Platon: Mystische Philosophie, Ideenlehre und spirituelles Erbe
Platon (428–348 v. Chr.), der größte systematische Philosoph des antiken Griechenland, prägte mit der Ideenlehre, dem Höhlengleichnis und der Demiurgen-Kosmologie sowohl die abendländische Philosophie als auch die spirituellen Traditionen der Welt von Grund auf. Seine Lehren über die Unsterblichkeit der Seele, über Liebe und Schönheit schufen ein perenniales Erbe, das tiefe Verwandtschaften mit dem Neuplatonismus, der christlichen Theologie, der islamischen Mystik und der Vedânta trägt.
Leben: Der Philosoph Athens (428–348 v. Chr.)
Platon, der größte systematische Philosoph des antiken griechischen Denkens, kam im Jahr 428 oder 427 v. Chr. in Athen als Kind einer adligen Familie zur Welt. Es wird überliefert, dass sein eigentlicher Name Aristokles war und ihm sein Ringlehrer wegen seiner breiten Schultern den Beinamen „Platon" (der Breite) gab. Seine Mutter Periktione war Vertreterin einer alteingesessenen Familie, die ihre Abstammung vom Gesetzgeber Solon herleitete; sein Vater Ariston gehörte der athenischen Aristokratie an, die aus angesehenem Geschlecht bestand. Diese Herkunft versetzte Platon sowohl intellektuell als auch politisch in eine überaus vorteilhafte Lage; er fand die Gelegenheit, von den besten Lehrern Athens unterrichtet zu werden, entwickelte sein Interesse an Musik und Malerei und nahm bekanntlich in seiner Jugend sogar an ernsthaften athletischen Wettkämpfen teil.
Platons Jugend formte sich inmitten einer Zeit, in der er die großen Tragödien und Umwälzungen Athens aus nächster Nähe erlebte. Der Peloponnesische Krieg (431–404 v. Chr.) zerschlug Athen; die Stadt, eine mächtige Demokratie, musste sich Sparta beugen. In dieser Zeit des politischen Chaos, während sich auf der einen Seite die oligarchische Herrschaft der Dreißig Tyrannen, auf der anderen die wiedererrichtete Demokratie bekämpften, lernte der junge Platon, höchstwahrscheinlich im Alter von siebzehn oder zwanzig Jahren, Sokrates kennen — und diese Begegnung veränderte den Lauf seines Lebens von Grund auf.
Sokrates war ein Mensch, der niemandem glich, dem er bis dahin begegnet war: von gewöhnlichem Aussehen, arm, doch ein Straßenphilosoph, der mit seinem Verstand und seiner sittlichen Redlichkeit selbst die mächtigsten Menschen der Gesellschaft in die Enge treiben konnte. In der Gestalt, in der Platon ihn in den sokratischen Dialogen überliefert, bestimmt Sokrates sich selbst als einen, der weiß, dass er die Wahrheit nicht weiß — diese aporia (Ausweglosigkeit, das Bewusstwerden des Nichtwissens) sollte auch der Ausgangspunkt von Platons philosophischer Reise sein. Sokrates bot nicht nur einen philosophischen Lehrer, sondern zugleich ein Lebensmodell: ein auf Redlichkeit, Maß, Gerechtigkeit und Mut errichtetes Leben.
Die Hinrichtung des Sokrates im Jahr 399 v. Chr. erzeugte in Platon ein tiefes und bleibendes Trauma. Die letzten Tage seines Lehrers, der unter den Anschuldigungen „nicht an die Götter zu glauben" und „die Jugend zu verderben" angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, erlebte Platon selbst (oder erlebte sie nicht — einigen Dialogen zufolge war er, weil krank, nicht zugegen). Dieses Ereignis entfernte Platon vom politischen Aktivismus und lenkte ihn auf die reine philosophische Forschung. Zugleich wurde der ungerechte Tod des Sokrates zur tiefsten Triebkraft von Platons Verständnis von idealem Staat und Gerechtigkeit. Die berühmte Frage im Dialog „Der Staat" — „Ist der gerechte Mensch glücklich oder nicht?" — ist im Grunde ein dem Andenken des Sokrates gewidmetes Denkmal.
Nach dem Tod des Sokrates reiste Platon einige Jahre lang durch verschiedene griechische Städte. Insbesondere seine Reisen nach Ägypten und Süditalien sind von großer Bedeutung. Es ist bekannt, dass er in Ägypten sein Interesse an der mündlichen Überlieferung der Priester, an Mathematik und Astronomie vertiefte. In Italien wiederum lernte er die pythagoreische Gemeinschaft in der Region Großgriechenland (Magna Graecia) kennen; die Lehren dieser Gemeinschaft über Mathematik, Musik und die Unsterblichkeit der Seele prägten Platons Denken tiefgreifend. Mit Vertretern der Tradition des Pythagoras wie Archytas und Philolaos führte er lange Diskussionen. Archytas wurde zu einem seiner engsten Freunde, und es heißt, er habe ihm mehrmals das Leben gerettet.
Um 387 v. Chr. nach Athen zurückgekehrt, gründete Platon die Akademie, die als eine der ersten Hochschulen der Welt gilt. Die Akademie lag im Hain des „Akademos", eines Gartens und Sportgeländes. Diese Schule blieb etwa neunhundert Jahre lang — bis zu ihrer Schließung durch den römischen Kaiser Justinian im Jahr 529 n. Chr. — das wichtigste intellektuelle Zentrum der abendländischen Philosophie. Hier wurden Mathematik, Astronomie, Musiktheorie und Philosophie als Ganzes gelehrt; über die am Tor angeschlagene Tafel „Kein der Geometrie Unkundiger trete hier ein" (ΑΓΕΩΜΕΤΡΗΤΟΣ ΜΗΔΕΙΣ ΕΙΣΙΤΩ), die besagt, dass keine Mathematikunkundigen aufgenommen wurden, gibt es eine berühmte Überlieferung. Viele große Denker, darunter Aristoteles, wurden an dieser Schule herangebildet; der Einfluss der Akademie breitete sich über ihre Schüler auf die gesamte abendländische Zivilisation aus.
Platon unternahm drei gesonderte Reisen zu den Tyrannen von Syrakus, Dionysios I. und Dionysios II. (388, 367, 361 v. Chr.). Diese Besuche waren Versuche, die ideale Staatsordnung tatsächlich in die Praxis umzusetzen. Doch jedes Mal endeten sie mit Enttäuschung; einmal soll er sogar auf Befehl des Tyrannen versklavt und zum Verkauf angeboten worden sein — es heißt, er sei von Platons Freund Annikeris durch Lösegeld freigekauft worden. Diese Erfahrungen festigten Platons politisches Denken: Der Glaube, dass der Philosoph herrschen oder der Herrscher Philosophie lernen müsse, verhärtete sich weiter. Im Siebten Brief schildert er diese Erfahrungen selbst: „Was ich auf der politischen Bühne sah, versetzte mich in Entsetzen … Ich fragte mich, ob die Menschheit nicht zu bessern sei."
Platon verbrachte den letzten Abschnitt seines Lebens in der Akademie und verstarb im Jahr 348 oder 347 v. Chr. im Alter von etwa achtzig Jahren. Es heißt, er sei bei der Hochzeit eines seiner Schüler oder im Schlaf gestorben — die symbolische Schönheit, die beide Überlieferungen enthalten, ist bemerkenswert: ein Übergang aus einer Feier oder aus einem tiefen Schlaf. Das philosophische Erbe, das er hinterließ, bildete eines der umfassendsten und meistdiskutierten Gedankensysteme der Menschheitsgeschichte. Diese durch die Dialoge entwickelte Denkweise sollte in der Geschichte der Philosophie eine beispiellose Wirkung entfalten.
Intellektueller Hintergrund: Sokrates und darüber hinaus
Um Platons philosophische Entwicklung zu verstehen, muss man die intellektuelle Atmosphäre erfassen, in der er aufwuchs. Das Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. stand unter der Vorherrschaft der als Sophisten bekannten wandernden Denker. Die mit dem Satz Protagoras' „Der Mensch ist das Maß aller Dinge" zusammengefasste sophistische Tradition wies das objektivistische Wahrheitsverständnis zurück und brachte vor, dass die Wahrheit sich nach Person und Kontext ändere. Andere Sophisten wie Gorgias wiederum sahen die Kunst der Rhetorik nicht als Suche nach der Wahrheit, sondern als bloße Überzeugungskraft. Diese Neigung zu Relativismus und Nihilismus sollte der Hauptgegner sein, den Platon sein Leben lang bekämpfte.
Sokrates trat dieser Atmosphäre grundlegend entgegen. Ihm zufolge haben Recht und Unrecht objektive Grundlagen; die sittliche Wahrheit ist unabhängig von der Meinung des Mächtigen oder des Volkes. Sokrates' elenktische Methode (Befragungsmethode) bestand darin, die früheren Überzeugungen der Gesprächspartner zu widerlegen und sie so zur Suche nach wahrem Wissen anzutreiben. Sokrates, der sich selbst als „Hebamme" (maieutike techne) bezeichnete, vertrat, dass er das Wissen nicht unmittelbar lehre, sondern das bereits darin Vorhandene zutage fördere. Platon übernahm und entwickelte diese Methode — doch er fügte ihr etwas hinzu, was Sokrates nicht tun konnte oder nicht tat: einen systematischen metaphysischen Rahmen.
