Mystische Traditionen

As Above So Below (Wie oben, so unten)

Die als Inbegriff der hermetischen Tradition geltende Formel der Tabula Smaragdina: die strukturelle Identität von Makrokosmos und Mikrokosmos. Strukturell verwandt mit dem hinduistischen Yatha pinde tatha brahmande und dem sufischen Âlem-i ekber–âlem-i asgar.

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Definition

As Above So Below (lateinisch: quod est superius est sicut quod est inferius; deutsch: „Was oben ist, ist wie das, was unten ist") ist die bekannteste Formel der hermetischen Tradition und steht in der zweiten Zeile des kurzen Textes namens Tabula Smaragdina (Smaragdtafel). Diese Formel besagt, dass zwischen dem Makrokosmos (dem großen Universum) und dem Mikrokosmos (dem kleinen Universum, Mensch und Welt) eine strukturelle Identität besteht. Innerhalb des hermetischen Denksystems wirkt dieses Prinzip sowohl als ontologisches (über die Struktur des Seins) als auch als methodologisches (über die Art und Weise, wie Erkenntnis gewonnen wird) Axiom.

Der vollständige Wortlaut der Formel lautet in der lateinischen Standardfassung der Tabula Smaragdina so:

Quod est inferius est sicut quod est superius, et quod est superius est sicut quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius.

(Was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben ist, ist wie das, was unten ist; um die Wunder des einen Dinges zu vollbringen.)

Die zweifache Struktur dieser Formel (von unten nach oben, von oben nach unten) ist bedeutsam: Sie drückt keine einseitige Hierarchie, sondern eine wechselseitige Spiegelung aus. Der Zusatz „Ad perpetranda miracula rei unius" (um die Wunder des einen Dinges zu vollbringen) zeigt, dass die Formel einen zweckgerichteten metaphysischen Anspruch erhebt: Diese Identität ist nicht zufällig, sondern eine Folge der bewussten Strukturierung des Einen (rei unius), das dem Grunde des Universums zugrunde liegt.

Historische Quelle: Die Tabula Smaragdina

Die Tabula Smaragdina, aus der die Formel stammt, ist ein kurzer, Hermes Trismegistos zugeschriebener Text, der in zwei Hauptfassungen — einer lateinischen und einer arabischen — bekannt ist. Der akademische Konsens lautet, dass der Text ursprünglich auf Arabisch verfasst und später ins Lateinische übersetzt wurde. Die älteste bekannte arabische Fassung findet sich im Kitāb sirr al-khalīqa (Buch vom Geheimnis der Schöpfung, zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert), das dem Pseudo-Apollonios von Tyana (Belīnās/Balīnās) zugeschrieben wird. Dieser Text war eine der grundlegenden Referenzen der großen Alchemisten der islamischen Welt wie Dschâbir ibn Hayyân (Geber, 8.–9. Jh. n. Chr.) und Râzî.

Die lateinische Fassung gelangte erstmals im 12. Jahrhundert durch die Übersetzung Hugos von Santalla nach Europa und wurde in den folgenden Jahrhunderten von Albertus Magnus (13. Jh.), Roger Bacon und Petrus Bonus (14. Jh.) kommentiert. In Isaac Newtons persönlicher Bibliothek fanden sich mehrere verschiedene Editionen der Tabula Smaragdina; eine von Newton eigenhändig aus dem Lateinischen ins Englische angefertigte Übersetzung wird im King's College Cambridge bewahrt. Diese Übersetzung zeigt das tiefe Verhältnis eines Genies, das Wegbereiter der modernen wissenschaftlichen Revolution war, zur hermetischen metaphysischen Kategorie.

Julius Ruskas klassische kritische Edition Tabula Smaragdina (1926) ist hinsichtlich der philologischen Analyse der arabischen und lateinischen Fassungen noch immer maßgeblich. Aktueller verfolgt Kevin van Bladels Arbeit The Arabic Hermes (2009) den Übergang der arabischen hermetischen Tradition ins Lateinische im Detail.

