Die Tora (Tevrat / Pentateuch)
Die ersten fünf Bücher der Hebräischen Bibel (Bereschit, Schemot, Wajikra, Bamidbar, Devarim); das Fundament des jüdischen Kanons, ein Korpus aus Gesetz und Erzählung, das als die dem Mose übergebene göttliche Unterweisung gilt.
Vorstellung des Werks
Tora (hebr. תּוֹרָה, Torah; „Unterweisung", „Wegweisung", „Gesetz") — bezeichnet den ersten und heiligsten Teil der jüdischen Heiligen Schriften (Tanach), das aus fünf Büchern bestehende Korpus. In der griechischen Terminologie wird dieses Korpus als Pentateuch (Πεντάτευχος, „fünf Behälter/Bücher") bezeichnet, in der türkisch-islamischen Tradition hingegen ist es unter dem Namen Tora (Tevrat) bekannt. Die fünf Bücher sind nach ihren hebräischen Incipits benannt:
- Bereschit (בְּרֵאשִׁית, „im Anfang") — Genesis
- Schemot (שְׁמוֹת, „Namen") — Exodus
- Wajikra (וַיִּקְרָא, „und [Er] rief") — Levitikus
- Bamidbar (בְּמִדְבַּר, „in der Wüste") — Numeri
- Devarim (דְּבָרִים, „Worte") — Deuteronomium
Die jüdische Tradition betrachtet dieses Korpus als die schriftlich niedergelegte Gestalt der göttlichen Offenbarung, die dem Propheten Mose auf dem Berg Sinai übergeben wurde; deshalb wird die Tora auch Torat Mosche („Tora des Mose") oder Hamischah Chumschei Torah („die fünf Fünftel der Tora") genannt. Die moderne akademische Bibelkritik hingegen hat — besonders im Rahmen der im 19. Jahrhundert von Julius Wellhausen systematisierten und später vertieften Dokumentenhypothese (Documentary Hypothesis) — vorgeschlagen, dass die Tora aus vier Hauptquellen, die als J (Jahwist), E (Elohist), D (Deuteronomist) und P (Priesterschrift) bezeichnet werden, etwa zwischen dem 10. und 5. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt wurde. Robert Alters Übersetzung von 2004 verbindet diesen akademischen Erkenntnisstand mit einer modernen literarischen Sensibilität und eröffnet so erneut die Möglichkeit, die Tora sowohl als religiöses als auch als literarisches Meisterwerk zu lesen.
Die Tora wird im Synagogengottesdienst in einem einjährigen Zyklus vollständig rezitiert, wobei jede Woche ein bestimmter Abschnitt (Paraschah) gelesen wird; das Ende und der Neubeginn dieses Zyklus werden am Fest Simchat Tora gefeiert. Die Tora-Rolle (Sefer Tora) wird von Hand auf Pergament (Klaf) — nicht auf Papier — in einer eigenen, von der gewöhnlichen Schrift verschiedenen hebräischen Schriftart geschrieben und am heiligsten Ort der Synagoge, dem Aron Kodesch (der Heiligen Lade), aufbewahrt.
Inhaltsstruktur
Bereschit — Genesis
Das Buch Bereschit erzählt die Zeit von der Erschaffung des Universums bis zur Auswanderung der Israeliten nach Ägypten. Die ersten elf Kapitel (1–11) enthalten die Universalgeschichte: die Erschaffung in sechs Tagen, Adam und Eva, den Garten Eden, die erste Sünde und die Vertreibung, Abel und Kain, die Sintflut Noahs, den Turmbau zu Babel. Vom zwölften Kapitel an beginnt die Geschichte der Patriarchen: Abraham (Avraham), Isaak (Jizchak), Jakob (Jaakov) und Josef (Josef). Die Auswanderung Abrahams aus Ur nach Kanaan (Bereschit 12) gilt als der Anfang der Geschichte des Glaubens an den einen Gott.
