Heilige Schriften

Die Wolke des Nichtwissens: ein englischer Wegweiser der dunklen Kontemplation

Anonyme englische Schrift aus dem spaeten 14. Jahrhundert, die den Weg der dunklen, bildlosen Gottesschau lehrt: Zwischen den Beter und Gott legt sich eine „Wolke des Nichtwissens“, unter ihm eine „Wolke des Vergessens“ ueber alles Geschaffene; allein die nackte Liebe durchstoesst sie. Ein Schluesseltext der apophatischen Mystik im Vergleich mit Hesychasmus und Sufik.

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Definition

Die Wolke des Nichtwissens (mittelenglisch „The Cloud of Unknowing") ist eine anonyme geistliche Anleitung aus dem spaeten 14. Jahrhundert, die den Weg eines bildlosen, dunklen Gottesgebets beschreibt und damit zu den bedeutendsten Zeugnissen der apophatischen, das heißt der verneinenden Mystik des christlichen Mittelalters gehört. Ihr Grundgedanke lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen, den die Schrift selbst formuliert: „By love may he be gotten and holden; but by thought never" — durch Liebe könne Gott gewonnen und gehalten werden, durch das Denken niemals. Zwischen den Beter und Gott legt sich nach dieser Lehre eine undurchdringliche „Wolke des Nichtwissens", die kein Verstand zu durchdringen vermag; zugleich soll der Beter unter sich, zwischen sich und alles Geschaffene, eine „Wolke des Vergessens" (cloud of forgetting) breiten, in der jeder Gedanke an die Dinge dieser Welt, ja selbst an gute und fromme Inhalte, versinkt. Nur ein einziges, kurzes, „nacktes" Wort, abgeschossen wie ein „scharfer Pfeil sehnender Liebe" (sharp dart of longing love), durchstoeße jene obere Wolke und treffe das Herz Gottes. Die Schrift steht damit fest in der Tradition der negativen Theologie und ist ein zentraler Bezugspunkt, wenn man die Via negativa in ihrer praktischen, gebetsbezogenen Ausformung studieren will. Sie gehört zu den klassischen Texten der christlichen Mystik und bildet im Vergleich mit östlichen und islamischen Traditionen eine besonders aufschlussreiche Brücke.

Entstehung, Verfasser und Sprache

Die „Wolke des Nichtwissens" wurde vermutlich um 1375 in mittelenglischer Sprache verfasst, und zwar im ostmittelländischen Dialekt der East Midlands. Der Verfasser ist anonym geblieben; die Forschung vermutet in ihm einen Priester oder geistlichen Begleiter, möglicherweise mit Nähe zum Kartäuserorden, dessen strenge Zurückgezogenheit und kontemplative Ausrichtung gut zu der hier vertretenen Spiritualität passt. Mit Sicherheit lässt sich die Verfasserschaft jedoch nicht bestimmen, und es gehört zur Redlichkeit jeder Darstellung, diese Unsicherheit offen zu benennen: Wir kennen weder den Namen noch den genauen Lebensort dieses Menschen, sondern allein seine Stimme, wie sie aus dem Text spricht.

Diese Stimme richtet sich an einen bestimmten Adressaten: einen jungen Mann von vierundzwanzig Jahren, der eben im Begriff steht, in das kontemplative Leben einzutreten. Die ganze Schrift trägt deshalb den Charakter einer persönlichen Unterweisung, eines Briefes des erfahrenen geistlichen Vaters an einen Schüler, der den Weg erst beginnt. Dieser intime, seelsorgliche Ton unterscheidet die „Wolke" von rein systematischen Lehrwerken; sie ist kein theologischer Traktat, sondern eine Wegweisung aus der Praxis für die Praxis.

Sprachlich ist der Text bemerkenswert. Er gehört zu jenen mittelenglischen geistlichen Schriften, die nicht in der Gelehrtensprache Latein, sondern in der Volkssprache abgefasst sind und damit einem Leserkreis dienen, der des Lateinischen nicht oder nicht hinreichend mächtig war. Zugleich verfügt der Verfasser über eine erstaunliche begriffliche Schärfe und eine Fähigkeit, abstrakte Sachverhalte in einprägsame Bilder zu fassen — die „Wolke", der „Pfeil", das „nackte Wort" sind sprachliche Prägungen, die bis heute haften bleiben. Die Schrift steht damit am Anfang einer englischsprachigen mystischen Tradition, in der sie neben Werken wie denen Richard Rolles oder Walter Hiltons einen eigenen, unverwechselbaren Platz einnimmt.

