Der Koran (Kur'ân-i Kerîm)
Das grundlegende heilige Buch des Islam; ein arabischer Text aus 114 Suren und 6236 Versen, von dem geglaubt wird, dass er Mohammed über 23 Jahre hinweg offenbart wurde.
Vorstellung des Werks
Der Kur'ân-i Kerîm (arabisch: القرآن الكريم) ist das grundlegende heilige Buch der Religion des Islam. Nach dem Glauben der Muslime ist er die göttliche Offenbarung, die Mohammed (610–632) über einen Zeitraum von 23 Jahren durch Vermittlung Gabriels Stück für Stück (munadschdscham) herabgesandt wurde. Sein Name stammt von der arabischen Wurzel q-r-' und trägt die Bedeutungen ‚lesen‘, ‚rezitieren‘. Auch das erste Gebot der Offenbarung, das Wort ‚iqra'‘ (Lies!), teilt dieselbe Wurzel — dies zeigt, dass sowohl der Name des Buches als auch sein Daseinsgrund auf das Lesen und Nachdenken gegründet sind.
Der Koran besteht aus 114 Suren (Abschnitten) und insgesamt 6236 Versen (Sätzen). Die erste Sure, die Fâtiha, ist ein kurzes einleitendes Gebet; auch die letzten Suren (Nâs, Falaq, Ichlâs) enthalten kurze, aber tiefe metaphysische Formeln. Die längste Sure, die Baqara, besteht aus 286 Versen und gilt als ‚die Hälfte des Buches‘.
Die Niederschrift des Buches begann zu Lebzeiten Mohammeds, wurde von den Offenbarungsschreibern (allen voran Zaid ibn Thâbit) festgehalten, in der Zeit des Kalifen Abû Bakr gesammelt und in der Zeit des Kalifen Othman (um 650) als standardisierte Handschrift institutionalisiert. Dieser ‚othmanische Mushaf‘ bildet die Grundlage des heutigen Korans.
Inhaltsstruktur
Der Koran teilt sich in zwei große Epochen:
Mekkanische Epoche (610–622)
Es sind die Suren, die in der Zeit herabgesandt wurden, in der Mohammed in Mekke lebte. 86 Suren gelten als mekkanisch. Ihre charakteristischen Merkmale:
- Kurze, rhythmische, poetische Verse (besonders der frühen Epoche)
- Überwiegend Tauhîd (die Einheit Gottes), das Jenseits, Szenen des Jüngsten Tages und Prophetenerzählungen
- Das Gleichgewicht aus Warnung an die Ungläubigen und frohen Botschaft an die Gläubigen
- Suren, die mit Schwurformeln (wal-fadschri, wasch-schamsi usw.) beginnen
- Die Anrede ‚Yâ ayyuhan-nâs‘ (O ihr Menschen!)
Die mekkanischen Suren teilen sich ihrerseits in drei Gruppen: frühe, mittlere und späte mekkanische. Die frühen mekkanischen (wie ʿAlaq, Muzzammil, Muddaththir) tragen den dichtesten poetisch-ekstatischen Charakter.
Medinensische Epoche (622–632)
28 Suren, die nach der Hidschra in Medine herabgesandt wurden. Ihre charakteristischen Merkmale:
- Lange, didaktische, rechtliche Verse
- Gesellschaftliche Gesetze: Ehe, Erbe, Strafe, Krieg, Verträge
- Der Dialog mit den Leuten der Schrift (Juden und Christen)
- Warnungen vor den Heuchlern
- Die Anrede ‚Yâ ayyuhalladhîna âmanû‘ (O ihr, die ihr glaubt!)
- Große Suren wie Baqara, Âl ʿImrân, Nisâ, Mâida, Anʿâm, Tauba, Hadsch, Nûr, Ahzâb
Anordnung
Die gegenwärtige Anordnung des Korans ist nicht chronologisch. Die Suren sind, ausgenommen die Fâtiha, grob vom Langen zum Kurzen angeordnet. Der Unterschied zwischen dieser tartîb-i muschafî (Reihenfolge der Niederschrift) und der tartîb-i nuzûlî (Reihenfolge der Herabsendung) ist eines der wichtigen Themen der klassischen islamischen Wissenschaften. Von den modernen Gelehrten haben Theodor Nöldeke und in der Türkei Süleyman Ates Arbeiten zur chronologischen Anordnung verfasst.
