Die Sternenmenschen: Himmelsahnen und kosmische Verwandtschaft bei indigenen Völkern
Himmelsahnen- und Plejaden-Erzählungen bei indigenen Völkern wie Hopi, Lakota, Cherokee und Cree; kosmische Verwandtschaft. Die kritische Schicht: die ursprüngliche indigene Kosmologie respektvoll von der modernen New-Age- und Prä-Astronautik-Aneignung zu unterscheiden.
Einleitung: Verwandtschaft mit dem Himmel
Unter vielen indigenen Völkern Nordamerikas und der Welt leben reiche Kosmologien, die den Himmel und die Sterne nicht bloß als eine ferne Kulisse, sondern in einem Verhältnis tiefer Verwandtschaft und Herkunft betrachten. Zahlreiche indigene Nationen anerkennen die Wesen, die häufig als „Himmelsmenschen" (Sky People) oder „Sternenmenschen" (Star People) bezeichnet werden, als Ahnen, Verwandte oder Lehrer. Diese Notiz behandelt diese ursprünglichen indigenen Erzählungen (Indigene Spiritualität) mit dem ihnen gebührenden Respekt; im Anschluss bewertet sie auf einer kritischen Schicht die Aneignung dieser ursprünglichen Kosmologien durch moderne New-Age-Strömungen und die Prä-Astronautik (Theorie der antiken Astronauten) unparteiisch und unterscheidet sie sorgfältig von der ursprünglichen Tradition.
Hier ist von Anfang an, mit Nachdruck, ein Punkt zu betonen: Die Erzählungen von den „Sternenmenschen" sind kein einziger Mythos. Es sind voneinander getrennte, ursprüngliche und oftmals unabhängig voneinander entwickelte mündliche Überlieferungen, die hunderten verschiedener Nationen, Sprachen und Kulturen angehören. Sie unter einem einzigen Titel „Außerirdischen-Mythos" zusammenzufassen, sie alle miteinander zu vermengen oder auf den modernen UFO-Diskurs zu reduzieren, ist sowohl faktisch falsch als auch respektlos gegenüber diesen Kulturen. Jede Erzählung muss in ihrem eigenen Kontext verstanden werden, innerhalb der Sprache, des Rituals, der Sittlichkeit und der Weltsicht ihres eigenen Volkes. Die folgenden Beispiele sind nur einige wenige Vertreter dieses Reichtums und stehen in keiner Weise für ein einziges, einheitliches Ganzes namens „indigener Glaube".
Hopi: Die erste Heimstatt aus den Plejaden
In der Tradition des Volkes der Hopi im Südwesten der USA (Arizona) nimmt in den Erzählungen über die Herkunft des Volkes das Sternbild der Plejaden (Siebengestirn / Sieben Schwestern) einen besonderen Platz ein; die Hopi nennen diesen Sternhaufen Chuhukon („die sich fest aneinander Festhaltenden" oder „die Versammelten"). Die Plejaden sind für den Zeremonienkalender der Hopi und besonders für die Rituale der Kiva (der unterirdischen Zeremonienkammer) von zentraler Bedeutung. Die Position des Sternhaufens am Himmel — etwa sein Erscheinen durch die Öffnung in der Decke der Kiva (Sipapu/Rauchloch) — wird zur Bestimmung des genauen Zeitpunkts mancher Zeremonien verwendet. Dies ist keine abstrakte Astrologie, sondern eine funktionale Himmelskunde, in der das landwirtschaftliche und religiöse Leben mit dem himmlischen Rhythmus in Einklang gebracht wird.
Die Kosmologie der Hopi ist eine überaus reiche und vielschichtige Erzählung, die auf aufeinanderfolgenden „Welten" (Zeitaltern der Schöpfung und Zerstörung) und den Übergängen zwischen diesen Welten beruht; die Menschheit verliert in dieser Erzählung am Ende jedes Zeitalters das geistige Gleichgewicht und geht in die nächste Welt über. In diesem Rahmen stellen die Himmelswesen, die sternstämmigen Ahnen und die Kachina-(Katsina-)Geister die Identität, die sittliche Verantwortung und den Einklang des Volkes mit der himmlischen Ordnung dar. Die Hopi-Erzählung ist ein wichtiges Beispiel, das die Tiefe der Plejaden-Symbolik in den indigenen Traditionen zeigt, und spiegelt kraftvoll das Gefühl der kosmischen Verwandtschaft wider, das den Himmel als eine Herkunfts-Heimat betrachtet. Hier ist zu betonen, dass diese Erzählungen das eigene heilige Eigentum des Hopi-Volkes sind; sie sind kein Material, das jeder von außen Kommende frei „deuten" könnte.
