Der Guru Granth Sahib: die heilige Schrift als ewiger Guru der Sikhs
Die zentrale heilige Schrift des Sikhismus, die seit 1708 als „ewiger Guru“ verehrt wird — der elfte und bleibende Guru nach den zehn menschlichen. Von Guru Arjan 1604 als Ādi Granth zusammengestellt, versammelt sie die Hymnen der Sikh-Gurus samt denen hinduistischer und muslimischer Heiliger (Kabir, Scheich Farid) und lehrt die Verehrung des einen, formlosen Gottes durch das Gedenken seines Namens.
Definition
Der Guru Granth Sahib ist die zentrale heilige Schrift des Sikhismus und zugleich weit mehr als ein Buch: Er wird von den Sikhs als der lebendige, ewige Guru verehrt — als der „elfte Guru", der die Reihe der zehn menschlichen Meister ablöste und für alle Zeit fortsetzt. Der Titel selbst verrät diesen einzigartigen Status. Das Wort „Guru" (Sanskrit guru, wörtlich „schwer, gewichtig", übertragen „der die Dunkelheit vertreibt", von gu „Finsternis" und ru „vertreiben") bezeichnet den geistlichen Lehrer, der den Suchenden von der Unwissenheit zur Erkenntnis führt; „Granth" (aus dem Sanskrit grantha, „geknüpftes Buch, Schriftwerk") meint das gebundene Schriftwerk; und der Ehrentitel „Sahib" (arabisch ṣāḥib, „Herr, Gebieter", über das Persische ins Indische gelangt) drückt die höchste Ehrerbietung aus. Der Name lässt sich mithin als „der ehrwürdige Herr, das Buch, das Guru ist" wiedergeben. Anders als in den meisten religiösen Traditionen, in denen eine Schrift als Wort Gottes gilt, ist der Guru Granth Sahib nicht bloß ein verehrter Text, sondern die personifizierte, gegenwärtige Autorität der Gemeinschaft: Er nimmt buchstäblich den Platz eines lebenden Lehrmeisters ein.
Diese Verehrung ist keine Metapher, sondern gelebte liturgische Praxis. Der Guru Granth Sahib wird mit der Ehrerbietung eines lebenden Herrschers behandelt. Im Gurdwara, dem Versammlungshaus der Sikhs, thront er auf einem erhöhten Podest (takht, „Thron") unter einem Baldachin (chānanī); über ihn wird ein prächtiges Tuch gebreitet, und ein Diener wedelt ihm mit einem Fliegenwedel (chaur oder chaurī, ursprünglich aus Yakhaaren oder Pfauenfedern) Kühlung zu — eine Geste, die in Indien seit alters dem König und der Gottheit vorbehalten war. Am Morgen wird die Schrift in einer feierlichen Prozession (prakāsh, „Erleuchtung, Öffnung") auf ihren Thron gebracht und geöffnet, am Abend zeremoniell zur Ruhe gebettet (sukhāsan, „das Zur-Ruhe-Setzen"). Wer sich ihm naht, verneigt sich, berührt mit der Stirn den Boden und legt seine Schuhe ab. In dieser Behandlung verdichtet sich die ganze Theologie: Das göttliche Wort (śabad) ist der wahre Guru, und die Schrift ist dessen sichtbarer, hörbarer Leib.
Die geschichtliche Entstehung
Die Geschichte des Guru Granth Sahib ist die Geschichte des Sikhismus selbst, denn seine Zusammenstellung fiel mit der Herausbildung der jungen Glaubensgemeinschaft im Punjab zusammen. Der Sikhismus geht auf Guru Nanak (1469–1539) zurück, der die Verehrung des einen, formlosen Gottes verkündete und eine Nachfolge geistlicher Meister begründete. Nanak dichtete bereits selbst eine große Zahl von Hymnen und trug — so berichtet die Überlieferung — die Verse verwandter Heiliger auf seinen weiten Reisen zusammen. Seine Nachfolger setzten diese poetisch-theologische Arbeit fort, und mit jeder Generation wuchs der Bestand heiliger Gesänge, die in der Gemeinschaft gesungen und bewahrt wurden.