Das Dschuz- und Hizb-System
Zur Erleichterung des Lesens wird der Koran in 30 Dschuz unterteilt; jeder Dschuz enthält 2 Hizb, jedes Hizb 4 Rubʿ. Dieses System ermöglicht es besonders im Monat Ramadan, durch die tägliche Lektüre eines Dschuz das gesamte Buch zu vollenden (Chatm).
Grundlehren
1. Tauhîd (Einheit)
Die zentrale Lehre des Korans, der Tauhîd, ist die absolute Einheit und Einzigartigkeit Gottes. Die Sure Ichlâs (112) ist der kürzeste und prägnanteste Ausdruck dieser Lehre: ‚Sprich: Er ist Gott, ein Einziger. Gott ist der Samad (alles ist auf Ihn angewiesen, Er auf nichts). Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden. Nichts ist Ihm gleich.‘ Der Sufismus liest diese Verse im Rahmen der ontologischen Einheit (Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins)).
2. Asmâ al-husnâ
Es wird angegeben, dass Gott im Koran mit 99 schönen Namen (Asmâ (die schönen Namen Gottes)) genannt wird (Aʿrâf 180, Haschr 22–24). Rahmân, Rahîm, Quddûs, Salâm, Dschabbâr, Wadûd … Jeder Name ist eine eigene Erscheinung Gottes. Die Tradition Ibn Arabîs und Mevlânâs deutet diese Namen als die grundlegenden Kategorien der Kosmologie.
3. Die Kette der Prophetie
Der Koran nennt 25 Propheten mit Namen: Die Kette, die von Adam zu Mohammed reicht, ist durch große Glieder wie Noah, Abraham, Mose und Jesus markiert. Die Universalität der Sendung wird betont: ‚Es gibt keine Gemeinschaft, in der nicht ein Warner aufgetreten wäre‘ (Fâtir 24). Dieser Vers ist die stärkste Stütze der perennialen Philosophie innerhalb des Islam.
4. Das Jenseits
Der Jüngste Tag, die Auferstehung (baʿth), die Versammlung (haschr), die Waage (mîzân), der Sirât, Paradies und Hölle gehören zu den Grundthemen des Korans. Etwa zwei Drittel der mekkanischen Suren handeln vom Jenseits. Suren wie Wâqiʿa, Hâqqa, Qâriʿa, Takwîr sind die dichtesten Schilderungen der Szenen des Jüngsten Tages.
5. Der Mensch und die Seele
Im Koran wird der Mensch als chalîfatullâh (Statthalter Gottes auf Erden, Baqara 30) und aschraf al-machlûqât (das edelste der Geschöpfe, Tîn 4) bestimmt. Zugleich trägt er die Eigenschaften, schwach (Nisâ 28), eilig (Isrâ 11) und undankbar (Ibrâhim 34) zu sein. Die Nafs (niedere Seele) wird in drei grundlegenden Stufen geschildert:
- Nafs al-ammâra — die zum Bösen treibende Seele (Yûsuf 53)
- Nafs al-lawwâma — die sich selbst tadelnde Seele (Qiyâma 2)
- Nafs al-mutmainna — die zur Ruhe gelangte Seele (Fadschr 27)
Diese Dreigliederung ist die koranische Grundlage des Modells des geistlichen Weges (Sair u Sulûk) im Sufismus.
6. Ethik und Gerechtigkeit
Der Koran betont beständig Tugenden wie Gerechtigkeit (Nahl 90), Ihsân (Baqara 195), Geduld, Dankbarkeit, Gottvertrauen und Gottesfurcht (Taqwâ). Die Sure Mâʿûn (107) kritisiert jene, die die Religion auf das bloße Gebet reduzieren, und sagt, dass es als Leugnung der Religion gilt, das Waisenkind und den Armen nicht zu beachten — dies ist die grundlegende Referenz der späteren Traditionen der islamischen sozialen Gerechtigkeit.
7. Die Natur und die Zeichen
Der Koran liest das Universum als eine Gesamtheit von ‚Zeichen‘ (Âyât). Sonne, Mond, Regen, Berge, Pflanzen, Tiere — alle sind Beweise für das Dasein und die Einheit Gottes. Dieses âfâqî tafakkur (der Blick auf das äußere Universum) wird durch das anfusî tafakkur (der Blick auf die innere Welt, Fussilat 53) ergänzt. Das Korpus Said Nursîs, die Risale-i Nûr, ist der moderne Höhepunkt dieser Tradition des zeichenzentrierten Lesens des Universums.