Die zweite große Quelle in Platons intellektuellem Hintergrund ist die Tradition des Pythagoras. Die Pythagoreer lehrten, dass das Wesen des Universums auf zahlenhaften Verhältnissen beruhe. Mathematische Harmonie, musikalische Akkorde, geometrische Formen — sie alle waren nicht nur mathematische, sondern Widerspiegelungen kosmischer Wirklichkeiten. Auch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Metempsychose (dem Kreislauf der Wiederverkörperung der Seele) ist pythagoreischen Ursprungs. Die pythagoreische Gemeinschaft war nicht nur eine philosophische, sondern zugleich eine sittliche und religiöse Gemeinschaft: Sie umfasste das Meiden bestimmter Speisen, strenge Rituale und Praktiken der seelischen Läuterung. Platon übernahm diese Lehren weitgehend, stellte sie aber auf einen philosophischen Boden; er verortete die mathematischen Formen als eine Unterkategorie seiner eigenen Ideenlehre.
Auch Heraklit und Parmenides spielten in Platons intellektueller Entwicklung kritische Rollen. Heraklit zufolge befand sich die physische Welt in unaufhörlichem Wandel (panta rhei — alles fließt); durch die Spannung der Gegensätze im Miteinander bleibt das Universum lebendig, der Logos hingegen bildet die verborgene Ordnung dieses Wandels. In dieser Welt war es unmöglich, dauerhaftes und sicheres Wissen zu erlangen, weil der Gegenstand des Wissens sich ständig wandelte. Parmenides hingegen vertrat genau das Gegenteil, dass der Wandel eine Täuschung sei und das wahre Sein (to on) unveränderlich, unteilbar und eines sei; die Paradoxien des Zenon, des Schülers des Parmenides, waren eindrucksvolle Verteidigungen dieses Verständnisses. Platon synthetisierte diese beiden gegensätzlichen Auffassungen: Während die sich wandelnde physische Welt Heraklit recht gab, bestätigte die unveränderliche Wahrheit (die Ideen) die Intuition des Parmenides.
Schließlich beeinflusste auch der Begriff des nous (Verstand, Geist) des Anaxagoras Platon tiefgreifend. Anaxagoras hatte vorgebracht, dass das Universum nicht durch blinde mechanische Prozesse, sondern durch die Lenkung des Verstandes geordnet sei — dieser Gedanke kann als Vorläufer von Platons Demiurgen-Begriff gelten. Im Dialog Phaidon schildert Sokrates, dass er diesen Gedanken annehmen wollte, aber enttäuscht war, weil Anaxagoras ihn nicht folgerichtig anwandte: Wenn man sich auf den Verstand beruft, muss gezeigt werden, dass alles aufs Beste geordnet ist. Eine weitere Quelle, die auf Platons Zeit einwirkte, ist der stille Wettstreit, den er mit seinem Zeitgenossen Isokrates führte: Die Spannung zwischen Rhetorik und Philosophie durchdringt viele Dialoge Platons; insbesondere im Phaidros wird dieser Konflikt unmittelbar behandelt. Die platonische Dialogform ist zum Teil ein Erzeugnis dieses polemischen Kontextes: Der Dialog als die richtige philosophische Kommunikationsmethode wird der Redekunst gegenübergestellt.
Die Ideenlehre: Die Wirklichkeit hinter den Erscheinungen
Im Zentrum von Platons Philosophie steht die Ideenlehre (griechisch: theoria ton eidon, englisch: Theory of Forms), die das Schicksal der abendländischen Metaphysik bestimmen sollte. Diese Lehre repräsentiert eines der meistdiskutierten und weitreichendsten Argumente der Philosophiegeschichte. Platons gesamtes philosophisches Vorhaben besteht gewissermaßen in der Entwicklung und Verteidigung dieser Lehre.
Grundthese: Zwei Welten
Platon zufolge besteht die Wirklichkeit aus zwei Schichten. Die erste ist die Welt der Erscheinungen, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen (kosmos aisthetos — das sinnliche Universum). Diese Welt befindet sich in ständigem Wandel: Eine schöne Blume verwelkt, ein festes Gebäude stürzt ein, ein starker Mensch wird schwach. Man zeichnet ein Dreieck, doch wegen der Strichstärke des Stifts erhält man kein vollkommenes Dreieck. Hier ist es unmöglich, dauerhaftes und sicheres Wissen zu erlangen, weil der Gegenstand des Wissens sich ständig wandelt. Diese Welt bringt nur doxa (Meinung, Dafürhalten) hervor; für das wahre Wissen (episteme) muss man auf eine andere Ebene aufsteigen.
Die zweite ist die nur durch den Verstand erfassbare Welt der Ideen (kosmos noetos — das geistige Universum). Die Ideen sind unerschaffen, ewig, unveränderlich, unteilbar und vollkommen. Die Idee der Schönheit ist schön und niemals hässlich; die Idee der Gleichheit ist im vollen Sinne gleich und bleibt niemals mangelhaft; die Idee des Guten ist im absoluten Sinne gut. Die schönen Dinge der sinnlichen Welt sind nur deshalb schön, weil sie an der Idee der Schönheit „teilhaben" (methexis — Teilhabe); die volle Schönheit können sie niemals verwirklichen. Die mathematischen Gegenstände hingegen nehmen zwischen diesen beiden Schichten eine besondere Stellung ein: Sie sind unveränderlich und geistige Gegenstände, doch sie lassen sich mit zahlreichen Beispielen vergleichen.
Diese duale Struktur bietet nicht nur einen metaphysischen, sondern zugleich einen starken sittlichen und existenziellen Rahmen: Wahrer Friede und Sinn sind nicht in der Welt der wandelbaren Erscheinungen, sondern im Reich der unveränderlichen Ideen zu suchen. Diese duale Kosmologie Platons bildet die philosophische Grundlage des abendländischen Verständnisses von der „anderen Welt" und öffnet einen tiefen Kanal, der den Gnostizismus und die christliche Theologie prägt.
Anamnesis: Die Lehre vom Wiedererinnern
In Platons Erkenntnislehre nimmt die Anamnesis (Wiedererinnern) einen zentralen Platz ein. Im Dialog Menon „lässt" Sokrates einen Sklaven, der nie Geometrie gelernt hat, allein durch Fragen ein geometrisches Problem im Zusammenhang mit dem Satz des Pythagoras „finden". Die Deutung dieses Versuchs ist eindrucksvoll: Der Knabe lernte die Geometrie nicht, er erinnerte sich. Die Seele hatte vor ihrer Verbindung mit dem Körper die Welt der Ideen unmittelbar geschaut; mit der Geburt wurde dieses Wissen vergessen. Das Lernen ist in Wirklichkeit ein Prozess des un-forgetting (der Rücknahme des Vergessens).
Diese Lehre trägt eine tiefe Behauptung mit sowohl epistemologischer als auch mystischer Dimension in sich. Wissen zu erwerben ist kein Transfer von außen nach innen, sondern das Zutagefördern dessen, was im Innern bereits vorhanden ist. In der platonischen Bildung besteht die Rolle des Lehrers nicht darin, Wissen zu geben, sondern dem Schüler zu helfen, das Wissen in seinem eigenen Innern wiederzuerinnern — genau so, wie Sokrates es mit der Hebamme verglich. Mit der Lehre „Âtman ist Brahman" der Upanishad-Tradition lässt sich an diesem Punkt eine eindrucksvolle Parallele ziehen: Die Wahrheit ist bereits in uns, um sie zu finden, braucht man nicht nach außen zu blicken. Auch der Ausdruck „Über dich klage ich bei dir" in der Sufi-Dichtung bringt diese wesenhafte Innerlichkeit zur Sprache.
Die Hierarchie der Ideen: Die Idee des Guten
Die Ideen bilden in sich eine hierarchische Ordnung. Im Dialog Der Staat stellt Platon an die Spitze aller Ideen die Idee des Guten (he tou agathou idea). So wie die Sonne dem Auge das Sehen ermöglicht, so ermöglicht das Gute dem Geist das Erfassen der Ideen; so wie das Licht der Sonne den Dingen sowohl Sichtbarkeit als auch Sein verleiht, so bewirkt das Gute, dass die Ideen sowohl erkennbar sind als auch existieren. Platon fügt hinzu: Das Gute steht sowohl hinsichtlich des Wissens als auch des Seins zuoberst, ist aber zugleich auch jenseits des Seins — epekeina tes ousias (jenseits des Seins).
Diese Formulierung trägt tiefe theologische Anklänge. Plotins Begriff des Einen (to Hen), das Gottesverständnis in der christlichen Theologie, das Brahman in der Vedanta — sie alle stehen unmittelbar oder mittelbar in Beziehung zu Platons Idee des Guten. Platon sagt hier dies: Der Grund des Universums ist ein verstandhaft-sittliches Prinzip. Die Wurzel der Wirklichkeit ist keine blinde Materie, sondern eine vollkommene Güte. Diese These ist Platons radikalste Antwort auf die materialistische Weltanschauung.
Dialektische Methode: Der Weg, die Ideen zu erfassen
Die Methode, die Ideen zu erfassen, ist die Dialektik (dialektike — Forschung durch wechselseitiges Gespräch). Die Dialektik zielt darauf, einander widersprechende Auffassungen zu vergleichen und durch das Herausarbeiten des Wahren in jeder von ihnen zu einer höheren Synthese zu gelangen. Platons Dialoge selbst sind die Anwendung dieser Methode: Im Rhythmus von Frage und Antwort wird die Wahrheit Schritt für Schritt gesucht. Diese Methode ist nicht nur ein intellektueller, sondern zugleich ein psychologischer und spiritueller Prozess: Die dialektische Praxis läutert und erhebt die Seele.