Der Ādi Granth des Guru Arjan (1604)
Den entscheidenden Schritt tat der fünfte Guru, Guru Arjan (1563–1606, im Amt seit 1581). Angesichts einer wachsenden Gemeinde und der Gefahr, dass gefälschte oder verfälschte Hymnen in Umlauf gerieten — insbesondere Verse eines rivalisierenden Zweiges der Guru-Familie —, entschloss er sich, einen verbindlichen Kanon zu schaffen. Um 1603/04 stellte er in Amritsar, der von den Gurus gegründeten heiligen Stadt, den Ādi Granth zusammen, das „erste Buch" (Sanskrit ādi, „Anfang, erster, ursprünglich"). Sein enger Vertrauter Bhai Gurdas diente ihm dabei als Schreiber und hielt die Verse in der Gurmukhi-Schrift fest. Im Jahr 1604 wurde diese Urhandschrift feierlich im Harmandir Sahib installiert — jenem Tempel im Zentrum von Amritsar, der wegen seiner späteren Vergoldung im Volksmund als „Goldener Tempel" bekannt wurde. Der greise Baba Buddha, ein noch von Guru Nanak selbst geweihter Sikh, wurde zum ersten Hüter (granthī) der Schrift bestellt. Bezeichnend ist, dass Guru Arjan die Schrift bereits höher stellte als sich selbst: Er ließ sie auf einem erhöhten Platz ruhen und schlief zu ihren Füßen auf dem Boden — eine Vorwegnahme jener Ehrung, die dem Buch ein Jahrhundert später vollends zuteilwerden sollte.
Die endgültige Gestalt und die Erhebung zum Guru (um 1705–1708)
Die Handschrift Guru Arjans war noch nicht die letzte Fassung. Der zehnte und letzte menschliche Guru, Guru Gobind Singh (1666–1708), gab dem Werk um 1705 in Damdama Sahib seine endgültige Gestalt. Seine wichtigste Ergänzung waren die Hymnen des neunten Guru, Tegh Bahadur (1621–1675), seines Vaters, der als Märtyrer für die Glaubensfreiheit gestorben war und dessen Verse in der Sammlung Arjans noch gefehlt hatten. Diese vervollständigte Rezension trägt in der Tradition den Namen Damdama-bīr.
Der Schlussakt der Geschichte ereignete sich 1708. Kurz vor seinem Tod in Nanded (im heutigen Maharashtra) traf Guru Gobind Singh eine folgenreiche Entscheidung: Er erklärte die Reihe der menschlichen Gurus für abgeschlossen und setzte die Schrift selbst zum bleibenden, ewigen Guru ein. Von nun an sollte kein Mensch mehr die Würde des Gurus tragen; an seine Stelle traten die heilige Schrift als geistliche Autorität — nunmehr Guru Granth Sahib genannt — und die versammelte Gemeinschaft der Gläubigen (Guru Panth) als ihre lebendige Trägerin. Mit diesem Vermächtnis wurde aus dem Ādi Granth der Guru Granth Sahib: Die Schrift wurde nicht mehr nur bewahrt und gesungen, sondern angebetet als der gegenwärtige Meister, der die Gemeinde durch die Jahrhunderte führt.
Aufbau, Sprache und Inhalt
Der Guru Granth Sahib umfasst in seiner heute standardisierten Ausgabe 1430 Seiten; diese Seitenzahl ist so fest, dass jede gedruckte Ausgabe weltweit dieselbe Paginierung aufweist und einzelne Passagen schlicht mit ihrer Seitenzahl (ang, wörtlich „Glied, Körperteil" — ein weiterer Hinweis darauf, dass die Schrift als lebendiger Leib gedacht wird) zitiert werden. Der Inhalt ist ganz und gar poetisch: Die Schrift besteht aus Hymnen (śabad, „Wort, Klang", vom Sanskrit śabda; auch bāṇī, „Rede, Wort") — Gesänge zur Ehre des einen Gottes.
