Bedeutende Persönlichkeiten

Philo von Alexandria: die Vermaehlung von Tora und Logos

Juedisch-hellenistischer Denker (um 20 v. Chr. bis etwa 50 n. Chr.), der die Tora mit der griechischen Philosophie verband: Mit der allegorischen Auslegung las er Mose als Philosophen und praegte einen Logos-Begriff, der zwischen dem unfassbaren Gott und der Welt vermittelt. Eine Bruecke, ueber die platonisches Denken in die christliche und juedische Mystik einging.

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Definition

Philo von Alexandria (griechisch Phílōn ho Alexandreús, in der Forschung auch Philo Iudaeus oder Philon der Jude genannt; um 20 v. Chr. bis etwa 50 n. Chr.) war der bedeutendste Denker des hellenistischen Judentums und der erste uns greifbare Versuch, die geoffenbarte Schrift Israels mit der griechischen Philosophie in einem einzigen Gedankengebäude zu vereinen. In den Werken dieses Mannes treffen zwei Welten aufeinander, die zuvor jahrhundertelang nebeneinanderher gelebt hatten: die Tora des Mose, gelesen in der griechischen Gestalt der Septuaginta, und die Begriffswelt des Mittelplatonismus, der Stoa und des Neupythagoreismus. Aus dieser Begegnung ging ein Denken hervor, dessen Mittelpunkt der Logos bildet, ein vermittelndes Prinzip zwischen dem schlechthin unfassbaren Gott und der geschaffenen Welt. Philos Bedeutung liegt weniger in einem geschlossenen System als in einer Brücke: Über ihn und die ihm folgenden alexandrinischen Theologen gelangte das platonische Denken in die werdende christliche Theologie und, auf weit verschlungeneren Wegen, auch in die spätere jüdische Mystik. Damit steht Philo am Anfang einer langen Geschichte, in der Offenbarung und Vernunft, Tora und Logos, Schrift und Spekulation immer wieder neu ins Gespräch gebracht wurden.

Leben und geschichtlicher Ort

Über Philos Leben besitzen wir, gemessen an der Wirkung seines Werkes, nur spärliche und zumeist mittelbare Nachrichten. Sicher ist, dass er einer überaus wohlhabenden und einflussreichen jüdischen Familie in Alexandria entstammte, jener Metropole am Westrand des Nildeltas, die in der frühen Kaiserzeit das vielleicht kosmopolitischste geistige Zentrum der antiken Welt bildete. Hier strömten die griechische Philosophie, die ägyptische Tempelreligion, das hellenistische Judentum und die werdenden synkretistischen Strömungen zusammen; in derselben Stadt sollte später das geheimnisvolle Schrifttum des hermes-trismegistos gesammelt werden, und hier erreichte die jüdisch-hellenistische Bildung mit Philo selbst ihren Gipfel. Die Familie war nicht nur reich, sondern auch romtreu und in die Machtverhältnisse des Reiches verflochten: Philos Bruder Alexander der Alabarch verwaltete als hochgestellter Beamter bedeutende Vermögen und stand, wie die Überlieferung berichtet, in geschäftlicher und persönlicher Verbindung bis hin zum herodianischen Königshaus. Philos Neffe Tiberius Iulius Alexander wiederum gab das angestammte Judentum auf, schlug eine glänzende Laufbahn im römischen Staatsdienst ein und brachte es bis zum Präfekten Ägyptens. An dieser Familie lässt sich ablesen, wie tief das alexandrinische Judentum dieser Schicht in die griechisch-römische Welt hineingewachsen war und welche Spannungen darin schon angelegt lagen.