Der Kerngedanke: Liebe statt Wissen

Im Mittelpunkt der „Wolke des Nichtwissens" steht eine grundlegende Unterscheidung zwischen den Erkenntnisvermögen des Menschen und seiner Liebesfähigkeit. Gott, so lehrt der Verfasser, lässt sich mit dem Verstand grundsätzlich nicht erfassen. Kein Begriff, kein Bild, keine noch so feine gedankliche Konstruktion reicht an ihn heran, weil Gott unendlich über alles hinausgeht, was der menschliche Geist denken kann. Wer Gott durch Wissen einholen will, greift immer nur nach Vorstellungen von Gott, niemals nach Gott selbst.

Anders verhält es sich mit der Liebe. Was dem Verstand verschlossen bleibt, das erschließt sich dem liebenden Willen. „By love may he be gotten and holden; but by thought never" — diese Formel ist die Mitte des ganzen Buches. Die Liebe vermag, was das Denken nie vermag: Sie kann Gott „ergreifen und halten". Dahinter steht eine alte Einsicht der christlichen Mystik, die schon bei den Vätern angelegt ist: dass der Mensch durch die Liebe demjenigen ähnlich und mit ihm geeint wird, den er liebt, während das Erkennen den Gegenstand stets sich gegenüber behält, ihn objektiviert und gerade dadurch auf Distanz hält. In der höchsten Gottesbegegnung aber soll keine Distanz mehr sein, sondern Einung.

Diese Vorrangstellung der Liebe vor dem Wissen ist kein Aufruf zur Dummheit oder zur Verachtung des Denkens. Der Verfasser war selbst ein gebildeter Mann, der die theologische Tradition genau kannte. Vielmehr geht es um die Erkenntnis, dass im Akt der höchsten Kontemplation das diskursive Denken seine Grenze erreicht und überschritten werden muss. Auf dem Weg zu Gott hat das Nachdenken über die Heilswahrheiten, über das Leben Jesu, über die eigene Sündhaftigkeit seinen guten und notwendigen Ort; im Augenblick der reinen Gottesschau aber wird es zum Hindernis, das beiseitezulegen ist. Hier berührt sich die „Wolke" mit der Lehre vom Seelengrund, wie sie meister-eckhart entfaltet hat, und mit dem Gedanken der Selbstentleerung, der Kenosis, in der der Mensch alles Eigene und Vorstellbare aus sich herauslässt, um Raum für Gott zu schaffen.

Die beiden Wolken

Das tragende Bild der Schrift sind die beiden Wolken, zwischen denen sich der Beter befindet. Über ihm, zwischen seiner Seele und Gott, liegt die „Wolke des Nichtwissens". Sie ist nicht etwa ein Mangel, der zu beklagen wäre, sondern der angemessene Ort der Gottesbegegnung in diesem Leben. Denn da Gott mit dem Verstand nicht zu fassen ist, kann der Beter ihn nur in einem „Nichtwissen" berühren — in einem Zustand, in dem er bewusst auf jedes begriffliche Wissen über Gott verzichtet und sich in liebender Dunkelheit an ihn hält. Die Wolke ist dunkel, weil das natürliche Licht des Verstandes hier nichts mehr ausrichtet; sie ist zugleich der Raum, in dem allein die Liebe wirkt.

Unter dem Beter, zwischen ihm und allem Geschaffenen, soll eine zweite Wolke liegen: die „Wolke des Vergessens". In ihr versenkt der Betende alle Dinge dieser Welt, alle Erinnerungen, alle Sorgen und Pläne, kurz: jede Vorstellung, die nicht Gott selbst ist. Das Bemerkenswerte und für manche Leser Verstörende daran ist, dass auch die guten, frommen, an sich heilsamen Gedanken in diese Wolke des Vergessens hinabsinken sollen. Selbst die Betrachtung des Leidens Christi, selbst die Erinnerung an die Heiligen, selbst der Gedanke an die eigene Demut — alles, was in anderen Zusammenhängen tugendhaft und förderlich ist, wird im Augenblick der reinen Kontemplation beiseitegelegt, weil es zwischen die Seele und den nackten Gott tritt.