Lakota: Die Seele, die vom Stern kommt und zum Stern zurückkehrt
Im Glaubenssystem des Volkes der Lakota (Sioux) der Großen Ebenen besteht zwischen Himmel und Erde eine ununterbrochene und zyklische geistige Bindung. Einer Auffassung nach wird jedes Kind mit einer von einem Stern kommenden Seele (einem geistigen Funken) geboren; wenn der Mensch stirbt, kehrt diese Seele über den Großen Wagen (Big Dipper) und Wanagi Tacanku („den Weg der Geister", also die Milchstraße) zu den Sternen, zur Seite ihrer Ahnen, zurück. Diese zyklische Kosmologie betrachtet den Menschen als einen Reisenden, der von den Sternen kommt und zu den Sternen zurückkehrt; der Tod ist kein Ende, sondern eine Rückkehr zur kosmischen Heimat.
In der Lakota-Tradition gibt es ferner eine berühmte Erzählung, in der sieben junge Mädchen (oder Geschwister), die von einem Bären verfolgt werden, zu ihrem Schutz an den Himmel erhoben und in die Plejaden verwandelt werden; dieses Motiv wird auch mit Mato Tipila (der als heilig geltenden Felsformation in Wyoming, die im Englischen „Devils Tower" genannt wird) in Verbindung gebracht, und es wird erzählt, dass die Spuren, die der Bär beim Hinaufklettern hinterließ, die Rillen des Felsens bildeten. Im heiligen Wissen der Lakota gibt es ein Verständnis der Entsprechung (Spiegelung) zwischen Himmel und Erde: Zwischen bestimmten Sternmustern und den heiligen Stätten der Region der Schwarzen Berge (Black Hills / Paha Sapa) wird eine Übereinstimmung hergestellt, und der jährliche Zeremonienzyklus wird mit der Reise der Sonne durch diese Sternmuster in Einklang gebracht. Dies ist ein überaus differenziertes und auf Beobachtung beruhendes Beispiel schamanischen und kosmologischen Denkens; die Komplexität der Himmelskunde der Lakota ist das Produkt jahrhundertelanger sorgfältiger Himmelsbeobachtung.
Cherokee, Onondaga, Cree und andere Nationen
Auch in der Tradition der Cherokee nehmen die Plejaden einen wichtigen Platz ein. In einer bekannten Erzählung steigt eine Gruppe von Knaben (Ani-Tsutsa, „die Tanzenden Kinder") langsam zum Himmel empor, weil sie die zeremonielle Speise vernachlässigten und unaufhörlich tanzten, und verwandelt sich in den Sternhaufen der Plejaden; einer fällt zur Erde, und aus ihm wächst der erste Kiefernbaum. Dies ist zugleich eine Herkunftserzählung und eine sittliche Lehre über Zeremonie und Maß. Auch bei den Onondaga und den anderen Haudenosaunee-(Irokesen-)Nationen finden sich nahe Erzählungen über die Plejaden (die „Tanzenden"); dies zeigt, dass unter benachbarten Völkern Motive geteilt wurden, jedes aber seine eigene Bedeutung bewahrte.
In einigen Erzählungen der Nation der Cree heißt es, die Ahnen seien als Geister von den Sternen auf die Erde gekommen. Auf ähnliche Weise war das Volk der Pawnee der Großen Ebenen eine Kultur, die der Himmelskunde außerordentliche Bedeutung beimaß; sie setzten ihre Dorfordnungen, ihre Zeremonien und sogar den Aufbau ihrer Erdhäuser (earth lodge) in Beziehung zu den Sternen und betrachteten den „Morgenstern" und den „Abendstern" als die Ahnen der kosmischen Schöpfung (die Untersuchung When Stars Came Down to Earth des Astronomen Von Del Chamberlain dokumentiert diese Kosmologie). Dieses Thema — sternstämmige Ahnen und die geistige Wanderung zwischen Himmel und Erde — wiederholt sich bei vielen indigenen Nationen Nordamerikas in verschiedenen Formen. Doch die Erzählung jeder Nation ist ihr eigen: Die verwendeten Sterne, die erzählten Ereignisse, die abgeleiteten sittlichen Lehren und die kosmologischen Rahmen wechseln von Nation zu Nation grundlegend. Diese Vielfalt zeigt deutlich, dass es nicht „eine einzige Sage von den Sternenmenschen" gibt, sondern dass es sich um ein überaus reiches, plurales und aufeinander nicht reduzierbares mythologisches und kosmologisches Erbe handelt.