Die Metapher der Linea (Linie) veranschaulicht im „Staat" die epistemologische Stellung der dialektischen Methode: Eine Linie wird in vier Abschnitte geteilt — Schatten und Spiegelbilder (eikasia), körperliche Gegenstände (pistis), mathematische Gegenstände (dianoia), Ideen (noesis). Die höchste Form des Wissens ist das unmittelbare Erfassen des Guten; an diesem Punkt steht die Dialektik schließlich ohne Voraussetzungen auf eigenen Füßen.
Das letzte Ziel der Dialektik geht über die bloße begriffliche Analyse hinaus. Im „Staat" sagt Platon, dass der in der Dialektik Vollendete schließlich die Idee des Guten selbst sehen werde (auto to agathon — das Gute selbst). Dieses „Sehen" ist kein begriffliches, sondern ein mystisches Erfassen — ganz ähnlich der henosis-Erfahrung (der Vereinigung mit dem Einen) des Neuplatonismus, eine Begegnung, die sich dem Wort und der Sprache entzieht.
Seelenverständnis: Die Reise der unsterblichen Seele
Platons Seelenverständnis (psukhologia — griechisch psyche, Seele + logos, Wort/Verstand) ist eine umfassende Lehre mit sowohl philosophischen als auch mystischen Dimensionen. Die Dialoge Phaidon, Phaidros und Der Staat sind die ausführlichsten Quellen dieser Lehre; doch auch Menon, Timaios und die Gesetze enthalten wichtige Erörterungen über die Seele.
Die Unsterblichkeit der Seele: Die Beweise
Der Dialog Phaidon schildert die letzten Stunden des Sokrates vor seiner Hinrichtung. Dieser Dialog enthält zugleich Platons systematischste Argumente für die Unsterblichkeit der Seele; jeder Beweis besitzt in sich eine philosophisch überaus durchgearbeitete Struktur:
Der Beweis vom Entstehen der Gegensätze aus den Gegensätzen (Circulus vitae): So wie alles aus seinem Gegenteil kommt (der Schlaf aus dem Wachen, das Leben aus dem Tod), so kehrt auch der Tod ins Leben zurück. Die Seelen bestehen nach dem Tod fort und treten erneut in einen Körper. Dieses Argument beruht auf einem aus der pythagoreischen Kosmologie entnommenen Prinzip.
Der Beweis vom Wiedererinnern (Anamnesis): Eine Seele, die vor der Geburt nicht existiert hätte, könnte sich mit der Geburt nicht an die Ideen „erinnern". Dass die Anamnesis möglich ist, beweist, dass die Seele vor der Geburt existierte. Wenn die Seele vor der Geburt existierte, kann sie auch nach dem Tod fortzubestehen vermögen.
Der Beweis aus der Ähnlichkeit (Simile): Die Seele besitzt wie die Ideen einfache, unveränderliche und unteilbare Eigenschaften. Anders als der Körper gehört die Seele der „unsichtbaren Welt" an (aides — mit Hades verbunden, das Unsichtbare). Auflösung gilt nur für zusammengesetzte Dinge; das Einfache und Unveränderliche, die Seele, kann nicht aufgelöst werden.
Der Beweis aus der Form (Eidos): Das Lebendige ist der Gegensatz des Leblosen; die Seele ist das Prinzip des Lebens, das der Gegensatz des Todes ist. Die Seele, die den Tod nicht aufnimmt, kann nicht sterblich sein — ebenso wie das Feuer die Kälte nicht aufnimmt. Die Seele ist das Wesen der Lebendigkeit, und dieses Wesen kann mit seiner eigenen Natur nicht in Widerspruch geraten.
Diese Beweise werden auch heute noch philosophisch diskutiert; Aristoteles, Hume und moderne analytische Philosophen haben gegen jedes dieser Argumente starke Einwände entwickelt. Doch schon die Existenz dieser Einwände zeigt, wie tief Platon dieses Thema behandelte und welch bestimmende Spuren er in der Philosophiegeschichte hinterließ.
Die drei Teile der Seele
Im Dialog Der Staat lehrt Platon, dass die Seele aus drei Teilen besteht: logos (Verstand, der leitende Teil der Seele), thumos (Wille, das Gefühl von Mut und Ehre) und epithumia (Begierde, die körperlichen Wünsche). Eine gesunde und gerechte Seele ist eine Seele, in der diese drei Teile unter der Führung des Verstandes im Einklang stehen. Ebenso wie im idealen Staat die Philosophen (Verstand), die Krieger (Wille) und die Handwerker (Begierde) im Einklang herrschen sollen, so muss auch in der Seele diese dreifache Ordnung hergestellt werden.
Dieses dreiteilige Seelenverständnis wird erstmals im „Staat" systematisch behandelt; im Phaidros wird es mit dem Gleichnis vom Gespann veranschaulicht und im Timaios in einen kosmologischen Rahmen gestellt. Es trägt eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Dreiheit von Ich, Über-Ich und Es bei Freud — Freud hat Platon gelesen und sich offen auf ihn bezogen. Eine noch eindrücklichere Parallele lässt sich zum dreifachen Guna-System der Bhagavad Gîtâ — sattvik (verstandhaft), rajasik (leidenschaftlich) und tamasik (träge) — ziehen.
Metempsychose: Die kosmische Reise der Seele
Im Phaidros und im Mythos des Er am Ende des „Staates" schildert Platon, was nach dem Tod des Körpers fortlebt. Der Mythos des Er — mit eigentlichem Namen Er aus Pamphylien — ist die Geschichte eines Soldaten, der im Krieg starb, zwölf Tage später wiederauferstand und die Ordnung der anderen Welt schildert. Die Seele tritt nach dem Tod vor die Richter; sie empfängt den Lohn ihres guten Lebens oder zahlt den Preis ihres schlechten Lebens. Danach wählt sie ein neues Leben, in das sie erneut in einen Körper eintreten wird — diese Wahl ist wichtig, denn nicht das Schicksal, sondern der freie Wille ist bestimmend.
Diese Szene der Wahl fasst Platons Verständnis des freien Willens zusammen: Jede Seele wählt ihre eigenen Lebensmuster und trägt die Folgen ihrer Wahl. „Die Schuld liegt beim Wählenden, Gott ist ohne Schuld" (aition d'o hairomenos, theos anaitios) — dieser Satz ist das Wesen von Platons Theodizee-Verständnis. Das Böse entspringt nicht Gott, sondern der Wahl des Menschen.
Diese Erzählung im Mythos des Er zeigt erstaunliche Ähnlichkeiten sowohl mit der Lehre von Karma und Wiedergeburt in der Vedanta als auch mit der Bardo-Lehre im Buddhismus (dem Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt). Die strukturelle Analogie zwischen der nachtodlichen Reise der Seele im Tibetischen Totenbuch und Platons Mythos des Er hat die Aufmerksamkeit vieler vergleichender Religionsforscher auf sich gezogen. Auch mit dem Thema der Wägung und Richtung der Seele im Ägyptischen Totenbuch besteht eine wichtige Parallele. Bemerkenswert ist dabei, dass Platons Ägyptenbesuch möglicherweise zu diesen Parallelen beigetragen hat.
Das Höhlengleichnis: Die Metapher der Erleuchtung
Das im Dialog Der Staat (Buch VII, 514a–521b) enthaltene Höhlengleichnis ist eine der berühmtesten und meistdiskutierten Metaphern der abendländischen Philosophie. Dieses Gleichnis, das nicht nur eine epistemologische, sondern auch eine tiefe spirituelle und existenzielle Dimension besitzt, gilt als eine eindrucksvolle Schilderung der menschlichen Verfasstheit. Die Menschheit hat diese Erzählung über vier Zeitalter hinweg, von Kultur zu Kultur weitergebend, in ihrer Aktualität bewahrt.
Die Erzählung des Gleichnisses
Im Inneren einer dunklen Höhle leben Menschen, die an Hals und Beinen in Ketten gelegt sind. Sie sind seit ihrer Geburt in dieser Höhle; sie können nur auf die Wand vor ihnen blicken. Hinter ihnen, an einem erhöhten Ort, brennt ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen befindet sich eine Mauer, und die Gegenstände, die die vor dieser Mauer vorübergehenden Menschen tragen, werfen im Licht des Feuers Schatten auf die Wand. Da die Gefangenen außer diesen Schatten nie etwas gesehen haben, halten sie die Schatten für wirklich und wählen unter sich den „Begabtesten" als denjenigen, der die Schatten am besten vorhersagen kann.
Nun befreit sich ein Gefangener von seinen Ketten und wendet sich dem Feuer zu. Anfangs blendet ihn das Licht selbst; es ist schwer, das Feuer und die wirklichen Gegenstände zu sehen. Doch wenn er beharrt, gewöhnt er sich mit der Zeit daran und beginnt, das Wirkliche zu sehen. Dann tritt er aus der Höhle hinaus ins Sonnenlicht: zunächst kann er nur die Spiegelbilder (die Abbilder auf der Wasseroberfläche), dann die Gegenstände selbst, zuletzt die Sonne selbst sehen.
Wenn diese Person hinabsteigt und zu ihren alten Gefährten zurückkehrt, werden ihre Augen sich nicht an die Dunkelheit gewöhnt haben; sie wird beim richtigen Vorhersagen der Schatten versagen; ihre Gefährten werden sie für verrückt halten und vielleicht sogar versuchen, sie zu töten. (Eine offene Anspielung auf Sokrates.) Eben dieses letzte Detail legt offen, dass das Gleichnis nicht nur eine epistemologische, sondern auch eine tragisch-politische Dimension besitzt.