Im siebzehnköpfigen Corpus Hermeticum findet sich keine unmittelbare Fassung der Formel; doch dasselbe Prinzip wird in den Texten CH X (Der Schlüssel) und CH XII (Über den allgemeinen Verstand) mittelbar ausgedrückt. Wie Brian P. Copenhaver in seiner Übersetzung Hermetica (1992) zeigt, lässt sich das Prinzip der Sympathie und der wechselseitigen Spiegelung als Grundaxiom der hermetischen Kosmologie über das gesamte Korpus hinweg erahnen.

Doktrinäre Bedeutung

Die Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele

Im hermetischen Denken wird der Mensch als eine Miniaturspiegelung des Universums betrachtet. Dies ist nicht bloß eine Metapher, sondern ein ontologischer Anspruch. Die traditionelle hermetische Kosmologie umfasst die folgenden Schichten:

  1. Gott (Theos / Unus): das Absolute, Namenlose, Unfassbare.
  2. Nous (Verstand): die erste Erscheinung Gottes, der kosmische Geist.
  3. Logos (Wort): das aus dem Verstand hervorgehende schöpferische Prinzip.
  4. Anima Mundi (Weltseele): das belebende Prinzip des Kosmos.
  5. Makrokosmos: Sterne, Planeten, die vier Elemente.
  6. Mikrokosmos: der Mensch: Seele, Verstand, Leib.
  7. Materie (Hyle): die unterste Schicht.

Zwischen diesen Schichten gibt es Eins-zu-eins-Strukturspiegelungen: Der Kopf des Menschen entspricht dem Himmel, sein Rumpf der Atmosphäre, seine unteren Glieder der Erde; sein Herz der Sonne, sein Gehirn dem Mond, sein Blut den Ozeanen. Die sieben grundlegenden inneren Organe des Menschen (Herz, Lunge, Milz, Leber, Niere, Magen, Gehirn) entsprechen den sieben Planeten; die zwölf Tierkreiszeichen entsprechen den zwölf Teilen des Leibes. Diese astrologisch-anatomischen Entsprechungen wurden in der hellenistischen Medizintheorie (Galen), in der arabischen Medizintradition (Ibn Sînâ, Râzî) und in der Renaissance-Medizin des Paracelsus systematisch behandelt.

Die Sympathie (Sympatheia)

Die Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele stützt die Lehre von der Sympathie (sympatheia — „Mitfühlen"), die die grundlegende praktische Fruchtbarkeit des hermetischen Denkens ist. Dies bedeutet, dass die Ereignisse an einem Ort des Kosmos an seinen anderen Orten widerhallen. Das Prinzip der Sympathie wirkt unter sieben Grundbereichen:

  1. Astrologie: die Wirkung der Planetenbewegungen am Himmel auf die Menschen auf Erden.
  2. Talisman: die Kraft von Abbildungen, Zahlen, Metallen und Pflanzen, die bestimmten Planeten oder Sternen entsprechen.
  3. Magia naturalis: das Wissen um die verborgenen Kräfte (virtutes occultae) der natürlichen Dinge und ihre Nutzung.
  4. Alchemie: dass dank der gemeinsamen strukturellen Bewegung der Metalle und des Menschen die physische Verwandlung zugleich der psychologischen Verwandlung entspricht.
  5. Medizin: das Lesen der Krankheiten als Spiegelung kosmischer Ungleichgewichte; die Auffassung der Heilung als Wiederherstellung der Harmonie.
  6. Musik: die Verwandtschaft der harmonischen Verhältnisse der Planetensphären (die Lehre von den Sphärenmusiken des Pythagoras) mit den mathematischen Verhältnissen der Musik.
  7. Heilige Architektur: die Errichtung der Tempel (ägyptisch, griechisch, römisch-katholische Kathedrale) als Miniatur des Makrokosmos.

Dieses Verständnis der Sympathie wurde in den Arbeiten der vier großen Philosophen-Ärzte der Renaissance (Ficino, Pico, Agrippa, Paracelsus) systematisch entwickelt und bildete den grundlegenden begrifflichen Rahmen der vorwissenschaftlichen europäischen Kultur. Frances A. Yates hat in ihrem Werk Giordano Bruno and the Hermetic Tradition (1964) die Rolle dieser kulturellen Formation bei der Geburt der modernen Wissenschaft ausführlich gezeigt.