Die geistige und gesellschaftliche Bedeutung der Himmelsahnen
Der gemeinsame und tiefe Kern dieser Erzählungen ist das Erleben des Himmels als ein heiliger Raum der Verwandtschaft. Die Sterne sind keine fernen und fremden Körper; sie sind Ahn, Herkunft und Verwandter. Zwischen Mensch und Kosmos besteht kein Bruch, sondern ein Verhältnis ununterbrochener Kontinuität und wechselseitiger Verantwortung. Dieses Gefühl der kosmischen Verwandtschaft ist ein Grundmerkmal vieler indigener Spiritualitäten und bildet einen scharfen Gegensatz zum vorherrschenden Blick des modernen Westens, der den Menschen als ein vom Universum abgeschnittenes, der Natur fremdes Subjekt betrachtet. In der indigenen Kosmologie ist der Mensch als ein Teil und Verwandter des Universums verpflichtet, das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde zu wahren.
Diese Erzählungen sind zugleich überaus funktional und ordnen das Leben der Gemeinschaft. Der Aufgang der Plejaden vor der Morgendämmerung und ihr Untergang sind in vielen Kulturen kalendarische Zeichen, die die Zeiten der Aussaat, der Ernte, der Jagd und der Zeremonien bestimmen. Die Erzählungen geben sittliche Lehren (Maß, Respekt, zeremonielle Verantwortung), festigen die gesellschaftliche Identität und den Zusammenhalt, verleihen dem Zyklus von Leben und Tod Sinn und übertragen das Wissen zwischen den Generationen. Die Sternenerzählungen sind also keine müßige Neugier oder „primitive Astronomie", sondern eine in das Gewebe des Lebens des Volkes eingewobene, lebendige, funktionale und geistige Wirklichkeit. In dieser Hinsicht birgt der Himmel eine der ältesten Formen der kosmischen Spiritualität der Menschheit und hat weltweit — von den Himmelskarten der australischen Aborigines bis zu den anatolischen und zentralasiatischen Himmelsglauben — parallele Beispiele.
Mündliche Überlieferung, Wissen und heiliges Eigentum
Eine wichtige Voraussetzung, diese Erzählungen zu verstehen, ist, zu erfassen, dass sie innerhalb der mündlichen Überlieferung leben und weitergegeben werden. Anders als schriftliche Texte sind mündliche Erzählungen an bestimmte Personen (an weise Erzähler, an Zeremonienleiter), an bestimmte Zeiten (etwa Geschichten, die nur in den Wintermonaten erzählt werden) und an bestimmte Kontexte gebunden. Die „vollständige" Form einer Geschichte wird zumeist nur von den berechtigten Trägern der Gemeinschaft, im angemessenen zeremoniellen Rahmen, weitergegeben; die Version, die ein Beobachter von außen hört oder in Büchern liest, ist meist ein oberflächlicher oder unvollständiger Ausschnitt. Aus diesem Grund stehen viele indigene Nationen der aus dem Kontext gerissenen Veröffentlichung ihrer heiligen Erzählungen und ihrer Verdinglichung als „Folklore" zu Recht zurückhaltend gegenüber.
Dies zeigt die Bedeutung des Begriffs des „heiligen Eigentums" (cultural and intellectual property) im indigenen Kontext. Eine Geschichte ist kein Gemeingut, das jeder frei verwenden darf, sondern ein lebendiges und heiliges Vermächtnis, das in der Verantwortung eines bestimmten Volkes, Klans oder einer Familienlinie steht. Wie in den schamanischen Traditionen verlangt das Wissen häufig eine Befugnis (Berechtigung); nicht jedes Wissen ist jedem zugänglich. Diesen Rahmen zu verstehen, erklärt auch, warum das weiter unten zu behandelnde Problem der Aneignung (appropriation) so ernst ist: Eine Tradition aus ihrem Kontext zu reißen und zu kommerzialisieren, ist nicht bloß eine „Fehldeutung", sondern zugleich eine Art kulturellen Schadens.