Symbolische Schichten
Das Gleichnis lässt sich auf mehr als einer Ebene lesen, und diese Vielschichtigkeit verleiht ihm eine zeitlose Kraft:
Epistemologische Schicht: Die Schatten = Meinung und Wahrnehmung (eikasia), das Feuerlicht = sinnliche Gegenstände (pistis), das Sonnenlicht = intellektuelles Wissen (dianoia/noesis), die Sonne = die Idee des Guten selbst. Die Welt außerhalb der Höhle = das Reich der Ideen.
Spirituelle Schicht: Die Höhle = der Zustand der an das Reich der Materie und an die Ketten des Körpers gebundenen Seele. Der Ausgang nach draußen = die Erleuchtung der Seele, ihr Erfassen der göttlichen Wahrheit. Der Blick zur Sonne = der mystische Kontakt mit dem Guten. Diese Lesart verwandelt die Höhle nicht nur in eine philosophische, sondern in eine tiefe spirituelle Initiationserzählung.
Politisch-pädagogische Schicht: Die erzwungene Rückkehr des Erleuchteten = die Verpflichtung des Philosophen, die Gesellschaft zu bilden. Das Versagen beim Vorhersagen der Schatten = die Schwierigkeit, das wahre Wissen auf die praktische Welt anzuwenden. Auf dieser Schicht betont Platon, dass Bildung nicht im Geben von Wissen, sondern in der Umwendung der Seele (periagoge) besteht.
Psychologische Schicht: Für moderne Leser lässt sich die Höhle als Metapher des Unbewussten oder der gesellschaftlichen Konditionierung lesen. Die Ketten zu sprengen = sich von der kollektiven Täuschung zu befreien. Diese Lesart knüpft besonders interessante Parallelen zu den Begriffen „Persona" und „Schatten" Carl Gustav Jungs.
Die Eleusis-Verbindung
Moderne Forscher, insbesondere Michael B. Cosmopoulos und Walter Burkert, haben vorgebracht, dass zwischen dem Höhlengleichnis und den Mysterien von Eleusis eine tief verwurzelte Beziehung besteht. In Eleusis gelangten die Teilnehmer (mystai) durch einen dunklen Raum hindurch zu einem strahlenden Licht; diese Erfahrung verlieh ihnen ein tiefes Erfassen der Unsterblichkeit der Seele und des Lebens nach dem Tod. Die Höhlenmetapher mag eine philosophische Umformung dieser Initiationserfahrung sein. Es ist bekannt, dass Platon die eleusinische Terminologie wie mystai (Teilnehmer) und epopteia (das letzte Schauen) in seinen Dialogen verwendete. Auch dass das Thema von dunkler Unterwelt und Erlösung der Orpheus-Tradition zu dieser Erzählung nährend beigetragen hat, findet in akademischen Kreisen Anerkennung.
Andererseits warnen manche Forscher davor, diese Verbindung zu überschätzen: Platons Gleichnis funktioniert zugleich innerhalb eines gänzlich rationalen begrifflichen Rahmens und lässt sich nicht auf die mystische Erfahrung reduzieren. Diese Spannung — das Gleichgewicht zwischen Rationalismus und Mystizismus — bildet eine der eigenständigsten und schöpferischsten Dimensionen der platonischen Philosophie.
Gott und Demiurg: Platons Theologie
Platons Gottesverständnis ist nicht eindimensional; in verschiedenen Dialogen bringt er verschiedene theologische Modelle vor. Ob sich diese Vielfalt auf eine einzige stimmige Theologie reduzieren lässt, ist bis heute umstritten und bildet die Quelle des deutungsmäßigen Reichtums der platonischen Theologie.
Der Demiurg im Timaios
Der Dialog Timaeus ist die wichtigste Quelle für Platons Kosmologie. Hier schildert Platon, dass das Universum von einem schöpferischen Gott geformt wurde, den er Demiurg (demiourgos — Meister, Handwerker) nennt. Der Demiurg ordnet, indem er die unendliche Idee des Guten nachahmt, das bestehende Chaos; doch hier gibt es zwei kritische Punkte:
Erstens erschafft der Demiurg nicht ex nihilo (aus dem Nichts). Die Ideen und die Materie (chora — unendlicher Raum / materia prima) sind zuvor vorhanden; der Demiurg fügt sie zusammen. Dies ist ein grundlegender Unterschied zur kreationistischen christlichen Theologie und steht der kosmologischen Auffassung des Gnostizismus und verschiedener mystischer Traditionen näher.
Zweitens wird der Demiurg durch seine absolute Güte bestimmt: „Gott war gut, und der Gute hegt gegen nichts Neid; weil er fern vom Neid war, wollte er, dass alles ihm so ähnlich wie möglich sei." Dies ist eine wichtige Aussage: Platons Gott erschafft nicht aus Macht oder Neid, sondern aus seiner überfließenden Güte — er ist der unmittelbare Vorbote des Verständnisses Plotins vom „Überfließen des Guten seiner Natur nach" (bonum est diffusivum sui). Auch mit der freudvollen Schöpferkraft des Begriffs Lîlâ (göttliches Spiel) der indischen Philosophie lässt sich eine interessante Analogie ziehen.
Die Weltseele und die kosmische Lebendigkeit
Im Timaios erschafft der Demiurg nicht nur das materielle Universum, sondern auch die Weltseele (psyche tou kosmou — Seele des Kosmos). Diese Seele ist ein das Zentrum und den Umkreis des Universums umfassendes, mit mathematischen Verhältnissen geordnetes Gebilde. Der Timaios schildert diese Seele als aus arithmetischen wie geometrischen Verhältnissen gebildet; die Reihe 1:2:3:4:8:9:27 bildet die Grundlage dieser mathematischen Konstruktion. Die Weltseele bewirkt, dass das Universum ein verständiges und lebendiges Wesen ist; sie lenkt die Bewegung und die Harmonie des Universums.
Dieser Begriff der anima mundi (Weltseele) sollte im Stoizismus, im Hermetismus der Renaissance und in der modernen Ökologie-Philosophie fortwährend nachklingen. James Lovelocks Gaia-Theorie lässt sich als eine eindrucksvolle moderne Fortsetzung von Platons Verständnis der Weltseele bewerten. Auch mit dem Verständnis des universellen Verstandes (aql-i kull) in der islamischen Kosmologie trägt es interessante strukturelle Ähnlichkeiten.
Nous, Demiurg und theologische Vielfalt
Platons Theologie integriert zugleich den griechischen Polytheismus. Die olympischen Götter wurden vom Demiurg erschaffen und mit der Bildung der menschlichen Körper beauftragt. In diesem Rahmen versucht Platon, sowohl die polytheistische griechische Tradition als auch seine monotheistischen Neigungen zusammenzuhalten. Im Dialog Philebos wird der Nous (Geist, Verstand) als Lenker des Universums bestimmt; im Dialog Gesetze wiederum verteidigt Platon, indem er sich dem Atheismus widersetzt, dass die Seele dem Körper vorausgeht und der göttliche Verstand der Grund des Universums ist. Diese Haltung ist der Hauptgrund dafür, dass die späteren christlichen Apologeten Platon in den eigenen Reihen sahen; von Augustinus bis Justin der Märtyrer hielten viele christliche Denker Platon nahezu für einen Christen.
Liebe und Schönheit: Symposion und Phaidros
Platons Verständnis der Liebe (Eros) bildet in der abendländischen Kultur den Ursprung des Begriffs der „platonischen Liebe" — doch ist meist missverstanden worden, was dieser Begriff bedeutet. Für Platon verleugnet die Liebe das körperliche Begehren nicht; sie nutzt es als eine Stufe und erhebt sich zur göttlichen Schönheit. Die Tiefe und Vielschichtigkeit dieses Verständnisses hebt sie aus einem bloß romantischen Ideal heraus und macht sie zu einem kosmologischen Prinzip.
Symposion: Der stufenweise Aufstieg des Eros
Das Symposion (um 385–370 v. Chr.) schildert die Reden, die in einer Nacht des Gastmahls verschiedene Redner über Eros (den Gott der Liebe) halten. Die Struktur dieses Dialogs ist überaus kunstvoll: Jeder Redner bietet eine tiefere Perspektive, die das Verständnis des vorhergehenden übersteigt. Der Mythos des Aristophanes (die Entzweiung der Seelen aus einer früheren Ganzheit und die Sehnsucht nach Wiedervereinigung), das poetische Loblied des Agathon und schließlich die von Sokrates überlieferte Lehre der Diotima bilden diese Abfolge.
Diotima (die von Sokrates von einer weisen Frau überlieferte Lehre) sagt dies: Die höchste Form der Liebe vollzieht sich in einem stufenweisen Aufstieg (klimax tou erotos — die Leiter der Liebe). Der Mensch liebt zunächst einen schönen Körper; dann bemerkt er, dass alle schönen Körper in Wirklichkeit dieselbe Schönheit teilen. Sodann liebt er die schönen Seelen, danach die schönen Handlungen und Gesetze, dann die Schönheit der Wissenschaft; zuletzt schaut er die Schönheit selbst — die eine, reine, ungemischte, in keinem Körper und in keiner Seele befindliche absolute Schönheit — selbst.
Dieses letzte Schauen ist eine Erfahrung, die sich unmittelbar mit der epopteia (dem Namen, der in Eleusis der höchsten Initiationszeremonie gegeben wird) deckt. Diotima fügt hinzu: „Sieh, mein Jüngling, wenn irgendwo, dann hier ist der Ort, an dem der Mensch lebenswert leben muss — während er die Schönheit selbst betrachtet." Diese reine Schönheit ist nicht vergänglich; sie wächst und verwelkt nicht, ist nicht an einem Ort schön und an einem anderen hässlich; sie ist absolut, ewig und allein mit sich selbst identisch. Hier hat sich der Begriff der Schönheit nicht mehr in eine ästhetische, sondern in eine ontologische und spirituelle Kategorie verwandelt.