Der vollkommene Mensch und der hermetische Mensch

Die hermetische Anthropologie verortet den Menschen als „kleinen Kosmos" (microcosmos); doch dies ist nicht bloß eine Ähnlichkeit, sondern der Ausdruck eines aktiven Potenzials. Der Mensch ist der Vermittler, der zum einen den Makrokosmos in sich versammelt und zum anderen durch geistige Verwandlung auf den Kosmos einwirken kann. In CH IV (Krater) sagt Hermes: „Der Mensch ist das vollkommenste der geschaffenen Lebewesen, denn er ist zugleich sterblich und unsterblich — als Leib sterblich, als Verstand unsterblich."

Das sufische Pendant dieses hermetischen Menschenideals ist die Lehre vom Insân-i Kâmil (vollkommener Mensch). Diese im Werk Fusūs al-Hikam (1229) Ibn Arabîs systematisierte Lehre beruht auf dem Gedanken, dass der Mensch ein „kleines Universum" (âlem-i asgar) sei, das alle Namen und Eigenschaften des Wahren in sich birgt, und zugleich ein Spiegel des großen Universums (âlem-i ekber). Ibn Arabî sagt häufig: Der Sinn des Hadith „Erkenne dich selbst, damit du deinen Herrn erkennst" ist dieser — wenn der Mensch seine eigene mikrokosmische Struktur erfasst, erfasst er die Struktur des Kosmos und schließlich Gottes.

Diese strukturelle Entsprechung ist eine der zentralen Thesen perennialistischer Klassiker wie Frithjof Schuons Esoterism as Principle and as Way (1981) und René Guénons Symboles de la science sacrée (1962): Alle großen mystischen Traditionen teilen eine gemeinsame anthropologische These, die den Menschen als Mikrokosmos betrachtet.

Vergleichende Perspektive

Yatha Pinde Tatha Brahmande (hinduistisch)

In der hinduistischen Philosophie ist die nächste strukturelle Entsprechung von „As above so below" die Formel yatha pinde tatha brahmande („Was im Körper ist, ist auch im Universum"). Diese Formel nimmt besonders in den Traditionen des Tantra und des Hatha-Yoga eine zentrale Stellung ein. In grundlegenden Texten wie dem Vyāsa Tantra und der Shiva Samhita wird vertreten, dass der menschliche Körper eine vollständige Nachbildung des Makrokosmos sei:

Eine der hinduistischen Upanischaden, die Chāndogya Upaniṣad 8.1.3, sagt: „Was in diesem Körper ist, das ist auch im Universum; was im Universum ist, das ist auch in diesem Körper." Diese Formel kann als unmittelbar parallel, ja exakt gleichwertig mit der hermetischen Formel „As above so below" gelten. Dies ist, wie Mircea Eliade in seinem Werk Yoga: Immortality and Freedom (1958) ausführlich gezeigt hat, das Grundaxiom der tantrischen Anthropologie.

Âlem-i Ekber, Âlem-i Asgar (Tasawwuf)

Im islamischen Tasawwuf wird die Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele mit der Terminologie âlem-i ekber (großes Universum) und âlem-i asgar (kleines Universum = Mensch) ausgedrückt. Diese Terminologie wurde in den Sendschreiben der Ihwân as-Safâ (Brethren of Purity, 10. Jh. Basra) systematisiert, die das hellenistische Erbe mittelbar in die sufischen Traditionen trugen. Die Rasāʾil der Ihwân as-Safâ (52 Sendschreiben) sind das umfassendste frühmittelalterliche Werk, das das griechisch-hermetische Denken in einem islamischen Rahmen versammelt.