Diese doppelte Bewegung — das Vergessen alles Geschaffenen nach unten, das liebende Nichtwissen nach oben — bildet die innere Struktur des kontemplativen Gebets, wie die „Wolke" es lehrt. Der Beter steht gleichsam in einem Zwischenraum völliger Entblößung: nichts mehr unter sich, was ihn festhielte, und nichts über sich, was er begreifen könnte, nur das dunkle Drängen der Liebe.

Die Methode: das nackte Wort

So radikal die Lehre klingt, so konkret ist die Methode, die der Verfasser empfiehlt. Damit der Geist nicht ins Leere abgleite und damit das Vergessen nicht in bloße Zerstreuung umschlage, soll der Beter ein einziges kurzes Wort zur Hand nehmen — am besten ein Wort von nur einer Silbe, etwa „God" (Gott) oder „love" (Liebe). Dieses Wort soll er mit seinem Herzen festhalten und es, was immer geschehe, nicht loslassen. Es ist das „nackte" Wort: nackt, weil es ohne begleitende Bilder, ohne Erklärungen, ohne gedankliche Ausführung bleibt. Der Beter zergliedert es nicht, er meditiert nicht über seine Bedeutung, er macht keine fromme Betrachtung daraus — er hält es einfach, schlicht und ungeteilt.

Dieses Wort wird in der Schrift zum „scharfen Pfeil sehnender Liebe", den der Beter immer wieder gegen die Wolke des Nichtwissens schleudert. Es durchstoeße die Dunkelheit und treffe Gott. Sobald ein Gedanke auftaucht — sei er noch so gut und heilig —, der den Beter von Gott abzulenken droht, antwortet er ihm nicht mit Argumenten, sondern bedeckt ihn mit der Wolke des Vergessens und kehrt zu seinem einen Wort zurück. Diese beständige, liebende Rückkehr zum nackten Wort ist die ganze Übung.

Es ist offensichtlich, wie nah diese Methode dem monologischen Gebet anderer Traditionen kommt. Die Wiederholung eines einzigen, einfachen Wortes als Mittel der Sammlung und der ununterbrochenen Hinwendung zu Gott findet sich in der Ostkirche im Jesusgebet und im weiteren Sinne in den Übungen, die der Hesychasmus gepflegt hat. Auch das Herzensgebet der östlichen Mönche kreist um die immer wiederkehrende Anrufung eines kurzen Wortlauts. Auf diese Parallelen wird der vergleichende Teil dieser Notiz noch genauer eingehen.

Die Quellen: Pseudo-Dionysius und die negative Theologie

Die theologische Grundlage der „Wolke des Nichtwissens" ist tief von der Schrift „Über die mystische Theologie" des Pseudo-Dionysius Areopagita geprägt. Unter diesem Namen sind im späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert mehrere griechische Schriften entstanden, deren unbekannter Verfasser sich mit der Autorität jenes Dionysius umgab, der in der Apostelgeschichte als Hörer des Paulus auf dem Areopag genannt wird. Diese Schriften, die das Christentum mit Gedanken des Neuplatonismus verbanden, wurden im Mittelalter mit größter Ehrfurcht gelesen und galten beinahe als apostolisch.

Der Verfasser der „Wolke" kannte diese Tradition nicht nur, er hat einen ihrer Kerntexte selbst ins Mittelenglische übertragen: Seine Übersetzung der „Mystischen Theologie" trägt den Titel „Deonise Hid Diuinite" — die „verborgene Gottheit des Dionysius". Damit steht außer Frage, wie unmittelbar er aus dieser Quelle schöpfte. Von Pseudo-Dionysius übernimmt er den entscheidenden Gedanken: dass der höchste Aufstieg zu Gott durch Verneinung geschieht, indem man Gott nicht durch das Hinzufügen von Eigenschaften, sondern durch das Wegnehmen aller Begriffe sucht, bis der Geist in eine „göttliche Dunkelheit" eintritt, die heller ist als alles Licht. Genau diese Bewegung der Verneinung, die rein apophatische Ausrichtung, prägt das ganze Buch.