Die mit dem Mythos des Aristophanes beginnende Geschichte ist besonders bemerkenswert: Die Menschen waren ursprünglich kugelförmige, zweigesichtige Wesen mit vier Armen/Beinen; nachdem sie von den Göttern entzweit wurden, suchen sie ihre verlorenen Hälften. Dieser Mythos bestimmt die Liebe als eine existenzielle Sehnsucht nach Wiedervereinigung — er ist die griechische Version des Themas der göttlichen Trennung (firkat) und der Suche nach Wiedervereinigung (vuslat) im Tasawwuf.
Phaidros: Göttlicher Wahnsinn und die beflügelte Seele
Im Dialog Phaidros zählt Platon die Liebe zu den vier Arten des göttlichen Wahnsinns (theia mania). Der Wahnsinn der Propheten (mantike), der Wahnsinn der rituellen Läuterung (teletike), der Wahnsinn der dichterischen Eingebung (poietike) und der Wahnsinn der Liebe (erotike) — sie alle sind heilige Gaben, die von Gott kommen und den Menschen über die gewöhnliche Rationalität hinaustragen. Dieses Verständnis des göttlichen Wahnsinns ist Platons stärkste Antwort auf jede Art von Engsicht, die den Rationalismus für den einzigen Weg der Erlösung hält.
Die berühmte Gespann-Metapher im Phaidros veranschaulicht die Struktur der Seele und die verwandelnde Kraft der Liebe: ein Wagenlenker (logos — Verstand), der ein von zwei Pferden gezogenes Gespann lenkt; ein weißes Pferd (thumos — der edle Wille) und ein schwarzes Pferd (epithumia — das körperliche Begehren). Die Seele hatte zuvor fliegend die Welt der Ideen geschaut; mit dem Herabstieg in die Welt hat sie diese Erinnerung vergessen. Die Seele, die die Schönheit des Geliebten erblickt, beginnt ihre Flügel wieder wachsen zu lassen; dies ist der Beginn eines schmerzhaften, aber heiligen Erwachens. Die Schönheit ist die Pforte, durch die die Ideen am stärksten in die Welt dringen; das Staunen vor einem schönen Antlitz ist in Wirklichkeit das Wiedererinnern der Seele an die Welt der Ideen.
Die Beziehung dieser Passage zum Sufismus ist tief und unmittelbar. Die Liebestheologie in Ibn Arabîs Fusûs al-Hikam oder der Anfang des Mevlânâschen Mesnevî, in dem er die Sehnsucht nach Trennung von der Rohrflöte und nach Wiedervereinigung schildert — in all dem dient Eros/Liebe als treibende Kraft der Rückkehr der Seele zu ihrer Quelle. Mevlânâs Verse, die den Geist tragen — „Ich suchte die Liebe im Rauch und fand sie im Feuer" — decken sich nahezu eins zu eins mit der Flügel-Wachstums-Metapher in Platons Phaidros. Auch die Liebestheologie Hallâdsch al-Mansûrs und die Sehnsucht in den mystischen Gedichten Hâdscha Abdullâh Ansârîs nähren diese platonisch-sufische Verwandtschaft.
Musik, Mathematik und Kosmologie: Die Geheimnisse des Timaios
Der Dialog Timaeus ist Platons außergewöhnlichstes und umstrittenstes Werk. In diesem Dialog bietet Platon eine umfassende Kosmologie der Weltentstehung; diese Erzählung ist zugleich wissenschaftlich und mythologisch, mathematisch und mystisch. Der Timaios wurde zu einem der meistgelesenen und meistkommentierten Texte der griechischen Philosophie; während des gesamten Mittelalters war dies das in der abendländischen Welt am weitesten bekannte Werk Platons.
Geometrische Elemente: Die platonischen Körper
Im Timaios setzt Platon jedes der vier klassischen Elemente — Feuer, Luft, Wasser und Erde — mit bestimmten geometrischen Formen gleich. Das Feuer hat die Form eines Tetraeders (vierflächig), die Luft eines Oktaeders (achtflächig), das Wasser eines Ikosaeders (zwanzigflächig), die Erde eines Würfels (sechsflächig). Der fünfte Körper, das Dodekaeder (zwölfflächig), entspricht hingegen dem Universum als Ganzem. Platon zufolge sind diese geometrischen Formen nicht zufällig oder willkürlich; sie entstehen aus der Kombination bestimmter Dreiecke, und zwischen ihnen bestehen mathematische Umwandlungsbeziehungen.
Diese fünf regelmäßigen Polyeder, die als platonische Körper in die Geschichte eingingen, beeinflussten später unmittelbar den Rahmen (Mysterium Cosmographicum, 1596), den Johannes Kepler zur Erklärung der Planetenbahnen verwendete. Die Kristallgruppen, die Symmetrietheorie und sogar die mehrdimensionale Geometrie der Superstringtheorie der modernen Mathematik und Physik — sie alle lassen sich mittelbar mit dieser platonischen geometrischen Intuition in Verbindung bringen. Auch im Herzen der Tradition der heiligen Geometrie liegt dieses platonische Universumsverständnis; auch die Fibonacci-Reihe und der Goldene Schnitt lassen sich als ästhetische Resonanzen der platonischen Kosmologie bewerten.
Musikalische Kosmologie: Die Harmonie der Sphären
In Platons Kosmologie ist das Universum mit den Prinzipien musikalischer Harmonie durchwirkt. Die Weltseele ist mit mathematischen Verhältnissen — insbesondere mit den pythagoreischen Musikintervallen (Oktave, Quinte, Quarte) — geordnet. Die im Timaios überlieferte mathematische Reihe (1, 2, 3, 4, 8, 9, 27) versinnbildlicht eine zugleich musikalische und zahlenhafte Harmonie. Dieses Prinzip stellt das Verständnis Pythagoras' von der „Musik der Sphären" (musica universalis) in einen philosophischen Rahmen.
Die Bahnen der Planeten folgen mathematischen Verhältnissen; das Universum selbst spielt wie ein großes Musikinstrument. Dieses Verständnis wurde über den Neuplatonismus in die islamische Astronomie und Musiktheorie (insbesondere in al-Fârâbîs al-Mûsîqâ al-Kabîr), von dort in das osmanische Makam-Verständnis übertragen. Die aus der pythagoreisch-platonischen Linie kommende Musikphilosophie der Renaissance (Ficino, Kepler) machte das Verständnis der universellen Harmonie zum theologischen Hintergrund der abendländischen Musik. Das musikalische Universumsverständnis Johann Sebastian Bachs oder die Sonne-Mond-Harmonie-Musik in China — sie alle sind ferne, aber wirkliche Resonanzen der platonischen musikalischen Kosmologie.
Chora: Der geheimnisvolle Empfänger der Materie
Einer der eigenständigsten und meistdiskutierten Begriffe des Timaios ist die chora (Raum, Feld, Empfänger). Die Chora gehört weder dem Reich der Ideen noch dem Reich des Werdens an; sie ist eine geheimnisvolle „dritte Gattung" (triton genos) zwischen beiden. Sie ist ein unendlicher Empfänger, der den Stempel der Ideen in die körperliche Welt trägt, selbst aber keine Form annimmt; mit einer weiblichen Metapher wird sie der „Mutter" verglichen, doch auch diese Metapher bleibt unzureichend, weil die Chora aller Bestimmung vorausgeht.
Jacques Derridas Werk Khôra von 1993 rückte diesen Begriff ins Zentrum der dekonstruktivistischen Philosophie; es deutete die Chora als einen unbestimmten Grund neu, der weder Sein noch Nichtsein, weder sagbar noch verschweigbar ist. Parallelen zum Ein Sof (dem unendlichen, undefinierten Gott) der Kabbala oder zum Tao des Taoismus — dem unbestimmbaren, wortlosen, jenseits aller Bestimmungen liegenden Urprinzip — fallen ins Auge. Auch das Verständnis des Nirguna Brahman (des eigenschaftslosen, unbeschreiblichen göttlichen Wesens) der Vedanta gehört zu dieser strukturellen Verwandtschaft.
Mystische Dimensionen: Eleusis, Pythagoras und Platon
Es gibt starke Belege dafür, dass Platons Philosophie nicht aus einem bloß rationalen System besteht. Platon hat tiefe Verbindungen zu den mystischen Traditionen — insbesondere zu den Mysterien von Eleusis und zur Gemeinschaft des Pythagoras. Die Natur und Tiefe dieser Verbindungen bleibt in den akademischen Debatten ein lebendiges Thema.
Eleusis und die philosophische Initiation
Die Mysterien von Eleusis waren eine auf dem Mythos von Demeter und Persephone beruhende Initiationstradition in der Stadt Eleusis bei Attika. Von diesem Ritual, an dem jährlich Tausende teilnahmen, glaubte man, es ermögliche das Erleben von Tod und Wiedergeburt sowie der Unsterblichkeit der Seele. Die Teilnehmer (mystai) gingen durch dunkle Räume, traten ins Licht; wer schließlich den Rang eines epoptes (des vollkommen Schauenden) erreichte, wurde Zeuge einer unvermittelbaren Erfahrung — höchstwahrscheinlich war auch ein pflanzliches Getränk namens Kykeon Teil dieser Erfahrung. Moderne Forscher (Wasson, Hofmann, Ruck) haben vorgebracht, dass der Kykeon dem Ergotamin ähnliche psychedelische Bestandteile enthalten haben könnte.
