Seele, Selbst & Anthropologie

Carl Gustav Jung

Schweizer Psychiater (1875-1961), Begründer der analytischen Psychologie; ein Denker des 20. Jahrhunderts, der mit den Konzepten des kollektiven Unbewussten, der Archetypen und der Individuation Spiritualität und Psychologie synthetisierte.

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Leben

Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 — 6. Juni 1961), Schweizer Psychiater und Denker; als Begründer der analytischen Psychologie (Analytische Psychologie) hat er die Synthese von Spiritualität und Psychologie in der modernen Welt am tiefgründigsten erforscht. Er wurde im Dorf Kesswil am Schweizer Ufer des Bodensees als Sohn eines protestantischen Pfarrers (Paul Achilles Jung) geboren. Seine Mutter Emilie Preiswerk war eine introvertierte Frau, die eine intensive Beziehung zum seelischen Bereich pflegte; diese Bipolarität prägte die Atmosphäre von Jungs früher Kindheit. Wie er später in seiner Autobiographie Erinnerungen, Träume, Gedanken (1962) schildern sollte, beobachtete er als Kind zwei voneinander getrennte Persönlichkeiten in sich: die Persönlichkeit Nr. 1, den alltäglichen Schüler, und die Persönlichkeit Nr. 2, die den Eindruck eines weisen alten Mannes erweckte, der aus den Tiefen der Vergangenheit sprach. Diese innere Zweiheit enthält den Keim der gesamten Topographie — Ich, Schatten, Selbst —, die er später entwickeln sollte.

1895 begann er an der Universität Basel sein Medizinstudium. Gegen Ende seiner medizinischen Ausbildung wandte er sich der Psychiatrie zu, einem zu jener Zeit vernachlässigten Gebiet; ein offenbarungsartiger Augenblick beim Lesen von Richard von Krafft-Ebings Lehrbuch der Psychiatrie bestimmte die Richtung seines Lebens. 1900 trat er an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli bei Zürich als Assistent bei Eugen Bleuler an, dem Schöpfer des Begriffs Schizophrenie. 1903 heiratete er Emma Rauschenbach; diese Verbindung brachte fünf Kinder und eine lebenslange intellektuelle Partnerschaft hervor. Emma Jung sollte später eigenständige Arbeiten über die Gralslegende (Graal) und den Animus-Archetyp vorlegen.

Begegnung und Bruch mit Freud

Jung begann 1906 einen Briefwechsel mit Sigmund Freud; als sie sich am 3. März 1907 in Wien zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht begegneten, sollen sie dreizehn Stunden ununterbrochen gesprochen haben. Freud sah in ihm seinen „Sohn, Nachfolger und Kronprinzen". 1910 wurde Jung zum ersten Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) gewählt. Doch das 1912 veröffentlichte Buch „Wandlungen und Symbole der Libido" (das später unter dem Titel Symbole der Wandlung neu bearbeitet werden sollte) brachte den Riss zwischen ihm und Freud zum Vorschein. Für Freud war die Libido allein sexuelle Energie; für Jung hingegen bedeutete Libido allgemeine psychische Energie, die sich symbolischen und mythologischen Wandlungen öffnete. Dies war nicht bloß eine technische Differenzierung, sondern zwei verschiedene Ontologien hinsichtlich der Natur des Unbewussten: Während Freuds Unbewusstes die Abfallhalde des Verdrängten war, sollte Jungs Unbewusstes das kollektive geschichtlich-archetypische Reservoir sein. Im Januar 1913 zerbrach die persönliche Beziehung, im September 1913 die offizielle Partnerschaft.

Die Phase der „Auseinandersetzung mit dem Unbewussten" (1913-1919)

Die Jahre nach dem Bruch mit Freud waren eine Periode intensiver innerer Erschütterung, die Jung selbst als „Auseinandersetzung mit dem Unbewussten" bezeichnete. Er erlebte wiederkehrende apokalyptische Schauungen, Visionen und Dialoge über den bevorstehenden Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Technik, die er in diesem Prozess methodisierte — die aktive Imagination (aktive Imagination), das bewusste In-Dialog-Treten mit den Figuren des Unbewussten —, gehört zu seinen originellsten methodologischen Beiträgen. Die Aufzeichnungen dieser Periode trug er zunächst in die „Schwarzen Bücher" (Schwarze Bücher), dann in das große, in rotes Leder gebundene Liber Novus (Das Rote Buch) ein. Dieses Werk, an dem er 16 Jahre lang arbeitete, wurde erst 2009 unter der Herausgeberschaft von Sonu Shamdasani veröffentlicht, und es zeigt sich, dass es das persönliche Rohmaterial seines gesamten späteren theoretischen Gebäudes ist.