Schemot — Exodus
Das Buch Schemot erzählt von der Versklavung der Israeliten in Ägypten, der Geburt des Mose, der Offenbarung im neveh hasneh (brennenden Dornbusch), den zehn Plagen (makot), der Nacht des Pessach, der Spaltung des Schilfmeers und der Übergabe der Zehn Gebote (Aseret ha-Dibrot) am Berg Sinai. Der Ausdruck EHJEH ASCHER EHJEH („Ich bin, der ich bin") in Schemot 3,14 ist ein Grundstein der jüdischen Ontologie und wird in den Debatten über die Wahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins) — besonders in der Schule Ibn Arabîs — als Schlüsselformel gelesen, die auf den göttlichen Ursprung des Begriffs „Sein" (vudschûd) verweist.
Wajikra — Levitikus
Das Buch Wajikra enthält weitgehend die Heiligkeitsgesetze (keduschah): die Opferarten (Olah, Mincha, Schelamim, Chatat, Ascham), die Aufgaben der Priester (Kohanim), die Speisegesetze (Kaschrut), die Unterscheidung von Rein und Unrein (tahir-tamé), das Ritual des Jom Kippur (Versöhnungstag) und den Heiligkeitskodex in Wajikra 19 („Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" — 19,18). Dieses Buch ist der doktrinäre Kern der kohanitisch-levitischen Priestertradition.
Bamidbar — Numeri
Das Buch Bamidbar ist die Erzählung der vierzigjährigen Wüstenwanderung. Berichtet werden zwei Zählungen (pekudim), die Ordnung der Stämme, die Aufgaben der Priester und Leviten, der wundersame Brunnen, der Fluch Bileams und die Lagerstätten in den Ebenen Moabs. Der Birkat Kohanim (Priestersegen — „Der HERR segne dich und behüte dich …") in Bamidbar 6 wird bis heute im Synagogengottesdienst rezitiert.
Devarim — Deuteronomium
Das Buch Devarim ist die Sammlung der letzten Reden, die Mose vor seinem Tod an die Israeliten richtete; sein Name leitet sich von der Wendung Mischneh ha-Torah („Wiederholung des Gesetzes") ab. Das Schma Jisrael („Höre, Israel, der HERR, unser Gott, der HERR ist einer") in Devarim 6,4 ist das grundlegende Bekenntnis des jüdischen Glaubens und wird zweimal täglich rezitiert. Das Gebot in Devarim 6,5 — „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft" — hallt sowohl im Evangelium (Indschîl) durch Jesus (Markus 12,30) als auch in den sufischen Doktrinen der mahabba (Liebe) als ein zentrales Motiv wider.
Grundlehren
Der eine Gott und der Bund (Berit)
Der zentrale theologische Begriff der Tora ist berit (בְּרִית, „Bund, Vertrag"). Gott (JHWH, יהוה — Tetragramm) schließt zuerst mit Noah (Bereschit 9), dann mit Abraham (Bereschit 17) und schließlich am Sinai mit dem ganzen Volk Israel (Schemot 19–24) einen Bund. Dieser Bund beruht darauf, dass das Volk im Rahmen der Mitzwot (Gebote) lebt, im Gegenzug für Gottes Verheißung, Israel als das erwählte Volk zu behüten. Die talmudische Tradition berechnet die Zahl dieser Gebote auf 613 Mitzwot (tarjag mitzwot); davon sind 248 positive Gebote („das sollst du tun") und 365 negative Gebote („das sollst du nicht tun").
