Bedeutende Persönlichkeiten

Meister Eckhart

Deutscher dominikanischer Mystiktheologe des 13.–14. Jahrhunderts; mit den Lehren von der „Gottheit" (dem Gott jenseits Gottes) und der „Abgeschiedenheit" die zentrale Gestalt der rheinischen Mystik.

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Leben

Meister Eckhart von Hochheim (etwa 1260–1328) ist einer der tiefsten, kühnsten und umstrittensten christlichen Mystiktheologen des Mittelalters. Sein Geburtsort Hochheim (Region Thüringen, heutiges Deutschland) verortet ihn im geographischen Zentrum sowohl des deutschen Kulturraums als auch der rheinischen Mystik. In jungen Jahren tritt er in den Dominikanerorden (Ordo Praedicatorum) ein; im Kloster zu Erfurt erhält er seine erste Ausbildung und trägt sein Leben lang die schwarz-weiße Kutte dieses Ordens.

Zur intellektuellen Reife gelangt er an der Universität Paris. In den 1290er Jahren studiert er hier Theologie; 1302 erhält er den Titel „Magister Sacrae Theologiae" (Meister der Heiligen Theologie) — daher der deutsche Beiname „Meister". In Paris lehrt er einige Jahrzehnte nach Thomas von Aquin auf dem dominikanischen Lehrstuhl; dass er mehr als einmal (1302–1303 und 1311–1313) auf denselben Lehrstuhl berufen wird, ist eine seltene Ehre der Epoche. Dieser besondere Status stellt ihn auf eine Stufe mit Namen wie Thomas von Aquin und Albertus Magnus.

Ein bedeutender Teil seiner Laufbahn vergeht in leitenden Funktionen: Vikar der sächsischen Dominikanerprovinz (Provinzial, 1303–1311), Generalvikar von Böhmen (1307), Lehrmeister in Straßburg (1313–1323/4) und schließlich an der Spitze des Studium Generale in Köln. Köln ist das Zentrum der reifen Predigten Eckharts und seiner öffentlichen deutschsprachigen Ansprachen. Hier bildet er Schüler wie Heinrich Suso und Johannes Tauler aus; dieses Dreigestirn bildet den Kern der deutschen mystischen Tradition (der rheinischen Mystik).

Die letzten Jahre seines Lebens verlaufen schattenhaft. Der Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg leitet 1326 ein Inquisitionsverfahren gegen Eckhart ein. Der Vorwurf: Einige Formulierungen in seinen deutschen Predigten widersprächen sowohl der kirchlichen Lehre als auch dem Seelenheil des Volkes. Eckhart legt seine Verteidigung schriftlich vor („Rechtfertigungsschrift"), doch der Prozess wird vor die päpstliche Autorität nach Avignon getragen. Eckhart stirbt auf dem Weg nach Avignon (1328). Etwa zwei Jahre nach seinem Tod verurteilt Papst Johannes XXII. mit der Bulle „In agro dominico" (27. März 1329) 28 seiner Sätze — 17 werden als „häretisch" (haereticus), 11 als „der Häresie verdächtig" (suspectus de haeresi) eingestuft. Wie McGinn hervorhebt (Harvest of Mysticism, S. 132), zielt die Bulle nicht auf Eckhart selbst, sondern auf die missverständliche Form der Aussagen; dennoch ist dies die offizielle Behinderung eines für sich genommen bedeutsamen intellektuellen Ereignisses in der Geschichte der christlichen Mystik.

Der historische Kontext der Epoche

Eckharts Leben fällt in eine Periode kultureller und religiöser Spannung im Europa vor dem Schwarzen Tod. Das Papsttum ist 1309 von Rom nach Avignon übergesiedelt (Babylonische Gefangenschaft); Dominikaner- und Franziskanerorden stehen an den Universitäten in Konkurrenz; mystische Untergrundströmungen wie die Bewegung des „Freien Geistes" (Brüder vom freien Geiste) werden von der Kirche streng verfolgt. Marguerite Porete, eine der Anführerinnen dieser Bewegung, wird 1310 wegen ihres Buches Le Mirouer des simples âmes (Der Spiegel der einfachen Seelen) in Paris verbrannt. Eckharts zweite Pariser Lehrstuhlperiode (1311–1313) liegt genau im Anschluss an den Porete-Prozess; akademische Dominikaner werden damit beauftragt, die doktrinellen Abweichungen der Beginen und der laikalen mystischen Frauenkreise zu überwachen.

