Prima Materia: Die Erstmaterie der Alchemie und vom Chaos zur Form
Die unbenennbare Erstmaterie, massa confusa (verworrene Masse), „das eine Ding in allen Dingen": der Ausgangspunkt des Magnum Opus. Symbol des Übergangs vom Chaos zur Form; Vergleich mit der sufischen hayūlā und der indischen prakṛti.
Definition
Prima Materia (lateinisch: prima materia oder materia prima, „Erstmaterie") ist der Ausgangspunkt der alchemistischen Tradition: jene rohe, formlose, noch unbestimmte Grundmaterie, an der das Magnum Opus (das Große Werk) zu bearbeiten begonnen wird. Die ganze Wandlung, die zum Stein der Weisen führt, beginnt mit der Bearbeitung dieser Erstmaterie. Indes ist die prima materia der dunkelste, paradoxeste und unbenennbarste Begriff der Alchemie; die Texte bestimmen sie fortwährend als das geheimnisvolle Prinzip, „das in allem vorhanden, aber mit nichts identisch ist".
Die zeitgenössische akademische und geistige Lesart — die Linie der Werke Mircea Eliades The Forge and the Crucible, Carl Jungs Psychology and Alchemy und Lyndy Abrahams A Dictionary of Alchemical Imagery — behandelt die prima materia nicht bloß als einen konkreten, im Labor verwendeten Rohstoff, sondern zugleich als das kosmologische und psychologische Symbol des Übergangs vom Chaos zur Form. Auch hier gilt es, historische Praxis und moderne Chemie zu unterscheiden: Die „Erstmaterie" des Alchemisten war kein bestimmtes Element oder eine bestimmte Verbindung im Sinne der modernen Chemie; sie war vielmehr die Idee eines „unausgeformten Wesens", das allem materiellen Dasein zugrunde liegt. In dieser Hinsicht trägt die prima materia ein zugleich protowissenschaftliches (eine frühe Ahnung einer Materietheorie) und geistig-symbolisches (ein Mythos über den Ursprung des Seins) Erbe.
In der hermetischen Kosmologie verweist die prima materia, gemäß dem Prinzip „Wie oben, so unten", sowohl auf das ursprüngliche Chaos vor der Schöpfung des Universums als auch auf den rohen Zustand der menschlichen Seele vor der Wandlung. Sie ist die materielle Entsprechung jenes Prinzips, das in der Tabula Smaragdina als „das eine Ding, aus dem alles hervorgeht" beschrieben wird.
Historischer Hintergrund
Philosophische Ursprünge: Die Hyle des Aristoteles
Die philosophische Wurzel des Begriffs „Erstmaterie" reicht bis zur Lehre des Aristoteles von der prōtē hylē (Erstmaterie / reines Vermögen). Für Aristoteles ist die Erstmaterie eine reine Empfänglichkeit, die für sich genommen keinerlei bestimmte Beschaffenheit hat, aber jede Form (morphē) annehmen kann — der allen bestimmten Dingen zugrunde liegende unausgeformte Grund. Die Zweiheit von Materie (hylē) und Form (morphē) ist die Grundlage der aristotelischen Philosophie: Kein konkretes Ding ist reine Materie oder reine Form; alles ist Form gewordene Materie. Die Erstmaterie aber ist das unterste, noch keine Form angenommen habende reine Vermögen am Ende dieser Kette — sie liegt in Wirklichkeit nie in „bloßem" Zustand vor, sondern lässt sich nur gedanklich unterscheiden. Die Alchemisten nahmen diesen philosophischen Begriff auf und verliehen ihm eine kosmologische und geistige Tiefe. Im hellenistischen Umkreis jenes Corpus Hermeticum hervorbringenden Alexandria verband sich diese Idee der „formlosen Erstmaterie" mit den Bildern des ursprünglichen Chaos vor der Schöpfung (griechisch chaos) und des göttlichen Geistes über den Wassern.