Reife Phase: Typen, Archetypen, Alchemie

Die 1921 veröffentlichten Psychologischen Typen legten die Typologie von Extraversion/Introversion (Extraversion/Introversion) zusammen mit den vier Grundfunktionen (Denken, Fühlen, Intuition, Empfinden) vor. Dieses System sollte später die Grundlage des Myers-Briggs-Typenindikators (MBTI) bilden. Ab den zwanziger Jahren wandte er sich östlichen Texten zu; der von Richard Wilhelm übersetzte chinesische alchemistische Text Das Geheimnis der Goldenen Blüte (1929) zeigte Jung, dass die von ihm selbst entdeckten psychischen Prozesse in den östlichen Traditionen symbolisiert waren. Dies verschaffte ihm eine äußere Bestätigung: Der von ihm beobachtete Individuationsprozess war keine persönliche Einbildung, sondern eine universelle psychische Wahrheit der Menschheit.

1925 unternahm er Reisen nach Ostafrika, 1937-38 nach Indien; er besuchte die Pueblo-Indianer in New Mexico, die ägyptischen Pyramiden und die Tempel von Madras. All diese kulturellen Kontakte lieferten der Theorie des kollektiven Unbewussten eine ethnographische Grundlage. Seine letzten zwanzig Jahre nach 1944 verbrachte er mit einer Reihe großer Werke über die abendländische Alchemie, die er allegorisch las: Psychologie und Alchemie (1944), Aion (1951), Mysterium Coniunctionis (1955-56). In diesen Werken vertrat er die These, dass die chemische Symbolik der Alchemisten in Wahrheit die Projektion der psychischen Wandlung — der Individuation sei. Er stellte eine direkte Gleichung zwischen dem Lapis Philosophorum (Stein der Weisen) und dem Selbst her.

Der Turm von Bollingen

1923 begann Jung am Ufer des Zürichsees im Dorf Bollingen, eigenhändig einen steinernen Turm zu errichten; in den folgenden vierzig Jahren fügte er neue Flügel und Stockwerke hinzu. Der Turm von Bollingen war seine „in Stein gegossene Psyche"; es gab weder Elektrizität noch Wasserleitung; mit mittelalterlichen Werkzeugen behauene Steine bildeten die Mauern. In seiner Autobiographie sagt er: „In Bollingen bin ich inmitten meines wahren Lebens, dort, wo ich am tiefsten ich selbst bin." Der Turm ist das architektonische Pendant des Mandalas, die materielle Manifestation des Selbst-Archetyps. Demgegenüber repräsentierte sein großes Haus in Küsnacht die soziale Persona, das Gesicht des Arztes und Verwalters — zwei Häuser, zwei Pole der Persönlichkeit.

Grundbegriffe

Das kollektive Unbewusste (Das kollektive Unbewusste)

Jungs radikalster Beitrag ist die These, dass sich unter Freuds individuell-biographischem Unbewussten eine gattungsmäßig-geschichtliche Schicht befindet. Diese Schicht ist nicht etwas im Laufe des individuellen Lebens Erworbenes, sondern als phylogenetisches Erbe strukturell vorgegeben. Ihre Inhalte sind die Archetypen — unfassbare, aber sich manifestierende, formgebende Potentiale.

Archetyp (Archetypus)

Jung definiert den Archetyp nicht als ein Bild, sondern als ein bilderzeugendes Potential; eine psychische Struktur, die den a priori-Kategorien Kants ähnelt. Archetypen sind an sich unerkennbar (Ding an sich); sie sind aber in ihren konkreten Manifestationen, den archetypischen Bildern (Mutter, Weiser Alter, Kind, Schelm, Held, Schatten, Anima/Animus, Selbst), wahrnehmbar. Diese Bilder wiederholen sich in Mythos, Märchen, Religion, Kunst und Traum.