Eckharts Paradox liegt darin: Er ist zugleich der offizielle Vertreter der dominikanischen Institution und seine Lehre ist den verurteilten Thesen Poretes strukturell nahe. Bernard McGinn (Harvest of Mysticism, S. 73) zeigt, dass einige Passagen in Eckharts deutschen Predigten den Eindruck eines beinahe wörtlichen Zitats aus dem „Mirouer" erwecken. Dies stützt die Hypothese, dass Eckhart eine unter akademischem Schutz stehende Marguerite Porete sei.

Kern seiner Lehre

Eckharts Lehre ist ein auf scheinbaren Paradoxien errichtetes System der negativen Theologie (theologia negativa). Drei zentrale Begriffe bilden das Rückgrat des Systems: Gottheit, Abgeschiedenheit und Seelenfünklein (das Fünklein der Seele). Diesen tritt als viertes Thema die Geburt Gottes in der Seele zur Seite.

Gottheit

Dies ist Eckharts kühnste Unterscheidung: zwischen Gott (Gott in seinen drei Hypostasen, der Dreifaltigkeit) und Gottheit (dem Göttlichen jenseits der Dreiheit, dem namen- und eigenschaftslosen Absoluten). Die Gottheit ist die transzendente Dimension, die Eckhart als „stille Wüste", als „Namenloses", als „lauter ein Niht" (ein reines Nichts) bezeichnet — die Dimension, in der Name und Eigenschaften vollständig zurückgetreten sind. Dies ist das radikale Resultat der Tradition der apophatischen Theologie (die von Pseudo-Dionysios herkommt) bei Eckhart.

Nach Eckhart ist Gott Gott in seiner Beziehung zum Geschöpf (Schöpfer-Geschöpf); die Gottheit hingegen ist die auch diese Beziehung übersteigende, in sich selbst absolute Dimension. Gäbe es das Geschöpf nicht, gäbe es auch „Gott" nicht (got wäre nicht got), die Gottheit aber bliebe dieselbe. Diese kühne Formulierung ist einer der verurteilten Sätze.

Abgeschiedenheit

Abgeschiedenheit ist der zentrale Begriff von Eckharts ethisch-mystischem Weg. Mit McGinns Worten (Harvest, S. 145) lässt sich dies zwar „detachment" nennen, doch das Wort gibt seine Tiefe nicht wieder. Eckhart stellt die Abgeschiedenheit unter alle „Tugenden" — sogar die Liebe (caritas) einbegriffen — an die höchste Stelle (Traktat „Von Abgescheidenheit"). Denn die Abgeschiedenheit löst die Seele nicht nur von den weltlichen Dingen, sondern von sich selbst — von dem aus Begehren, Wille und Bildvorstellung errichteten Ich. Dieser Zustand des „Nichts-Werdens" nimmt im System der Wahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins) einen der Fanâ strukturell sehr nahen Ort ein.

Mit Ibn Arabîs Worten beschreiben das „fanâ fî-llâh" (das Vergehen in Gott) und Eckharts Abgeschiedenheit in verschiedenen Sprachen dieselbe innere Bewegung: das Zerbrechen des vorgestellten Ich, das Sich-Öffnen zu der Leere, in der das Unendliche sich selbst findet.

Seelenfünklein

Der dritte zentrale Begriff: In der menschlichen Seele gibt es ein ungeschaffenes Fünklein. Eckhart benennt es mit verschiedenen Namen — Fünklein, scintilla animae, Vünkelîn, bürgelin (Burg), das Innerste. Dieses Fünklein ist nicht die Brücke zwischen Geschöpf und Schöpfer; nach Eckhart ist dieses Fünklein ungeschaffen (ungeschaffen), von derselben Natur wie die Gottheit.

Ein weiterer der verurteilten Sätze: „Es ist etwas in der Seele, das ungeschaffen ist und nicht geschaffen werden kann; wäre die ganze Seele so, so wäre sie ungeschaffen und nicht zu schaffen; und das ist der Intellekt" („In agro dominico", Satz 27). Dieser Satz zeigt eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit mit der Behauptung der Identität von Ātman und Brahman im Advaita-Vedânta.