In Ibn Arabîs Futūhât al-Makkiyya und seinem Fusūs al-Hikam nimmt diese Lehre eine zentrale Stellung ein. Nach Ibn Arabî ist der Mensch als „Chalîfa" (Statthalter Gottes auf Erden) geschaffen; dies bedeutet, dass der Mensch als ein Wesen, das alle Namen und Eigenschaften des Wahren in sich versammelt, alle Elemente des Makrokosmos enthält. Im Einleitungsteil des Fusūs al-Hikam schreibt Ibn Arabî: „Der Mensch ist der Spiegel des Wahren; und das Universum ist der nach außen gekehrte Zustand des Menschen." Dies ist die sufische Neuformulierung der hermetischen Formel As above so below.

In Mevlânâs Mesnevî kommt dieselbe Lehre in einer eher poetischen Form zum Ausdruck: „Diese Welt und jene Welt sind in dir / Was du auch begehrst, finde es in dir, in dir ist es." Dieser Ausspruch Mevlânâs ist ein praktischer Aufruf der sufischen Mikrokosmos-Lehre: Der Mensch kann, indem er in sein eigenes Inneres blickt, die Geheimnisse des ganzen Universums erfassen.

Adam Kadmon (Kabbala)

In der Kabbala wird die Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele mit der Lehre vom Adam Kadmon (Urmensch) ausgedrückt. Adam Kadmon ist die erste aus dem Ein Sof hervorgehende urmenschliche Gestalt; er ist eine leibliche Darstellung der zehn Sefirot. Jedes Glied des Leibes des Adam Kadmon entspricht einer Sefira:

Dieses kabbalistische Modell wurde im Werk Sohar (13. Jh.) systematisiert und in der lurianischen Kabbala (16. Jh.) weiterentwickelt. Gershom Scholems Major Trends in Jewish Mysticism (1941) und Moshe Idels Kabbalah: New Perspectives (1988) haben diese Lehre akademisch im Detail behandelt.

Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Lehre vom Adam Kadmon und dem hermetischen Anthrōpos-Mythos (CH I — Poimandres) weist darauf hin, dass die jüdische und die heidnische Esoterik in der hellenistischen Welt aus einem gemeinsamen mythologischen Becken schöpften. Später wird sich auch die sufische Lehre von der Hakîkat-i Muhammediyye diesem mythologischen Komplex anschließen.

Die Spiegelung des Tao im Großen und Kleinen

Im Taoismus wird die Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele in der Tradition des Neidan (innere Alchemie) tiefgehend behandelt. In grundlegenden Texten wie dem Yi Jing (Yi Ching, Buch der Wandlungen) und dem Huangdi Neijing (Innerer Kanon des Gelben Kaisers) wird der menschliche Körper als „kleiner Himmel und kleine Erde" beschrieben. Die Organe des Körpers haben Eins-zu-eins-Entsprechungen zu den fünf Elementen (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), zu den Jahreszeiten, zu den Himmelsrichtungen und zu den Planetensphären.

In den Praktiken des Neidan (innere Alchemie) verwendet der Alchemist seinen eigenen Körper als „Ofen" (lu); er unterzieht die Trias Jing (Essenz), Qi (Energie) und Shen (Geist) einer inneren Transformation und bildet so den „Embryo der Unsterblichkeit" (sheng tai). Diese Praxis lässt sich als chinesisches Pendant der hermetischen Alchemie lesen; beide zielen in der praktischen Anwendung des Prinzips „As above so below" auf eine große praktische Veränderung (also eine physisch-spirituelle Verwandlung).

Livia Kohns Werke Taoist Mystical Philosophy (1991) und Daoism Handbook (2000) bieten ausführliche akademische Untersuchungen der taoistischen Mikrokosmos-Lehre.

Hopi- und Lakota-Kosmologie

Auch in den indigenen amerikanischen Traditionen ist die Mikrokosmos-Makrokosmos-Parallele ein verbreitetes Motiv. Im Glauben der Hopi wird der menschliche Körper als „kaniwi" (Punkt kosmischer Kraft) verortet; besondere Kraftpunkte im Körper (Scheitel, Kehle, Herz, Nabel, Lenden) stehen in Verbindung mit den kosmischen Kraftpunkten. In der Lakota-Tradition ist, wie sich in der Erzählung Black Elk Speaks (1932) Black Elks beobachten lässt, der eigene Kreis (der „sacred hoop") die Spiegelung des Kreises des Kosmos.