Die Hermes Trismegistos zugeschriebene hermetische Kosmologie verbindet die prima materia mit dem ersten Augenblick der Schöpfung: Es gibt eine ursprüngliche, dunkle, feuchte Natur (physis); das göttliche Wort (Logos) durchdringt diese dunkle Materie und gebiert aus ihr den geordneten Kosmos. Dieses Schema verortet die prima materia sowohl als „Rohstoff der Schöpfung" als auch als „leere Tafel, auf die die göttliche Ordnung geschrieben wird". So trägt der Begriff von seiner Entstehung an eine zugleich kosmogonische (Geburt des Universums) und theologische (göttliche Schöpfung) Bedeutungslast. Die Aussage der Tabula Smaragdina, dass „alles aus einem Ding, aus der Kontemplation eines Dinges hervorgeht", fasst diesen Einheitscharakter der Erstmaterie zusammen.
Massa Confusa: Die verworrene Masse
In den alchemistischen Texten wird die prima materia oft massa confusa („verworrene Masse") oder massa informis („formlose Masse") genannt. Dies ist der noch unausdifferenzierte, chaotische Urhaufen, in dem alle Gegensätze (warm-kalt, trocken-feucht) durcheinandergemischt vorliegen. Das Nigredo (Schwärzung), die erste Phase des Magnum Opus, ist eben das Verfahren, diese chaotische Masse zu erzeugen und dann aus ihr Ordnung hervorgehen zu lassen. Die massa confusa ist „die Unordnung vor der Ordnung", „das Chaos vor der Form" — birgt aber in sich den Samen aller Formen.
Hier gibt es einen feinen, aber wichtigen Punkt: Das „Zurückkehren" zur prima materia ist in der Alchemie oft Teil eines Verfahrens. Das heißt, der Alchemist reduziert die Materie, an der er arbeitet, zunächst bewusst auf ihre „Erstmaterie" — ihren chaotischen, aufgelösten Zustand; denn nur aus diesem formlosen Grund kann eine neue und höhere Form geboren werden. Dies ist als „reductio ad primam materiam" (Reduktion auf die Erstmaterie) bekannt und ist das Wesen des Nigredo. Philosophisch trägt dies die Idee, dass man, um eine neue Struktur zu errichten, zuvor die alte Struktur bis auf den Grund auflösen muss — was sowohl im materiellen Verfahren als auch in der geistigen Wandlung gilt. Wenn ein Mensch eine grundlegende innere Veränderung durchleben soll, müssen zuvor seine alte Identität, seine Gewohnheiten und seine Gewissheiten „aufgelöst" werden (er muss zu seiner eigenen inneren massa confusa zurückkehren). In dieser Hinsicht ist die prima materia nicht bloß eine Ausgangsmaterie, sondern ein „Grund der Erneuerung", zu dem fortwährend zurückgekehrt wird.
Die islamische Alchemie und die Überlieferung
In der islamischen Alchemie stärkte Dschâbir ibn Hayyâns Schwefel-Quecksilber-Theorie die Idee einer „gemeinsamen Erstmaterie", indem sie behauptete, alle Metalle gingen aus einem gemeinsamen Grund (aus verschiedenen Verbindungen von Schwefel und Quecksilber) hervor. Bei der Überlieferung des hellenistischen Erbes spielten auch die von den Harranischen Sabiern bewahrten hermetischen Wissenschaften eine Rolle beim Übergang dieses Begriffs in den Westen. Im lateinischen Westen setzten Paracelsus und die späteren Alchemisten die Bearbeitung der prima materia sowohl auf kosmischer (Ursprung des Universums) als auch auf praktischer (Laborrohstoff) Ebene fort.
Dschâbirs Theorie fügt dem Verständnis der prima materia eine wichtige Feinheit hinzu. Dschâbir zufolge sind auch Schwefel und Quecksilber für sich genommen nicht das Letzte; auch ihnen liegt eine grundlegendere „Erstmaterie" zugrunde — der noch unbestimmte Träger der vier Grundqualitäten (Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Trockenheit). So verortet sich die prima materia als die reine Empfänglichkeit, die den Qualitäten vorausgeht und auf die sie geschrieben werden. Dies ist die entwickelte Gestalt des aristotelischen Begriffs der hylē in der islamischen Alchemie. Dschâbir meinte zudem, durch das Zusammenbringen dieser Grundqualitäten im rechten „Gleichgewicht" (mīzān) ließe sich jede Art von Materie — sogar Lebewesen — erzeugen; dies ist der äußerste Ausdruck des Charakters der prima materia als „reines, zur Formannahme bereites Vermögen". Als dieser Gedanke in den lateinischen Westen übertragen wurde, bewahrte die prima materia ihre doppelschichtige Bedeutung als zugleich kosmologisches Prinzip und Gegenstand der Laborpraxis.