Geburt Gottes in der Seele

Das beherrschende Motiv von Eckharts deutschen Predigten: Das Wort Gottes (Logos) wird nicht einmal in der Geschichte zu Bethlehem geboren, sondern beständig in jeder reinen Seele. „Wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, aber nicht in deiner Seele, so wäre es vergeblich" (Predigt 4 und Entsprechungen). Diese Geburt ist in der Seele, in der die Abgeschiedenheit gereift ist, wenn kein Hindernis mehr bleibt, unausweichlich: Die Natur Gottes erfordert sie.

Wie McGinn in seinem Werk The Mystical Thought of Meister Eckhart (2001) ausführt (S. 158), ist diese Geburtslehre mit Eckharts Metaphern der bullitio (des Siedens, Inneren-Siedens) und der ebullitio (des Überfließens, Äußeren-Siedens) verbunden. Die bullitio ist die in der Dreiheit selbst beständige ewige Bewegung — das unendliche Gebären des Sohnes durch den Vater. Die ebullitio hingegen ist das Überfließen dieses inneren Lebens in die Schöpfung; der in jede reine Seele geborene Christus ist der individuelle Ort dieses kosmischen Überfließens. Diese Metapher ist eines der typischen Beispiele der poetisch-bildhaften Denksprache, die Eckhart von den anderen scholastischen Denkern der Epoche unterscheidet.

Gerechtigkeit — Gott als Gerechtigkeit

Ein wenig bekanntes, aber kritisches Thema Eckharts: Iustitia (lateinisch) / Gerechtigkeit (deutsch). Nach Eckhart lässt sich das Verhältnis zwischen dem gerechten Menschen (homo iustus) und der Gerechtigkeit selbst (iustitia ipsa) als Modell des Verhältnisses zwischen der Seele und der Gottheit lesen. Alles Gerechte ist durch die Gerechtigkeit selbst gerecht; es gibt keine von der Gerechtigkeit getrennte Gerechtheit. Ebenso ist alles Seiende durch das Sein selbst seiend; es gibt kein vom Sein getrenntes Sein. Dies ist Eckharts Exemplarismus (Vorbild-Lehre) — die Lehre, dass die Geschöpfe durch die göttlichen Ideen (rationes aeternae) existieren und von diesen Ideen abgeschnitten „ein reines Nichts" sind. Mit McGinns Worten (S. 89) ist diese Lehre ein Strang, der von Augustinus, von Pseudo-Dionysios und von Eriugena herrührt; Eckhart treibt diesen Strang zu einer ihm eigenen Radikalität.

Wichtige Werke

Eckharts Werke sind in zwei Hauptsprachen verfasst: Latein (akademisch/systematisch) und Mittelhochdeutsch (Predigt, Volksansprache, geistliche Seelsorge).

Lateinische Werke — Opus tripartitum

Das Opus tripartitum („Dreigeteiltes Werk") ist das von Eckhart geplante gewaltige systematische Projekt. Sein dreiteiliger Entwurf lautet:

  1. Opus propositionum — grundlegende Sätze
  2. Opus quaestionum — Fragen und Antworten
  3. Opus expositionum — Auslegungen der Heiligen Schrift

Das ganze Projekt ist verloren; die uns erreichten Teile sind: der allgemeine Prolog, die Auslegungen zu Genesis, Exodus, Weisheit, Prediger, Johannesevangelium und einige Quaestiones (Fragen). Mit McGinns Worten (S. 95) zeigen diese lateinischen Werke Eckharts „scholastische Wurzel" und seine „strenge metaphysische Disziplin"; der Eckhart der Volkspredigten kommt aus dieser Disziplin.

Deutsche Predigten und Traktate

Die eigentliche Quelle von Eckharts Wirkung sind die Predigten, die er in Köln und Straßburg vor dem Volk — besonders vor den Beginen und Dominikanerinnen — auf Deutsch hielt. Diese Predigten wurden von den Zuhörern aufgezeichnet und später gesammelt. Die moderne kritische Ausgabe (Kohlhammer, „Deutsche Werke") umfasst 86 authentische Predigten.