Damit reiht sich die „Wolke des Nichtwissens" in eine lange Linie der negativen Theologie ein, die von den griechischen Vätern über Pseudo-Dionysius bis in die abendländische Mystik führt. Die geistliche Wurzel dieser Haltung reicht noch weiter zurück, etwa zu der nüchternen Gebetslehre, wie sie evagrios-pontikos in der Wüste entwickelt hat und in der das Gebet als ein bildloses Stehen des Geistes vor Gott verstanden wird — eine Tradition, die später auch in der Sammlung die Philokalia bewahrt und weitergegeben wurde.

Die Begleitschriften

Die „Wolke des Nichtwissens" steht nicht allein. Demselben Verfasser werden mehrere kürzere Schriften zugeschrieben, die ihre Lehre ergänzen und vertiefen. Die wichtigste davon ist „The Book of Privy Counselling", das Buch der heimlichen Unterweisung. In diesem Werk geht der Verfasser noch knapper und persönlicher auf die Schwierigkeiten ein, die dem Schüler im kontemplativen Gebet begegnen, und er präzisiert manches, was in der „Wolke" offengeblieben war. Beide Schriften gehören zusammen und beleuchten einander wechselseitig; das „Privy Counselling" gilt vielen Lesern als die reifste und dichteste Frucht der geistlichen Erfahrung dieses anonymen Lehrers.

Neben diesen eigenständigen Werken steht die bereits erwähnte Übersetzung der dionysischen „Mystischen Theologie". Zusammen bilden sie ein kleines geistliches Schrifttum, das im England des Spätmittelalters einen ganz eigenen, kontemplativen Weg vorzeichnet — abseits der lauten und bilderreichen Frömmigkeit, die andernorts vorherrschte.

Warnungen und Schutzbestimmungen

So einladend die Lehre der „Wolke" klingt, so eindringlich sind die Warnungen, mit denen der Verfasser sie umgibt. Er weiß, dass ein bildloses, dunkles Gebet auch missverstanden und missbraucht werden kann, und er schützt seinen Weg mit großer seelsorglicher Sorgfalt.

Zunächst betont er, dass diese Form der Kontemplation nicht für jedermann bestimmt ist, sondern nur für jene, die wirklich von Gott zu ihr berufen sind. Wer noch nicht im tätigen Leben der Buße und der Tugend gereift ist, soll sich nicht vorschnell in die dunkle Schau stürzen. Damit grenzt der Verfasser seine Schrift ausdrücklich gegen eine breite Leserschaft ab; sie ist ein Buch für Berufene, nicht für Neugierige.

Sodann warnt er vor körperlicher Überanstrengung. Manche Schüler, so seine Beobachtung, missverstehen die Anweisungen wörtlich und beginnen, sich physisch anzustrengen, ihren Atem zu pressen oder ihren Körper zu quälen, in der irrigen Meinung, das Gebet spiele sich „im Kopf" ab. Der Verfasser stellt unmissverständlich klar, dass die Kontemplation eine Sache des Geistes und nicht des Leibes ist: nicht „im Kopf", sondern „im Geist". Wer das verwechselt, schadet seiner Gesundheit und verfehlt den Sinn der Übung.

Eine dritte Warnung gilt der falschen, allzu wörtlichen Deutung seiner Bilder überhaupt. Die „Wolke" und das „Vergessen" sind geistliche Metaphern; wer sie sinnlich oder räumlich auffasst, gerät in die Irre. Schließlich richtet sich der Verfasser scharf gegen „junge, anmaßende Schüler", die meinen, sie hätten den Weg schon begriffen, und gegen falsche Lehrer, die andere in die Irre führen. Diese pastorale Vorsicht zeigt, dass die „Wolke" trotz ihrer mystischen Höhe ein durch und durch verantwortliches, nüchternes Buch ist, das die Gefahren des eigenen Weges kennt.