Konzeptuelle Analyse
Die unbenennbare Materie: Fünfzig synonyme Namen
Das erstaunlichste Merkmal der prima materia ist ihre Unbenennbarkeit. Die Alchemisten haben sie absichtlich mit widersprüchlichen und zahllosen Namen genannt. Das Lexicon Alchemiae des Martin Ruland des Jüngeren von 1612 zählt für die prima materia mehr als fünfzig synonyme Wörter auf: Tau, Erde, Blei, Quecksilber, Salz, Schwefel, Essig, Wasser, Blut, Chaos, Leere, Schlange, Ei, Same, „die Seele der Welt" (anima mundi) und sogar der Stein der Weisen selbst. Diese widersprüchlichen Benennungen sind eine bewusste Strategie: Sie betonen, dass sich die prima materia nicht mit irgendeinem einzelnen Stoff gleichsetzen lässt, dass sie ein allen Stoffen zugrunde liegendes Prinzip ist. „Das eine Ding in allen Dingen" (una res) — eben das ist die prima materia.
Diese Benennungsstrategie hat eine philosophische Tiefe. Wenn die prima materia wirklich das reine Vermögen ist, das allen bestimmten Qualitäten vorausgeht, dann würde, ihr irgendeinen bestimmten Namen zu geben, sie auf falsche Weise begrenzen. Deshalb deuteten die Alchemisten, indem sie sie mit allen Namen (mit einander widersprechenden Namen) benannten, in Wahrheit an, dass kein einzelner Name sie ausschöpfen kann. Dies ähnelt strukturell der Idee des „unbenennbaren Absoluten" in den mystischen Traditionen — etwa der Unbenennbarkeit des Tao oder dem Übersteigen aller Qualitäten durch das göttliche Wesen. Mit anderen Worten: Die „fünfzig Namen" der prima materia sind in Wahrheit der Ausdruck ihrer Namenlosigkeit. Lyndy Abrahams Werk A Dictionary of Alchemical Imagery katalogisiert diesen reichen und paradoxen Benennungswortschatz systematisch und zeigt, wie jedes einzelne Bild auf dasselbe Grundprinzip verweist.
„Das eine Ding in allen Dingen"
Dieser Begriff ist der ontologische Kern der prima materia. Die Alchemisten glaubten, dass aller anscheinenden Vielheit (zahllosen verschiedenen Stoffen, Gegenständen, Wesen) ein einziger gemeinsamer Grund zugrunde liege. Die prima materia ist dieses una res — „das eine Ding". In dieser Hinsicht geht der Begriff über eine bloße chemische Hypothese hinaus und wird zu einer metaphysischen Einheitslehre: die Einheit hinter der Vielheit. Verbunden mit dem Prinzip „Wie oben, so unten" wird die prima materia zur „gemeinsamen Erstmaterie von Kosmos und Seele".
Diese Lehre vom „einen Ding" bindet die Alchemie, indem sie sie von einer bloßen Technik der Stoffumwandlung löst, an eine Metaphysik der Einheit. Wenn alle Stoffe ihrem Wesen nach aus einer einzigen Wurzel hervorgehen, dann ist es im Prinzip möglich, einen Stoff in einen anderen zu verwandeln (etwa Blei in Gold) — denn beide sind verschiedene Bestimmungen derselben Grundsubstanz. Dies ist die grundlegende logische Stütze des Glaubens an die alchemistische Wandlung. Auf die geistige Ebene übertragen, gewinnt dasselbe Prinzip eine noch tiefere Bedeutung: Wenn alle Wesen aus einer einzigen Quelle (prima materia / göttliches Wesen) entfaltet sind, dann ist es auch der menschlichen Seele möglich, zu dieser Quelle „zurückzukehren", sich mit ihrer eigenen Wurzel wieder zu vereinen. Das in vielen mystischen Traditionen anzutreffende Thema der „Rückkehr zur Quelle", der „Rückkehr zum Ursprung" oder des „Erlangens der ursprünglichen Einheit" ist die geistige Entsprechung der Lehre von der prima materia. So trägt die prima materia eine zweifache Bedeutung als zugleich kosmologischer Anfang und geistiges Ziel (Ursprung, zu dem zurückzukehren ist).
