsstils, seiner eigenen Erwartungen und der langen, intensiven Beziehung zu den Gewährsleuten; das heißt, der Forscher könnte das gesuchte Muster, ohne es zu merken, selbst konstruiert haben. Die Gewährsleute könnten, um den von ihnen geachteten und langjährig bekannten Forscher zufriedenzustellen, Antworten erzeugt haben, die seinen Erwartungen entsprachen.
- Die Dogon-Kosmologie ist wirklich und reich; doch konnte die Schicht einer „verborgenen fortgeschrittenen Astronomie" bei den unabhängigen Gewährsleuten der Generation nach Griaule nicht wiedergefunden werden.
Dies ist eines der in die Lehrbücher eingegangenen Beispiele für das Problem der „forscherbedingten Kontamination" und des „gelenkten Wissens" in der Anthropologie. In der Wissenschaft bemisst sich die Gültigkeit eines Befundes an seiner Reproduzierbarkeit; eine Datenlage, die sich unabhängig von der Erwartung des Beobachters nicht reproduzieren lässt, bietet, so ausführlich sie auch sein mag, keine solide Grundlage.
6. Noah Brosch und die Hypothese der kulturellen Übermittlung (die Finsternis-Expedition von 1893)
Die plausibelste irdische Erklärung für die Behauptung hat der Astronom Noah Brosch (2008) geliefert. Brosch zufolge könnte das modern anmutende Wissen der Dogon über Sirius von europäischen Beobachtern übermittelt worden sein, die Ende des 19. Jahrhunderts in die Region kamen. Insbesondere bot der etwa fünfwöchige Aufenthalt eines von dem französischen Astronomen Henri Deslandres geleiteten Teams in der Region zur Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 16. April 1893 eine ausreichende Gelegenheit für intensiven Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung und für die Übermittlung des aktuellen astronomischen Wissens (einschließlich dessen, dass Sirius ein Doppelstern ist). Damals war die Doppelsternnatur des Sirius ein aktuelles und aufregendes Thema der Astronomen; dass dieses Wissen im Gespräch mit am Himmel interessierten Einheimischen geteilt wurde, ist höchst wahrscheinlich. Diese Hypothese erklärt die vorliegenden Daten auf ökonomische Weise, ohne dass eine außergewöhnliche Annahme wie „Außerirdische" nötig wäre — und das ist der in der wissenschaftlichen Methode bevorzugte Ansatz (Ockhams Rasiermesser: überflüssige Annahmen nicht zu vermehren).
7. Fazit: Die Behauptung ist beleglos, die Kultur aber wirklich und wertvoll
Das gemeinsame Ergebnis all dieser Kritikpunkte ist eindeutig: Die Behauptung „Die Dogon besaßen eine uralte fortgeschrittene Astronomie und erhielten sie von Außerirdischen" konnte wissenschaftlich nicht begründet werden. Die stärksten vorliegenden Erklärungen sind, (a) dass die Daten vom Forscher gelenkt/kontaminiert wurden und (b) dass das moderne astronomische Wissen durch die Kontakte des 19. und 20. Jahrhunderts übermittelt wurde. Diese Bewertung schmälert die Dogon-Kultur in keiner Weise; im Gegenteil, sie betont, dass die Nommo-Mythologie, die Sigui-Zeremonie und die Dogon-Kosmogonie an sich ein überaus reiches, originelles und für die Menschheit wertvolles geistiges Erbe sind. Um die Weisheit eines Volkes zu schätzen, muss man ihr keine außerirdische Quelle zuschreiben; im Gegenteil, eine solche Zuschreibung verwandelt sich oft in eine — wenn auch ungewollt — herabwürdigende Haltung, die die eigene Schöpferkraft und das eigene Wissen dieses Volkes unsichtbar macht.