Der große Vergleich: apophatische Wege in den Traditionen

Der eigentliche Reiz der „Wolke des Nichtwissens" für die vergleichende Spiritualität liegt darin, dass sie eine Gebetsform beschreibt, die in verwandter Gestalt auch in anderen großen Traditionen erscheint. Das einsilbige Wort, die Ausschaltung der Bilder, die Vorrangstellung der Liebe oder der reinen Gegenwart vor dem diskursiven Denken — dies alles sind Motive, die weit über das christliche Abendland hinausreichen. Im Folgenden seien einige dieser Parallelen mit der gebotenen Vorsicht nebeneinandergestellt, ohne die je eigene Lehrgestalt der Traditionen einzuebnen.

Meister Eckhart und die rheinische Mystik

Im westlichen Christentum selbst steht der „Wolke" die Mystik meister-eckharts nahe, auch wenn beide unabhängig voneinander und in verschiedenen Sprachräumen entstanden sind. Eckhart lehrt die „Abgeschiedenheit" (abegescheidenheit) und die „Gelassenheit", in denen der Mensch sich von allem Geschaffenen, ja von allen Bildern und Eigenschaften Gottes löst, um im „Seelengrund" mit dem ungeschaffenen Gott eins zu werden. Diese Bewegung der Entleerung und Entblößung entspricht der Sache nach der Wolke des Vergessens und dem nackten Nichtwissen, in dem die englische Schrift den Beter Gott begegnen lässt. Beide stehen in derselben dionysischen Tradition, beide misstrauen dem Bild und dem Begriff im höchsten Augenblick, beide verstehen die Einung als ein Geschehen jenseits des Verstandes. Unterschiede bleiben: Eckhart denkt spekulativer, metaphysischer, während die „Wolke" ganz auf die Praxis des Gebets zugeschnitten ist. Doch die Wahlverwandtschaft ist unverkennbar, und beide gehören zu den großen Zeugnissen der christlichen Mystik des Spätmittelalters.

Der Hesychasmus und das Jesusgebet

Noch enger als zur westlichen Spekulation ist die methodische Nähe der „Wolke" zur Gebetspraxis der Ostkirche. Im Hesychasmus — der Begriff leitet sich vom griechischen hēsychía, „Stille, Ruhe", ab — pflegen die östlichen Mönche das ununterbrochene innere Gebet, dessen klassische Form das Jesusgebet ist: die immer wiederholte kurze Anrufung „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner". In der Tradition wird ein solches Gebet als monológistos bezeichnet, als „eingedankig" oder aus einem einzigen Wort bestehend — genau das, was die „Wolke" mit ihrem nackten einsilbigen Wort empfiehlt. In beiden Fällen dient die ständige Wiederholung dazu, den zerstreuten Geist zu sammeln, alle anderen Gedanken zu verdrängen und das Herz ununterbrochen auf Gott auszurichten.

Auch das Herzensgebet der Ostkirche teilt mit der englischen Schrift die Überzeugung, dass das wahre Gebet nicht im Kopf, sondern in der Tiefe des Herzens geschieht — jene Unterscheidung, die der Verfasser der „Wolke" so nachdrücklich einschärft. Die geistliche Theorie hinter der Hesychasmus und die in die Philokalia gesammelten Vätertexte stehen, wie die „Wolke", in der Linie der apophatischen Gebetslehre, deren früher Lehrmeister evagrios-pontikos war. Bei aller Verwandtschaft gibt es Unterschiede: Das Jesusgebet trägt einen ausgesprochen christologischen und bußfertigen Inhalt, während das nackte Wort der „Wolke" bewusst inhaltsarm gehalten ist. Die strukturelle Ähnlichkeit aber — ein einziges wiederholtes Wort als Brücke in die wortlose Gegenwart Gottes — ist eine der erstaunlichsten Übereinstimmungen zwischen Ost und West.

Das sufische dhikr und die Auslöschung

Auch im Islam findet sich eine Gebetsform, die der Methode der „Wolke" auf bemerkenswerte Weise gleicht. Im Sufismus, der mystischen Strömung des Islam, ist das dhikr (arabisch ذِكْر, „Gedenken, Erinnerung") die beständige Wiederholung eines Gottesnamens oder einer kurzen Formel, etwa des Namens „Allāh" selbst. Wie das nackte Wort der englischen Schrift dient das dhikr dazu, den Übenden ganz auf Gott auszurichten, das Bewusstsein von allem Geschaffenen zu lösen und ihn in eine immer tiefere Gegenwart zu führen.