Diese Einheitslehre hat auch eine ironische Seite: Weil die prima materia „in allem" ist, braucht man in Wahrheit nicht in die Ferne zu gehen, um sie zu suchen — sie ist am nächsten, verborgen im Gewöhnlichsten. Die Alchemisten drücken dies mit paradoxen Wendungen aus wie: „Während die Weisen ihn im Schlamm, im Mist, in den verachtetsten Dingen suchen, suchen ihn die Toren im Gold und in den Edelsteinen." Dies trägt die Idee, dass die Wahrheit nicht prunkvoll und fern, sondern demütig und nah ist — was die gemeinsame Lehre vieler geistiger Traditionen ist.
Ausgangspunkt und Zyklizität
Die prima materia ist der Ausgangspunkt des Magnum Opus; doch hier gibt es eine auffallende Zyklizität. Manche Texte sagen, der am Ende des Prozesses erlangte Stein der Weisen sei in Wahrheit auch der vervollkommnete Zustand der prima materia, ja, die Erstmaterie und der Endstein seien „dasselbe". So vereinigen sich Anfang und Ende: Der Prozess ist ein Kreislauf von der rohen Einheit (Chaos) zur Ausdifferenzierung (Vielheit) und dann zur vervollkommneten Einheit (Stein). Diese zyklische Struktur spiegelt das universelle Muster der archetypischen Wandlungsmythen.
Vergleichende Perspektive
Sufismus und Indien: Die Erstsubstanz
Der Begriff der „formlosen Erstmaterie" der prima materia lässt sich mit den Lehren von der „Erstsubstanz" in verschiedenen Traditionen vergleichen. In der islamischen Philosophie und im Sufismus beschreiben die Begriffe hayūlā (die arabisierte Gestalt der aristotelischen hylē) und al-dschawhar (Substanz, Wesenheit) das reine materielle Vermögen vor der Formannahme. In manchen sufischen Kosmologien trägt die erste Erscheinungsstufe, aus der sich alles Sein entfaltet (etwa „habāʾ" — feiner Staub, oder „der erste Verstand"/„die erste Substanz"), eine strukturelle Parallele zur prima materia: Sie alle teilen die Idee der unausgeformten Einheit, aus der die Vielheit geboren wird. Im Sinne der Kategorie Sein ist dies eine verschiedene kulturelle Kodierung des „im Vermögen seienden Seins".
In der Tradition Ibn Arabîs ist diese Parallele besonders reich. Die ersten Stufen, auf denen die Namen und Eigenschaften des absoluten Gottes erscheinen (zuhūr), fungieren als eine Art „geistige prima materia": die noch unbestimmte, aber zur Quelle aller Bestimmungen werdende ursprüngliche Entfaltung. An diesem Punkt gibt es eine Feinheit: Diese „erste Entfaltung" im Sufismus ist nicht materiell, sondern eine ontologische und göttliche Stufe — sie ist also nicht eins-zu-eins dasselbe wie die materielle prima materia der Alchemie. Doch die funktionale Ähnlichkeit ist auffallend: Beide sind eine noch unausgeformte „Quelle", aus der die Vielheit und die bestimmten Wesen geboren werden. In der Lehre der Tedschellī (göttliche Selbstoffenbarung) offenbart Gott sich in jedem Augenblick in zahllosen Gestalten; jener „empfangende Grund", der diesen Gestalten zugrunde liegt, ist die metaphysische Entsprechung der prima materia. Was Ibn Arabî „habāʾ" (arabisch: in der Luft schwebender feiner Staub) nennt, ist jene ursprüngliche, formlose Empfänglichkeit, auf die alle materiellen Formen geschrieben werden. So decken sich die prima materia der Alchemie und der Begriff habāʾ / hayūlā des Sufismus sowohl in ihren philosophischen Ursprüngen (Aristoteles) als auch in ihren Funktionen (die formlose Einheit, aus der die Vielheit geboren wird). Diese Überschneidung ist ein Beispiel für den Ansatz der perennialen (immerwährenden) Philosophie — die Auffassung, dass verschiedene Traditionen aus verschiedenen Sprachen heraus auf dieselben metaphysischen Wahrheiten verweisen; doch hier gilt es, die terminologischen Ähnlichkeiten sorgfältig zu bewerten, ohne die systemischen Unterschiede zu verwischen. Titus Burckhardt zeigt in seinem Werk Alchemy, dass diese strukturelle Nähe zwischen Alchemie und islamischem Sufismus daher rührt, dass beide sich aus einer gemeinsamen kosmologischen Weltanschauung speisen: Sowohl der Alchemist als auch der Sufi sehen den Kosmos als ein miteinander verbundenes, sinnvolles und der Wandlung offenes Ganzes; und sie verstehen die Vervollkommnung der Materie oder der Seele als ein Sich-Einfügen in eine göttliche Ordnung. Dieser gemeinsame Grund erklärt, warum ein so technischer alchemistischer Begriff wie die prima materia innerhalb der sufischen Kosmologie so leicht eine Entsprechung fand.