Persona, Schatten, Anima/Animus, Selbst

Es sind die vier grundlegenden Durchgangsfiguren des Individuationsprozesses: Persona (die soziale Maske der Person), Schatten (das verworfene Unter-Ich), Anima-Animus (die innere Figur des Gegengeschlechts), Selbst (das Selbst, der zentrale ordnende Archetyp der Psyche). Für ihre ausführliche Behandlung siehe die gesonderte Notiz Individuation.

Synchronizität (Synchronizität)

Im Konzept der Synchronizität, das aus seinem jahrelangen Briefwechsel mit Wolfgang Pauli hervorging, vertrat Jung die These, dass bedeutungsvolle Zufälle — die nicht-kausale Entsprechung zwischen einem äußeren Ereignis und einem inneren psychischen Zustand — ein Strukturprinzip des Kosmos seien. Dies hieß, neben die klassische aristotelische Kausalität (causa efficiens) ein akausales Verbindungsprinzip zu stellen; es kann als der Grund gesehen werden, der auch dem I-Ging-Orakel, der Astrologie und der Lehre der münâsebe (Entsprechung) im Sufismus zugrunde liegt.

Verbindung zu den spirituellen Traditionen

Jung ist der bedeutendste Brückenbauer der vergleichenden Spiritualität im 20. Jahrhundert. Seine Arbeiten umspannen ein weites Feld, das von der christlichen Mystik, der jüdischen Kabbala, dem indischen Vedanta, dem Buddhismus (besonders Zen und Vajrayana), der Tao-Philosophie, dem Gnostizismus, dem Hermetismus und der Alchemie bis zum Sufismus (Tasawwuf) reicht. Nach 1933, als er an den Eranos-Tagungen teilnahm, schloss er Freundschaft mit Mircea Eliade, Karl Kerényi, Heinrich Zimmer und besonders mit Henry Corbin, der das sufische Denken dem Westen bekannt machte. Corbins Konzept des âlam al-mithâl (mundus imaginalis) weist eine tiefe strukturelle Entsprechung zu Jungs Topographie des kollektiven Unbewussten auf. Wie Corbin sagte: „Jung lieferte mir die Psychologie, ich Jung die Theologie."

Die Verbindung zum Sufismus ist besonders an zwei Punkten deutlich: (1) Die Lehre der Stufen der Seele (Nafs) (nafs al-ammâra, lawwâma, mulhima, mutmainna, râdiya, mardiyya, kâmila) trägt eine strukturelle Parallelität zu Jungs Modell der stufenweisen Wandlung (Wandlung); (2) die Lehre des „khayâl munfasil" (abgetrennte Imaginationskraft) bei Ibn Arabî erinnert an die ontologische Grundlage der Technik der aktiven Imagination.

Auf hinduistischer Seite ist die Identität von Atman und Brahman für Jung das natürliche Äquivalent des Selbst-Konzepts; doch als Unterscheidungspunkt betonte Jung stets Folgendes: Im Gegensatz zu den östlichen Traditionen müsse im Westen das Ich-Bewusstsein als geschichtliche Errungenschaft bewahrt und nicht im kollektiven Meer aufgelöst werden. Dies ist die später kritisierte These des „für den Westen gibt es keinen Osten".

Vergleichende Analyse

Jungsches Konzept Sufisch Vedanta Christlich
Selbst Sirr / Haqîqa Muhammadiyya Atman-Brahman Christos en hymin
Individuation Sayr u sulûk Moksha Theosis / deificatio
Schatten Nafs al-ammâra Avidyâ / Mâyâ Peccatum / umbra
Aktive Imagination Himma / khayâl Dhyâna Lectio divina
Mandala Dâira al-wujûd Yantra / Mandala Rosa mystica
Archetyp Aʿyân thâbita Manifestationen Ishvaras Logoi spermatikoi

Zeitgenössischer Einfluss

Jungs Denken floss nach ihm in vier großen Strömungen weiter: (1) Die klassische analytische Psychologie (Marie-Louise von Franz, Erich Neumann, Edward Edinger, Murray Stein) folgt den Gründungstexten in strenger Weise; (2) die archetypische Psychologie (James Hillman) wendet sich mit der Idee des „Seele-Machens" (soul-making) einem pluralen, polytheistischen Psyche-Modell zu; (3) die entwicklungspsychologische Schule (Michael Fordham) verbindet Jung mit der Psychoanalyse der frühen Kindheit; (4) die mythopoetische / populäre Bewegung (Joseph Campbells Die Reise des Helden, Robert Bly, Clarissa Pinkola Estés) trug die Jungsche Symbolik in breite Massen. Campbells Werk Der Heros in tausend Gestalten (1949) übersetzt Jungs Individuationskarte in den mythologischen Monomythos und formt später das Hollywood-Erzähldesign von George Lucas bis Christopher Vogler.