Joseph Epes Browns Werk The Spiritual Legacy of the American Indian (1982) hat den Platz dieser strukturellen Parallele in den indigenen amerikanischen Kosmologien ausführlich gezeigt.

Moderne Interpretationen

Carl Jung und die alchemistische Symbolik

Carl Jung (1875–1961) hat in seinen umfangreichen alchemistischen Studien (Psychology and Alchemy 1944, Mysterium Coniunctionis 1955–1956) das Prinzip „As above so below" in einem psychologischen Rahmen neu gedeutet. Nach Jung ist die Verwandlung, die der Alchemist außerhalb (im Labor) zu vollziehen sucht, in Wahrheit eine Nach-außen-Projektion der Verwandlung, die er in seinem eigenen Inneren — in den unbewussten Prozessen — zu vollziehen sucht. Dies ist eine tiefenpsychologische Lesart der klassischen hermetischen Formel.

Jungs Begriff „unus mundus" (eine Welt) — der vereinigende Boden zwischen physischer und psychologischer Realität — ist das moderne psychologische Pendant des Prinzips „As above so below". Marie-Louise von Franz' Werk Alchemy: An Introduction to the Symbolism and the Psychology (1980) zeigt im Detail, wie Jung dieses hermetische Erbe in einem psychologischen und symbolischen Rahmen wiederbelebte.

Das holographische Prinzip und die Quantenphysik

Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts führten die Theorie der implicate order (impliziten Ordnung) des Physikers David Bohm und das holographische Prinzip in der Physik (Gerard 't Hooft, Leonard Susskind) dazu, dass das Prinzip „As above so below" in einem modernen wissenschaftlichen Rahmen wieder zur Sprache kam. Wie Bohm in seinem Werk Wholeness and the Implicate Order (1980) zeigt, enthält jeder einzelne Teil des Universums die Information des Ganzen — ganz so, wie jeder einzelne Teil eines Hologramms das Bild des Ganzen enthält.

Populäre Bücher wie Fritjof Capras The Tao of Physics (1975) und Gary Zukavs The Dancing Wu Li Masters (1979) haben versucht, Parallelen zwischen der modernen Physik und der östlichen Mystik (und mittelbar der hermetischen Tradition) zu ziehen. Obwohl akademische Physiker diese populären Parallelen für übertrieben halten, lässt sich nicht leugnen, dass die hermetische Formel „As above so below" in der modernen Kosmologie eine Art strukturellen Widerhall gefunden hat.

Fraktale Geometrie

Die fraktale Geometrie (Benoît Mandelbrot, 1975) lässt sich als mathematische Formulierung des Prinzips „As above so below" lesen. In Fraktalen besteht zwischen der kleinen und der großen Skala statistisch dieselbe Struktur; jeder Teil gleicht einer Miniatur des Ganzen (self-similarity). Dies ist ein mathematisches Pendant der hermetischen Mikrokosmos-Makrokosmos-Parallele. Mandelbrot selbst sagt in seinen Schriften nicht ausdrücklich, dass der Begriff des Fraktals einen hermetischen Ursprung habe; doch nachfolgende Denker (besonders Manfred Schroeder, Fractals, Chaos, Power Laws 1991) haben auf diese strukturelle Verwandtschaft hingewiesen.

New Age und Populärkultur

Die New-Age-Bewegungen des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts haben die Formel „As above so below" zu einem grundlegenden Teil der populären geistigen Sprache gemacht. Helena Petrovna Blavatskys The Secret Doctrine (1888), Manly P. Halls The Secret Teachings of All Ages (1928) und das Thelema-System Aleister Crowleys haben die Formel sowohl in theoretischen als auch in praktischen Kontexten gedeutet.

Heute wird die Formel „As above so below" in populären Kreisen in Bereichen wie Talisman, Therapie, Design und sogar Mode verwendet. Diese populären Verwendungen sind von der ursprünglichen hermetischen Bedeutung der Formel weit entfernt; doch sie sind ein Zeichen dafür, dass die hermetische Tradition in moderner Form weiterlebt.