JHWH und die göttlichen Namen
Der heiligste Name Gottes in der Tora, JHWH, besteht aus vier Buchstaben (Tetragramm) und wird in der jüdischen Tradition nicht ausgesprochen; beim Lesen sagt man Adonai („mein Herr") oder Ha-Schem („der Name"). Die Tradition der Kabbala lehrt, dass diese vier Buchstaben — Jod, He, Waw, He — die Struktur des kosmischen Sefirot-Baums (Etz Chajim) widerspiegeln: Jod → Chochmah, erstes He → Binah, Waw → Tiferet und die sechs begleitenden Sefirot, letztes He → Malchut. Zu den weiteren göttlichen Namen in der Tora gehören Elohim (in pluraler Form mit singularischer Bedeutung), El Schaddai („der allmächtige Gott") und Adonai Tzewaot („HERR der Heerscharen").
Gesetze und Halacha
Die Gesetze der Tora (die Grundlage der Halacha) werden im modernen Judentum in drei Schichten verstanden:
- Tora sche-bi-chtav („geschriebene Tora") — der Text der fünf Bücher
- Tora sche-be-al-peh („mündliche Tora") — die mündliche Auslegungstradition, von der man annimmt, dass sie dem Mose am Sinai zugleich mit übergeben wurde; später als Mischna (200 n. Chr.) und Talmud (500 n. Chr.) schriftlich niedergelegt
- Aggada — erzählerische, midraschische, ethische Auslegungen
Die Tradition des Midrasch sagt, die Tora habe „siebzig Gesichter" (*schiv'im panim la-Tora") — jedes einzelne Wort, ja jeder Buchstabe trägt Bedeutung in unendlichen Schichten. Das kabbalistische vierfache Auslegungsschema PaRDeS (פַּרְדֵּ"ס, „Obstgarten") bezeichnet mit seinen Buchstaben die Bedeutungen peschat (wörtlich), remez (allegorisch), deresch (homiletisch) und sod (mystisch).
Heiligkeit und Ethik
Das Gebot in Wajikra 19,2 — „Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig" (kedoschim tihju, ki kadosch ani) — ist das Herz der jüdischen Ethik. Heiligkeit (keduschah) umfasst hier moralische Reinheit, soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung (Bereschit 2,15 — den Garten „zu bebauen und zu bewahren") und ein Leben im priesterlichen Bewusstsein. Dieser Rahmen gehört zu den grundlegenden Bezugspunkten der späteren christlichen, islamischen und perennialistischen Ethikdoktrinen.
Vergleichende Perspektive
Die Tora und der Koran: Die Prophetengeschichten
Der Koran bietet ein weitgehend mit der Tora übereinstimmendes System der Propheten; doch verfolgt er theologisch und literarisch eine eigene Linie. Adam (Tora: Adam), Noah (Noach), Abraham (Avraham), Josef (Josef), Mose (Mosche), David (David) und Salomo (Schlomo) — alle diese Namen werden im Koran als Erzählung dargestellt. Doch der Zugang der beiden Texte ist verschieden:
- Tora: Sie stellt die Propheten zusammen mit ihren menschlichen Schwächen dar — Abraham gibt seine Frau als seine Schwester aus (Bereschit 12), David begeht im Vorfall um Bat-Scheba einen moralischen Fehltritt (2. Samuel 11). Die Patriarchen der Tora sind, in modernem literarischem Vokabular, „runde Charaktere".
- Koran: Die Propheten (enbiyâ) werden im Allgemeinen im Rahmen der Doktrin der isma (Sündlosigkeit) dargestellt; sie sind vor den großen Sünden bewahrt. Im Koran wird die Geschichte Josefs (Sure 12) vollständig in einer einzigen Sure erzählt und bildet eine ästhetisch-moralische Ganzheit.
Der Koran betrachtet die Tora als verfälscht, in ihrem Ursprung aber als Wort Gottes (Mâ'ida 5,43–47). In Ibn Arabîs Fusûs al-Hikam wird jeder Prophet als ein „Wort der Weisheit" betrachtet, und die Weisheit des Mose wird als herrliche Weisheit („hikma rabbâniyya") bezeichnet.