Vergleichende Perspektive: Der Himmel als Spiegel der ganzen Menschheit
Die indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" in einen weiteren vergleichenden Rahmen zu stellen, legt sowohl ihre Tiefe dar als auch zerstreut es den Trugschluss „nur ein eigentümlicher Außerirdischen-Mythos der Indigenen". Dem Himmel Bedeutung beizulegen, bei der Suche nach Herkunft zu den Sternen aufzublicken und Himmelskörper als Ahnen oder Götter anzusehen, ist ein universales Merkmal der Menschheit. Im antiken Mesopotamien wurden die Sterne mit Göttern gleichgesetzt, die Himmelsbewegungen galten als Zeichen des Schicksals. Im alten Ägypten glaubte man, die Seele der Pharaonen steige zu den Sternen — besonders zu den „Imperishable Stars" genannten zirkumpolaren Sternen — empor. In den türkischen und zentralasiatischen Traditionen verortet der Glaube an Gök Tengri den Himmel als die höchste Heiligkeit. In den australischen Aborigine-Kulturen ist der Himmel (als Teil des „Dreaming") mit ausführlichen Erzählungen und Wissen zur Orientierung durchwoben.
Im Falle der Plejaden ist diese Universalität eindrücklich: In der griechischen Mythologie sind die Plejaden die sieben Töchter des Atlas; in Japan werden sie „Subaru" genannt, in vielen Kulturen mit dem Motiv der „sieben Schwestern" benannt. Dass so viele verschiedene und voneinander unabhängige Kulturen demselben Sternhaufen ähnliche „Sieben Schwestern"-Erzählungen zuschreiben, ist auch aus Sicht der Theorie von Jung über den Archetypus und das kollektive Bild überaus interessant; es weist auf die Neigung des menschlichen Geistes hin, den Himmel in ähnlichen Formen mit Bedeutung zu versehen. Doch diese Universalität zeigt nicht den Schluss „also sind wirklich überall Außerirdische gekommen", sondern ganz im Gegenteil die Tatsache, dass der Himmel für jede Kultur sichtbar, eindrucksvoll und mit Bedeutung beladen ist. Wohin der Mensch auch geht, er steht unter denselben Sternen und verleiht ihnen mit der Sprache seiner eigenen Kultur Bedeutung. Der Reichtum der Sternenerzählungen ist nicht der Beleg eines außerirdischen Kontakts, sondern des universalen geistigen Verhältnisses, das die Menschheit zum Kosmos herstellt.
Indigene Himmelskunde: Die Tiefe von Wissen und Beobachtung
Hinter den indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" liegt zumeist ein außerordentlich genaues und detailliertes Wissen der Himmelskunde. Dies ist eine unabhängig von der modernen Wissenschaft entwickelte, auf Beobachtung beruhende, über Generationen angesammelte und mündlich weitergegebene Wissenstradition; die heute als „Ethnoastronomie" oder „Kulturastronomie" (archaeoastronomy) bezeichnete Disziplin untersucht sie. Die indigenen Völker beobachteten sorgfältig die jahreszeitlichen Auf- und Untergänge der Sterne, die Bewegungen der Planeten, die Mondzyklen und die Finsternisse; diese Beobachtungen nutzten sie bei der Bestimmung von Kalender, Orientierung, Landwirtschaft, Jagd und Zeremonien. So war etwa die Dorf- und Zeremonienordnung des Pawnee-Volkes bewusst mit der Himmelskarte in Einklang gebracht; der jährliche Zeremonienzyklus der Lakota folgte der Reise der Sonne durch bestimmte Sternmuster.
Die Existenz dieser Wissenstradition erhellt einen kritischen Punkt: Die indigenen Völker bedurften keinerlei „Hilfe von außen", um den Himmel zu verstehen. Ihr Himmelswissen ist das Produkt ihrer eigenen Klugheit, ihrer Geduld und ihrer jahrhundertelangen sorgfältigen Beobachtungen. Aus diesem Grund ist es nicht nur wissenschaftlich grundlos, sondern zugleich eine Ungerechtigkeit, die die wahre intellektuelle Leistung dieser Völker den Blicken entzieht, die indigene Himmelskunde oder die Sternenerzählungen als Beleg für „außerirdische Lehrer" darzubieten. Wahrer Respekt verlangt, ihr Himmelswissen als ihre eigene Leistung anzuerkennen. In der schamanischen Tradition lag die Himmelsbeobachtung und -deutung zumeist in der Verantwortung besonders ausgebildeter weiser Personen (der Zeremonienleiter); auch das zeigt, wie ernst das Wissen genommen und wie systematisch es weitergegeben wurde.