Die Stimmen der Gurus und der Heiligen
Von den zehn menschlichen Gurus sind sechs mit eigenen Hymnen vertreten: die ersten fünf — Nanak, Angad (Guru II.), Amar Das (Guru III.), Ram Das (Guru IV.) und Arjan (Guru V.) — sowie der neunte, Tegh Bahadur. Um die Verfasserschaft eindeutig zu kennzeichnen und Fälschungen zu verhindern, führte Guru Arjan ein sinnreiches System ein: Alle Gurus dichteten unter dem gemeinsamen poetischen Namen „Nanak", doch jede Hymne trägt eine Ziffer (mahalā, gefolgt von einer Zahl), die den jeweiligen Guru bezeichnet — „Mahalā 1" für Nanak, „Mahalā 5" für Arjan und so fort. Der geistliche Leib des Gurus, so die dahinterstehende Vorstellung, ist einer; nur das äußere Gefäß wechselt.
Das Bemerkenswerteste am Guru Granth Sahib aber ist seine bewusste Überkonfessionalität. Neben den Sikh-Gurus enthält die Schrift die Verse zahlreicher hinduistischer und muslimischer Heiliger, der sogenannten bhagats (von Sanskrit bhakta, „der Hingegebene, Verehrer"). Unter ihnen ragt Kabir (traditionell 1440–1518) heraus, der Weber-Mystiker aus Benares, dessen Hymnen einen besonders großen Anteil ausmachen und der jede Grenze zwischen Hindu und Muslim verwarf. Hinzu treten Namdev, der Schneider- und Kattundrucker-Heilige aus Maharashtra, und Ravidas (Raidas), ein Heiliger aus dem Stand der Lederarbeiter — beide Vertreter jener Frömmigkeit, die sich über die Kastenschranken hinwegsetzte. Und in einer für die Zeit erstaunlichen Geste der Öffnung nahm die Schrift auch die Verse eines muslimischen Sufi-Meisters auf: Scheich Farid (Farīd ad-Dīn Ganj-i Shakar, gest. um 1265), einer der frühen Heiligen des Tasawwuf auf indischem Boden. Dass die höchste Autorität des Sikhismus die Stimmen von Hindus verschiedener Kasten und eines muslimischen Sufi in sich birgt und diese als vollgültige Zeugnisse der einen göttlichen Wahrheit anerkennt, ist in der Religionsgeschichte nahezu ohne Parallele.
Schrift und Sprache
Der Text ist überwiegend in der Gurmukhi-Schrift niedergelegt — einer Schrift, die von Guru Angad, dem zweiten Guru, systematisiert wurde. Ihr Name bedeutet „aus dem Mund des Gurus" (von mukh, „Mund") und verweist darauf, dass sie geschaffen wurde, um das Wort der Meister getreu festzuhalten. Die Sprache des Guru Granth Sahib ist keine einzelne Volkssprache, sondern eine Mischform, die die Forschung als Sant Bhasha („Sprache der Heiligen") bezeichnet: ein poetisches Idiom, das Elemente des Panjabi, des Braj Bhasha, des Khari Boli, des Persischen, Arabischen und Sanskrit sowie mancher regionaler Dialekte in sich vereint. Diese sprachliche Vielfalt spiegelt die geographische und religiöse Weite der versammelten Stimmen wider — eine Schrift, die aus vielen Zungen die eine Wahrheit singt.
Die Ordnung nach den Rāgas
Das Gliederungsprinzip des Guru Granth Sahib ist einzigartig unter den heiligen Schriften der Welt: Er ist nicht nach Themen, Verfassern oder chronologisch geordnet, sondern nach musikalischen Tonarten. Der Hauptteil der Schrift ist in einunddreißig rāga (Sanskrit rāga, wörtlich „Färbung, Stimmung", das melodische Grundgerüst der indischen Musik) unterteilt, und innerhalb jeder Tonart erscheinen die Hymnen der Gurus und bhagats in der Reihenfolge ihres Ranges. Diese Anordnung ist kein bloßes Ordnungsschema, sondern verrät den Daseinszweck der Schrift: Der Guru Granth Sahib ist dazu bestimmt, gesungen zu werden. Das gemeinschaftliche, von Instrumenten begleitete Singen der Hymnen — kīrtan (Sanskrit kīrtana, „Preisen, Rühmen") — bildet das Herzstück des sikhistischen Gottesdienstes. Jede rāga trägt eine eigene emotionale Färbung, und die Zuordnung einer Hymne zu einer bestimmten Tonart bestimmt die Stimmung, in der die göttliche Wahrheit erklingen soll. Die Schrift ist somit zugleich Buch und Partitur, Theologie und Klang.