Die Tradition der sufischen Koranexegese
Die Tradition des ischârî Tafsîr (mystische Koranexegese), die die bâtinischen (inneren) Bedeutungen des Korans erforscht, hat sich von früher Zeit an entwickelt:
- Sahl at-Tustarî (818–896): der Verfasser des ersten systematischen bâtinischen Tafsîr.
- Abû ʿAbdurrahmân as-Sulamî (937–1021): Haqâ'iq at-Tafsîr — ein aus sufischen Passagen zusammengestellter Tafsîr.
- Ibn Arabî (1165–1240): in der Futûhât al-Makkiyya die Analysen von Versen aus der Perspektive der Vahdet-i Vücud.
- Ismail Hakki Bursevî (1653–1725): Rûh al-Bayân — das monumentale Werk der anatolischen halvetî-dschelvetî Tafsîr-Tradition, zehn Bände.
- Said Nursî (1878–1960): Risale-i Nûr — in der Moderne als eine ‚geistliche Exegese‘ des Korans verortet.
Der sufische Tafsîr verwirft die zâhirische (wörtliche) Bedeutung nicht; er fügt ihr die ischârische (mystische), latîfische (fein-tiefe) und haqîqische Schicht hinzu. Mevlânâ wendet diesen Ansatz in seinem Mesnevî beständig an: Er nimmt einen Vers oder ein Hadith und fügt ihm eine Schicht aus Geschichte, Symbol und Erfahrung hinzu.
Vergleichende Perspektive
Der Koran und die Tora
Der Koran erkennt die Tora (Taurât) als eine vorangegangene Offenbarung an und bekräftigt sie in vielen seiner Verse (Mâida 44). Die erzählerischen Gemeinsamkeiten sind zahlreich: die Erschaffung Adams, die Sintflut Noahs, Abraham und seine Söhne, die Erzählung Josephs (die längste koranische Erzählung), Mose und Pharao, David und Salomo … Der Koran erzählt diese Erzählungen mit einer eigenen Betonung — der Fokus liegt nicht auf historischen Details, sondern auf den geistlichen Lehren.
Der Koran und das Evangelium
Der Koran erkennt auch das Evangelium (im Zusammenhang seiner ursprünglichen Botschaft) als göttliche Offenbarung an. Jesus wird im Koran in einem hohen Rang geschildert: ‚Rûhullâh‘ (Geist Gottes), ‚Kalimatullâh‘ (Wort Gottes), der durch ein Wunder geborene Sohn Marias (die Suren Âl ʿImrân, Maryam). Doch verwirft der Koran die Trinitätslehre (Nisâ 171, Mâida 73). Aus Sicht der vergleichenden Theologie ist dies einer der heikelsten Dialogpunkte.
Der Koran und die Veden
Der Vergleich der Bhagavad Gita mit dem Koran ist ein zentrales Thema der Tradition der perennialen Philosophie. Beide:
- Betonen die Einheit des Absoluten (Brahman – Gott).
- Schlagen die letzte Ausrichtung des Menschen auf die geistliche Harmonie vor.
- Stellen die Ethik von Handlung und Absicht (Karma – Werk) in den Mittelpunkt.
Unterschiede: Der Koran ist unmittelbare göttliche Anrede (Gott spricht in der ersten Person Singular); die Gita hingegen ist ein Dialog zwischen Krishna und Arjuna. Der Koran betont die Endlichkeit des Universums; die Gita bietet eine zyklische Kosmologie (Yuga).
Der Koran und das Dao De Jing
Zwischen dem Tao-Konzept des Tao Te Ching und dem Gottesbegriff des Korans lässt sich keine unmittelbare Gleichsetzung herstellen: Das Tao ist nicht persönlich, Gott hingegen ist sowohl transzendent als auch persönlich (Er ist der Angesprochene der Anrede in der zweiten Person). Doch verweisen beide Texte auf eine Wahrheit jenseits der Sprache. Die Wendung im Koran ‚Laisa ka-mithlihî schai'‘ (Nichts ist Ihm gleich, Schûrâ 11) ähnelt strukturell der Lehre des Tao vom namenlosen Sein (wu-ming).