Wichtige Traktate:

Der Stil der Predigten

Eckharts Predigtstil ist innerhalb der rhetorischen Traditionen der Epoche außergewöhnlich. Eine Predigt beginnt typischerweise mit einem Schriftvers (thema), dann eröffnet Eckhart sie in mehreren verschiedenen Richtungen mit einer paradoxen, unerwarteten Lesart; im Verlauf der Predigt drängt er den Zuhörer über den konventionellen Glauben hinaus. Eckhart selbst sagt: „Habt ihr mich nicht verstanden, so betrübt euch nicht; ich bin selbst zu euch gekommen, um mich zu verstehen" (Predigt 52, Beati pauperes spiritu).

Diese Predigt — über die „Armen im Geiste" (Matthäus 5:3) — ist einer der kühnsten und meistkommentierten Texte Eckharts. Eckhart entwickelt hier eine dreistufige Lehre der „Armut": (1) die Seele, die nichts besitzt, (2) die nichts weiß, und (3) die nichts hat (auch nicht einmal Gott besitzt). Diese dritte und radikalste Stufe — die „von Gott leere, Gott Raum gebende" Seele — ist die praktische Entsprechung von Eckharts Gelassenheit-Lehre. McGinn (Harvest, S. 117) wertet diese Predigt als „eine der kühnsten Seiten der christlichen mystischen Literatur".

Das Ziel dieser Pädagogik ist es, die intellektuelle Bequemlichkeit des Zuhörers zu brechen und ihn in die unmittelbare Erfahrung zu treiben. McGinn (S. 67) vergleicht diesen Stil mit der „sokratischen Aporetik": die Dinge, die der Zuhörer zu wissen meint, der Befragung zu öffnen und ihn in die mystische Unwissenheit (docta ignorantia) zu stoßen. Dieser Stil wird später im Werk De docta ignorantia des Nicolaus Cusanus (1401–1464) zu einem systematischen theologischen Begriff.

Die Handschriftengeschichte

Die Handschriftengeschichte von Eckharts deutschen Predigten ist für sich ein Forschungsfeld. Nach der Verurteilung von 1329 werden Eckharts Werke offiziell verboten; doch in den Beginenklöstern des Rheinlands, im Umkreis von Suso und Tauler, werden Abschriften der Predigten heimlich weiter vervielfältigt. Die moderne kritische Ausgabe (unter Leitung von Josef Quint, 1936 begonnen, noch immer fortlaufend) hat hunderte Handschriften durchforstet und versucht, die authentischen Predigten von den umstrittenen/unechten zu scheiden. Heute lassen sich 86 Predigten Eckhart mit Sicherheit zuschreiben; zusätzlich werden etwa 30 Predigten als „wahrscheinlich Eckhart" gelistet.

Vergleichende Perspektive

Eckharts Lehre ist innerhalb der Weltmystik nicht einzigartig; vielmehr legt sie eine der strukturellen Entsprechungen des unabhängig, in verschiedenen Kultur-Geographien entwickelten mystischen Denkens offen.

Strukturelle Parallele zu Ibn Arabî

Die Parallele zwischen Ibn Arabî (1165–1240) und Eckhart ist zu einem Thema geworden, das Forscher wie Henry Corbin, William Chittick, Reza Shah-Kazemi und Schuon hervorgehoben haben.

Auch wenn anerkannt ist, dass zwischen den beiden Denkern kein unmittelbarer historischer Kontakt bestand, darf nicht vergessen werden, dass die Schule der perennialen Philosophie (Guénon, Schuon, Coomaraswamy) diese Parallele als Beweis der traditionsübergreifenden Struktur der mystischen Wahrheit liest.

Strukturelle Parallele zum Advaita

Die Gleichung Ātman = Brahman im Advaita-Vedânta Schankaras deckt sich erstaunlich mit Eckharts These vom „Ungeschaffensein des Seelenfünkleins". Die klassische Arbeit zu diesem Thema ist Rudolf Ottos Werk „West-östliche Mystik" (1926); danach haben Denker wie D. T. Suzuki, T. S. Eliot und Aldous Huxley diese Parallele betont.