Das einzige genau datierbare Ereignis in Philos Leben ist zugleich das dramatischste. Im Jahr 38 n. Chr. brach in Alexandria ein gewaltsames Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung aus; Synagogen wurden geschändet, Häuser geplündert, Menschen getötet und misshandelt. In dieser Krise wählte die jüdische Gemeinde Philo, den damals bereits betagten und angesehenen Gelehrten, zum Wortführer einer Gesandtschaft, die 39 oder 40 n. Chr. nach Rom reiste, um vor Kaiser Caligula die Sache der alexandrinischen Juden zu vertreten. Die Audienz verlief, soweit die Quellen erkennen lassen, demütigend und ergebnislos; erst der Tod Caligulas wendete die unmittelbare Gefahr ab. Philo hat diese Erfahrung in zwei Schriften verarbeitet, die zu den wenigen erhaltenen Zeugnissen jüdischer Zeitgeschichte aus dieser Epoche gehören: in der „Legatio ad Gaium" (Die Gesandtschaft an Gaius) und in „In Flaccum" (Gegen Flaccus), die sich mit dem für die Ausschreitungen mitverantwortlichen römischen Statthalter auseinandersetzt. Diese beiden Werke zeigen einen Philo, der nicht nur ein zurückgezogener Schriftgelehrter war, sondern ein Mann der Öffentlichkeit, der die Verantwortung für seine bedrängte Gemeinde übernahm und zugleich die römische Ordnung als gottgewollten Rahmen ernst nahm.

Über Geburts- und Sterbejahr lässt sich nur ungefähr urteilen. Aus den Angaben zur Gesandtschaft, bei der Philo sich selbst als alten Mann bezeichnet, erschließt die Forschung die Lebensdaten von etwa 20 v. Chr. bis um 50 n. Chr. Damit ist Philo ein älterer Zeitgenosse Jesu von Nazaret und der frühesten christlichen Gemeinde, ohne dass sich für eine unmittelbare Berührung zwischen beiden Welten irgendein Beleg fände. Er lebte und wirkte in der Spannung zwischen der Treue zum Gesetz der Väter und der Hingabe an die griechische Bildung, und genau diese Spannung wurde zum Antrieb seines Werkes.

Das Werk: Exegese als Philosophie

Philos umfangreiches Schrifttum, das in griechischer Sprache verfasst und zum großen Teil erhalten ist, lässt sich kaum nach den Maßstäben der modernen Gattungen ordnen, denn fast alles, was er schrieb, ist im Kern Auslegung der Tora. Den Grundstein bildet die Schrift „De opificio mundi" (Über die Welterschaffung), eine philosophische Deutung des biblischen Schöpfungsberichts, in der Philo den Sechstagebau der Genesis mit der platonischen Kosmologie und der Zahlensymbolik des Neupythagoreismus verknüpft. Daran schließen sich die großen exegetischen Reihen an: die „Legum allegoriae" (Allegorien der Gesetze), ein fortlaufender allegorischer Kommentar zu den ersten Kapiteln der Genesis, sowie die nach einzelnen Gestalten und Geboten gegliederten Abhandlungen. In „De vita Mosis" (Über das Leben des Mose) zeichnet Philo Mose zugleich als König, Gesetzgeber, Priester und Propheten und stellt ihn, an ein griechisch gebildetes Publikum gewandt, als vollkommenen Weisen dar. In „De Decalogo" (Über den Dekalog) und der breit angelegten Reihe „De specialibus legibus" (Über die Einzelgesetze) entfaltet er das mosaische Gesetz als ein in sich vernünftiges, ja philosophisch begründbares Ordnungswerk. Hinzu treten die in einem Frage-und-Antwort-Schema gehaltenen „Quaestiones" zu Genesis und Exodus, die einen Einblick in die schulmäßige Praxis der Schriftauslegung geben.