Das Ziel dieses Weges wird im Sufismus mit dem Begriff fanāʾ (arabisch فَنَاء, „Auslöschung, Vergehen") bezeichnet: das Vergehen des Ich-Bewusstseins, das Verlöschen des eigenen Selbst im Angesicht Gottes. Diesem Vergehen entspricht — als dessen Kehrseite — baqāʾ, das „Fortbestehen" oder „Bleiben" in Gott. Das Begriffspaar Fanāʾ und Baqāʾ beschreibt damit eine Bewegung, die der Selbstentleerung der „Wolke" und ihrer Wolke des Vergessens auffallend ähnelt: Auch hier wird das Eigene preisgegeben, um Gott Raum zu geben. Eine zentrale Rolle spielt im Sufismus dabei das Herz im Sufismus (qalb), das als der innerste Ort der Gottesbegegnung gilt — wiederum eine Parallele zu jener Verlagerung des Gebets vom Kopf ins Herz, auf der die englische Schrift so beharrt.

Bei allen Ähnlichkeiten ist freilich Vorsicht geboten. Die theologischen Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich: Die christliche „Wolke" denkt von der menschwerdenden Liebe Gottes her und spricht von Einung, nicht von einem Aufgehen, das die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf aufhöbe; der Sufismus wiederum bewegt sich im streng monotheistischen Rahmen des Islam mit eigenen begrifflichen Feinheiten. Die Forschung ist sich uneins, wie weit solche Parallelen auf gemeinsame anthropologische Grundstrukturen, wie weit auf historische Berührungen zurückgehen. Festhalten lässt sich jedoch, dass die Technik der Namens- oder Wortwiederholung und das Ziel einer Entselbstung vor Gott in beiden Traditionen unabhängig hohe Bedeutung gewonnen haben.

Abgrenzung gegen die affektive Bild- und Brautmystik

So sehr die „Wolke des Nichtwissens" Parallelen zu fernen Traditionen aufweist, so deutlich grenzt sie sich von einer Frömmigkeitsform ab, die ihr zeitlich und räumlich viel näher stand: der bildreichen, affektiven Mystik des Spätmittelalters. In jener Zeit blühte eine Frömmigkeit, die das Leiden Christi in allen Einzelheiten betrachtete, die in glühenden Bildern die Liebe zwischen der Seele und dem himmlischen Bräutigam besang und die das religiöse Gefühl mit großer Intensität ansprach — man denke an die Passionsbetrachtung und an die Brautmystik im Gefolge des Hohenliedes.

Gegen diese Strömung setzt die „Wolke" einen bewussten Kontrapunkt. Sie bestreitet nicht den Wert solcher Betrachtungen für die Anfänger und für das tätige Leben; aber im höchsten Augenblick der Kontemplation sollen gerade diese Bilder, so fromm sie sind, in der Wolke des Vergessens versinken. Der Weg der „Wolke" ist nicht der Weg des überströmenden Gefühls und der lebendigen Vorstellung, sondern der Weg der Dunkelheit, der Entblößung und des nackten Willens. Diese Abgrenzung macht die Eigenart der Schrift besonders deutlich: Sie gehört zur apophatischen, nicht zur kataphatischen, das heißt nicht zur bildbejahenden Linie der Mystik. In dieser Hinsicht ist sie ein reiner Vertreter der Via negativa und steht damit der Selbstentäußerung, der Kenosis, näher als der Fülle der Bilder.

Kritik und Grenzen

So bedeutend die „Wolke des Nichtwissens" ist, sie ist kein Buch ohne Spannungen und Grenzen, und eine redliche Darstellung muss diese benennen.

Eine erste Grenze liegt in der bereits erwähnten Exklusivität. Der Verfasser selbst beschränkt seinen Weg auf die wenigen Berufenen und warnt ausdrücklich vor einer breiten Anwendung. Wer die Schrift als allgemeine Gebetsanleitung missversteht, läuft Gefahr, ihre Warnungen zu überhören. Die dunkle, bildlose Kontemplation kann, ohne reife geistliche Begleitung und ohne ein gefestigtes tätiges Leben, in Selbsttäuschung, geistliche Leere oder gesundheitliche Schäden führen — Gefahren, die der Verfasser kannte und vor denen er nicht zufällig so eindringlich warnt.