Der Koran und Zen
Einige kurze Suren des Korans — besonders aus der frühen mekkanischen Epoche, Schams, Lail, Duhâ, Inschirâh — haben eine ähnliche auslösende Funktion wie die Zen-Koans: Sie reißen den Geist aus der gewohnten Logik heraus und treiben ihn zum unmittelbaren Erfassen. Die Sufis nutzten solche kurzen Suren als Gegenstand der Murâqaba (Kontemplation).
Einfluss und Rezeption
Innerhalb der islamischen Zivilisation
Der Koran hat 1400 Jahre lang jede Dimension der islamischen Zivilisation geprägt — die sprachliche, rechtliche, literarische, künstlerische, architektonische und musikalische. Die arabische Sprache hat dank des Korans als eine erstarrte klassische Sprache überlebt. Die Tilâwa (Kunst der Koranrezitation), die Kalligraphie (koranische Schriftkunst), die Buchvergoldung (Tezhip), die Moscheearchitektur, die Rechtswissenschaft (Fiqh), die Theologie (Kalâm), die Exegese (Tafsîr) und die Hadith-Wissenschaft — alle sind unmittelbar um den Koran herum organisiert.
Innerhalb des Sufismus
Der Sufismus liest den Koran über das buchstäbliche Wissen hinaus als Quelle des erschmeckten Wissens (Maʿrifa). Jeder sufische Autor bezieht sich beständig auf den Koran. Mevlânâ bezeichnet ihn in der Vorrede des Mesnevî als ‚Erläuterer des Korans‘; Yunus Emre spielt in seinen Gedichten beständig auf Verse an; der Diwan Niyâzî-i Misrîs ist gewissermaßen eine versifizierte Exegese.
In der Moderne
In der Moderne haben sich unterschiedliche Zugänge zum Koran entwickelt:
- Salafîtischer Zugang: wörtlich, Rückkehr zu den ersten drei Generationen.
- Modernistischer Zugang (Muhammad Abduh, Raschîd Ridâ, Mehmet Âkif): den Koran in Einklang mit der modernen Wissenschaft lesen.
- Sufisch-spiritueller Zugang (Said Nursî, Bediüzzaman u. a.): den Koran als Quelle geistlicher Kontemplation lesen.
- Literarisch/hermeneutischer Zugang (Amîn al-Chûlî, Bint asch-Schâti', Fazlur Rahman): die rhetorische und historische Kontextualität des Korans analysieren.
- Feministische Exegese (Amina Wadud, Asma Barlas): den Koran von patriarchalen Lesarten reinigen.
Westliche Rezeption
Der Koran erreichte den Westen ab dem 12. Jahrhundert durch verschiedene Übersetzungen. Robert von Kettons lateinische Übersetzung (1143) ist der erste bedeutende Versuch. In der Zeit der Aufklärung hegten Autoren wie Goethe, Carlyle und Rilke ein tiefes Interesse am Koran. Goethes West-östlicher Divan und Carlyles Heroes and Hero-Worship sind Früchte dieses Interesses. Im 20. Jahrhundert haben perennialistische Denker wie Frithjof Schuon, Martin Lings und Seyyed Hossein Nasr den Koran im Rahmen einer universellen Wahrheitssymbolik dargestellt.
Bedeutende Exegesen in türkischer Sprache
- Elmalili Hamdi Yazir: Hak Dîni Kur'an Dili (9 Bände, 1935–1939) — die umfassendste Exegese der Republikzeit.
- Ömer Nasuhi Bilmen: Kur'an-i Kerîm'in Türkçe Meâl-i Âlîsi ve Tefsiri (8 Bände).
- Süleyman Ates: Yüce Kur'an'in Çagdas Tefsiri (12 Bände) — modern, flüssig, mit soziologischem Bezug.
- Hayreddin Karaman und sein Team: Kur'an Yolu Türkçe Meâl ve Tefsir (Veröffentlichung des Präsidiums für Religionsangelegenheiten).
- Ismail Hakki Bursevî: Rûh al-Bayân (arabisches Original, teilweise türkische Übersetzungen) — ein sufischer Klassiker.