Eine Sonderstellung nimmt „De vita contemplativa" (Über das beschauliche Leben) ein. Diese kleine Schrift schildert eine asketische jüdische Gemeinschaft, die Therapeuten, die nach Philos Darstellung am Mareotis-See in der Nähe Alexandrias zurückgezogen ein Leben des Gebets, der Schriftauslegung und der Enthaltsamkeit führte. Ob Philo hier eine real existierende Gruppe beschreibt oder ein idealisiertes Gegenbild zum geschäftigen Stadtleben entwirft, ist in der Forschung umstritten; gleichwohl ist der Text ein kostbares Zeugnis für die Vielfalt jüdischer Frömmigkeitsformen jener Zeit und wurde gerade deshalb von späteren christlichen Lesern als Vorbild eines mönchischen Lebens verstanden.

Das verbindende Element aller dieser Werke ist die Überzeugung, dass die Schrift unter ihrer wörtlichen Oberfläche einen tieferen, geistigen Sinn birgt. Für Philo ist die Auslegung der Tora kein bloßes Handwerk der Gelehrsamkeit, sondern der eigentliche Weg der Philosophie. Mose erscheint ihm nicht als Konkurrent platons, sondern als der ältere und höhere Lehrer, bei dem die griechischen Denker, vermutet Philo bisweilen, ihre Weisheit gleichsam vorweggenommen finden. Diese Vorstellung von einem Vorrang des Mose vor den Griechen ist sachlich nicht haltbar, aber sie ist der Schlüssel zu Philos Selbstverständnis: Er liest die griechische Philosophie als legitimes Werkzeug, um den verborgenen Reichtum der Offenbarung zu heben.

Die allegorische Auslegung

Das methodische Herzstück von Philos Denken ist die allegorische Exegese, im Griechischen allēgoría, wörtlich das „Anders-Sagen", das Aussprechen eines tieferen Sinnes unter dem Gewand des Buchstabens. Philo bestreitet nicht den wörtlichen Sinn der Schrift; die Gebote sind für ihn wirklich zu halten, die geschichtlichen Erzählungen wirklich geschehen. Aber neben und über diesem buchstäblichen Sinn liegt ein geistiger Sinn, der sich dem aufschließt, der mit philosophischer Bildung und frommer Aufmerksamkeit liest. Wo der Bibeltext etwas Anstößiges, Widersprüchliches oder allzu Menschliches über Gott sagt, ist dies für Philo ein Wink, hinter den Buchstaben zu blicken und die verborgene Lehre zu suchen.

Am eindrücklichsten zeigt sich dieses Verfahren in Philos Deutung der Patriarchen, die er nicht in erster Linie als geschichtliche Personen, sondern als Typen der Seele und Stufen des Tugenderwerbs liest. Abraham steht ihm für die Tugend, die durch Belehrung und Lernen erworben wird, für den Weg der Bildung, der den Menschen aus der Heimat des Sinnlichen herausführt. Isaak verkörpert die Tugend, die nicht erlernt, sondern von Natur aus geschenkt ist, die selbstverständliche Vollkommenheit der begnadeten Anlage. Jakob schließlich steht für die Tugend, die durch Übung, Mühe und Askese errungen wird, für den Kämpfer, der sich im Ringen vervollkommnet. Auch die weiblichen Gestalten der Erzväter-Geschichten deutet Philo in diesem Sinne: Sara, Hagar und andere werden zu Sinnbildern für die Tugend und für die Vorstufen der Bildung, etwa für die enkyklische, vorbereitende Schulung, die der eigentlichen Weisheit vorausgeht. Die ganze Genesis verwandelt sich so unter Philos Hand in eine verschlüsselte Lehre vom Aufstieg der Seele zu Gott.

Diese Methode war nicht völlig neu. Die stoische Tradition hatte bereits die Götter- und Heldenmythen Homers allegorisch gedeutet, um die anstößigen Erzählungen mit dem philosophischen Gottesgedanken zu versöhnen, und Philo steht erkennbar in dieser Schule. Seine Leistung besteht darin, das Verfahren auf die heilige Schrift Israels zu übertragen und dabei eine Tiefe und Systematik zu erreichen, die für die spätere Wirkungsgeschichte entscheidend wurde. Denn die christliche Schule von Alexandria, von Clemens bis Origenes, sollte eben diese allegorische Lesart aufnehmen und zur tragenden Methode der christlichen Schriftauslegung ausbauen.