In der indischen Philosophie ist der Begriff prakṛti der Sānkhya-Schule vielleicht die nächste Parallele zur prima materia: prakṛti ist der noch unausdifferenzierte, ursprüngliche materielle Grund, in dem die drei Qualitäten (guṇa — sattva, rajas, tamas) in vollkommenem Gleichgewicht stehen; das gesamte materielle Universum entfaltet sich aus ihr durch die Störung dieses Gleichgewichts. Genau wie die prima materia ist auch prakṛti die Erstmaterie, die „formlos, aber die Quelle jeder Form" ist. Überdies bildet prakṛti im Sānkhya ein entgegengesetztes Paar mit dem Bewusstseinsprinzip puruṣa: der materielle Grund und das reine Bewusstsein. Diese Zweiheit erinnert an den Materie-Seele- oder Quecksilber-Schwefel-Gegensatz in der Alchemie; und die Geburt des Universums wird aus der Wechselwirkung dieser beiden Prinzipien erklärt. Auch die mūlaprakṛti (Wurzel-Natur) der Vedānta und die schöpferische materielle Dimension der māyā erfüllen eine ähnliche Funktion: der materielle Grund, aus dem die Vielheit sich entfaltet, der aber gegenüber der letzten Wirklichkeit (Brahman) abgeleitet ist. Diese Parallelen zeigen, dass das Thema der „Geburt des bestimmten Kosmos aus der formlosen Erstmaterie" im indischen Denken ebenso zentral ist wie in der Alchemie; doch jede Tradition bearbeitet es auf eigentümliche Weise in ihrem eigenen metaphysischen Rahmen.
Das chinesische Neidan und Hundun
Im chinesischen Denken deckt sich das ursprüngliche Chaos hundun (混沌, „verworren-unbestimmt"), der kosmologische Grund der inneren Alchemie (Neidan), auffallend mit der massa confusa-Seite der prima materia. Hundun ist die ursprüngliche Ganzheit, in der Himmel und Erde, Yin und Yang noch nicht ausdifferenziert sind; der unbenennbare erste Zustand des Tao. In Zhuangzis berühmter „Hundun"-Geschichte werden diesem gesichtslosen, öffnungslosen Urwesen aus Wohlwollen sieben Öffnungen gebohrt, und Hundun stirbt — das heißt, die Ausdifferenzierung und Bestimmung kommt um den Preis des „Todes" der ursprünglichen Ganzheit. Dies trägt eine tiefe Parallele dazu, dass die unbestimmte Einheit der prima materia jene ursprüngliche Ganzheit repräsentiert, die beim Ausdifferenzieren zur Vielheit verloren geht. Im Neidan strebt der Alchemist danach, zu dieser ursprünglichen Einheit (zum Tao) zurückzukehren — genau wie der abendländische Alchemist von der reinen Einheit der prima materia ausgeht und zur vollkommenen Einheit gelangt. Auch das Thema der „Unbenennbarkeit" ist gemeinsam: Die Aussage am Anfang des Tao Te King „das Tao, das benannt werden kann, ist nicht das ewige Tao" hallt mit der Unbenennbarkeit der prima materia wider. In beiden Traditionen liegt die grundlegendste Wirklichkeit jenseits der Sprache und der Begriffe; doch lässt sie sich mit Symbol und Metapher mittelbar anzeigen. Dies ist ein gemeinsamer Ausdruck der Idee, dass die Wahrheit nicht unmittelbar benennbar, sondern nur mittelbar aufzuzeigen ist.