Eckhart sagt: „Das Auge Gottes und mein Auge sind ein Auge" (Predigt 12). Schankara sagt: „Tat tvam asi" („Das bist du", Chandogya-Upanishad 6.8.7). Die Struktur ist dieselbe: Jenseits des persönlichen Ich sind der Sehende und das Gesehene eins.

Parallele zum Zen

D. T. Suzuki vergleicht in seinem Werk „Mysticism: Christian and Buddhist" (1957) Eckharts Gelassenheit und Abgeschiedenheit mit der Haltung des mushin (der Nicht-Geistigkeit) und des wu-wei im Zen. Eckharts Paradoxien wie „lebe Gott ohne Gott" (lebe Gott ohne Gott) tragen eine den Zen-Koans nahe Logikstruktur.

Parallele zur Kabbala

Die Unterscheidung zwischen Ein Sof (dem Unendlichen, dem namenlosen Absoluten) und den Sefirot (den zehn Erscheinungen) in der jüdischen Kabbala ist die strukturelle Entsprechung von Eckharts Unterscheidung Gottheit/Gott. McGinn (S. 199) und Moshe Idel betonen, dass diese Parallele nicht das Werk historischen Kontakts, sondern gemeinsamer mystischer Logik ist.

Die Dimension der reinen Liebe bei Râbiʿa

Die Formulierung Râbiʿa al-Adawiyyas (717–801) „Nicht um des Paradieses willen, nicht aus Furcht vor der Hölle, sondern allein um Deinetwillen bete ich Dich an" ist die frühe islamische Vorläuferin von Eckharts Aufruf „lebe Gott ohne Gott". Beide befreien die mystische Liebe von jeglicher Tauschökonomie.

Vergleich mit den „drei Stufen" des Sufismus

Die drei Grundstufen in Eckharts Lehre — Gottheit (das absolute Wesen), Gott (die göttliche Person/Dreiheit) und die Geschöpfe — entsprechen genau der Dreiheit des Systems der Wahdat al-Wudschûd aus martabat al-ahadiyya (der reinen Einheit des Wesens), martabat al-wâhidiyya (der Entfaltung von Namen und Eigenschaften) und martabat al-mawjûdât (den erschaffenen Wesen). Die für jede Stufe verwendete technische Terminologie in Ibn Arabîs Fusûs al-Hikamtanazzulât (Herabkünfte), tajalliyât (Selbstoffenbarungen), zuhûrât (Erscheinungen) — weist mit Eckharts lateinischen Begriffen exitus (Ausgang) und reditus (Rückkehr) strukturell auf dieselbe kosmologische Bewegung. Dieser Vergleich ist eine der intellektuellen Brücken, die Forscher wie Reza Shah-Kazemi (Paths to Transcendence, 2006) und Izmir Hocazade ausgearbeitet haben.

Von Plotin zu Eckhart — der neuplatonische Strang

Der philosophiegeschichtliche Hintergrund von Eckharts Lehre ist der neuplatonische Strang, der mit Plotin (~205–270) beginnt und über Pseudo-Dionysios, Eriugena, Avicebron (Ibn Gabirol) und Maimonides in das lateinische Christentum strömt. Plotins Begriff des To Hen (des Einen) — der namenlos gebliebenen, eigenschaftslosen absoluten Einheit — ist der philosophiegeschichtliche Vorläufer von Eckharts Gottheit. Nach Plotin emanieren aus dem Einen Nous (der Intellekt) und von dort Psyche (die Seele) und von dort der materielle Kosmos (Emanation). Während Eckhart diese Struktur mit der christlichen Dreiheit versöhnt, errichtet er die Unterscheidung Gottheit-Gott: Das Eine wird bei Eckhart zur Gottheit; die Dreiheit wird bei Eckhart zu Gott.

Bei der Übermittlung dieses Strangs an Eckhart sind besonders zwei Gestalten kritisch: der lateinische Philosoph irischer Herkunft des 9. Jahrhunderts Johannes Scotus Eriugena (und sein Periphyseon) und der jüdische Philosoph des 12. Jahrhunderts Avicebron (Schlomo ibn Gabirol, Fons Vitae). In Eckharts lateinischen Werken kommen die technischen Begriffe dieser beiden Namen häufig vor; McGinn (S. 53) ist einer der ersten modernen Forscher, die Eckharts neuplatonische Quellen systematisch durchmustern.