Der Logos: Mittler zwischen Gott und Welt

Der Begriff, mit dem Philos Name in der Geschichte des Denkens am engsten verbunden ist, ist der logos. In ihm bündelt sich Philos ganze Anstrengung, den unendlichen Abstand zwischen dem transzendenten Gott und der geschaffenen Welt zu überbrücken, ohne die Unfassbarkeit Gottes preiszugeben. Der Logos ist bei Philo kein einheitlich definierter Begriff, sondern ein vielgestaltiges Vermittlungsprinzip, das er mit einer Fülle von Bildern und Titeln umkreist. Er ist Gottes Werkzeug bei der Schöpfung, das Mittel, durch das der Unfassbare die Welt ins Dasein ruft, und zugleich der Inbegriff der Ordnung, die diese Welt zusammenhält.

Philo verleiht dem Logos eine erstaunliche Reihe von Hoheitstiteln. Er nennt ihn den „erstgeborenen Sohn" Gottes und, an einer vielzitierten und in der Forschung viel diskutierten Stelle, sogar einen „zweiten Gott" (deúteros theós), wobei dieser Ausdruck nicht eine zweite Gottheit neben dem einen Gott meint, sondern die ausgezeichnete, abgeleitete Würde des göttlichen Wortes hervorhebt. Der Logos ist der „Ort" (tópos) der Ideen, der Raum, in dem die platonischen Urbilder versammelt sind; er ist selbst das Urbild oder der Archetyp, nach dem die sichtbare Welt geformt wird; er ist das „Band" des Kosmos, das alle Dinge im Zusammenhang hält; und er ist der himmlische Hohepriester und Fürsprecher, der zwischen Gott und Mensch vermittelt. In dieser Häufung von Bildern wird sichtbar, dass der Logos für Philo die Stelle einnimmt, an der platonische Ideenlehre, stoische Weltvernunft und biblisches Schöpfungswort zusammenfließen. Die Ideen, die platon in einem eigenen, von der Welt abgehobenen Reich angesiedelt hatte, verlegt Philo in den göttlichen Logos und damit gleichsam in den Geist Gottes, eine Bewegung, die der späteren Verortung der Ideen im der Nous des Neuplatonismus den Weg bahnt.

Über dem Logos aber steht Gott selbst, und über Gott vermag Philo nur in der Sprache der Verneinung zu reden. Gott ist das schlechthin Seiende, das er mit dem aus der Septuaginta gewonnenen Ausdruck tò ón, „das Seiende", bezeichnet. Von diesem Gott lässt sich erkennen, dass er ist, niemals aber, was er ist; sein Wesen entzieht sich jeder Bestimmung und jedem Begriff. In dieser Unterscheidung zwischen dem erkennbaren Dass und dem unfassbaren Was liegt einer der frühesten Keime jener negativen oder apophatischen Theologie, die über die alexandrinische Schule und über den Neuplatonismus in die christliche Mystik eingehen sollte. Damit Gott der Welt überhaupt nahekommen kann, ohne in sie einzugehen, schaltet Philo zwischen den unfassbaren Gott und die Schöpfung seine Kräfte, die dynámeis, ein. Zwei von ihnen ragen heraus: die schöpferische Kraft, die er mit dem griechischen Gottesnamen theós verbindet, und die herrscherliche Kraft, die er mit dem Namen kýrios, „Herr", verknüpft. Gott schafft also durch seine schöpferische Kraft und regiert durch seine herrscherliche Kraft, ohne dass sein Wesen selbst in Berührung mit der Materie geriete. So entsteht eine gestufte Mittlerwelt, in der der Logos und die Kräfte den Abstand zwischen dem absolut Transzendenten und dem Geschaffenen überbrücken.