Auf klinischer Ebene ist Jungs Erbe der indirekte Grund heutiger Ansätze wie der transpersonalen Psychologie, der Tiefenpsychologie, des Somatic Experiencing und der Internal Family Systems (IFS — Richard Schwartz).

Kritik

Die wichtigsten Kritikpunkte, die gegen Jung erhoben werden, sind die folgenden:

  1. Problem des wissenschaftlichen Status: Die empirische Verifizierbarkeit des Archetyp-Konzepts ist schwach; gemäß dem Falsifizierbarkeitskriterium Karl Poppers aus der Tradition der analytischen Philosophie steht die Jungsche Theorie der „Pseudowissenschaft" (Pseudowissenschaft) nahe. Anthony Stevens (1982, 2002) hat versucht, diese Lücke zu schließen, indem er die Archetypen mit ethologisch vererbten Verhaltensmustern (Innate Releasing Mechanisms) gleichsetzte.

  2. Kritik des Psychologismus: Martin Buber beschuldigte Jung in seinem Werk Gottesfinsternis (1952), Gott auf einen Archetyp des Unbewussten zu reduzieren. Buber zufolge stürzt, wenn die Unterscheidung zwischen Selbst und Gott verlorengeht, die echte religiöse Beschaffenheit der Ich-Du-Beziehung in eine Ich-Es-Beziehung ab. Jung erwiderte darauf, dies sei eine epistemische Grenze und die Psychologie könne die Existenz Gottes weder bejahen noch verneinen.

  3. Politische Kritik: Seine Übernahme der Herausgeberschaft des Zentralblatts für Psychotherapie in den Jahren 1933-39 und seine Äußerungen in dieser Periode, die auf eine Unterscheidung zwischen „arischer Psychologie" und „jüdischer Psychologie" anspielten, führten zu Vorwürfen einer impliziten Übereinkunft mit dem Nationalsozialismus. Andrew Samuels und andere betonen, dass diese Frage eine nuancierte historische Lesart verdiene und dass Jung zugleich jüdische Kollegen schützte.

  4. Feministische Kritik: Dass die Konzepte Anima/Animus auf einer essentialistischen Geschlechterdualität beruhen; dass die Formulierungen vom „Eros als weiblichem, Logos als männlichem Prinzip" aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts als unhaltbar befunden werden.

  5. Kritik des „für den Osten gibt es keinen Westen, für den Westen keinen Osten": Jungs Warnung, dass östliche Praktiken (Yoga, Zen, Vipassana) von Abendländern nicht ausgeübt werden sollten, wurde im Licht der interkulturellen Psychologie als übermäßig vorsichtig befunden.

Tod und Erbe

Jung starb am 6. Juni 1961 nach kurzer Krankheit in seinem Haus in Küsnacht. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift Vocatus atque non vocatus, Deus aderit („Ob gerufen oder nicht gerufen, Gott wird gegenwärtig sein") — diese aus Erasmus entlehnte Wendung war auch in die Türschwelle eingemeißelt. Die Autobiographie (Erinnerungen, Träume, Gedanken, 1962), Der Mensch und seine Symbole (1964) und das Liber Novus (2009) wurden nach seinem Tod veröffentlicht. Die aus 20 Bänden samt Ergänzungen bestehenden Gesammelten Werke der Bollingen Series (Princeton University Press, übers. R. F. C. Hull) sind die Standardreferenz seines gesamten Denkens.

Jungs Erbe ist heute nicht nur eine klinische Schule, sondern der umfassendste Versuch des Unterfangens, im westlichen Denken des 20. Jahrhunderts Spiritualität und Wissenschaft wieder zu vereinen. Mit ihm hat die moderne Psychologie die Bedeutung „Wissenschaft von der Seele" zurückgewonnen; oder, genauer gesagt, sie hat begonnen, ihre verlorene Bedeutung zu suchen.