Praktische Anwendungsfelder

Das Prinzip „As above so below" ist nicht bloß ein theoretisches Axiom, sondern ein innerhalb der hermetischen Tradition praktisch angewandtes Prinzip. Die hauptsächlichen Anwendungsfelder sind:

Alchemie: Innere und äußere Gleichzeitigkeit

Die Alchemie (alchemy) ist die systematischste praktische Anwendung des Prinzips „As above so below". Der Alchemist betrachtet die Verwandlung der äußeren Materie (Blei, Quecksilber, Schwefel usw.) als gleichzeitige Spiegelung seiner eigenen inneren seelischen Verwandlung. Diese Gleichzeitigkeit wirkt im Rahmen des Prinzips „solve et coagula" (löse und binde) der klassischen Alchemieformel. Wie Marie-Louise von Franz in ihrem Werk Alchemy (1980) zeigt, sind die äußeren Operationen des Alchemisten (calcinatio, sublimatio, coniunctio, putrefactio, distillatio usw.) die sichtbaren Phasen seines inneren geistigen Prozesses. In der hermetischen Alchemie bedeutet die Gewinnung von Gold (Magnum Opus) in Wahrheit, dass vor dem äußeren Gold das innere Gold gewonnen wird; dies aber ist in der Sprache Carl Jungs der Individuationsprozess.

Astrologie: Die Spiegelung von Himmel und Erde

Die klassische Astrologie ist die Anwendung des Prinzips „As above so below" auf der Achse Himmel–Erde. In der hermetischen Astrologie sind die Planetenbewegungen nicht bloß eine statistische Korrelation, sondern die symbolischen Entsprechungen, die der Makrokosmos auf den Mikrokosmos spiegelt. Eines der Renaissance-Werke, das den hermetischen Charakter dieser Art von Astrologie am systematischsten behandelt, ist Heinrich Cornelius Agrippas De Occulta Philosophia (1531–1533); dieses Werk listet die symbolischen Entsprechungen jedes Planeten (Farben, Zahlen, Metalle, Steine, Pflanzen, Tiere, Körperorgane, göttliche Namen) systematisch auf.

Talismankunst und Magia Naturalis

Die hermetische Talismankunst (talismans) beruht auf der Anwendung des Prinzips „As above so below" auf konkrete Gegenstände. Ein Talisman, der in Resonanz mit einem bestimmten Planeten oder Stern gestaltet wird — durch die richtige Kombination von Zeit, Material, Symbol und Name —, wird zu einem auf Erden verdichteten Behälter jener himmlischen Kraft. Die systematischste Form dieser Praxis in der mittelalterlichen arabischen Welt ist das Talismanbuch Picatrix (arabisch Ghāyat al-Ḥakīm, 10.–11. Jahrhundert); seine lateinische Übersetzung (13. Jahrhundert) wurde in Europa zur grundlegenden Referenz der Tradition der magia naturalis. Frances A. Yates' Giordano Bruno and the Hermetic Tradition (1964) verfolgt den Einfluss des Picatrix auf den Renaissance-europäischen Hermetismus im Detail.

Medizin: Der mikrokosmische Leib

Das hermetische Medizinverständnis verortet den menschlichen Körper als Mikrokosmos. Das Grundprinzip der Tradition, die von der Medizin Galens über Paracelsus, von Avicenna bis Robert Fludd reicht, lautet, dass die Krankheit die Störung der Spiegelung des kosmischen Gleichgewichts im Körper sei und die Heilung die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts. Die Lehre des Paracelsus (1493–1541) von der „signatura rerum" (Signatur der Dinge) — die inneren Zeichen, die anzeigen, welchem Planeten oder Organ jede Pflanze, jedes Mineral oder Tier entspricht — ist eine medizinische Anwendung des Prinzips „As above so below". Die hermetischen Wurzeln der modernen Phytotherapie und der Homöopathie (Hahnemann) sind in dieser Linie zu suchen.