Die Tora und das Evangelium (Indschîl)
Das Evangelium (das Neue Testament) betrachtet die Tora als das „Alte Testament" (Palaia Diatheke), und die Haltung Jesu zur Tora ist das Herz der neutestamentlichen Theologie. In Matthäus 5,17 sagt Jesus: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz oder die Worte der Propheten aufzulösen, sondern um zu erfüllen." Die Briefe des Paulus an die Römer und die Galater enthalten die grundlegenden Formulierungen der christlichen Theologie über den Platz der Mitzwot der Tora im Glauben an Jesus Christus.
Die Tora und die Kabbala
Die kabbalistische Tradition liest die Tora im vollen Sinne als kosmologische Landkarte. Der Sohar (13. Jh. n. Chr., Kastilien, Mosche de León zugeschrieben) lehrt, dass jeder Buchstabe, jedes Wort und jede Sure des Tora-Textes auf eine Manifestation in der göttlichen sefirotischen Struktur verweist. Die Beziehung zwischen Ejn Sof („das Unendliche") und der Schöpfung wird — beginnend mit dem Buchstaben Bet in Bereschit 1,1, dessen kabbalistische Bedeutung darin liegt, dass die Tora mit Bet und nicht mit Aleph beginnt — als Prozess der stufenweisen Emanation (hischtalschelut) gelesen. Die strukturelle Entsprechung zwischen der Doktrin der Wahdat al-Wudschûd und dem System der Sefirot ist ein wichtiger Vergleichspunkt der perennialistischen Tradition.
Die Tora und die Veden
Der Vergleich zwischen der Tora und den Veden liegt eher auf einer typologischen Ebene. Beide sind kanonische Korpora heiliger Texte; beide enthalten rituell-gesetzliche (Wajikra ↔ die Brahmana-Texte) und philosophisch-mystische (Devarim ↔ die Upanischaden) Schichten. Zwischen der Einmaligkeit der Offenbarung am Berg Sinai und der Erschließung der Schruti („das Gehörte") für die Rischis besteht eine erkenntnistheoretische Ähnlichkeit.
Einfluss und Rezeption
Die Tora ist der grundlegende Bezugstext für die drei abrahamitischen Traditionen (Judentum, Christentum, Islam). Die jüdische mystische Tradition — besonders die Kabbala und die chassidischen Bewegungen — liest die Tora als einen unendlich vielschichtigen Weisheitstext; für Baal Schem Tow (den Begründer des Chassidismus, 18. Jh.) ist die Zwiesprache mit der Tora im Zustand der Verzückung das Herz der mystischen Reise. Philon (25 v. Chr. – 50 n. Chr.) und nach ihm die frühchristlichen Theologen systematisierten die allegorische Auslegung der Tora.
In der Moderne hat sich die akademische Untersuchung der Tora mit der Schule der Höheren Kritik (Higher Criticism), mit Wellhausen, Hermann Gunkel und der fortlaufenden formgeschichtlichen Forschung vertieft. Robert Alters Pentateuch-Übersetzung (2004) ist eines der wichtigsten zeitgenössischen Werke, das dem modernen Leser den sowohl religiösen als auch literarischen Reichtum der Tora erschließt. Im Türkischen haben die vergleichenden Arbeiten von Yashar Nuri Öztürk und Salih Akdemir das Verhältnis von Tora und Koran auf textlicher Ebene in der türkischen akademischen Welt untersucht.
Die Lebendigkeit der Tora zeigt sich heute nicht nur in den wöchentlichen Paraschah-Lesungen der jüdischen Gemeinde, sondern zugleich in den weltweiten Prozessen des religiösen Dialogs, in den vergleichenden Textlektüren der perennialistischen Philosophie und in den ethisch-metaphysischen Debatten postsäkularer Denker (Emmanuel Levinas, Jacques Derrida). Die Ethik des „Antlitzes" (visage) bei Levinas speist sich unmittelbar aus den Formeln der Zehn Gebote der Tora — „du sollst nicht töten" und „du sollst deinen Nächsten lieben".