Gottesbild und negative Theologie

Philos Gottesbegriff verdient eine eigene Betrachtung, denn in ihm liegt der spekulative Kern seines Denkens. Indem Philo Gott als das schlechthin Seiende fasst, das jeder Eigenschaft enthoben ist, vollzieht er eine Bewegung, die das biblische Reden von Gott mit der griechischen Metaphysik des Einen und Höchsten verschmilzt. Die Bibel spricht von Gott in der Sprache der Menschen; sie schreibt ihm Reue, Zorn, Hände und ein Antlitz zu. Für Philo sind solche Aussagen Zugeständnisse an die Schwäche des menschlichen Verstandes, Bilder, die der Erziehung dienen, aber nicht das Wesen Gottes treffen. In Wahrheit ist Gott ohne Eigenschaft, ohne Wandel, ohne Bedürfnis; er ist die reine Fülle, von der alles ausgeht und die selbst nichts empfängt.

Aus dieser Überzeugung erwächst die Notwendigkeit der Vermittlung. Gerade weil Gott so erhaben gedacht wird, dass er die Welt nicht unmittelbar berühren kann, bedarf es des logos und der Kräfte, die das Geschaffene mit dem Schöpfer verbinden. Hier zeigt sich, wie eng bei Philo die negative Theologie und die Logoslehre zusammenhängen: Je unfassbarer Gott wird, desto unentbehrlicher wird der Mittler. Diese Denkfigur kehrt in der gesamten späteren mystischen Tradition wieder. Im Neuplatonismus, den plotinus begründete, steht das Eine jenseits des Seins und bedarf des der Nous als seines ersten Widerscheins; in der christlichen Theologie wird der Logos zum Sohn, durch den der unsichtbare Vater wirkt; und auch in der jüdischen Mystik wird sich die Frage stellen, wie der verborgene, unfassbare Gott sich in einer Welt offenbaren kann, die nicht er selbst ist. Philo steht am Anfang dieser langen Reihe, und seine Lösung, ein unfassbarer Gott und ein vermittelnder Logos, gibt der Spekulation für Jahrhunderte ihr Grundmuster vor.

Vergleichende Perspektive

Philos Bedeutung erschöpft sich nicht in seinem eigenen Werk; sie liegt vor allem in den Linien, die von ihm zu den großen spirituellen Traditionen führen. Dabei ist Vorsicht geboten: Nicht jede Ähnlichkeit ist ein Abhängigkeitsverhältnis, und die Forschung ist in vielen Einzelfragen uneins. Gleichwohl lässt sich ein Netz von Parallelen und Wirkungen zeichnen, das Philo zu einer Schlüsselgestalt der vergleichenden Religionsgeschichte macht.

Griechische Philosophie: Platonismus und Stoa

Philos eigentliches Baumaterial ist die griechische Philosophie seiner Zeit, der Mittelplatonismus. Aus dem Erbe platons übernimmt er die Lehre von den Ideen, die Unterscheidung zwischen der unwandelbaren geistigen und der wandelbaren sinnlichen Welt und die Vorstellung von der Erschaffung der Welt nach einem Urbild, wie sie der Dialog Timaios entwirft. Die entscheidende Umformung besteht darin, dass Philo die Ideen nicht in einem selbständigen Reich belässt, sondern sie in den Logos und damit in den Geist Gottes hineinnimmt; aus den autonomen Formen werden die Gedanken Gottes. Von der Stoa übernimmt er den Begriff des Logos als des die Welt durchwaltenden und ordnenden Vernunftprinzips, löst ihn aber aus dem stoischen Materialismus heraus und stellt ihn in den Dienst eines transzendenten Schöpfergottes. Hinzu tritt der Einfluss des Neupythagoreismus, der sich besonders in Philos ausgiebiger Zahlensymbolik zeigt, etwa in der Deutung der Siebenzahl des Schöpfungsberichts. So ist Philos Denken eine Synthese aus Septuaginta-Judentum, Mittelplatonismus, Stoa und pythagoreischer Tradition, deren Spannungen er nicht immer auflöst, deren Verbindung aber gerade in ihrer Offenheit fruchtbar wurde.