Heilige Architektur

Das hermetische Prinzip wird auch in der heiligen Architektur angewandt. Von den ägyptischen Pyramiden bis zu den gotischen Kathedralen, von der Süleymaniye-Moschee bis zu Angkor Wat bieten alle großen heiligen Bauwerke eine in Stein verwandelte Miniatur des kosmischen Schemas. René Guénons Werk Symboles fondamentaux de la science sacrée (1962) zeigt im Detail, wie das Prinzip „As above so below" in der heiligen Architektur wirkt: Die Kuppel stellt den Himmel dar, der Boden die Erde, die vier Haupthimmelsrichtungen die vier Elemente, die zentrale Säule die axis mundi. Diese Struktur lässt sich in der islamischen Architektur, besonders in den zentralkuppligen Moscheen (Werke Sinans), in der hinduistischen vāstu-śāstra-Architektur, in den chinesischen Tempeln und in den Maya-/Azteken-Pyramiden beobachten.

Pythagoras und der hermetische Ursprung der Sphärenmusik

Die Lehre des Pythagoras (570–495 v. Chr.) ist eine frühe Form des Prinzips „As above so below", die in das hellenistische Denken eintrat. Die Pythagoreer vertraten, dass alle Beziehungen im Universum durch mathematische Verhältnisse beschrieben werden könnten und dass diese Verhältnisse sowohl in den Bewegungen der Planetensphären als auch in der Harmonie der Musiknoten als auch in den Strukturen der menschlichen Seele in gleicher Weise erschienen. Diese Lehre wird als musica universalis (Musik der Sphären) bezeichnet und erlangt in Platons Dialog Timaios (360 v. Chr.) ihre kanonische Form.

Der hermetische Charakter der Sphärenmusik liegt hierin: Nach Platon ordnete der Schöpfer des Universums (Demiurg) den Kosmos nach dem Prinzip der „harmonia"; dies bewirkte, dass die Planetensphären eine mathematisch proportionierte Musik hervorbringen. Die menschliche Seele hat diese kosmische Musik vor der Geburt gehört; mit der Geburt hat sie sie vergessen. Die geistige Reise besteht darin, sich dieser kosmischen Musik erneut zu erinnern, die Harmonie im eigenen Inneren wiederzuentdecken. Diese platonische Lehre wurde über Plotin in das hermetische Denken, über Boethius' De Institutione Musica (6. Jh. n. Chr.) in das mittelalterliche Europa und über Johannes Keplers Harmonices Mundi (1619) in die moderne wissenschaftliche Revolution getragen.

Kepler ist besonders hervorzuheben: Harmonices Mundi enthält als eines der grundlegenden Werke der modernen astronomischen Revolution die mathematischen Gesetze der Planetenbewegungen (besonders das dritte Keplersche Gesetz); doch Kepler legt diesen Gesetzen nicht nur eine bloß physische, sondern zugleich eine pythagoreisch-hermetische Bedeutung bei. Nach Kepler erschuf Gott das Universum als „Geometer" (Künstler der Geometrie); und die mathematischen Verhältnisse im Universum sind im mikrokosmischen Menschengeist (im mathematischen Verstand) in gleicher Weise vorhanden. Dies ist die höchste mathematische Formulierung des „As above so below".

Akademische Diskussionen

Das Problem der historischen Kohärenz der hermetischen Tradition

Dass sich die Formel „As above so below" auf die Tabula Smaragdina stützt, hat eine akademische Diskussion ausgelöst. Ist die Tabula Smaragdina ein Teil des hermetischen Korpus des 2.–3. Jahrhunderts n. Chr. (Corpus Hermeticum), oder entstand sie später (6.–8. Jh.) innerhalb der arabischen Alchemietradition und wurde dem hermetischen Korpus nachträglich zugeschrieben? Julius Ruskas kritische Edition von 1926 gibt der zweiten Auffassung mehr Gewicht: Die Tabula Smaragdina erscheint erstmals nachweisbar im Kitāb sirr al-khalīqa des Pseudo-Apollonios (6.–8. Jh.). Dies weist darauf hin, dass die Formel ursprünglich nicht Teil des griechischen hermetischen Korpus war, sondern von der arabischen Alchemietradition formuliert worden sein könnte.