Die Theologie des Guru Granth Sahib
Die Lehre des Guru Granth Sahib lässt sich um wenige, aber tief verankerte Grundgedanken ordnen. An ihrer Spitze steht das Bekenntnis zum einen, formlosen Gott.
Ik Onkar — die eine Wirklichkeit
Die Schrift eröffnet mit einem Symbol und einer Formel, die zum Inbegriff des sikhistischen Glaubens geworden sind: Ik Onkar (ੴ). Das Zeichen verbindet die Ziffer „Eins" (ik) mit dem Urlaut „Onkar" (verwandt mit dem hinduistischen Om/Aum, dem heiligen Urklang) und bedeutet „Es gibt eine einzige Wirklichkeit" oder „Ein Gott". In diesem Auftakt ist die ganze Theologie zusammengefasst: Gott ist einer, ungeteilt, ohne Bild und Gestalt (nirankār, „der Formlose"), ewig, ungeboren und selbst-existent. Auf das Zeichen folgt der Mul Mantar (der „Wurzelspruch", von mūl, „Wurzel"), das grundlegende Glaubensbekenntnis, das Nanak zugeschrieben wird und Gott als den einen, wahren Namen (sat nām), den Schöpfer, den Furchtlosen, den Hasslosen, den Zeitlosen und Ungeborenen preist. Unmittelbar darauf folgt das Japji Sahib, die große Morgenhymne Nanaks — die erste und grundlegende Komposition der Schrift —, die den Weg zur Erkenntnis Gottes in dichten, meditativen Versen entfaltet und von frommen Sikhs täglich beim Morgengrauen rezitiert wird.
Nam Simran — das Gedenken des Namens
Wenn Gott formlos ist und weder im Bild noch im Ritual eingefangen werden kann, wie naht der Mensch sich ihm? Die Antwort des Guru Granth Sahib lautet: durch den göttlichen Namen (nām). Die zentrale geistliche Praxis des Sikhismus ist das Nam Simran beziehungsweise Nam Japna — das liebende Gedenken und die innere Wiederholung des Namens Gottes (von simaran, „Erinnerung, Gedenken", und japnā, „murmelnd wiederholen", verwandt mit dem hinduistischen japa). Durch das beständige Vergegenwärtigen des Namens löst sich der Mensch von seinem Ich-Wahn (haumai, „das Ich-bin, der Egoismus"), reinigt sein Herz und richtet den Geist unablässig auf das Göttliche aus. Dieses Herzensgedenken verwandelt den Menschen von innen und führt ihn zur Vereinigung mit der göttlichen Wirklichkeit. In enger Verwandtschaft dazu steht die tägliche Gottesbetrachtung, zu der die Sikh-Tradition ihre Gläubigen anhält: der feste Rhythmus der Morgen- und Abendgebete, die das Leben in den Dienst der Erinnerung stellen.
Die drei Säulen der Lebensführung
Der Guru Granth Sahib lehrt keine weltflüchtige Askese, sondern eine im Alltag verwurzelte Frömmigkeit, die traditionell in drei Grundsätzen zusammengefasst wird. Der erste ist eben nām japnā — das Gedenken des Namens. Der zweite ist kirat karnī — der Erwerb des Lebensunterhalts durch ehrliche, redliche Arbeit; müßiges Betteln und ein Leben auf Kosten anderer werden verworfen. Der dritte ist vaṇḍ chhaknā — das Teilen dessen, was man erworben hat, mit den Bedürftigen. Sichtbarster Ausdruck dieses Teilens ist der langar, die freie Gemeinschaftsküche jedes Gurdwara, in der alle Besucher ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder ihres Standes gemeinsam auf dem Boden sitzen und dasselbe Mahl empfangen — eine leibhaftige Absage an das Kastenwesen.