In Platons Dialogen begegnet uns häufig die eleusinische Terminologie: myein (in das Geheimnis eingeweiht werden), epopteia (das letzte Schauen), telein (rituelle Vollendung). Wenn Sokrates im Phaidon sagt: „Diejenigen, von denen man sagt, sie gingen der reinen Philosophie nach, eben sie bereiten sich im wahren Sinne auf den Tod vor", spielt er offen auf die Riten der Todesvorbereitung von Eleusis an. Die Rede der Diotima im Symposion wiederum ist unmittelbar in Form einer mystischen Initiation gestaltet: eine Reise von den gewöhnlichen Lernstufen hin zum letzten Schauen.
Die pythagoreische Tradition und der mathematische Mystizismus
Die wichtigsten Elemente, die Platon aus der Tradition des Pythagoras übernahm, sind die folgenden: (1) der Glaube, dass die Zahlen das Wesen des Universums bilden, (2) die Unsterblichkeit der Seele und die Metempsychose, (3) die Kosmologie, dass sich das Universum in einer mathematischen und musikalischen Harmonie befindet, (4) der Glaube, dass die philosophische Lebensweise ein Weg der Läuterung und Erlösung ist, (5) die Bedeutung eines durch Speise- und Ritualvorschriften gestützten Gemeinschaftslebens.
Doch Platon übernahm den Pythagoreismus nicht unmittelbar; er wandelte ihn. Für die Pythagoreer bildeten die Zahlen den ontologischen Grund; für Platon hingegen bilden die Zahlen und die mathematischen Gegenstände eine Unterkategorie der Ideen — die mathematischen Gegenstände (mathematika) sind eine mittlere Schicht zwischen den Ideen und den physischen Gegenständen. Außerdem ist Platons philosophische Methode auf der Dialektik aufgebaut; Ritual und kosmologische Spekulation stehen an zweiter Stelle.
Der Siebte Brief und die Grenze der Philosophie
Platons Siebter Brief (Epistole Z) — dieses Dokument, dessen Echtheit umstritten, aber meist als authentisch anerkannt ist — enthält ein eindrucksvolles Zeugnis über die Grenzen des philosophischen Wissens:
„Dies ist nicht etwas von der Art, wie es über die anderen Wissenschaften geschrieben werden kann; sondern infolge langer Beschäftigung mit dem Gegenstand und der Verbindung des Lebens mit dem Gegenstand entzündet sich plötzlich, wie ein vom Feuer aufspringendes Licht, ein Funke, und in der Seele brennt ein sich selbst nährendes Licht."
Diese Passage — die Metapher von phlox, Licht, Funke — entspricht unmittelbar der Definition der mystischen Erfahrung. Das Wissen geht an einem Punkt über die intellektuelle Übertragung hinaus; was darüber hinaus liegt, gehört der unmittelbaren Intuition (nous — reine verstandhafte Intuition) und vielleicht einer unvermittelbaren Erfahrung an. Der kashf (das unmittelbare Schauen der göttlichen Geheimnisse hinter dem Schleier) im Tasawwuf, der satori im Zen-Buddhismus und der samadhi in der Vedanta — in allen begegnet uns dieses Bild des „plötzlich aufflammenden Lichts". Der Siebte Brief besitzt eine einzigartige Bedeutung als Platons unmittelbarstes Zeugnis über die mystische Dimension seiner eigenen Philosophie.
Vergleichende Perspektive: Vedânta, Sufismus, Kabbala, Taoismus
Platons Philosophie gilt als die stärkste abendländische Stütze des Rahmens der Perennial Philosophy (immerwährenden Weisheit). Sie trägt zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten mit voneinander unabhängigen spirituellen Traditionen; diese Ähnlichkeiten lassen sich nicht als bloß zufällig, sondern als Ausdrücke der gemeinsamen Erfahrung der Menschheit in verschiedenen Sprachen deuten.
Die Vedânta-Parallele
Die Parallelen zwischen der Vedanta-Tradition und Platon sind tief und eindrucksvoll:
| Platon | Vedânta |
|---|---|
| Reich der Ideen | Brahman / Nirguna Brahman |
| Idee des Guten | Sat-Chit-Ânanda |
| Welt der Erscheinungen | Mâyâ (Schleier der Illusion) |
| Anamnesis | Erinnerung daran, dass Âtman Brahman ist |
| Demiurg | Saguna Brahman / Îshvara |
| Seelenläuterung im Phaidon | Weg des Moksha |
| Höhlengleichnis | Erwachen aus der Mâyâ |
| Metempsychose | Kreislauf von Karma und Samsâra |
Der erste Forscher, der die Ähnlichkeiten zwischen der Advaita-Vedânta Schankaras (8. Jahrhundert n. Chr.) und Platon umfassend behandelte, war Swami Krishnananda. Thomas McEvilleys umfassende Arbeit The Shape of Ancient Thought von 2002 hat vorgebracht, dass die Ähnlichkeiten zwischen Platon und der indischen Philosophie auch durch historische Kontakte erklärt werden könnten. In beiden Systemen geht die letzte Wirklichkeit über den begrifflichen Diskurs hinaus und erfordert eine unmittelbare Intuition/Erfahrung — diese strukturelle Übereinstimmung weist über den historischen Kontakt hinaus.
Die Sufismus-Parallele
Die Brücken zwischen dem Sufismus und dem platonischen Denken sind sowohl historisch als auch strukturell. Die islamischen Philosophen al-Fârâbî, Ibn Sînâ und insbesondere Suhrawardî synthetisierten das platonisch-neuplatonische Denken mit der islamischen mystischen Tradition. Die Ischrâqî-Tradition (Philosophie der Erleuchtung) formulierte die Ideenlehre als Hierarchie des Lichts (anwâr — Lichter) neu. Suhrawardî zufolge war Platon der größte Vertreter der von Hermes stammenden uralten Weisheit auf der abendländischen Seite.
Die Auffassung von der Hakîqat al-Muhammadiyya in Ibn Arabîs Fusûs al-Hikam lässt sich über den Logos-Begriff mit Platons Idee des Guten in Beziehung setzen. Mevlânâs Gedichte, in denen er die Rückkehr der Seele aus dem körperlichen Exil zur göttlichen Quelle schildert, decken sich unmittelbar mit der beflügelten Reise der Seele im Phaidros. Auch zwischen der philosophischen Struktur des Ausdrucks „Anâ'l-Haqq" Hallâdsch al-Mansûrs und Platons Hinwendung der Seele zum Guten besteht eine tiefe Verwandtschaft. Diese Parallelen sind nicht nur strukturell, sondern historisch begründet: Die islamische Welt übersetzte im 9.–11. Jahrhundert einen Großteil Platons ins Arabische, und die muslimischen Philosophen verarbeiteten und wandelten dieses Erbe.
Die Kabbala-Parallele
Zwischen der Sefirot-Lehre der Kabbala und der Ideenlehre bestehen eindrucksvolle Ähnlichkeiten. Das Sefirot-System lehrt, dass der unendliche Gott (Ein Sof) sich über zehn göttliche Eigenschaften zur Welt in Beziehung setzt; diese Eigenschaften übernehmen die Funktion sowohl der Ideen als auch der kosmologischen Kräfte:
- Platons Idee des Guten lässt sich mit dem Kether (Krone)-Sefira der Kabbala vergleichen: Beide sind die Quelle und der Gipfel aller anderen Wirklichkeiten.
- Zwischen dem Ein Sof (der undefinierten Tiefe des unendlichen, unbestimmten göttlichen Wesens) und Platons chora besteht eine strukturelle Ähnlichkeit.
- Das Thema der „kosmischen Zersplitterung und Wiedervereinigung", das der Begriff Tiqqun (kosmische Wiederherstellung) an die Oberfläche bringt, erinnert an Platons Erzählung vom Fall der Seele aus der Welt der Ideen und ihrem Aufstieg dorthin.
- Die im Zohar ausgedrückte Dualität von Ein Sof / Sefirot, die die verborgene und die offenbare Dimension Gottes ausdrückt, ähnelt strukturell Platons Dualität von Ideen / Erscheinungen.
Die Taoismus-Parallele
Zwischen dem Prinzip des Tao Te King Lao Tses „Das Tao, das sich sagen lässt, ist nicht das ewige Tao" und Platons Aussage, dass „die Idee des Guten unbeschreiblich ist, aber die Quelle des Wissens und des Seins von allem bildet", besteht eine tiefe strukturelle Übereinstimmung. In beiden Systemen geht die höchste Wirklichkeit über den begrifflichen Diskurs hinaus. Jenseits der Benennung, dort wo der Diskurs beginnt, endet die Wahrheit — dieses Paradox steht im Wesen beider Traditionen.
Auch zwischen dem Wu-wei (dem Handeln ohne Handeln) und der ruhigen kontemplativen Versenkung von Platons geläutertem Philosophen lässt sich eine interessante Analogie ziehen. Gleichwohl darf der grundlegende Unterschied der beiden Systeme nicht übersehen werden: Während der Taoismus das Sich-Überlassen an den Fluss im Einklang mit der Natur und die Überwindung der Dualität betont, stellt Platon das aktive dialektische Bemühen und die Bewahrung der Materie-Ideen-Dualität in den Vordergrund.