Das zeitgenössische Wiederaufleben der Erzählungen von den „Sternenmenschen"
Seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat das Thema der „Sternenmenschen" sowohl innerhalb der indigenen Gemeinschaften als auch in der weiteren populären Kultur eine neue Sichtbarkeit erlangt. Dieses Wiederaufleben hat verschiedene und sorgfältig zu unterscheidende Dimensionen. Auf der einen Seite begannen manche indigene Autoren und Gemeindemitglieder, ihre eigenen Traditionen mit ihrer eigenen Stimme, mit ihren eigenen Begriffen neu zu erzählen und zu dokumentieren; dies ist im Hinblick auf kulturelle Wiederbelebung und das Sich-Annehmen des eigenen Erbes ein wertvolles und legitimes Bemühen. Arbeiten wie die von der indigenen Akademikerin Ardy Sixkiller Clarke gesammelten mündlichen Zeugnisse sind Versuche, diese Erzählungen unmittelbar aus den Quellen aufzuzeichnen.
Auf der anderen Seite ist die Aneignung dieses Themas durch den New-Age-Markt und den populären Disclosure-Diskurs ein weit problematischeres Feld. Hier werden die indigenen Erzählungen zumeist aus ihrem Kontext gerissen, als „Beleg" verwendet und von ihren ursprünglichen Bedeutungen entfernt. Diese beiden Vorgänge — die Wiederbelebung des eigenen Erbes durch die indigenen Völker und die von außen kommende kommerzielle/sensationsheischende Aneignung — nicht miteinander zu vermengen, ist sehr wichtig. Das Erste ist das Sich-Annehmen des eigenen Heiligen durch ein Volk; das Zweite hingegen ist häufig die unerlaubte und verzerrte Verdinglichung jenes Heiligen. Diese Unterscheidung zu wahren, ist sowohl ein Gebot der akademischen Redlichkeit als auch des Respekts vor den Rechten der Indigenen. Eine Tradition wahrhaft zu ehren, heißt, sie in ihrem eigenen Kontext, mit der Deutung ihrer eigenen Eigentümer und in ihrer eigenen Komplexität zu verstehen suchen; nicht, sie zum Material moderner Fantasien zu reduzieren. Diese Sensibilität sollte ein Grundprinzip in der Behandlung aller Themen des Bereichs der kosmischen Spiritualität sein.
Kosmische Verwandtschaft und Umweltethik
Eine oft übersehene, aber überaus bedeutsame Dimension der indigenen Kosmologien von den „Sternenmenschen" ist ihre Verbindung mit der Umweltethik und dem Verständnis des Verhältnisses zur Natur. Eine Weltsicht, die den Menschen als Verwandten der Sterne, der Tiere, der Pflanzen und der Erde betrachtet, bringt naturgemäß eine Ethik der Verantwortung und des Respekts hervor. Wenn der Himmel, die Berge, die Flüsse und die anderen Lebewesen unsere „Verwandten" sind, dann trägt auch unser Verhalten ihnen gegenüber die Verantwortung gegenüber einem Verwandten. Der Ausdruck „Mitákuye Oyásʼiŋ" („Alle meine Verwandten" / „wir alle sind verwandt") der Lakota-Tradition fasst dieses ganzheitliche Verwandtschaftsverständnis zusammen; der Mensch ist ein Teil des Kosmos und der Hüter des Gleichgewichts, nicht sein Herr.
Diese Kosmologie steht in eindrücklichem Einklang mit dem modernen ökologischen Denken und wird in den letzten Jahren von vielen Denkern als eine Alternative zur menschenzentrierten (anthropozentrischen) westlichen Weltsicht bewertet. Die mit den Sternen, den Ahnen und der Natur hergestellte ununterbrochene Bindung verortet den Menschen nicht als ein isoliertes Individuum, sondern als einen Teil eines weiten Netzes des Seins (der Ganzheit des Seins). In dieser Hinsicht sind die indigenen Himmelsahnen-Erzählungen nicht bloß „Sagen der Vergangenheit", sondern lebendige Weisheitstraditionen, die auch für heute tiefe geistige und ethische Einsichten tragen. Diese Einsichten respektvoll anzuerkennen, ist eine ganz andere Haltung, als sie zu einem exotischen Gegenstand der Neugier oder zum Material moderner Fantasien zu reduzieren.
Auch hier ist ein zweischichtiges Gleichgewicht zu wahren. Einerseits, die ökologische und geistige Weisheit, die diese Kosmologien bieten, aufrichtig zu würdigen; andererseits, es zu vermeiden, sie zu romantisieren und in das Klischee einer „makellosen, unveränderlichen und einheitlichen indigenen Weisheit" zu verwandeln. Auch die indigenen Traditionen sind, wie alle menschlichen Traditionen, vielfältige, historisch wandelbare und inneren Debatten offene lebendige Systeme; sie idealisierend zu erstarren, ist ebenso irreführend, wie sie geringschätzend zu übergehen. Echter Respekt verlangt, diese Traditionen in ihrer wahren Komplexität, zusammen mit den zeitgenössischen Stimmen ihrer eigenen Eigentümer, anzuerkennen.