Die literarische Struktur und der Stil des Textes
Einer der größten Beiträge von Robert Alters Übersetzung und Kommentar ist es, dass sie ein erneutes Lesen der Tora in ihren eigenen literarischen Techniken ermöglicht. Alter fasst die wichtigsten Mittel der hebräischen Erzählkunst folgendermaßen zusammen:
Typenszenen (Type-Scenes)
Die Tora verwendet wiederkehrende narrative Muster — Typenszenen. Diese ähneln den Formeln der homerischen Epen, gewinnen in der Tora jedoch eine theologisch-moralische Dichte. Drei klassische Typenszenen:
- Der Patriarch gibt seine Frau als seine Schwester aus — Abraham stellt Sara (Bereschit 12 und 20), Isaak die Rebekka (Bereschit 26) je zweimal auf diese Weise vor.
- Die Verlobung am Brunnen — Rebekka für Isaak (Bereschit 24), Rachel für Jakob (Bereschit 29), Zippora für Mose (Schemot 2) — stets eine Begegnung am Brunnen.
- Die Unfruchtbarkeit der Mutter und die wunderbare Geburt — Sara, Rebekka, Rachel, Hanna, die Mutter Simsons — alle sind anfangs unfruchtbar.
Diese Wiederholungen zeigen, dass die Verfasser der Tora keine schlichten, naiven Erzähler waren, sondern Meister, die bewusst literarische Formen errichteten.
Die Leitwort-Technik
In der von Martin Buber und Franz Rosenzweig festgestellten Leitwort-Technik wiederholt sich eine hebräische Wurzel (z. B. r-a-h, „sehen") in einem Abschnitt vielfach und bildet so ein thematisches Leitmotiv. Im Abschnitt der Akedah (der Bindung Isaaks) in Genesis 22 wiederholt sich die Wurzel raah siebenmal — „Abraham erhob seine Augen und sah …", „Gott wird sich selbst ein Lamm ersehen …", „der Name jenes Ortes: JHWH jireh" — dies ist ein thematischer Fluss, der die ontologische Struktur des Abschnitts trägt.
Dialog und Schweigen
Die Dialoge der Tora sind knapp, und die Schweigemomente sprechen. Auf der Aufstiegsreise Abrahams und Isaaks zum Berg Morija ist das kurze Gespräch zwischen Vater und Sohn (Bereschit 22,7–8) — „Mein Vater, hier ist Feuer und Holz, aber wo ist das Lamm?" „Gott wird sich selbst ein Lamm ersehen, mein Sohn" — und danach die vom Erzähler zweimal wiederholte Formel „und die beiden gingen miteinander" das Herz der literarischen Dichte. Alter bezeichnet dies als eine bewusste Technik literarischer Zurückhaltung (reticence).
Die Passagen der Tora und ihre mystischen Auslegungen
Bereschit 1,1 und die göttliche Schöpfung
Der Eröffnungssatz der Tora — Bereschit bara Elohim et haschamajim ve'et ha'aretz („Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde") — ist der in der jüdischen Tradition am dichtesten ausgelegte Vers. Der klassische Kommentator Raschi (1040–1105) merkt an, dass die Wortstellung ungewöhnlich ist (im Sinne von „als ein erster Akt" statt „im Anfang"). Die Tradition der Kabbala liest die Sechsbuchstabigkeit des ersten Wortes Bereschit parallel zu den sechs Schöpfungstagen und bringt vor, dass das zweite Wort des Textes, bara („er schuf"), die Doktrin des jesch me'ajin („Sein aus dem Nichts") andeutet.
Die kabbalistische Kosmologie verbindet sich hier mit der Doktrin des Tzimtzum (Zusammenziehung, Selbstrückzug): In der Lehre Isaak Lurias (Safed, 16. Jh.) zog sich Ejn Sof für die Schöpfung in sich selbst zurück und bildete so die „Leere", in der das endliche Sein möglich wurde. Diese Doktrin hatte später einen tiefen Einfluss auf die chassidische Bewegung und die moderne jüdische Philosophie (Schelling, Hans Jonas).