Antike Kosmogonien: Chaos und Tehom
Der Kern „vom Chaos zur Form" der prima materia ist in den Weltkosmogonien verbreitet. Das in der griechischen Mythologie allem vorausgehende Chaos; die ursprünglichen Wasser und der Leib der Tiamat in Mesopotamien, aus denen die Ordnung selbst geboren wird; der Zustand der Erde als „wüst und leer" (tohu wa-bohu) in der hebräischen Schöpfungserzählung und der göttliche Geist über den Wassern — sie alle erzählen von der Geburt des geordneten Kosmos aus einem unausgeformten Erstzustand. Die prima materia ist die in die Sprache der Alchemie übersetzte Gestalt dieses universellen kosmogonischen Archetyps.
Diese kosmogonische Parallele legt eine grundlegende Annahme der Alchemie offen: Was der Alchemist im Labor tut, ist die Wiederholung der Schöpfung des Universums im kleinen Maßstab. Die prima materia im Tiegel ist das Chaos am Anfang des Universums; sie zu bearbeiten und in eine vollkommene Substanz zu verwandeln, ist die Nachahmung der göttlichen Schöpfung (opus = creatio). Deshalb sah der Alchemist sich als einen am schöpferischen Werk Gottes „teilhabenden" Mitwirkenden (adiutor Dei) — gewiss nicht aus Hochmut, sondern im Sinne des Begreifens und Sich-Einfügens in die kosmische Ordnung. Das Prinzip „Wie oben, so unten" nimmt hier seine konkreteste Gestalt an: Die Schöpfung des Makrokosmos (Universum) und die Wandlung des Mikrokosmos (Tiegel, Körper, Seele) sind die Erscheinungen desselben Gesetzes in zwei Maßstäben. Eliade zeigt, dass dieses Thema der „Wiederholung der Schöpfung" das Wesen des Bemühens des Alchemisten bildet, Zeit und Materie zu heiligen.
Zyklizität und Ouroboros
Das zyklische Verhältnis zwischen prima materia und Stein der Weisen wird mit einem der tiefsten Symbole der Alchemie, dem Ouroboros (der sich in den Schwanz beißenden Schlange), zusammengefasst. Die Schlange, deren Kopf den Schwanz beißt, zeigt, dass Anfang und Ende, Rohes und Vollkommenes, Auflösung und Verfestigung sich in einem einzigen Kreislauf vereinen. Die prima materia (Anfang) und der lapis (Ende) scheinen die zwei Enden dieses Kreislaufs zu sein; in Wahrheit aber sind sie zwei Zustände desselben Wesens — der eine rohes Vermögen, der andere verwirklichte Vollkommenheit. Diese Zyklizität spiegelt die universelle Struktur der archetypischen Wandlungsmythen: Die Reise ist stets eine „Rückkehr zur Quelle", aber die Quelle, zu der zurückgekehrt wird, ist nun durch Bewusstsein, Erfahrung und Vollkommenheit bereichert. Wie es in T. S. Eliots berühmtem Vers heißt: „Das Ende all unseres Erkundens wird sein, dort anzukommen, wo wir begonnen haben, und den Ort zum ersten Mal zu erkennen." Die alchemistische Reise von der prima materia zum lapis trägt eben diese zyklisch-spiralige Struktur.
Moderne Reflexionen
Jung: Prima Materia = das Unbewusste
Carl Jung verlieh der prima materia eine kräftige neue Bedeutung, indem er sie in die Sprache der analytischen Psychologie übersetzte. Jung zufolge ist die prima materia das Symbol des Unbewussten — besonders des kollektiven Unbewussten und der noch unausdifferenzierten, chaotischen psychischen Inhalte. Der Prozess der Individuation (individuation) ist, genau wie die Alchemie, das Bemühen, diese rohe, verworrene psychische Materie (massa confusa) zu bearbeiten und aus ihr das integrierte Selbst (Self) hervorzubringen. Die prima materia, die der Alchemist „das eine Ding in allen Dingen" nennt, ist für Jung das in der Tiefe der Seele liegende Wandlungsvermögen. Der Satz „die Erstmaterie ist in jedem vorhanden" bedeutet, dass der Same der Wandlung in jedem Menschen gegenwärtig ist.
Jung betont zudem, dass die prima materia durch „Projektion" (projection) wirkt: Die Alchemisten projizierten ihre eigenen unbewussten Inhalte auf die Materie im Tiegel, sodass das „Chaos", das sie draußen sahen, in Wahrheit das Bild ihres eigenen inneren Chaos war. Dies erklärt, warum die Alchemie eine so persönliche, paradoxe und symbolische Sprache entwickelt hat.