Hermetische und gnostische Verbindungen
Die Hermes Trismegistos zugeschriebene Tradition des Hermetismus hat Platons Kosmologie — insbesondere das Demiurgen-Verständnis des Timaios — unmittelbar geerbt. Die Ähnlichkeiten zwischen dem „Poimandres"-Text des Corpus Hermeticum und dem Timaios (der göttliche Geist als Quelle des Universums, die niedere Stellung der Materie, die Rückkehr der Seele zu ihrem göttlichen Ursprung) sind überaus ausgeprägt. Ob sich das hermetische Schrifttum aus Platon speiste oder auf eine gemeinsame Tradition verweist, ist umstritten; doch in beiden Fällen ist die Beziehung Platon-Hermetismus tief und historisch belegt.
Die Deutung des Gnostizismus „Demiurg = böser Schöpfer" hingegen kehrt Platon um; während bei Platon der Demiurg gut und wohlwollend ist, hat er sich in den gnostischen Systemen in einen lügnerischen oder bösen Schöpfer verwandelt. Diese Umkehrung zeigt, wie tief Platons Philosophie wirkte und wie verschiedene spirituelle Strömungen sie nach ihren eigenen Bedürfnissen neu formen konnten.
Neuplatonismus: Von Plotin zur Renaissance
Die unmittelbarste Fortsetzung von Platons philosophischem Erbe verkörpert sich in der Strömung des Neuplatonismus. Diese Strömung wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. von Plotin (204–270 n. Chr.) begründet; doch Plotin verstand sich nicht als Begründer eines originellen Systems, sondern als Ausleger, der die wahre Bedeutung Platons darlegt. Plotin zufolge zeigen alle Dialoge Platons in Wirklichkeit ein einziges großes mystisch-metaphysisches System aus verschiedenen Blickwinkeln.
Plotin: Der mystische Fortsetzer Platons
Plotins Enneaden (Neunheiten) bilden die Grundlage des neuplatonischen Systems. In diesem System besteht die Wirklichkeit aus drei Prinzipien („Hypostasen" — Seinsstufen):
- Das Eine (to Hen): Jenseits allen Denkens und Seins, absolute Einfachheit und Einheit. Es ist die unmittelbare Fortsetzung von Platons Idee des Guten; selbst das Denken kann es nicht erfassen, weil auch das Denken eine Vielheit ist.
- Nous (Geist, Verstand): Der göttliche Geist, in dem die Ideen sind und der sie denkt. Er geht aus dem Einen durch Überfließen (emanatio) hervor; er ist der Ort des vollkommenen Denkens und des vollkommenen Seins.
- Seele (Psyche): Die Brücke zwischen Materie und Nous. Sie umfasst die Weltseele und die individuellen Seelen; sie ist die Schöpferin von Zeit und Raum.
Die Materie ist von diesen drei Prinzipien am weitesten entfernt; je weiter man sich vom Einen entfernt, desto mehr nehmen Sein und Güte ab. Das Böse ist keine Sache — es ist nur die Abwesenheit des Guten (steresis — Mangel). Dieses Verständnis ging als ein wichtiges theologisches Argument, das die Quelle des Bösen erklärt, in die Geschichte ein und prägte unmittelbar die Theodizee des Augustinus.
Für Plotin ist das Ziel des philosophischen Lebens der Aufstieg der Seele zum Einen — henosis (Vereinigung) — und ein mystischer Kontakt mit ihm. Plotin überliefert, dass er diese Vereinigung selbst erlebt habe; seinem Schüler Porphyrios zufolge erreichte Plotin diese Erfahrung in seinem Leben mehrmals. Am Ende der Enneaden schildert Plotin diese Erfahrung: „Zuweilen, erwachend aus der Schwere des Körpers, alles verlassend, verinnerliche ich mich in mir selbst; und ich gelange zum Einen."
Porphyrios, Iamblichos, Proklos
Nach Plotin sammelte und systematisierte Porphyrios (234–305 n. Chr.) das Denken seines Lehrers; sein Werk Isagoge (Einführung in die Kategorien) wurde zur grundlegenden Quelle der mittelalterlichen Philosophie und eröffnete die Universalienkontroverse (Nominalismus vs. Realismus). Iamblichos (245–325 n. Chr.) wiederum verteidigte, dass die religiösen Rituale (Theurgie — theurgia) im neuplatonischen Aufstieg notwendig seien; diese Haltung ist eine wichtige Ergänzung zu Plotins rein verstandhaftem Mystizismus und stellt die rituelle Praxis der Antike auf einen philosophischen Boden.
Proklos (412–485 n. Chr.) hingegen gilt als der systematischste Neuplatoniker. Seine Werke Platonische Theologie und Über die Grundlagen (Stoicheiosis Theologike) systematisierten in einem dialektischen Rahmen die vom Einen zur Materie reichende Seinskette (Hervorgang, Rückkehr, Verharren — emanation, return, abiding). Die Einflüsse des Proklos wurden über Pseudo-Dionysios Areopagita (5. Jahrhundert n. Chr.) in die christliche mystische Theologie übertragen; die Tradition der apophatischen Theologie (negative Theologie — über Gott nur „nicht" sagen zu können) ist unmittelbar das Erzeugnis dieser Übertragung.
Neuplatonismus in der islamischen Welt
al-Fârâbî (872–950 n. Chr.) und Ibn Sînâ (980–1037 n. Chr.) synthetisierten das neuplatonische Erbe mit der islamischen Philosophie. Al-Fârâbîs sudûr-Lehre (Emanation), die schildert, wie aus dem „Ersten Sein" alle Seinsstufen mit Notwendigkeit hervorgehen, ist unmittelbar von Plotins Einem inspiriert. Ibn Sînâs Begriff des „notwendigen Seins" (wâdschib al-wudschûd) hingegen verbindet das platonisch-neuplatonische Erbe mit dem Kalâm (der Theologie) und verwandelt sich in ein Argument, das die gesamte mittelalterliche Theologie (sowohl die islamische als auch die christliche) prägte.
Suhrawardî al-Maqtûl (1155–1191 n. Chr.) wiederum formulierte die platonischen Ideen als „Herren der Lichter" (Rabb an-Nawʿ) neu und begründete die Philosophie des Ischrâq (der Erleuchtung). Suhrawardî zufolge war Platon der führende Vertreter der von Hermes stammenden uralten Weisheit. Auch das System der Hikma al-Mutaʿâliya (der Erhabenen Weisheit) Mullâ Sadrâs (1571–1640) repräsentiert den Höhepunkt dieser platonisch-islamischen Synthese.
Renaissance-Platonismus: Ficino und Pico
In der Zeit der Renaissance gewann Platons Erbe erneut eine große Lebendigkeit. Die unter der Schirmherrschaft Cosimo de Medicis in Florenz gegründete Platonische Akademie übersetzte unter der Führung Marsilio Ficinos (1433–1499) alle Werke Platons ins Lateinische. Ficinos Werk Theologia Platonica (Platonische Theologie) synthetisierte Platons Seelenverständnis mit der christlichen Theologie und bildete die philosophische Grundlage des Renaissance-Humanismus.
Pico della Mirandola (1463–1494) wiederum führte in seinem Werk Oration on the Dignity of Man (Rede über die Würde des Menschen) Platon, Kabbala und Hermetismus zusammen; diese Synthese gilt als einer der Gründungstexte der abendländischen Esoterik. Picos Betonung „Der Mensch besitzt die Macht, seine eigene Natur zu wählen" ist die Übertragung von Platons Verständnis des freien Willens auf den Renaissance-Humanismus. Die Cambridge-Platoniker (Ralph Cudworth, Henry More) versuchten im 17. Jahrhundert, Platon mit der christlichen Theologie und der modernen Wissenschaft zu versöhnen; dieser Versuch prägte die voraufklärerische europäische intellektuelle Atmosphäre tiefgreifend.
Moderne Wirkung und Aktualität
Platons Denken bewahrt seine Lebendigkeit in zeitgenössischen philosophischen, wissenschaftlichen und spirituellen Debatten. „Dem Schatten Platons zu entkommen" bleibt eine der grundlegenden Triebkräfte der abendländischen Philosophie, und jeder Fluchtversuch bringt selbst eine neue platonische Deutung hervor.
Whiteheads berühmter Satz und das philosophische Erbe
Alfred North Whiteheads berühmter Satz „Die gesamte europäische philosophische Tradition ist eine Reihe von Fußnoten zu Platon" fasst die Tiefe dieser Wirkung zusammen. Aristoteles, die Stoiker, Augustinus, Aquin, Descartes, Kant, Hegel, Husserl, Heidegger — sie alle ohne Ausnahme formten sich entweder in unmittelbarer Beziehung zu Platon oder im Bemühen, sich von ihm zu entfernen. Es gibt keinen abendländischen Philosophen, der nicht die Fragen Platons stellte; und jede Art von Antwort verortet sich in gewissem Sinne innerhalb des platonischen Erbes.
Analytische Philosophie und mathematischer Platonismus
In der analytischen Philosophie vertritt der mathematische Platonismus, dass die Zahlen und mathematischen Gegenstände vom menschlichen Geist unabhängige wirkliche Wesen sind. Gottlob Frege, Kurt Gödel und in der Gegenwart Roger Penrose haben diese Position unterstützt. Gödel erklärte offen, dass sich die Mathematik mit den platonischen Formen befasse, und deutete seine eigenen Unvollständigkeitssätze auf diesem Boden. Penroses Werke The Emperor's New Mind und Shadows of the Mind rückten den mathematischen Platonismus ins Zentrum der modernen Wissenschaftsphilosophie.