Moderner Einfluss

Eckharts Werke blieben nach der Verurteilung von 1329 jahrhundertelang halb verborgen. Im 19. Jahrhundert entdeckten ihn Franz von Baader, Hegel und besonders Schopenhauer wieder. Schopenhauer liest Eckhart zusammen mit den Upanischaden und dem Vedânta als „Ausdrücke derselben Wahrheit in verschiedenen Sprachen".

Im 20. Jahrhundert wuchs Eckharts Einfluss gewaltig:

Auch die offizielle katholische Kirche hat ihre Haltung zu Eckhart gemildert. Papst Johannes Paul II. erwähnte Eckhart 1985 in einer Ansprache positiv; der Dominikanerorden führt seit den 1980er Jahren Neubewertungsprozesse durch. Wie McGinn hervorhebt (S. 188), ist die Verurteilung von 1329 zwar noch immer nicht offiziell aufgehoben, doch die Lektüre und Neubewertung Eckharts ist nicht eingeschränkt.

In der Wiederbelebung der Bewegung des zentrierenden Gebets (Thomas Keating, Basil Pennington) und des christlichen Mystizismus ist Eckhart zusammen mit Pseudo-Dionysios, Juliana von Norwich und Johannes vom Kreuz einer von drei bis vier Grundnamen.

Die Rezeption Eckharts in der türkischen Literatur kam über die Parallele zu Ibn Arabî. Autoren wie Mahmut Erol Kiliç, Ekrem Demirli und Hayrettin Karaman haben mit Verweis auf Eckhart Beiträge verfasst, um die Universalität der Wahdat al-Wudschûd zu zeigen. Dies ist eine der seltenen intellektuellen Brücken, auf denen der klassische anatolische Sufismus mit der „von innen" kommenden mystischen Tradition des Westens ins Gespräch tritt.

Die moderne Widerspiegelung der mystischen Praxis

Eckharts Abgeschiedenheits-Lehre findet in der modernen kontemplativen Praxistradition — besonders im zentrierenden Gebet (dem Trappistenkreis um Thomas Keating) und in John Mains Christian Meditation-Bewegung — eine praktische Stütze. Die Grundmahnung dieser Bewegungen lautet: „Meditation ist keine Technik, sondern ein inneres Loslassen"; dies ist unmittelbar die Umwandlung von Eckharts Begriff der Gelassenheit. Auch die moderne Achtsamkeitsbewegung (mindfulness) — besonders Jon Kabat-Zinns MBSR-Programm (Mindfulness-Based Stress Reduction) — trägt, wenngleich sie ihre begriffliche Verwandtschaft mit dem Zen fortsetzt, in ihrer begrifflichen Struktur eine nahe Verwandtschaft zur eckhartschen Gelassenheit.

Eine interessante Entwicklung: Im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts haben neurologische Forschungen (besonders Andrew Newberg, Why God Won't Go Away, 2001) gezeigt, dass die gemeinsame neuronale Infrastruktur der christlichen kontemplativen Praktiken im Gehirn dieselben Regionen aktiviert wie die Praktiken des Buddhismus und des Sufismus. Diese Befunde lassen sich als eine moderne Bestätigung von Eckharts Anthropologie des „Gottesfünkleins im Menschen" lesen — als Laborbeweis einer traditionsübergreifenden gemeinsamen Bewusstseinsstruktur.

Eckhart wirkt heute auf mindestens vier verschiedenen Bahnen als aktiver Bezugspunkt: im christlich-muslimischen Dialog (besonders über die Wahdat al-Wudschûd), im christlich-buddhistischen Dialog (in der Linie Suzuki, Merton, Nhat Hanh), im christlich-hinduistischen Dialog (in der Linie Bede Griffiths, Henri Le Saux/Abhishiktananda) und in der innerlich-säkularen Mystik (den modernen kontemplativen Praktiken). Diese Mehrbahnigkeit erklärt Eckharts einzigartige Stellung als eine Gestalt, die sowohl dem Mittelalter als auch der Moderne, sowohl dem Christentum als auch dem Perennialismus angehört.