Ein Aufruf zum authentischen Verstehen
Im Kern dieser ganzen Betrachtung liegt ein einfaches, aber grundlegendes Prinzip: Eine Tradition zu verstehen, beginnt damit, ihr mit ihrer eigenen Stimme zu lauschen. Die indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" verdienen weder eine romantische Idealisierung (den Mythos vom edlen Wilden) noch eine koloniale Geringschätzung (primitiver Aberglaube) noch eine moderne Aneignung (Außerirdischen-Beleg). Sie sind, mit ihrer eigenen Komplexität, Vielfalt, sittlichen Tiefe und kosmologischen Differenziertheit, ein wertvoller und ursprünglicher Teil des geistigen Erbes der Menschheit. Der Weg, ihnen gerecht zu werden, ist, die Stimme ihrer rechtmäßigen Eigentümer hervorzuheben, die akademische Sorgfalt zu wahren und die wissenschaftliche Skepsis mit einer ethischen Sensibilität zu verbinden.
Diese doppelte Verantwortung — einerseits Respekt vor der Tradition, andererseits wissenschaftliche Redlichkeit bei faktischen Behauptungen — ist die Grundhaltung dieser Notiz und, in einem weiteren Rahmen, der Untersuchungen zur kosmischen Spiritualität. Die Weisheit der Völker zu ehren, die zu den Sternen aufblicken und dort Ahnen und Verwandte sehen, und zugleich diese Erzählungen nicht in unbewiesene Außerirdischen-Behauptungen zu verwandeln; eben dies sind die zwei untrennbaren Seiten eines authentischen und respektvollen Ansatzes. Der Himmel ist seit Jahrtausenden der Spiegel der tiefsten Fragen und Sehnsüchte der Menschheit; jedes Volk hat ihn mit seiner eigenen Sprache betrachtet und seine eigene Wahrheit aus ihm gelesen. Diese Pluralität und Tiefe zu wahren, ist die gemeinsame Aufgabe von uns allen.
Wissenschaftliche Bewertung und kritische Betrachtung
Nachdem diese ursprünglichen indigenen Kosmologien respektvoll behandelt worden sind, ist eine kritische und überaus wichtige Unterscheidung unparteiisch zu treffen: Die ursprünglichen indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" und ihre Aneignung und Neudeutung durch moderne New-Age-Strömungen und die Prä-Astronautik müssen scharf voneinander unterschieden werden. Die Vermengung dieser beiden bringt sowohl in wissenschaftlicher als auch in ethischer Hinsicht ernste Probleme hervor.
Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben der von Autoren wie Erich von Däniken popularisierte Diskurs der „antiken Astronauten" und verschiedene New-Age-Strömungen die indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" häufig als Beleg der Behauptung „in der antiken Welt gab es wirklich Außerirdische" neu gedeutet. Die akademischen Hauptströmungen der Archäologie, Anthropologie, Himmelskunde und Geschichte beurteilen die Prä-Astronautik als Pseudowissenschaft (pseudoscience). Die wesentlichen Probleme dieses Ansatzes sind die folgenden:
Erstens und am schwerwiegendsten, die Auslöschung der indigenen Handlungsmacht (agency) und koloniale/rassistische Implikationen: Die implizite — und bisweilen offene — Annahme der Prä-Astronautik ist, dass nicht-weiße indigene Völker ihre eigenen Monumente, ihre entwickelten Kalender, ihr Himmelswissen und ihre komplexen Kosmologien nicht „aus eigener Kraft" hätten hervorbringen können und folglich einer „Hilfe" von außen (von Außerirdischen) bedurft hätten. Wie zahlreiche Akademiker (und indigene Denker) mit Nachdruck betont haben, ist dieser Blick ein kolonialer, nationalistischer und rassistischer Rahmen, der die intellektuellen und kulturellen Leistungen der indigenen Völker Afrikas, Amerikas und anderer Kontinente unsichtbar macht und solche Muster reproduziert. Die jahrtausendelange sorgfältige Himmelsbeobachtung, das Kalenderwissen und die architektonische Leistung eines indigenen Volkes als „Beleg eines außerirdischen Kontakts" darzubieten, bedeutet faktisch, die Arbeit, die Klugheit und das Erbe jenes Volkes zu rauben. Hinter der Zuschreibung all dieser Leistungen — von den ägyptischen Pyramiden über die Nazca-Linien bis zur Maya-Himmelskunde — an „Außerirdische" liegt zumeist eine Geringschätzung dieser Kulturen.