Vergleichender und theoretischer Rahmen
Das Dogon-Sirius-Beispiel ist aus Sicht der Studien zur modernen Mythologie lehrreich. Was wir hier beobachten, ist die Umrahmung einer uralten Volkserzählung durch ein modernes kulturelles Bedürfnis (die Suche nach kosmischem Sinn, die Sehnsucht nach „verlorener Weisheit", der Wunsch, das Heilige im technologischen Zeitalter wiederzufinden). Aus der Perspektive der Archetypen-Theorie Carl Jungs betrachtet, lässt sich das Motiv der „von den Sternen kommenden Wasser-Lehrer" als eine moderne Erscheinung des weisheitbringenden Erlöser-Ahnen-Archetyps lesen; diese Gestalt, die zwischen Himmel und Erde eine Brücke schlägt, tritt in vielen Kulturen unabhängig voneinander auf. Daher könnte die Oannes-Nommo-Ähnlichkeit nicht eine gemeinsame historische Quelle, sondern ein gemeinsames psychologisch-symbolisches Muster widerspiegeln. Jung selbst hat das UFO-Phänomen als einen modernen, an den Himmel projizierten Archetyp der Ganzheit und Erlösung gedeutet.
Im selben Rahmen trägt das Thema auch Parallelen zur Plejaden-Spiritualität und zu anderen Erzählungen von „Sternenahnen": Der Mensch hat den Himmel stets zu einer Leinwand der Suche nach Ursprung und Sinn gemacht. Von den australischen Aborigines bis zu den nordamerikanischen Ureinwohnern, vom alten Ägypten bis nach Mesopotamien haben viele Kulturen eine Verbindung zwischen den Sternen und Abstammung, Schicksal und Heiligkeit geknüpft. Diese universelle Neigung ist mit Respekt zu verstehen; doch dürfen die beschreibende Mythologie und die physisch-historische Behauptung nicht miteinander verwechselt werden. Die Linie zwischen der vergleichenden Mythologie und der Archäoastronomie tritt eben hier — am Beweisstandard — hervor: Dass eine Kultur dem Himmel Sinn verleiht (mythologische Wirklichkeit) und dass diese Kultur moderne astrophysikalische Tatsachen kennt (physische Behauptung), sind grundverschiedene Kategorien.
Darin liegt auch der Wert des Themas aus Sicht der vergleichenden Spiritualität: Das Dogon-Beispiel ist ein Fallbeispiel, das zeigt, wie der Mythos einer „verlorenen uralten fortgeschrittenen Wissenschaft" konstruiert wird und warum dieser Mythos zugleich anziehend und irreführend ist. Der Respekt vor dem gemeinsamen geistigen Erbe der Menschheit ist nur möglich, wenn jede Tradition in ihrem eigenen Kontext und in ihrer eigenen Sprache verstanden wird; die Ergebnisse einer anderen Tradition (der modernen Wissenschaft) ihr rückwirkend aufzubürden, verzerrt sowohl diese Tradition als auch die Wissenschaft.
Der Platz des Sirius in der Antike und der Diskurs der „uralten fortgeschrittenen Wissenschaft"
Um die Dogon-Behauptung in ihren Kontext zu stellen, ist es nützlich, sich an die wirkliche und belegbare kulturelle Bedeutung des Sirius in der Menschheitsgeschichte zu erinnern. Da Sirius der mit bloßem Auge sichtbare hellste Stern ist, hat er in nahezu jeder Kultur der Welt Aufmerksamkeit erregt und in vielen Kalendern und Mythologien eine zentrale Rolle gespielt. Im alten Ägypten wurde Sirius mit der Göttin Sopdet (griechisch Sothis) gleichgesetzt; das Wiedererscheinen des Sterns am Horizont kurz vor Morgengrauen nach einer etwa einmonatigen Unsichtbarkeitsperiode (der heliakische Aufgang) galt als Vorbote der lebenspendenden jährlichen Nilflut. Diese Beobachtung war eine der Hauptstützen des ägyptischen Kalenders und beruhte auf einer höchst praktischen, beobachtenden Astronomie. Der wichtige Punkt ist: Die Bedeutung, die die Ägypter dem Sirius beimaßen, beruht auf wirklichen Beobachtungen mit bloßem Auge; nicht auf teleskopisch-physikalischem Wissen wie der Dichte eines unsichtbaren Gefährtensterns.