Eine zweite Frage betrifft das Verhältnis von Wissen und Liebe. Die scharfe Entgegensetzung „durch Liebe, niemals durch Denken" hat ihre Wahrheit, aber sie kann, aus dem Zusammenhang gerissen, einer Geringschätzung der theologischen Bildung und der nüchternen Lehre Vorschub leisten. Der Verfasser selbst war alles andere als ein Verächter des Denkens; doch seine Formulierungen sind so kraftvoll, dass sie in der Wirkungsgeschichte gelegentlich einseitig aufgenommen wurden. Eine ausgewogene Lektüre wird festhalten, dass die „Wolke" das Denken nicht abschafft, sondern ihm seinen Ort zuweist — vor und außerhalb des höchsten kontemplativen Augenblicks, nicht in ihm.

Drittens ist die Anonymität des Verfassers eine bleibende Grenze der historischen Erforschung. Vieles, was man gern wüsste — der Name, der genaue Ort, die Ordenszugehörigkeit, das Verhältnis zu zeitgenössischen Bewegungen —, lässt sich nur vermuten. Die Zuschreibung der Begleitschriften, die Datierung, die Nähe zum Kartäuserorden: All dies ist mit guten Gründen wahrscheinlich gemacht, aber nicht endgültig gesichert. Wer über die „Wolke" spricht, sollte diese Vorläufigkeit nicht verschweigen.

Viertens schließlich ist beim Vergleich mit Hesychasmus und Sufismus Zurückhaltung geboten. Strukturelle Ähnlichkeiten der Gebetstechnik dürfen nicht vorschnell zu einer Gleichsetzung der theologischen Gehalte führen. Die Wiederholung eines Wortes, die Entleerung von Bildern, das Streben nach Entselbstung erscheinen in verschiedenen Religionen; ihre Deutung jedoch — was bei der Auslöschung des Ich „bleibt", wie die Einung mit Gott zu verstehen ist, welche Rolle die Person Christi spielt — bleibt je verschieden. Die vergleichende Betrachtung gewinnt ihre Berechtigung gerade dann, wenn sie die Unterschiede ebenso ernst nimmt wie die Gemeinsamkeiten.

Fazit

Die „Wolke des Nichtwissens" ist ein schmales, aber außerordentlich dichtes Buch, das im England des späten 14. Jahrhunderts einen der reinsten Wege der apophatischen Mystik beschrieben hat. Ihr Kern lässt sich in der einen Wendung zusammenfassen, dass Gott durch Liebe ergriffen werde und durch Denken niemals. Zwischen den beiden Wolken — dem Vergessen alles Geschaffenen und dem liebenden Nichtwissen Gottes — steht der Beter in völliger Entblößung und hält ein einziges nacktes Wort fest, das wie ein Pfeil sehnender Liebe die Dunkelheit durchstößt. So einfach diese Methode ist, so anspruchsvoll ist der Weg, den sie eröffnet, und so klug sind die Warnungen, mit denen der unbekannte Verfasser ihn umgibt.

In der vergleichenden Spiritualität gewinnt die Schrift ihren besonderen Rang dadurch, dass sie eine Gebetsform sichtbar macht, die in verwandter Gestalt auch im Hesychasmus mit seinem einsilbigen Jesusgebet und im sufischen dhikr mit seinem fanāʾ erscheint. Die Nähe zur Mystik meister-eckharts, die Verwurzelung in der dionysischen negativen Theologie, die Linie, die über evagrios-pontikos und die Philokalia bis in die Ostkirche reicht, und schließlich die islamischen Parallelen um Fanāʾ und Baqāʾ und um das Herz im Sufismus machen die „Wolke des Nichtwissens" zu einem Knotenpunkt, an dem sich die großen apophatischen Wege der Religionen berühren — ohne in eins zu fallen. Gerade in dieser Spannung von Verwandtschaft und Unterscheidung liegt ihr bleibender Wert für jeden, der den Wegen der dunklen Kontemplation nachgehen will.