Schemot 3,14 — Ehjeh Ascher Ehjeh
Der Ausdruck „Ich bin, der ich bin" ist die Antwort, die Mose erhielt, als er vor dem brennenden Dornbusch Gott nach seinem Namen fragte. Diese Formel trägt sowohl die Bedeutung eines zeitlosen Seins (ehjeh — „ich bin / ich werde sein") als auch die eines fortdauernden Werdens. Die Übersetzung der griechischen Septuaginta „Egō eimi ho ōn" („Ich bin der Seiende, der Existierende") wird zur Grundlage der späteren christlichen Ontologie und besonders der Doktrin des „ipsum esse subsistens" (das aus sich selbst bestehende Sein selbst) bei Aquin. Der Begriff Wudschûd Ibn Arabîs — die Bezeichnung Gottes als „Sein" — lässt sich in der semitischen Sprachfamilie als das islamische Gegenstück zu dieser mosaischen Formel betrachten.
Bereschit 22 — die Akedah
Die Hinführung Abrahams, um seinen Sohn Isaak auf dem Berg Morija zu opfern (Bereschit 22), ist eine der dichtesten Passagen der Tora. Kierkegaards Werk Furcht und Zittern (1843) machte diese Szene zur Schlüsselpassage des modernen christlichen Existenzialismus. In der jüdischen Tradition steht die Akedah im Zentrum des Gottesdienstes zu Rosch ha-Schana und gilt als Grund des göttlichen Erbarmens für das Volk Israel. Auch der Koran erzählt dieses Ereignis (Sâffât 102–107), doch in der klassischen Koranexegese setzt sich die Auffassung durch, dass der geopferte Sohn Ismael war.
Wajikra 16 — Jom Kippur
Wajikra 16 schildert ausführlich das Ritual des Jom Kippur (Versöhnungstags). Der Hohepriester (Kohen Gadol) betritt einmal im Jahr das Allerheiligste (Kodesch ha-Kodaschim) und vollzieht die Sühne für die Sünden des Volkes Israel. Das Ritual der zwei Ziegenböcke — der eine für JHWH, der andere für Asasel (den Wüstengeist) — nimmt in den Vergleichen von Opfer und Schamanismus moderner Religionswissenschaftler (Walter Burkert, René Girard) einen zentralen Platz ein. In der christlichen Theologie wird dieses Ritual als typologischer Vorläufer der Rolle Jesu, der „die Sünden trägt", gedeutet (Hebräer 9–10).
Moderne akademische Debatten
Die Dokumentenhypothese und die spätere Kritik
Die von Julius Wellhausen mit seinem Werk Prolegomena zur Geschichte Israels (1883) systematisierte Vier-Quellen-Hypothese (JEDP) wurde im 20. Jahrhundert durch Hermann Gunkels form criticism (Formgeschichte) und Martin Noths tradition history (Überlieferungsgeschichte) nuanciert. Heute haben Gelehrte wie Rolf Rendtorff und John Van Seters das klassische JEDP-Modell kritisiert und komplexere Kompilationsmodelle vorgeschlagen. Ein zeitgenössischer Konsens geht dahin, dass der Pentateuch seine endgültige Redaktion in der nachexilischen jüdischen Gemeinde der Perserzeit (6.–4. Jh. v. Chr.) erhielt.
Archäologische Befunde
Über die historischen Ereignisse der Tora (den Exodus, die Niederlassung der Söhne Israels in Kanaan) hat die moderne Archäologie — Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman — kritische Befunde vorgelegt. Das Werk The Bible Unearthed (2001) bringt vor, dass die Erzählungen der Tora weitgehend aus der theologischen Perspektive des Königreichs Juda im 7. Jahrhundert (besonders der Reformen Joschijas, um 622 v. Chr.) in die Vergangenheit zurückprojiziert wurden. Diese „minimalistische" Auffassung ist umstritten; „maximalistische" Gelehrte (Kenneth Kitchen) hingegen verteidigen den historischen Kern der Tora.