Diese Unterscheidung erhellt das allgemeine Problem des Diskurses der „uralten fortgeschrittenen Wissenschaft". In der Menschheitsgeschichte gibt es beobachtungsgestützte, mit bloßem Auge zugängliche, überaus ausgefeilte astronomische Traditionen — die babylonische, die Maya-, die altchinesische, die griechische und die islamische Astronomie sind Beispiele dafür; das sind wirkliche und beeindruckende Leistungen. Doch neigt der „antike Astronauten"-Diskurs dazu, diese wirklichen Leistungen zu übergehen und „unmögliche Kenntnisse" zu erfinden, die entweder nie existierten oder weit einfacher erklärbar sind. Die Prä-Astronautik-Theorie würdigt damit den wirklichen intellektuellen Reichtum vergangener Kulturen nicht, sondern verweist ihn an eine außerirdische Quelle und wertet ihn paradoxerweise ab. Das Dogon-Sirius-Mysterium ist eines der reinsten Beispiele dieses Diskursmusters: Ein nicht vorhandenes (oder nachträglich übermitteltes) „unmögliches Wissen" wird auf eine wirkliche und wertvolle Kultur projiziert.
An dieser Stelle lässt sich eine Parallele zur Literatur der UFO-/UAP-Fälle ziehen. Sowohl die Dogon-Sirius-Behauptung als auch viele UFO-Erzählungen gewinnen ihre Anziehungskraft aus dem Rahmen einer „von der offiziellen Wissenschaft verborgenen oder übersehenen Wahrheit". Doch zeigt die kritische Untersuchung meist statt einer verborgenen Wahrheit methodische Fehler, ausgewählte Daten und die starke psychologische Dynamik der menschlichen Sinnsuche. Das heißt nicht, dass die Wahrheit langweilig wäre; im Gegenteil, die wirkliche Dogon-Kosmologie und die wirkliche Geschichte der Astronomie sind weit reicher und menschlicher als eine erfundene Erzählung von „außerirdischem Kontakt".
Verantwortungsvoller Umgang und die eigene Stimme der Dogon
Das Thema hat auch eine ethische Dimension. Das Dogon-Volk ist über Jahrhunderte unter der Linse von außen kommender Reisender, Kolonialverwalter, Anthropologen und schließlich „Mysterienjäger" dargestellt worden. In den meisten dieser Darstellungen wurden die Dogon nicht mit ihrer eigenen Stimme, sondern mit den Erwartungen und Fantasien anderer erzählt. Das Klischee vom „Stamm, der von Außerirdischen Wissen erhielt" macht die Dogon, so faszinierend es auch erscheinen mag, weniger zu einem Subjekt des Wissens als zum Objekt einer von außen errichteten Erzählung. Ein respektvoller Umgang erfordert, die Kosmologie der Dogon mit ihren eigenen Begriffen zu verstehen; sie nicht, um sie zu bestätigen oder zu widerlegen, auf die Frage „Kannten sie Sirius B?" zu reduzieren.
Die zeitgenössische Anthropologie rückt von der Suche der Griaule-Zeit nach dem „einen großen System" ab und betont den pluralen, regionalen und dynamischen Charakter der Dogon-Religion. Verschiedene Dörfer, verschiedene Klane und verschiedene Generationen erzählen die Mythen auf verschiedene Weise; diese Vielfalt ist kein „Mangel", sondern der natürliche Reichtum einer lebendigen mündlichen Kultur. Die Suche nach einer „präzisen und verborgenen Doktrin" zu Sirius ist eben eine von außen aufgezwungene Erwartung, die diese lebendige Pluralität übersieht. Daher ist die kritische Bewertung zugleich eine Sache der wissenschaftlichen Redlichkeit und eine Geste des Respekts gegenüber den Dogon: Sie befreit sie von der Last einer Wundererzählung, die nicht die ihre ist, und macht ihre wirkliche kulturelle Schöpferkraft sichtbar.