Was zurückgewiesen wird
So klar der Guru Granth Sahib verkündet, was der Mensch tun soll, so entschieden weist er zurück, was ihn vom wahren Gott trennt. Verworfen werden das Kastenwesen mit seiner Einteilung der Menschen in Reine und Unreine; der Bilderdienst und die Verehrung von Götzen; der leere, äußerliche Ritualismus, der die Form über das Herz stellt; und die Herrschaft einer priesterlichen Kaste, die sich zwischen Gott und den Gläubigen schiebt. Die Schrift ruft stattdessen zu einer unmittelbaren, innerlichen Beziehung zum einen Gott auf, die keiner Mittler bedarf und keine Standesgrenzen kennt.
Der vergleichende Horizont
Der Guru Granth Sahib lädt in besonderem Maße zum religionsvergleichenden Nachdenken ein, denn er ist selbst schon eine vergleichende, brückenbauende Schrift. Mehrere seiner Grundzüge lassen sich fruchtbar mit anderen Traditionen ins Gespräch bringen.
Das Namensgedenken im Kranz der Traditionen
Die Praxis des Nam Simran — das rhythmische, liebende Wiederholen des göttlichen Namens als Weg zur Reinigung des Herzens und zur Gottesvereinigung — ist keineswegs auf den Sikhismus beschränkt, sondern findet sich in erstaunlich ähnlicher Gestalt in nahezu allen großen Frömmigkeitstraditionen der Welt. Am nächsten steht ihr das Herzensgedenken (dhikr) des islamischen Sufismus: das ḏikr (arabisch, „Gedenken, Erinnerung") ist die beständige Anrufung Gottes und seiner Namen, die das Herz vom Weltlichen läutert und den Sufi in die Gegenwart des Geliebten führt — eine Verwandtschaft, die umso bedeutsamer ist, als der Guru Granth Sahib mit Scheich Farid selbst eine Sufi-Stimme in sich trägt. Im Hinduismus entspricht dem Nam Simran das japa, die murmelnde Wiederholung eines Mantra oder eines Gottesnamens, oft mit Hilfe einer Gebetskette (mālā). Im östlichen Christentum kennt die Tradition das Jesusgebet, die unablässige Anrufung „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner", die im Herzen verankert werden soll, bis sie von selbst mitgeht. Und im japanischen Buddhismus des Reinen Landes vertraut sich der Gläubige im nembutsu — der Anrufung „Namu Amida Butsu" — der rettenden Gnade des Buddha Amida an. In all diesen Formen erscheint dasselbe Grundvertrauen: dass der Name das Bezeichnete gegenwärtig setzt und dass die beständige Anrufung den Menschen verwandelt.
Der eine formlose Gott: tawḥīd und nirguṇa Brahman
Das sikhistische Bekenntnis zu Ik Onkar, dem einen, gestaltlosen Gott, hat auf beiden Seiten seines geistigen Ursprungslandes tiefe Entsprechungen. Zum Islam hin berührt es sich mit dem tawḥīd (arabisch, „Einsmachung, Bekenntnis der Einheit Gottes"), dem Herzstück des islamischen Glaubens, wie es auch der Koran auf jeder Seite verkündet: Gott ist einer, ohne Teilhaber, ohne Bild, unvergleichlich. Zum Hinduismus hin knüpft es an die Vorstellung des nirguṇa Brahman an — des höchsten Wirklichen „ohne Eigenschaften" (nirguṇa, „eigenschaftslos"), das jenseits aller Bilder, Namen und Bestimmungen liegt und in der Advaita-Philosophie wie in der Sant-Frömmigkeit als das eigentliche Absolute gilt. Gerade in dieser doppelten Anschlussfähigkeit — nach dem islamischen Monotheismus wie nach der indischen Metaphysik des Formlosen — zeigt sich die vermittelnde Stellung des Sikhismus.