Die Schriftrollen vom Toten Meer
Die 1947 in Qumran gefundenen Schriftrollen vom Toten Meer (Dead Sea Scrolls, 3. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) sind die wichtigste Quelle, die uns die Gestalt des Tora-Textes in der Antike überliefert. Die Rollen haben uns ermöglicht, die Beziehungen zwischen dem Masoretischen Text (Redaktion 7.–10. Jh. n. Chr.), der Septuaginta (griechische Übersetzung, 3. Jh. v. Chr.) und dem Samaritanischen Pentateuch neu zu bewerten. In vielen Passagen lässt sich eine textliche Vielfalt beobachten; dies nötigt uns, die Annahme eines „einzigen Originaltextes" infrage zu stellen.
Moderne Reflexionen und Fazit
Die Tora ist nicht bloß das Überbleibsel eines vergangenen Textes, sondern eine fortwährend neu ausgelegte Quelle der Weisheit. Die Bewegungen der Öko-Theologie lesen Bereschit 2,15 („bebaue und bewahre den Garten") als Fundament der modernen ökologischen Ethik. Feministische Hermeneutiken (Phyllis Trible, Tikva Frymer-Kensky) heben die Frauengestalten der Tora — Sara, Hagar, Rachel, Lea, Mirjam, Debora — neu hervor. Die chassidische Tradition ist in der Lubawitsch-Bewegung bis heute lebendig und bringt fortlaufend Tausende von Seiten moderner Kommentare über die wöchentliche Paraschah hervor.
In der vergleichenden Religionswissenschaft wird die Tora zusammen mit dem Korpus der Veden, der Avesta, den konfuzianischen Klassikern und dem Koran als eines der ältesten und einflussreichsten kanonischen Textsysteme der Menschheitsgeschichte verortet. Die Kategorien der „heiligen Zeit" und des „heiligen Raumes" in Mircea Eliades Werk Das Heilige und das Profane werden mit den Motiven des Schabbat und des Berges Sinai der Tora veranschaulicht. Die perennialistische Tradition (Frithjof Schuon, Huston Smith) verortet die Tora als einen der grundlegenden Weisheitskanons der Menschheit und liest sie als die jüdische Formulierung des Prinzips der „transzendenten Einheit".
Der Platz der Tora im zeitgenössischen türkischen Denken tritt besonders in den vergleichenden Religionswissenschaften deutlich hervor. Akademiker wie Shinasi Gündüz, Baki Adam und Ömer Faruk Harman haben das Verhältnis zwischen Tora und Koran text- und geschichtswissenschaftlich untersucht; und die ins Türkische angefertigten akademischen Übersetzungen der jüdischen Heiligen Schriften — besonders Davut Tafralis Tora-Übersetzung — haben dem modernen türkischen Leser den Zugang zu diesem Korpus erleichtert.
Das liturgische Leben der Tora
Der wöchentliche Paraschah-Zyklus
Die jüdische Gemeinde liest die Tora in wöchentliche Abschnitte (Paraschah oder Parschat ha-Schawua) eingeteilt in einem einjährigen Zyklus. Die Tora ist in 54 Paraschot eingeteilt, und jede Woche wird am Schabbatmorgen in der Synagoge ein Abschnitt rezitiert. Der Zyklus wird am Fest Simchat Tora (dem letzten Tag des Sukkot-Festes) vollendet und sogleich erneut mit Bereschit begonnen — dies versinnbildlicht, dass es so etwas wie ein „Ende" der Tora nicht gibt.