Jung zufolge besteht eine unmittelbare Parallele zwischen dem „Vorhandensein in allem" der prima materia und der Natur des Unbewussten. Das Unbewusste ist in jedem vorhanden; selbst in den gewöhnlichsten, „wertlosest" erscheinenden seelischen Inhalten (verdrängten Gefühlen, beschämenden Erinnerungen, dem „Schatten") ist der Same der Wandlung und der Integration verborgen. Der Satz des Alchemisten „im gemeinsten, von allen mit Füßen getretenen Stoff ist die kostbarste Substanz verborgen" bedeutet psychologisch: Die Seiten, die der Mensch verleugnet, geringschätzt, verdrängt (prima materia / Schatten), sind in Wahrheit die eigentliche Quelle seiner Integration und seines seelischen Reichtums. Deshalb beginnt der Individuationsprozess nicht damit, „das Gold draußen zu suchen", sondern damit, dass der Mensch seine eigenen dunklen, rohen, unbearbeiteten Seiten annimmt und wandelt. Die prima materia ist dieser innere Rohstoff.
Unus Mundus und Ganzheit
Jungs Spätbegriff unus mundus („eine Welt" — die Einheit, die der materiellen und der geistigen Wirklichkeit zugrunde liegt) steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Idee „das eine Ding in allen Dingen" der prima materia. Sowohl die prima materia als auch der unus mundus drücken die grundlegende Einheit hinter der Vielheit aus; die eine erscheint am Anfang (als Chaos), der andere am Ende (als Ganzheit), doch im Wesen verweisen sie auf dieselbe Einheit.
Jung entwickelte den Begriff unus mundus im Zusammenhang seiner berühmten Zusammenarbeit mit dem Physiker Wolfgang Pauli. Gemeinsam dachten beide, dass sich zwischen Materie (Physik) und Psyche (Psychologie) ein beiden zugrunde liegender gemeinsamer Wirklichkeitsgrund (ein „psychophysisch neutraler" Grund) finden lasse. Auch Jungs Begriff der „Synchronizität" (synchronicity — sinnvoller Zufall) beruht auf diesem Grund: Dass materielle Ereignisse und psychische Zustände durch ein nicht-kausales „Sinn"-Band miteinander verbunden sein können, lässt sich nur dadurch erklären, dass beide aus einer gemeinsamen Quelle (unus mundus) hervorgehen. Dies ist die in die Sprache der Wissenschaft und Psychologie des 20. Jahrhunderts übersetzte Gestalt der Ahnung der Alchemisten von „dem einen Ding in allen Dingen". Hier ist Vorsicht geboten: Dies ist keine erwiesene wissenschaftliche Theorie, sondern vielmehr ein moderner philosophischer Ausdruck des Verlangens nach der Einheit von Materie und Seele. Dennoch zeigt es, wie die jahrtausendealte „Einheits"-Ahnung der prima materia im zeitgenössischen Denken Widerhall fand.
Die geistige Lehre der Prima Materia
Die tiefste Lehre, die der Begriff der prima materia dem zeitgenössischen Menschen bietet, ist vielleicht die Idee vom „Wert wertlos erscheinender Anfänge". Die Alchemisten suchten die höchste Substanz aus der gemeinsten, chaotischsten, formlosesten Materie hervorzubringen. Dies symbolisiert eine zugleich psychologische und geistige Wahrheit: Die verworrensten, dunkelsten, „unbearbeitetsten" Seiten eines Menschen — seine Krisen, seine Niederlagen, seine Schatten — tragen in Wahrheit das größte Wandlungsvermögen. Wie Jung sagt: „Das Gold ist im Schatten verborgen." Die chaotischsten, hoffnungslosest erscheinenden Augenblicke des Lebens (die eigene massa confusa des Menschen) sind eben der Rohstoff eines neuen Anfangs. Die prima materia erinnert uns daran, dass nichts — nicht einmal der rohest, verworrenste Zustand — außerhalb der Wandlung steht; dass in jedem Chaos der Same einer Ordnung verborgen ist. In dieser Hinsicht ist die prima materia ein Symbol der Hoffnung: Wie formlos der Anfang auch sein mag, die vollkommene Substanz ist stets möglich.