Neuplatonismus

Die Beziehung Philos zum Neuplatonismus ist mittelbar, aber bedeutsam. Es gibt keinen Beleg, dass plotinus Philo gelesen hätte; gleichwohl bestehen auffällige strukturelle Verwandtschaften. Die Stufung von einem unfassbaren höchsten Prinzip über ein geistiges Mittlerprinzip bis zur Seele und zur Welt, die negative Rede über das Höchste, die Verortung der Ideen im Geist, all dies findet sich bei Philo in einer frühen, noch nicht voll durchgebildeten Gestalt und kehrt bei Plotin in systematischer Reife wieder. Die Forschung erklärt diese Nähe nicht in der Regel durch eine direkte Abhängigkeit, sondern durch die gemeinsame Quelle des Mittelplatonismus, namentlich durch Denker wie Numenios von Apameia, in deren Schema von mehreren göttlichen Stufen sich ein Bindeglied zwischen Philo und dem Neuplatonismus vermuten lässt. So wirkt Philos Logoslehre, vermittelt über den Mittelplatonismus, in die Richtung jenes Denkens fort, das bei plotinus und seinen Nachfolgern zur reifsten Gestalt der antiken Metaphysik wurde, ein Denken, das seinerseits über Alexandria und seine Schulen ausstrahlte.

Christentum und die alexandrinische Schule

Die folgenreichste Wirkung entfaltete Philo im Christentum, und zwar auf paradoxe Weise: Während das rabbinische Judentum ihn so gut wie nicht rezipierte und sein Werk in der hebräischen Tradition praktisch verschwand, wurde Philo von christlichen Autoren bewahrt, abgeschrieben und studiert. Die Theologen der alexandrinischen Schule, Clemens von Alexandria und Origenes, übernahmen seine allegorische Methode und seine Logoslehre und machten sie zu Grundpfeilern der christlichen Bibelauslegung und Spekulation. Über Euseb von Caesarea, der Philo ausführlich zitiert, und über Ambrosius von Mailand, der ganze Passagen Philos in seine eigenen Schriften übernahm, gelangte Philos Denken in die lateinische Welt. Diese intensive christliche Rezeption führte im Mittelalter sogar zur Legende vom „Philo Christianus", der irrigen Vorstellung, Philo sei insgeheim Christ gewesen, ein Missverständnis, das gleichwohl die Wertschätzung bezeugt, die ihm die Kirche entgegenbrachte.

Eine besondere Aufmerksamkeit hat seit jeher die Parallele zwischen Philos Logos und dem Logos-Prolog des Johannesevangeliums auf sich gezogen, jenem berühmten „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort". Die Forschung warnt hier vor vorschnellen Schlüssen: Es ist nicht erwiesen und eher unwahrscheinlich, dass der Verfasser des Johannesevangeliums Philo unmittelbar benutzt hat. Eher schöpfen beide aus einem gemeinsamen geistigen Klima, in dem der Logos-Begriff zur Verfügung stand, um über die Vermittlung zwischen Gott und Welt zu sprechen. Der entscheidende Unterschied bleibt: Philos Logos wird niemals Mensch, während der johanneische Logos Fleisch annimmt, ein Schritt, der im Gedanken der Selbstentäußerung, der Kenosis, seine theologische Tiefe gewinnt und das Christentum von Philos rein vermittelnder Logosvorstellung grundlegend scheidet.