Parallel zu jeder wöchentlichen Paraschah wird auch eine Haftara (ein ausgewählter Abschnitt aus den Propheten) gelesen. Diese Auswahl steht gewöhnlich in einem Zusammenhang mit dem Thema der Paraschah und ist in der jüdischen Midrasch-Tradition ein besonderer Ort der Auslegung.
Bar/Bat Mitzwa
In der jüdischen Tradition ist die Tora-Lesung für den dreizehnjährigen Jungen (Bar Mitzwa) und das zwölfjährige Mädchen (Bat Mitzwa) das Herz des Übergangsritus. Von diesem Alter an gilt der junge Mensch als persönlich für die Mitzwot (Gebote) verantwortlich. Bei der Zeremonie liest der Heranwachsende einen kurzen Abschnitt aus seiner eigenen Paraschah mit der Kantillation (Trope) und hält der Gemeinde eine erläuternde Predigt (d'war Tora).
Die Tora-Rolle (Sefer Tora)
Der heiligste Gegenstand jeder Synagoge, die Sefer Tora, wird von einem Sofer (einem eigens ausgebildeten Schreiber) von Hand auf Pergament aus der Haut eines koscheren Tieres in einer besonderen hebräischen Schriftart namens Ktav Aschuri (assyrische Schrift) geschrieben. Die Rolle enthält 304.805 hebräische Buchstaben, und schon ein einziger falscher Buchstabe macht die Rolle unbrauchbar (pasul). Das Schreiben der Rolle dauert etwa ein Jahr, und selbst leichte Rollen kosten Tausende von Dollar (nach modernen Preisen 30.000–50.000 USD).
Nachdem aus der Rolle gelesen wurde, wird sie stets in einer feierlichen Prozession (Hakafah) um die Synagoge herumgetragen und von der Gemeinde mit dem Zipfel des Tallit (Gebetsschals) geküsst — dies gilt als Sinnbild der lebendigen Heiligkeit der Tora.
Die Tora und die moderne Philosophie
Die Tora ist in der modernen europäischen Philosophie ein beständiger Gesprächspartner. Spinozas Tractatus Theologico-Politicus (1670) ist das erste große Beispiel eines modernen kritischen Zugangs zum Tora-Text. Mendelssohns Werk Jerusalem (1783) greift im Zeitalter der Aufklärung das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung im Judentum im Rahmen der Tora neu auf. Martin Bubers Ich und Du (1923) und seine Tora-Übersetzung (gemeinsam mit Rosenzweig) heben den „dialogischen" Charakter der Tora philosophisch hervor.
Für Emmanuel Levinas ist die Tora die Quelle einer Doktrin des „Primats der Ethik" gegen die griechisch geprägte Ontologie der abendländischen Philosophie. Seine Werke Totalität und Unendlichkeit (1961) und Jenseits des Seins (1974) formulieren das Motiv der „Antlitz-zu-Antlitz"-Begegnung der Tora — besonders die unendliche Verantwortung des Gebotes „du sollst deinen Nächsten lieben" — philosophisch neu. Jacques Derrida entwickelt, Levinas folgend, die „dekonstruktive" plurale Lektüre des Tora-Textes als theoretische Haltung.
Franz Rosenzweigs Werk Der Stern der Erlösung (1921) liest die Dreiheit von Schöpfung, Offenbarung und Erlösung der Tora als Fundament der jüdischen Metaphysik und ist ein Eckstein des modernen jüdischen Denkens.
Diese fortwährenden Neulektüren der Tora sichern ihr den Platz im Zentrum des modernen Denkens als ein lebendiger Weisheitstext — und nicht bloß als Überrest einer archaischen Vergangenheit. Aus der Perspektive der perennialistischen Tradition betrachtet, bietet die Tora zusammen mit Texten wie den Veden, der Avesta, dem Koran und dem Evangelium (Indschîl) eine der grundlegenden Formulierungen der „transzendenten Einheit" der Menschheit und bleibt eine unverzichtbare Referenz der vergleichenden Religionswissenschaft.