Die Sant-Tradition als Brücke zwischen Bhakti und Sufismus
Der geistesgeschichtliche Ort, aus dem der Guru Granth Sahib hervorging, ist die nordindische Sant-Bewegung (von Sanskrit sant, „der Wahrhaftige, der Heilige") — jene Frömmigkeitsströmung des späten Mittelalters, in der sich Heilige wie Kabir, Namdev und Ravidas gegen Kastenwesen, Ritualismus und Priesterherrschaft wandten und die unmittelbare Liebe zum einen, formlosen Gott predigten. Diese Bewegung bildete historisch die Brücke zwischen zwei großen Strömen: der hinduistischen Bhakti-Frömmigkeit und dem islamischen Sufismus. Der Bhakti-Weg — der Weg der liebenden Hingabe an das Göttliche, der im Hinduismus etwa in der leidenschaftlichen Verehrung Krishnas seinen Ausdruck findet — teilt mit der Sant-Frömmigkeit das Vertrauen, dass Liebe und Hingabe, nicht rituelle Werke oder Kastenreinheit, den Menschen zu Gott führen. Und der Sufismus mit seinem ḏikr, seiner Betonung des Herzens und seiner Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem einen Geliebten reichte dieser Bewegung von der anderen Seite die Hand. Dass der Guru Granth Sahib die Stimmen beider Ströme — Bhakti-Dichter wie Kabir und einen Sufi wie Farid — in einem einzigen Kanon vereint, macht ihn zum sichtbaren Denkmal dieser interreligiösen Synthese. Er ist nicht bloß eine Schrift, die von Toleranz spricht, sondern eine, die die Vereinigung der Traditionen in ihrem eigenen Leib vollzieht.
Die Schrift als lebendiger Guru
Schließlich lädt der Guru Granth Sahib zum Vergleich in einem Punkt ein, in dem er zugleich anderen Traditionen ähnelt und sich radikal von ihnen unterscheidet: in der Verehrung der Schrift selbst. Auch andere Religionen umgeben ihre heiligen Bücher mit höchster Ehrfurcht — die Tora wird in der Synagoge in kostbare Gewänder gehüllt, in einem Schrein aufbewahrt und beim Lesen nicht mit bloßer Hand berührt; der Koran wird in Reinheit rezitiert, hochgehalten und mit größter Achtung behandelt. Doch in keiner dieser Traditionen wird die Schrift zum personifizierten Guru, zum lebenden Meister, der buchstäblich den Platz eines Menschen einnimmt, auf einem Thron sitzt, morgens geweckt und abends zur Ruhe gebettet wird. Der Guru Granth Sahib ist einzigartig darin, dass er nicht als verehrtes Objekt, sondern als gegenwärtiges geistliches Subjekt behandelt wird — als die fortdauernde, atmende Autorität, die die Gemeinde führt, an der man Rat sucht (indem man die Schrift aufs Geratewohl öffnet und die oberste Hymne als Weisung liest, das vāk laiṇā) und in deren Gegenwart jede wichtige Handlung des Lebens vollzogen wird. Hier wird die im Sufismus, in der Bhakti und in den Schriftreligionen verstreut vorhandene Verehrung des Wortes zu ihrer äußersten Konsequenz geführt: Das Wort ist nicht mehr Zeichen des Meisters — es ist der Meister.
Kritik und Grenzen
Bei aller Bewunderung, die dem Guru Granth Sahib als geistlichem und interreligiösem Werk gebührt, verlangt die vergleichende Betrachtung auch nach Behutsamkeit und einigen kritischen Unterscheidungen.
Zunächst ist vor einer allzu glatten Deutung des Werks als „synkretistischer Religionsmischung" zu warnen. Der Sikhismus versteht sich selbst nicht als Verschmelzung von Hinduismus und Islam, sondern als eine eigenständige Offenbarung, die Guru Nanak zuteilwurde. Die Aufnahme hinduistischer und muslimischer Stimmen in den Kanon geschah nicht, um Religionen zu vermengen, sondern weil diese Heiligen nach sikhistischer Überzeugung dieselbe eine Wahrheit vom formlosen Gott bezeugten. Der überkonfessionelle Charakter der Schrift ist also gerade Ausdruck ihres eigenen, unverwechselbaren theologischen Standpunkts, nicht seiner Auflösung. Sikh-Gelehrte haben stets betont, dass ihr Glaube weder ein Zweig des Hinduismus noch eine Variante des Islam ist.