Doch Kevin van Bladels Arbeit The Arabic Hermes (2009) zeigt, dass die arabische hermetische Tradition eine lebendige Überlieferung war, die die spätantiken griechischen hermetischen Texte fortsetzte, und dass auch die Tabula Smaragdina ein Teil dieser Kontinuität war. In diesem Fall ist die Formel das Produkt einer organischen Entwicklung, die bis zum hellenistischen Ursprung der hermetischen Tradition zurückreicht; sie ist weder bloß griechischen noch bloß arabischen Ursprungs.

Perennialistische und historische Rahmen

Die Deutung der Formel „As above so below" innerhalb der vergleichenden Spiritualität erzeugt eine Spannung zwischen dem perennialen (uralt-weisheitlichen) Rahmen und dem historischen (kontextualistischen) Rahmen. Perennialistische Ausleger (Schuon, Guénon, Coomaraswamy, Nasr) deuten die Parallele zwischen den strukturellen Entsprechungen der Formel (yatha pinde tatha brahmande, âlem-i ekber–asgar, Adam Kadmon) als Erscheinung einer einzigen Metaphysik, die allen großen mystischen Traditionen zugrunde liegt.

Historische Ausleger (Wouter Hanegraaff, Antoine Faivre, Kocku von Stuckrad) erklären diese Parallelen als Übergänge eines gemeinsamen intellektuellen Erbes (Neuplatonismus, hellenistisch-ägyptische Weisheit) oder als unabhängige ähnliche Antworten. Wie Hanegraaff in seinem Werk Esotericism and the Academy (2012) zeigt, ist der historische Ansatz nach akademischen Maßstäben strenger; doch die perennialistische Lesart ist im Kontext der geistigen Praxis fruchtbarer.

Fazit

Die Formel As above so below ist als bekanntestes Symbol der hermetischen Tradition ein konzentrierter Ausdruck einer zweitausendjährigen geistigen Reise, die vom antiken Alexandria bis zum modernen New Age reicht. Diese Formel:

  1. drückt ontologisch die strukturelle Identität zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos aus;
  2. vertritt epistemologisch, dass der Mensch durch Selbsterkenntnis das Universum erkennen kann;
  3. legt praktisch die strukturelle Grundlage der Disziplinen Alchemie, Astrologie, Medizin und magia naturalis;
  4. ist vergleichend eine Lehre, die strukturell mit dem hinduistischen yatha pinde tatha brahmande, dem sufischen âlem-i ekber–asgar, dem kabbalistischen Adam Kadmon, dem taoistischen Neidan und den indigenen amerikanischen Kosmologien verwandt ist;
  5. findet modern ihre strukturellen Widerhalle in Entwicklungen wie Jungs Tiefenpsychologie, Bohms implicate order und Mandelbrots fraktaler Geometrie.

Diese Mehrdimensionalität verortet die Formel „As above so below" nicht nur als eine Formel der hermetischen Tradition, sondern als eines der grundlegenden Axiome des gesamten esoterischen Denkens. Wie perennialistische Denker wie Frithjof Schuon und René Guénon hervorheben, beschreibt die Formel „die Grundmathematik der geistigen Erkenntnis": Die strukturellen Mehrfachspiegelungen des Universums setzen die Gleichheit zwischen Erkennendem und Erkanntem, zwischen Schauendem und Geschautem, zwischen Teil und Ganzem voraus.

Heute findet sich die Formel „As above so below" aktiv in den akademischen Hermetic Studies (Faivre, Hanegraaff), in der vergleichenden Spiritualität (Schuon, Nasr), in der modernen westlichen Esoterik (Crowley, Regardie) und im populären New-Age-Denken. Obwohl in der türkischen akademischen Welt eine ausführliche Untersuchung dieser Formel im Kontext der hermetischen Tradition bislang nicht erstellt wurde, bieten die Ibn-Arabî-Studien von Gelehrten wie Mahmut Erol Kiliç und Ekrem Demirli wichtige Einstiegspunkte für die sufisch-hermetische Verbindung der Formel.