Judentum und die spätere Mystik

Im Judentum selbst verlief Philos Geschichte ungewöhnlich. Das rabbinische Judentum, das nach der Zerstörung des Tempels die maßgebliche Gestalt der jüdischen Religion ausbildete, nahm von dem griechisch schreibenden Alexandriner kaum Notiz; seine Werke wurden nicht in die hebräisch-aramäische Tradition übersetzt und überlebten allein in christlicher Obhut. Erst die neuzeitliche Forschung hat Philo dem Judentum gleichsam zurückgegeben. Gleichwohl stellt sich die Frage nach den Beziehungen zwischen Philos Spekulation und der späteren jüdischen Mystik, besonders zur die Kabbala. Die Forschung ist hier ausgesprochen zurückhaltend und uneins: Ein direkter historischer Faden von Philo zu den mittelalterlichen Kabbalisten lässt sich nicht nachweisen, und die mittelalterliche Kabbala hat ihre eigenen, eigenständigen Quellen. Dennoch sind die typologischen Verwandtschaften unübersehbar. Philos Lehre von einem unfassbaren Gott, der durch eine gestufte Welt von Kräften und durch den vermittelnden Logos wirkt, ähnelt in ihrer Grundstruktur der kabbalistischen Vorstellung vom verborgenen Gott, dem En Sof, der sich durch die Stufen des der Sefirot-Baum der Welt zuwendet. Ob hier eine ferne, über viele Umwege vermittelte Anregung vorliegt oder lediglich eine strukturelle Parallele, die aus dem gemeinsamen Problem der Vermittlung zwischen dem Transzendenten und der Welt erwächst, bleibt eine offene Frage, in der die Forschung zur Vorsicht mahnt.

Hermetik und das alexandrinische Milieu

Schließlich gehört Philo in das geistige Milieu Alexandrias, in dem auch das hermetische Schrifttum entstand, jene unter dem Namen des hermes-trismegistos gesammelten Traktate, die griechische Philosophie, ägyptische Religion und gnostisierende Erlösungslehre verbinden. Eine direkte Verbindung zwischen Philo und den hermetischen Texten ist nicht nachweisbar, und die hermetischen Schriften sind in ihrer überlieferten Gestalt zumeist jünger. Aber beide entstammen demselben synkretistischen Boden, auf dem die Frage nach dem verborgenen Gott, nach dem vermittelnden göttlichen Wort und nach dem Aufstieg der Seele zur Quelle des Seins immer wieder gestellt wurde. Philo bezeugt damit, wie sehr Alexandria in der frühen Kaiserzeit ein Laboratorium war, in dem die Begegnung der Traditionen jene Denkformen hervorbrachte, die das spätere mystische und philosophische Erbe prägen sollten.

Kritik und Grenzen

So bedeutend Philos Wirkung war, so deutlich sind auch die Grenzen seines Denkens, und eine nüchterne Würdigung muss sie benennen. Erstens ist Philo kein systematischer Philosoph im strengen Sinne. Seine Gedanken sind durchweg an die fortlaufende Auslegung des Bibeltextes gebunden, und das führt zu Inkonsequenzen: Der Logos erscheint bald als selbständiges Mittlerwesen, bald als bloße Eigenschaft oder Wirkkraft Gottes; die Kräfte werden bald scharf von Gott abgesetzt, bald wieder eng mit ihm verbunden. Wer bei Philo ein geschlossenes Lehrgebäude sucht, wird enttäuscht; seine Stärke liegt in der Fülle der Bilder, nicht in der Strenge des Begriffs.

Zweitens steht die allegorische Methode in der Gefahr der Willkür. Wenn der wörtliche Sinn der Schrift jederzeit zugunsten eines tieferen Sinnes überschritten werden kann, fehlt ein verlässliches Kriterium dafür, welche Deutung die richtige ist; die Auslegung droht, mehr über den Ausleger und seine philosophischen Voraussetzungen zu verraten als über den Text. Philo liest den Mittelplatonismus in die Tora hinein und behauptet zugleich, ihn aus ihr herauszulesen, ein Zirkel, der der modernen historischen Kritik nicht standhält. Seine Annahme, Mose habe die griechische Weisheit vorweggenommen oder die Griechen hätten aus Mose geschöpft, ist geschichtlich unhaltbar und gehört zu den apologetischen Konstruktionen seiner Zeit.