Protowissenschaftliches Erbe
Der Begriff der prima materia kann mit der Ahnung „alle Materie hat einen gemeinsamen Grund" als ein ferner Vorläufer der modernen Materietheorie gelten. Die Suche der Alchemisten nach der „einen Grundmaterie" ist ein früher, mythischer Ausdruck des langen Weges, der wissenschaftlich zur Entdeckung der Elemente und schließlich der subatomaren Teilchen führte. Hier ist eine Warnung unerlässlich: Dies bedeutet nicht, dass die Alchemisten die moderne Physik „vorausgewusst" hätten. Ihre prima materia war kein experimentell bestätigter wissenschaftlicher Begriff, sondern eine philosophisch-mythische Ahnung. Dennoch hat eine geistige Neigung wie das „Suchen einer grundlegenden Einheit hinter der erscheinenden Vielheit" sowohl den Alchemisten zur prima materia als auch den modernen Physiker zu den Grundteilchen und zu vereinheitlichten Feldtheorien geführt. Dies ist kein Beleg, sondern ein Zeichen der stets zur „Einheit" hinstrebenden Struktur des menschlichen Geistes. Selbst der Begriff des gemeinsamen Feldes/der Energie, das in der Quantenphysik der Materie zugrunde liegt, lässt sich als ein ferner Widerhall der Ahnung „das eine Ding in allen Dingen" lesen — gewiss in einem ganz anderen, experimentellen und mathematischen Rahmen. Diese Parallele ist kein Beleg, sondern nur eine Analogie, die auf die Kontinuität der Suche des menschlichen Geistes nach der „Einheit hinter der Vielheit" verweist.
Fazit
Der Begriff der prima materia ist letztlich eine „Metaphysik des Anfangs". Jede Wandlung, jede Schöpfung, jede Erneuerung erfordert einen Ausgangspunkt; und dieser Ausgangspunkt muss seiner Bestimmung nach noch unbestimmt, offen, unausgeformt sein — denn nur das Unbestimmte ist für eine neue Bestimmung offen. Die prima materia ist eben dieses Prinzip der „reinen Offenheit": eine leere Leinwand, eine unberührte Erde, eine Stille, auf die alles geschrieben werden kann. In dieser Hinsicht ist der Begriff nicht bloß ein alter alchemistischer Terminus, sondern ein universelles Symbol des Anfangs, des Vermögens und der Offenheit. Bei jedem neuen Anfang — im ersten Augenblick eines Kunstwerks, bei der Geburt eines Lebens, an der Schwelle einer inneren Wandlung — erscheint jene formlose, verheißungsvolle Offenheit der prima materia aufs Neue.
Die Prima Materia ist der Ausgangspunkt und das tiefste Geheimnis der Alchemie: die unbenennbare Erstmaterie, die massa confusa (verworrene Masse), „das eine Ding in allen Dingen". Als der rohe Grund, an dem das Magnum Opus arbeitet, trägt sie das zugleich materielle und geistige Symbol des Übergangs vom Chaos zur Form. Innerhalb eines weiten Netzes von Parallelen, das von der hylē des Aristoteles zu den hellenistischen Kosmogonien, von Dschâbirs Schwefel-Quecksilber-Theorie zur indischen prakṛti, vom chinesischen hundun bis zu Jungs Begriff des Unbewussten reicht, bringt die prima materia einen universellen Archetyp zum Ausdruck: die Einheit hinter der Vielheit und den in allem verborgenen Samen der Wandlung. Sie nicht als buchstäblichen chemischen Rohstoff, sondern gemäß dem Prinzip „Wie oben, so unten" als gemeinsamen Erstgrund von Kosmos, Materie und Seele zu lesen, eröffnet die eigentliche Tiefe dieses Grundbegriffs der hermetischen Tradition — und der mit ihr im Gespräch stehenden Lehren des Steins der Weisen und der inneren Alchemie. Die prima materia lehrt uns, dass jede Wandlung einen Anfang erfordert; und dass dieser Anfang, wie chaotisch, formlos und hoffnungslos er auch erscheinen mag, in sich den Samen aller Möglichkeiten trägt. Finsternis, Chaos und Unbestimmtheit sind kein Ende, sondern der fruchtbare Mutterschoß jeder neuen Schöpfung. Eben deshalb bleibt die prima materia zugleich das älteste Geheimnis der Alchemie und eines der lebendigsten Hoffnungssymbole, die zu unserer Zeit sprechen.