Gesamtbewertung
Die Dogon und das Sirius-Mysterium ist ein Thema, das aus der Überlagerung dreier verschiedener Dinge entsteht: (1) einer wirklichen und reichen Dogon-Kosmologie, (2) einer methodisch umstrittenen Ethnographie der Mitte des 20. Jahrhunderts (Griaule und Dieterlen) und (3) eines populären Buches, das diese Ethnographie in eine außergewöhnliche Behauptung verwandelt (Temple). Diese drei Schichten voneinander zu trennen, ist sowohl aus Respekt vor der Dogon-Kultur als auch aus wissenschaftlicher Redlichkeit zwingend.
Auf der Respekt-Schicht verdienen es die Nommo-Mythologie der Dogon, die Sigui-Zeremonie und die Wasser-Fruchtbarkeits-Symbolik, als eines der feinsinnigsten geistigen Systeme der Menschheit behandelt zu werden. Auf der kritischen Schicht ist hingegen klar zu benennen, dass die Behauptung einer „uralten fortgeschrittenen Astronomie" und eines „außerirdischen Kontakts" durch eine Reihe sorgfältiger Untersuchungen — von Sagan über Ridpath, von Ortiz de Montellano über van Beek bis zu Brosch — widerlegt wurde. Die beiden Schichten widersprechen einander nicht; im Gegenteil, für einen redlichen Blick sind beide nötig.
Aus methodologischer Sicht ist der Dogon-Sirius-Fall auch ein lehrreiches Beispiel für die zeitgenössische Wissensmündigkeit. Der Weg, den eine Behauptung nimmt, lässt sich so zusammenfassen: Zuerst werden reiche, aber methodisch fragile Daten gesammelt (Griaule und Dieterlen); dann werden diese Daten aus ihrem Kontext gerissen und durch Auswahl ihrer auffälligsten Teile zu einer außergewöhnlichen These gemacht (Temple); danach gerät diese These über die Massenmedien und Dokumentationen wie eine „allen bekannte Tatsache" in Umlauf. Auf jeder Stufe erscheint das Wissen etwas gewisser und etwas weiter von der Wirklichkeit entfernt. Das kritische Denken lehrt, jedes Glied dieser Kette einzeln zu hinterfragen; die Frage zu stellen „Wer sagt was auf welchen Beleg gestützt?". Diese Kompetenz ist nicht nur für die UFO-/ET-Debatten, sondern für das gesamte Informationsumfeld unserer Zeit kostbar.
Diese Notiz bildet zusammen mit den Notizen über Roswell, die Entführungserzählungen und die Nazca-Linien ein Fallbeispiel, das zeigt, wie der moderne UFO-/ET-Diskurs konstruiert wird und wie dieser Diskurs durch das wissenschaftlich-kritische Sieb geführt werden sollte. Die Suche nach der Wahrheit erfordert weder, den Wert der kulturellen Erzählung zu leugnen, noch, beleglose Behauptungen als Tatsachen auszugeben; die ausgewogene, redliche und sowohl dem Menschen als auch dem Beleg gegenüber respektvolle Position zwischen beiden ist die Grundhaltung dieser Notiz. Der Blick der Dogon zu den Sternen ist ein wertvoller Teil der jahrtausendealten Sinnbeziehung, die die Menschheit zum Himmel geknüpft hat; und um diesen Wert zu erkennen, ist es ganz und gar nicht nötig, ihm einen außerirdischen Ursprung zuzuschreiben.