Drittens ist Philos eigene Stellung zwischen den Welten zwiespältig. Seine tiefe Loyalität gegenüber Rom, die sich in der Gesandtschaft und in seinen geschichtlichen Schriften zeigt, und sein Bestreben, das Judentum als vernünftige, mit der griechischen Bildung verträgliche Religion darzustellen, lassen sich als Brückenschlag würdigen, aber auch als Anpassung an die Mächtigen lesen. Die Spannung verkörpert sich geradezu im Schicksal seiner eigenen Familie, deren Neffe das angestammte Judentum verließ und in den Dienst des römischen Staates trat. Ob Philos Synthese die Identität des Judentums bewahrt oder sie an die griechische Philosophie ausgeliefert habe, ist eine Frage, die sich bereits an seinem Werk stellt und die in der Bewertung bis heute nachwirkt.

Viertens schließlich ist die spärliche Quellenlage zu betonen. Über Philos Leben, seine Ausbildung, seine Stellung in der jüdischen Gemeinde Alexandrias wissen wir fast nichts Sicheres; vieles, was über ihn gesagt wird, ist Rekonstruktion aus seinem Werk. Auch über die Reichweite seiner unmittelbaren Wirkung lässt sich nur mit Vorbehalten urteilen, da die entscheidenden Überlieferungswege durch das Christentum verliefen und damit von fremden Interessen geformt wurden. Wer Philo gerecht werden will, muss diese Unsicherheiten mitdenken und sich hüten, das Bild eines kohärenten Systems zu zeichnen, wo in Wahrheit ein vielstimmiges, an den Text gebundenes und in manchem unentschiedenes Denken vorliegt.

Fazit

Philo von Alexandria steht an einer der entscheidenden Wegscheiden der abendländischen Geistesgeschichte. In ihm vollzieht sich zum ersten Mal in greifbarer Gestalt die Vermählung von Offenbarung und Philosophie, von Tora und logos, von Mose und platon. Seine allegorische Auslegung machte aus der Schrift einen Spiegel der Seele und ihres Aufstiegs zu Gott; seine Logoslehre schuf den begrifflichen Raum, in dem ein unfassbarer Gott und eine geschaffene Welt zusammengedacht werden konnten, ohne die Erhabenheit Gottes preiszugeben. Damit prägte er Denkformen, die weit über das hellenistische Judentum hinausreichten: die negative Theologie, die Vorstellung eines vermittelnden göttlichen Wortes, die Verortung der Ideen im Geist Gottes, die enge Verschränkung von Schriftauslegung und Spekulation.

Die Ironie seiner Wirkungsgeschichte ist, dass dieser fromme Jude vor allem im Christentum fortlebte, während das Judentum ihn lange vergaß; und seine Logosspekulation, die niemals an eine Menschwerdung dachte, wurde gerade dort fruchtbar, wo man den Logos Fleisch werden ließ. Die Linien, die von Philo ausgehen, sind teils gut belegt, teils nur zu vermuten: Sicher ist die Wirkung auf die alexandrinische christliche Mystik und Theologie; wahrscheinlich, aber mittelbar die strukturelle Nähe zum Neuplatonismus, den plotinus entfaltete, und zu der Nous; unsicher und von der Forschung mit Zurückhaltung behandelt die ferne Verwandtschaft mit der die Kabbala und dem der Sefirot-Baum. Über all diesen einzelnen Fäden aber bleibt Philo, was er von Anfang an war: eine Brücke. Er hat den Verkehr zwischen den Traditionen nicht geschlossen, sondern eröffnet, und gerade in dieser Offenheit, mit allen Spannungen und Unschärfen, liegt sein bleibender Rang als eine Schlüsselgestalt der vergleichenden Geistes- und Religionsgeschichte.