Fazit
Der Kur'ân-i Kerîm ist nicht bloß ein ‚Buch‘; er ist das ontologische Zentrum der islamischen Zivilisation, der Rhythmus des täglichen Lebens von Millionen Gläubiger (in den fünf täglichen Gebeten werden Verse rezitiert), die unerschöpfliche Quelle der Tradition des ischârischen Tafsîr im Sufismus, die noch immer aktive Referenz moderner geistlicher Suchen. Sowohl als klassische Begründung des Arabischen, als Rückgrat des islamischen Denkens als auch als grundlegender Lehrer der geistlichen Welten großer Mystiker wie Mevlânâ, Ibn Arabî und Said Nursî ist der Koran eines der natürlichen Zentren des Projekts WeisheitsTagebuch.
Historischer Kontext: Der gesellschaftlich-geografische Rahmen der Offenbarung
Das Arabien des 7. Jahrhunderts, in dem der Koran herabgesandt wurde, war ein Umfeld, das tiefen sozialen Wandlungen entgegensah. Die als Dschâhiliyya bezeichnete vorislamische Epoche war eine Welt, in der die Stammeswirtschaft, der polytheistische Götzendienst (mit der Dreiheit Lât, Manât, ʿUzzâ im Zentrum) und ein poetisches kulturelles Gedächtnis vorherrschten. Mekka lag inmitten der byzantinisch-sasanidischen Spannung an strategischer Stelle am Knotenpunkt der Hidschâz-Handelsstraße. In dieser Geografie bestand eine religiöse Pluralität, in der jüdische (die Stämme Banû Qainuqâʿ, Banû Nadîr, Banû Quraiza in Medina) und christliche Gemeinschaften (Migranten aus Nadschrân und Abessinien) ineinander verflochten waren. Im Antworten auf diese Pluralität hat der Koran sowohl die Kontinuität mit dem abrahamitischen Erbe beansprucht als auch eine eigene Neuerung geboten.
Das Ereignis der Höhle von Hirâ (Ramadan 610), in dem die erste Offenbarung kam, ist der klassischen Erzählung nach der Augenblick, in dem Mohammed im Alter von 40 Jahren mit dem Gebot ‚iqra'‘ mit dem Prophetenauftrag betraut wurde. Dieses Ereignis steht in der islamischen Kunst und geistlichen Psychologie im Zentrum des Archetyps der ‚Nachterfahrung‘; mit der Terminologie Carl Jungs lässt es sich mit dem Augenblick der ‚Begegnung mit dem Selbst‘ vergleichen. Die ersten offenbarten Verse (ʿAlaq 1–5) behandeln das Thema des Lesens, der Feder und der Unterweisung des Menschen; dies ist der Vorbote dafür, dass das Buch beständig zum Wissen, zur Vernunft und zur Kontemplation aufrufen wird.
Das sprachliche Wunder: Das Verständnis des Iʿdschâz
Eine der Behauptungen, die der Koran über sich selbst aufstellt, ist die Behauptung des rhetorischen Wunders (Iʿdschâz). Verse wie Baqara 23 und Isrâ 88 enthalten die Herausforderung: ‚wenn ihr etwas Gleiches hervorbringen könnt, so bringt es hervor‘. Die klassische Rhetorik (Balâgha), besonders die Werke Dalâ'il al-Iʿdschâz und Asrâr al-Balâgha des Abdülkâhir al-Dschurdschânî (gest. 1078), analysiert die mathematische Ordnung der sprachlichen Struktur des Korans, die Übereinstimmung von Klang und Bedeutung sowie seine rhetorischen Techniken. Im Koran:
- Fâsila (Reim am Satzende), Sadschʿ (harmonische Prosodie).
- Iltifât (Wechsel von Person/Zeit).
- Muschâkala (parallele Strukturen).
- Tibâq (Gegensatz), Muqâbala (Symmetrie der Gegensätze).
Diese rhetorischen Techniken haben zugleich eine mnemonische Funktion: Sie erleichtern das Auswendiglernen (Hifz) und die Tilâwa des Textes. Heute gibt es weltweit mehr als zehn Millionen Hâfiz; für kein anderes Buch gibt es eine lebendige Gedächtnistradition in diesem Ausmaß.