Zweitens ist bei den vergleichenden Parallelen zwischen Nam Simran, ḏikr, japa, Jesusgebet und nembutsu die religionswissenschaftliche Vorsicht am Platz. So bestechend die formale Ähnlichkeit der Namens- und Herzensgebete ist, so verschieden sind die theologischen Rahmen, in die sie eingebettet sind: Das nembutsu des Reinen Landes zielt auf die Wiedergeburt in einem Buddha-Land und ruht auf einer Gnadenlehre; das Jesusgebet steht im trinitarischen und christologischen Zusammenhang der Ostkirche; das ḏikr entfaltet sich innerhalb der islamischen Prophetologie und Rechtsordnung. Die äußere Verwandtschaft der Praxis darf nicht vorschnell zu einer Gleichsetzung der Inhalte führen. Die Forschung mahnt hier zu Recht, Analogien der Form von Identitäten des Gehalts zu unterscheiden.
Drittens bestehen für die Frühgeschichte der Schrift und der bhagats einige quellenkritische Unsicherheiten. Die Lebensdaten mehrerer Heiliger — allen voran Kabirs und Farids — sind traditionell überliefert, aber historisch nicht mit letzter Sicherheit zu fixieren; die Forschung ist über einzelne Datierungen uneins. Auch die genaue Zuordnung mancher Farid zugeschriebener Verse — ob sie vom historischen Scheich Farid des 13. Jahrhunderts stammen oder von einem späteren Träger desselben Namens innerhalb seines Ordens — wird diskutiert. Wer den Guru Granth Sahib als historisches Dokument liest, muss diese Unschärfen im Blick behalten, ohne dass sie freilich den geistlichen Rang des Werkes berühren.
Viertens schließlich verlangt der Umgang mit der Schrift als lebendigem Guru von außen betrachtet eine hermeneutische Zurückhaltung. Was dem gläubigen Sikh selbstverständliche Ehrerbietung vor dem gegenwärtigen Meister ist, kann dem außenstehenden Betrachter als Buchverehrung missverstanden werden. Es ist gerade nicht das Papier oder der Einband, dem die Verehrung gilt, sondern dem göttlichen Wort (śabad), das in der Schrift Gestalt annimmt. Diese feine, aber entscheidende Unterscheidung geht verloren, wenn man die Praxis vorschnell als „Bibliolatrie" abtut — ein Vorwurf, den die Sikh-Tradition selbst mit dem Hinweis zurückweist, dass sie eben nicht das Buch, sondern den in ihm redenden Guru verehrt.
Fazit
Der Guru Granth Sahib nimmt unter den heiligen Schriften der Menschheit eine singuläre Stellung ein. Er ist zugleich Buch und Meister, Text und Partitur, Bekenntnis des einen formlosen Gottes und lebendiges Denkmal der Begegnung zwischen den Religionen. Aus der Frömmigkeit Guru Nanaks hervorgegangen, von Guru Arjan 1604 als Ādi Granth gesammelt, von Guru Gobind Singh vollendet und 1708 zum ewigen Guru erhoben, verkörpert er die geistliche Autorität einer ganzen Glaubensgemeinschaft in gebundener Gestalt. Seine Theologie — der eine, gestaltlose Gott, das Gedenken des Namens, die ehrliche Arbeit und das Teilen, die Absage an Kaste, Götzendienst und leeren Ritualismus — verbindet klare Strenge mit weitem Herzen. Und seine bewusste Überkonfessionalität, die die Stimmen von Hindus verschiedener Stände und eines muslimischen Sufi neben denen der Sikh-Gurus als vollgültige Zeugnisse der einen Wahrheit versammelt, macht ihn zu einem der eindrucksvollsten Dokumente religiöser Verständigung, die die Geschichte kennt. Wer den Guru Granth Sahib studiert, begegnet nicht nur der heiligen Schrift der Sikhs, sondern einem Werk, das die Grenzen zwischen Bhakti und Sufismus, zwischen indischer Metaphysik und islamischem Monotheismus in seinem eigenen Leib zur Sprache bringt — gesungen in einunddreißig Tonarten, zur Ehre der einen Wirklichkeit, die keinen Namen hat und doch in unzähligen Namen angerufen wird.