In der Tradition der Phänomenologie ist Edmund Husserls „Wesensschau" (Wesensschau) eine zeitgenössische Spielart der platonischen Anamnesis; der Begriff des Wesens ist im husserlschen System kein sinnliches Datum, sondern der reine Gegenstand des Erfassens geistiger Akte. Martin Heidegger hingegen kritisierte Platon und zog das Verständnis, dass die Wahrheit aletheia (Unverborgenheit, Offenbarwerden) sei, Platons Verständnis der „Richtigkeit" (orthotes) vor; er vertrat, dass Platon der Ausgangspunkt der „Seinsvergessenheit" der abendländischen Metaphysik sei. Doch diese Kritik selbst wird im Verharren innerhalb des platonischen Erbes vorgebracht: Ohne ein Fehllesen Platons gäbe es keinen Heidegger. Emmanuel Levinas' Platon-Deutung wiederum vollzog eine andersartige Erbe-Übertragung, indem sie die Idee des Guten in einen ethischen Rahmen — als das „jenseits des Seins" liegende Prinzip ethischer Verantwortung — stellte.
Physik und Kosmologie
Die moderne Physik, insbesondere die Quantenmechanik, ist Schauplatz interessanter Dialoge mit dem platonischen Wirklichkeitsverständnis. Werner Heisenberg bestimmte die Grundgegenstände seiner eigenen Quantentheorie (die Wahrscheinlichkeitswellen der Elementarteilchen) als „in diesem Sinne eine Art platonischer Form". David Bohms Theorie der eingefalteten Ordnung (implicate order) scheint, indem sie hinter der sichtbaren Wirklichkeit eine tiefere mathematische Wirklichkeit annimmt, dem platonischen Verständnis der zweischichtigen Wirklichkeit zu entsprechen. Max Tegmarks „Hypothese des mathematischen Universums" wiederum bietet, indem sie vertritt, dass das Universum in Wirklichkeit eine mathematische Struktur ist, die kühnste Neudeutung des Timaios im 21. Jahrhundert.
Psychologie: Jung und Platon
Die Archetypenlehre Carl Gustav Jungs lässt sich als eine psychologische Neuformulierung der platonischen Formen über das kollektive Unbewusste bewerten. Die Begriffe „Schatten" (Schatten), „Anima/Animus" und „Selbst" (Selbst) sind die psychologischen Entsprechungen von Platons Unterscheidung zwischen Erscheinungen und Wirklichkeiten. Jungs analytische Psychologie trug sowohl Platons Seelenschilderung als auch die psychologische Entsprechung des Reichs der Ideen zum modernen Menschen. Jung betonte unter offener Bezugnahme auf Platon, dass die Archetypen universelle und unveränderliche Strukturen der Muster im kollektiven Unbewussten sind.
Kritik
Platons Denken ist im Laufe der Geschichte auf ernste und eigenständige Kritik gestoßen. Aristoteles' „Drittes-Mann-Argument": Anzunehmen, dass die Ideen in einem gesonderten Reich existieren, führt zu einem unendlichen Regress. Nietzsches Platonismus-Kritik: Diese Weltfeindlichkeit ist die metaphysische Maske der Flucht vor dem Leben aus Schwäche — einschließlich des Christentums, das er als „Platonismus fürs Volk" bezeichnete. Karl Poppers politische Kritik: Die ideale Gesellschaft im „Staat" ist der Vorläufer der autoritären Episteokratie oder des Totalitarismus. Die feministische Kritik: Platons Körperfeindlichkeit und die überwiegende Hervorhebung männlicher Charaktere enthalten eine sexistische Struktur. All diese Kritiken verorten Platon nicht nur als Philosophen der Vergangenheit, sondern als einen auch heute diskussionswürdigen lebendigen Gesprächspartner.
Erbe und Zusammenfassung
Platons philosophisches Erbe besitzt eine beispiellose Tiefe und Weite. Augustinus vereinte den Platonismus mit dem Christentum und sagte: „Den Weg zu Gott sah ich bei den Platonikern." Der Lehrplan der mittelalterlichen Universitäten wurde sowohl von Aristoteles als auch mittelbar von Platon geprägt. Über Ibn Ruschd und Ibn Sînâ wurde er in die intellektuelle Formung der islamischen Welt übertragen. Der Renaissance-Humanismus nahm Platon als Philosophen der Würde des Menschen an. Die moderne Wissenschaftsphilosophie, die Psychologie und sogar die Quantenphysik stellen weiterhin die platonischen Fragen in neuen Sprachen.
Platons Dialog-Erbe
Alle Werke Platons sind in Dialogform geschrieben; dies ist an sich eine philosophische Haltung. Der Dialog ist nicht nur eine literarische Wahl, sondern der formale Ausdruck dessen, dass die Wahrheit nicht in der einstimmigen Darstellung, sondern in der wechselseitigen Suche zu finden ist. Deshalb spricht Platon in keinem Dialog mit eigener Stimme — es gibt Fragen, Antworten und erneute Fragen, die Summe der uns zur Verfügung stehenden Mittel, damit die Wahrheit uns finde. Diese epistemische Bescheidenheit spiegelt zugleich eine tiefe spirituelle Haltung wider: Die letzte Wahrheit gehört nicht dem Wort, sondern der Erfahrung.
Die Dialoge werden chronologisch in eine frühe, eine mittlere und eine späte Periode gegliedert. Die frühen Dialoge (Apologie, Menon, Euthyphron, Laches, Charmides, Protagoras) sind überwiegend sokratisch und aporetisch — sie enden, ohne zu sicheren Ergebnissen zu gelangen. Die mittleren Dialoge (Phaidon, Der Staat, Symposion, Phaidros, Philebos) bieten die volle Entfaltung der Ideenlehre. Die späten Dialoge (Parmenides, Theaitetos, Sophistes, Politikos, Timaios, Gesetze) hinterfragen die früheren Auffassungen erneut, schärfen die dialektische Methode weiter und zeigen in manchen Bereichen den Übergang von der Begeisterung der Jugend zur philosophischen Reife. Diese chronologische Entwicklung legt Platons lebendigen Dialog mit dem eigenen Denken offen.
Bleibende Fragen und das Erbe an unsere Zeit
Auf der tiefsten Ebene stellte Platon die grundlegendsten Fragen, die die Menschheit sich selbst stellt — Was ist die Wirklichkeit? Ist Wissen möglich? Was ist die Seele und was geschieht nach dem Tod? Was ist das Gute und wie soll man leben? Warum existiert das Universum und wie ist es geordnet? Was ist das Schöne und warum zieht es uns an? — auf einen philosophischen Boden und stellte dauerhafte begriffliche Werkzeuge bereit, um nach den Antworten auf diese Fragen zu suchen. Diese Fragen bleiben auch heute unbeantwortet; doch dank Platon ist diese Unbeantwortetheit nun eine sich selbst bewusste Unbeantwortetheit.
Aus Sicht der zeitgenössischen Suche nach Spiritualität ist Platons Erbe besonders wertvoll. Sinnkrise, existenzielle Leere, materielle Unersättlichkeit — sie alle gewinnen in Platons Höhlenmetapher an Bedeutung: Wir haben uns an unsere Ketten gewöhnt, halten die Schatten für wirklich, und die Erleuchtung selbst beunruhigt uns. Doch Platon belässt es nicht beim Diagnostizieren dieser Krise; seine Philosophie schlägt zugleich eine Heilung vor: Dialog, Befragung, die Öffnung zur Schönheit und die Liebe zur Wahrheit. Dass dieser Vorschlag in unserer Zeit noch immer seine Lebendigkeit bewahrt, ist der stärkste Beweis für Platons Beständigkeit.
Auch aus Sicht der Umweltphilosophie wird Platons Erbe neu entdeckt. Das Verständnis der Anima mundi (Weltseele) ermöglicht es, die Natur nicht als eine leblose Ressource, sondern als ein verstandhaftes und wertvolles Ganzes zu sehen. Die Tiefenökologie-Bewegung sucht über dieses platonische Erbe eine philosophische Antwort auf die dringlichsten Umweltprobleme der Gegenwart.
Platons tiefstes Erbe ist vielleicht dieses: der Glaube, dass es hinter den Erscheinungen eine Wirklichkeit gibt, dass diese Wirklichkeit mit Verstand und Intuition erfasst werden kann und dass dieses Erfassen der Weg zur Erlösung der Seele und zum wahren Glück ist. Dieser Glaube bleibt, in welcher Kultur und welcher Religion auch immer, im Grund der spirituellen Suche der Menschheit. „Gott ähnlich zu werden" (homoiosis theo) — das Ziel des philosophischen Lebens, das Platon im Dialog Theaitetos zusammenfasst — ist in diesem Sinne nicht nur eine antik-griechische Formel, sondern die universelle Sehnsucht der Menschheit. Das fanâ fillâh (das Vergehen in Gott) im Tasawwuf, das Nirvâna im Buddhismus, das Moksha in der Vedanta, die Rückkehr zum Tao im Taoismus, der Aufstieg zum Ein Sof in der Kabbala — in all dem hallt diese Sehnsucht in verschiedenen Sprachen, aber mit demselben Wesen wider. Platon ist nicht der Erste, der diese Sehnsucht zur Sprache brachte; aber er ist derjenige, der sie in eine philosophische Sprache übersetzte, sie hinterfragbar und diskutierbar machte und sie so in ein zugleich individuelles und gesellschaftliches Wandlungsprogramm verwandelte. Platon zu lesen heißt nicht nur, das antike Griechenland zu lesen, sondern Zeuge einer der ältesten und kühnsten Reisen zu werden, die die Menschheit in ihre eigene Tiefe unternommen hat.