Die Kunst der Tilâwa
Die Kunst der Koranrezitation (Tadschwîd) ist eine eigenständige Disziplin. Der klassische Tadschwîd umfasst Machrac (die Artikulationsorte der Buchstaben), Sifa (die Eigenschaften der Buchstaben), Madd (Dehnungsregeln) sowie Regeln für nûn und mîm wie Ichfâ, Izhâr, Idghâm, Iqlâb. Die wichtigsten Modi dieser Disziplin teilen sich in Mudschawwad (rhythmisch dichte, modale Rezitation) und Tartîl (schlichte, gemessene Rezitation). Die Hâfiz Mustafa Ismâʿîl (Ägypten), Abdülbâsit Abdüssamed sowie aus der Türkei Mustafa Özcan Günesdogdu gehören zu den modernen Vertretern der Rezitationskunst. Die Tilâwa wirkt zugleich als religiöse Andacht und als geistlich-musikalische Darbietung; sie ist der Ausgangspunkt der Tradition der Sufi-Musik und der Sema (Drehzeremonie).
Die Lesarten und die textliche Überlieferung
In der sunnitischen Tradition werden Sieben Lesarten (Qirâ'ât-i Sabʿa) anerkannt: Nâfiʿ, Ibn Kathîr, Abû ʿAmr, Ibn ʿÂmir, ʿÂsim, Hamza, Kisâ'î. Durch Hinzufügung dreier weiterer Lesarten wird auch der Kanon der zehn Lesarten verwendet. Diese Vielfalt umfasst kleine phonetische und selten morphologische Varianten; doch die Grundbedeutung ändert sich nicht. In der modernen Welt beruht die verbreitetste Ausgabe auf der Überlieferung des ʿÂsim, dem Weg des Hafs (ägyptischer Standard von 1924). Diese Lesartenvielfalt ist auch aus Sicht der modernen kritischen Textologie ein wichtiges Datum; der berühmte Orientalist Theodor Nöldeke (gest. 1930) hat sich in seinem Werk Geschichte des Qorans (3 Bände, 1860–1938) mit dieser Frage befasst.
Der Koran und die anatolische Volksspiritualität
In der Geografie Anatoliens ist der Koran ebenso ein Buchtext wie das rhythmische Gewebe der Volksspiritualität. Das Rezitieren des Mevlid bei Dorfhochzeiten, die Tradition der ‚Yâsîn‘-Rezitation nach Beerdigungen, das Vollenden des Chatm im Ramadan, das Lesen der ‚Kahf‘ am Freitagabend, das Rezitieren von ‚Adhân und Iqâma‘ nach einer Geburt, das ‚Abschiedsumkreisen‘ vor der Pilgerfahrt … All diese Praktiken bilden das lebendige Gewebe der anatolischen Volksspiritualität. In Nächten wie dem Mevlid-Kandil, dem Berât-Kandil, dem Regâib und der Nacht der Bestimmung (Kadir Gecesi) werden die Koranrezitation und das Bittgebet mit besonderer Intensität gelebt. Die Verse Yunus Emres ‚Tausend Bücher las ich / Du ließest mich kein einziges Alif sagen‘ werden als Aufruf zum Wissen des Herzens jenseits des bloßen Bücherwissens gelesen.
Moderne Wissenschaft und der Koran: Kritik der Wunderliteratur
Im 20. Jahrhundert hat sich eine Literatur des wissenschaftlichen Wunders (Iʿdschâz-i ʿilmî) entwickelt: Maurice Bucailles Bibel, Koran und Wissenschaft (1976), in der Türkei die Veröffentlichungen Harun Yahyas u. a. Dieser Ansatz sucht im Koran Hinweise auf moderne wissenschaftliche Entdeckungen (Embryologie, Geologie, Kosmologie). Die akademische Islamwissenschaft kritisiert diesen Ansatz: Der Koran ist kein Wissenschaftsbuch, sondern ein Buch der Rechtleitung; ihm das epochale wissenschaftliche Vorurteil aufzubürden, ist sowohl anthropologisch als auch hermeneutisch problematisch. Said Nursî und die spätere Tradition der Risale-i Nur bieten in dieser Frage eine eher zeichenzentrierte und geistliche Lesart: Die Zeichen des Universums werden nicht auf die Befunde der modernen Wissenschaft reduziert, sondern in einer tauhîdischen Kosmologie gelesen, die auch die wissenschaftlichen Befunde umfasst.
Die Tradition des Hâfiz-Seins
Der Hifz (das Auswendiglernen des Korans von Anfang bis Ende) ist eine der tiefst verwurzelten Praktiken der islamischen Zivilisation. Dieser Prozess, der gewöhnlich zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr beginnt, dauert 2–4 Jahre. In der Türkei führen die Hâfiz-Kurse, in Ägypten die Azhar, in Pakistan die Netze der Medresen und in Indonesien die Pesantren diese Tradition fort. Das Hâfiz-Sein ist nicht nur eine religiöse Leistung, sondern bietet zugleich eine neurokognitive Disziplin für Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Geduld; moderne neurowissenschaftliche Studien haben die positiven Wirkungen des Hâfiz-Seins auf die Hirnstruktur belegt.