Zweitens, das Herausreißen aus dem Kontext und die Verzerrung der Gattung (Genre): Die ursprünglichen Erzählungen sind in ihrem eigenen sprachlichen, rituellen und sittlichen Kontext symbolische, geistige und funktionale Erzählungen — ebenso wie die Herkunftsmythen überall auf der Welt. Sie als faktische „Berichte über außerirdische Besuche" zu lesen, missversteht sowohl die Gattung der Erzählung von Grund auf als auch reißt es sie aus der Deutung des Volkes, das ihr rechtmäßiger Eigentümer ist, und unterwirft sie einer von außen aufgezwungenen Lesart. Wie Carl Jung in seiner Analyse des modernen Mythos gezeigt hat, sind die Himmelsahnen-Erzählungen die bildhafte Sprache des Sinnverhältnisses, das der Mensch zum Universum herstellt; sie auf technologisch-faktische Behauptungen zu reduzieren, ist sowohl anachronistisch als auch reduktionistisch.
Drittens, die kulturelle Aneignung (appropriation) und Kommerzialisierung: Dass auf dem New-Age-Markt Begriffe wie „Plejadenwesen", „Sternensaaten" (starseeds), „galaktische Föderation" selektiv aus den indigenen Traditionen entlehnt, aus ihrem Kontext gerissen und in eine kommerzielle und synthetische Spiritualität verwandelt werden, geschieht zumeist ohne die Zustimmung, Beteiligung und Kontrolle der lebenden indigenen Gemeinschaften. Dies ist eine ethisch problematische Form der kulturellen Aneignung; überdies werden die so gewonnenen „geistigen Produkte" meist vermarktet, ohne den Ursprungsgemeinschaften irgendeinen Nutzen zu bringen.
Viertens, das Problem des wissenschaftlichen Belegs: Die Behauptungen, dass außerirdische Zivilisationen in der Vergangenheit die Erde besucht hätten, entbehren im Rahmen der wissenschaftlichen Skepsis prüfbarer und verifizierbarer Belege. Die Existenz indigener Erzählungen über die Sterne ist nicht der Beleg dafür, dass „unsere Ahnen Außerirdischen begegnet sind", sondern dafür, dass die Menschheit universal den Himmel beobachtet und ihm Bedeutung beigelegt hat. Der Himmel ist für jede Kultur sichtbar und eindrucksvoll; über ihn Mythen hervorzubringen, erfordert keinen außerirdischen Kontakt.
Fünftens, Reduktionismus und Bedeutungsverlust: Eine indigene Erzählung als „in Wahrheit einen Bericht über einen außerirdischen Kontakt" zu lesen, reduziert sie auf eine einzige faktische Behauptung und löscht so die sittlichen, zeremoniellen, kalendarischen, gesellschaftlichen und geistigen Schichten der Erzählung gänzlich aus. Wie zuvor gezeigt, sind diese Erzählungen jedoch vielfunktional und vielschichtig; die „tanzenden Kinder" der Cherokee sind eine Lehre über Maß und Respekt, der Stern-Seele-Zyklus der Lakota eine Theologie von Leben und Tod, die Plejaden-Bindung der Hopi ein Zeremonienkalender. Diese alle auf den „Außerirdischen-Beleg" zu reduzieren, heißt, eine reiche Bedeutungswelt in eine eindimensionale Besessenheit einzusperren. Dies ist sowohl intellektuell verarmend als auch kulturell respektlos.
Mit Nachdruck ist zu sagen, dass diese Kritiken in keiner Weise die ernsthafte Wissenschaft betreffen, die die Möglichkeit außerirdischen Lebens erforscht (etwa die Erforschung der Bewohnbarkeitsbedingungen von Himmelskörpern oder ferner Signale); dies sind legitime wissenschaftliche Fragen. Das Ziel ist allein der Diskurs, der unbewiesene Erzählungen von einem „außerirdischen Besuch in der Vergangenheit" den indigenen heiligen Traditionen aufdrängt und in diesem Vorgang sowohl die Wissenschaft als auch jene Traditionen verzerrt.