Frauen und der Koran
In der Moderne ist die weibliche Lektüre des Korans zu einem wichtigen Thema geworden. Die mit Werken wie Amina Waduds Qur'an and Woman (1992), Asma Barlas' Believing Women in Islam (2002) und Aysha Hidayatullahs Feminist Edges of the Qur'an (2014) entstandene Strömung der feministischen Exegese versucht, den Koran von traditionellen patriarchalen Lesarten zu reinigen und neu zu lesen. Diese Strömung wird in der Türkei von Forscherinnen wie Hidayet Sefkatli Tuksal, Mihriban Asan-Dirik und Asiye Tigli fortgeführt.
Allgemeines Fazit
Der Koran ist kein einfacher ‚Text‘; er ist eine Achse der Zivilisation. Sowohl auf phonetischer (Tilâwa), semantischer (Tafsîr), ontologischer (Vahdet-i Vücud), sozialer (Moschee, Chatm, Mevlid) als auch auf architektonischer Ebene (Moschee, Minarett, Mihrâb) ist er das ordnende Zentrum der islamischen Welt. Für ein vergleichendes Spiritualitätsprojekt wie das WeisheitsTagebuch ist der Koran sowohl ein Nachschlagewerk als auch ein zentraler Bezugspunkt für die vergleichende Lektüre mit anderen heiligen Texten wie der Bhagavad Gita, der Tora, den Upanischaden, dem Tao Te Ching und dem Avesta.
Die geistliche Pädagogik des Korans
Die pädagogische Methode des Korans ist aus Sicht der modernen Bildungstheorie bemerkenswert. Statt abstrakter Begriffe konkrete Szenen, statt zahlenmäßiger Beweise Erzählungen, statt des Einprägens von Regeln die Ermutigung zum eigenständigen Denken (Baqara 219: die Formel ‚sie fragen dich … sprich …‘ wiederholt sich vielfach so) sind die zentralen Techniken. Diese Methode spiegelt sich im Mesnevî Mevlânâs als Kontemplation-über-die-Erzählung wider; in Said Nursîs Risale-i Nur setzt sie sich in der Struktur der Gleichnisse fort. Sie trägt eine strukturelle Nähe zu den Modellen John Deweys ‚experiential learning‘, Paulo Freires ‚critical pedagogy‘ und Howard Gardners ‚multiple intelligences‘.
Die ästhetische Dimension des Korans
Der Koran ist der kleine Kern der islamischen ästhetischen Tradition. Der visuelle Ausdruck der Koranzeile in Kalligraphie, Buchvergoldung und Marmorierkunst (Ebru); die Ästhetik der räumlichen Gestaltung des Korans mit den Minaretten und Gebetsnischen der Moscheen; die Musikalität des Korans mit Naʿt, Ilâhî, Qasîda und Mevlid; der körperliche Ausdruck des Korans mit dem Mevlevî-Sema; die literarischen Wirkungen des Korans in den Gliedern religiöser Dichtung Yunus Emre, Niyâzî-i Misrî, Erzurumlu Ibrahim Hakki, Sezai Karakoç … Der Koran ist das verborgene Rückgrat all dieser Künste. Alle islamischen Kunstformen der Kategorie Heilige Kunst, Musik, Tanz schöpfen ihre Quelle aus der ästhetischen Kraft dieses Textes.
Der Koran und die Umweltethik
In der Moderne liest die Literatur der islamischen Umweltethik den Koran aus einem neuen begrifflichen Blickwinkel. Werke wie Seyyed Hossein Nasrs Man and Nature: The Spiritual Crisis in Modern Man (1968) und Ibrahim Özdemirs The Ethical Dimension of Human Attitude Towards Nature (1998) deuten die koranischen Konzepte ‚Statthalter‘, ‚anvertrautes Gut‘, ‚Waage‘ und ‚Verderben‘ als Antwort auf die Umweltkrise. Die Methode des Korans, die Natur als heilige Zeichen zu lesen, bildet die Grundlage der islamischen Version der Bewegung der Tiefenökologie.