Das Ziel der Kritik sind hier gewiss nicht die indigenen Völker oder ihre heiligen Erzählungen. Im Gegenteil: Diese Kritik wird gerade gemacht, um die Ursprünglichkeit, Tiefe, Komplexität und die Zugehörigkeit der indigenen Kosmologien zu ihren rechtmäßigen Eigentümern zu wahren und zu verteidigen. Die Erzählungen von den Sternenmenschen verdienen als ein prächtiger, ursprünglicher und tiefer Ausdruck der indigenen Spiritualität einen großen Respekt; sie zum Rohstoff des modernen UFO-Diskurses oder der wissenschaftlich grundlosen Prä-Astronautik-Behauptungen zu reduzieren, ist sowohl diesen Völkern als auch der wissenschaftlichen Redlichkeit gegenüber ungerecht. Die wahre Suche nach Wahrheit schließt auch den Respekt vor dem Heiligen und dem kulturellen Eigentum anderer Völker ein; eine Tradition zu verstehen, heißt nicht, sie in unsere eigenen Begriffe zu übersetzen, sondern ihr mit ihrer eigenen Stimme zu lauschen.
Fazit und verwandte Themen
Die Himmelsahnen-Erzählungen der Hopi, Lakota, Cherokee, Cree, Pawnee und zahlloser anderer indigener Nationen sind tiefe Kosmologien, die die ununterbrochene Verwandtschaft zwischen Mensch und Kosmos aussprechen, jede in ihrem eigenen Kontext ursprünglich und funktional. Dieses reiche und plurale Erbe respektvoll von der modernen New-Age-Aneignung und von der koloniale Implikationen tragenden Prä-Astronautik-Reduktion zu unterscheiden, ist eine Verantwortung sowohl gegenüber den indigenen Völkern als auch gegenüber der wissenschaftlich-ethischen Redlichkeit.
Die zweischichtige Haltung dieser Notiz fasst das Ganze des Themas zusammen. Auf der ersten Schicht verdienen die indigenen Erzählungen von den „Sternenmenschen" als eine der ältesten und reichsten Traditionen kosmischer Verwandtschaft der Menschheit, mit ihrer ganzen Tiefe, Vielfalt und geistigen Differenziertheit, einen tiefen Respekt; diese Erzählungen tragen eine wertvolle Weisheit, die den Himmel als Herkunft und Verwandten betrachtet und den Menschen zu einem verantwortlichen Teil des Universums macht. Auf der zweiten Schicht hingegen sind die wissenschaftlich und ethisch problematischen Seiten der modernen Diskurse, die diese ursprünglichen Traditionen in unbewiesene Behauptungen eines außerirdischen Kontakts verwandeln oder sie unerlaubt kommerzialisieren, deutlich aufzuzeigen. Diese beiden Schichten zusammenzuhalten — Respekt vor der Tradition mit faktischer Redlichkeit zu verbinden — ist nicht bloß eine akademische Feinheit, sondern eine grundlegende Schuld der Höflichkeit gegenüber dem Heiligen anderer Völker. Der Himmel ist über die Zeitalter hinweg eine gemeinsame heilige Seite gewesen, die jedes Volk mit seiner eigenen Sprache gelesen hat; jede dieser pluralen Lesarten mit ihrer eigenen Stimme und ihrer eigenen Würde zu hören, ist die Grundlage eines wahren Verständnisses vergleichender Spiritualität. Im Ergebnis ist zu betonen: Dass ein Volk zu den Sternen aufblickt und dort seine Ahnen und Verwandten sieht, ist eine der schönsten und tiefsten geistigen Gesten der Menschheit. Der Weg, diese Geste zu ehren, ist nicht, sie zum Gegenstand einer modernen Beleg-Suche oder eines kommerziellen Spiritualitätsmarktes zu reduzieren, sondern der Klugheit, der Beobachtungskraft und der geistigen Differenziertheit der Völker, die sie hervorbringen, Respekt zu erweisen. Die Erzählungen von den Sternenmenschen sind keine toten Sagen der Vergangenheit, sondern lebendige Traditionen, die heute noch leben, Sinn hervorbringen und uns über unser Verhältnis zum Kosmos vieles lehren können. Sie richtig zu verstehen, verlangt, zugleich dem Licht der Wissenschaft und der Stimme der Tradition Gehör zu schenken; eben diese doppelte Sensibilität ist die reifste Haltung der vergleichenden Spiritualität.
Für verwandte Notizen siehe: ufo-dinleri-karsilastirma, jung-ucan-daireler, hezekiel-arabasi-merkabah, Plejaden, Prä-Astronautik und Kosmische Spiritualität. Für den schamanischen und vergleichend-kosmologischen Kontext sind auch die Notizen Schamanismus und für die universale Bedeutung, die der Himmel für die Menschheit trägt, die Notizen zum perennialen Ansatz erhellend.