Marguerite Porete: der Spiegel der einfachen Seelen und das Feuer der Freiheit
Franzoesische Beginenmystikerin (gest. 1310), die in Paris als rueckfaellige Ketzerin verbrannt wurde, weil sie ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ nicht widerrief. Darin beschreibt sie die „vernichtete Seele“, die im Feuer der goettlichen Liebe zu nichts wird und, jenseits von Vernunft und selbst den Tugenden, in voelliger Freiheit ganz aus Gott lebt — ein Gipfel der apophatischen Mystik, dessen Buch anonym Jahrhunderte ueberdauerte.
Definition
Marguerite Porete (gestorben am 1. Juni 1310 in Paris) war eine französischsprachige Mystikerin und Beghine aus dem Hennegau (französisch Hainaut, einer Grafschaft im heutigen belgisch-französischen Grenzgebiet), deren einziges bekanntes Werk — der Mirouer des simples âmes anéanties („Der Spiegel der einfachen, vernichteten Seelen") — zu den kühnsten und sprachmächtigsten Zeugnissen der abendländischen Mystik gehört. Als „Beghine" (mittellateinisch beguina, eine fromme Laienfrau, die ein gottgeweihtes Leben außerhalb der approbierten Ordensregeln führte) stand sie in jener Bewegung religiöser Frauen, die zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert in den Städten Nordwesteuropas einen beispiellosen Raum geistiger Selbstbestimmung schuf — und ebendarum unter wachsenden Verdacht geriet. Porete beschreibt in ihrem Buch den Weg, auf dem die Seele durch die Liebe (altfranzösisch Amour, in ihrer Allegorie eine sprechende Person namens Dame Amour) so vollständig „vernichtet" (anéantie) wird, dass sie zu einem reinen Nichts vor Gott zurücksinkt und, jenseits der Vermittlung der Vernunft und sogar jenseits der „Werke der Tugenden", nurmehr aus Gott und in Gott lebt.
Diese Lehre von der âme anéantie, der „zunichtegewordenen Seele", brachte Porete zweimal in Konflikt mit der kirchlichen Autorität: Bereits um 1306 ließ der Bischof von Cambrai ihr Buch als häretisch verurteilen und öffentlich verbrennen; als sie es dennoch weiterverbreitete, wurde sie schließlich in Paris vor ein Inquisitionsgericht gestellt und am 1. Juni 1310 als rückfällige Ketzerin (lateinisch relapsa) auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem sie sich beharrlich geweigert hatte, ihr Werk zu widerrufen oder ihren Richtern überhaupt zu antworten. Ihr Fall gilt der Forschung als ein Schlüsselereignis in der Verfolgung dessen, was die Kirche die „Häresie des Freien Geistes" nannte. Das eigentümlichste an ihrem Nachleben aber ist dies: Der verurteilte Spiegel überlebte — anonym, in lateinischen, italienischen und mittelenglischen Übersetzungen —, wurde jahrhundertelang in Klöstern als frommes Erbauungsbuch gelesen und erst 1946 durch die italienische Gelehrte Romana Guarnieri wieder mit dem Namen der Ketzerin verbunden, die dafür gestorben war.
Diese Notiz behandelt das wenig bezeugte Leben Poretes, den historischen Rahmen der Beginenbewegung und der „Häresie des Freien Geistes", den Aufbau und die Grundgedanken des Spiegels, seinen Prozess und sein erstaunliches anonymes Nachleben sowie schließlich eine vergleichende Betrachtung, die Poretes anéantissement neben Meister Eckharts Lehre von der Abgeschiedenheit und neben das sufische Begriffspaar von Fanāʾ und Baqāʾ stellt.
Leben und historischer Ort
Das Wenige, das wir wissen
Über das Leben Marguerite Poretes ist erschütternd wenig gesichert. Fast alles, was wir über ihre Person wissen, stammt nicht aus ihrem Werk — das über die Autorin beharrlich schweigt —, sondern paradoxerweise aus den Prozessakten ihrer eigenen Verurteilung. Sie stammte aus dem Hennegau, einer wohlhabenden, kulturell zwischen dem französischen Königreich und dem Reich vermittelnden Grafschaft; ihr Name deutet auf eine Herkunft aus der Gegend um Valenciennes hin. Ihre Bildung war beträchtlich: Sie schrieb ein literarisch hochstehendes, theologisch anspielungsreiches Altfranzösisch, kannte die höfische Liebesdichtung und die Sprache der spekulativen Theologie und verfügte über eine souveräne Beherrschung der allegorischen Form. Ob sie einer wohlhabenden Familie entstammte, ob sie zeitweise einer Beginengemeinschaft vorstand oder als wandernde, „unabhängige" Beghine lebte, bleibt Vermutung. Die Forschung ist in vielen biographischen Fragen auf begründetes Erschließen angewiesen.
Sicher ist der institutionelle Status: Sie war Beghine, gehörte also weder einem anerkannten Orden noch der Welt der verheirateten Laien an, sondern jener eigentümlichen „Zwischen"-Existenz, die den Frauen der Beginenbewegung eigen war. Eben diese Zwischenstellung — halb geweiht, halb frei, ohne die schützende Autorität einer Regel und eines männlichen Oberen — machte Frauen wie Porete gleichermaßen zu Trägerinnen einer außergewöhnlichen geistigen Freiheit und zu Zielscheiben kirchlichen Misstrauens.
Die Beginenbewegung
Die Beginenbewegung war eines der bemerkenswertesten religiösen Phänomene des Hoch- und Spätmittelalters. Seit dem späten 12. Jahrhundert schlossen sich in den blühenden Städten des heutigen Belgiens, der Niederlande, des Rheinlands und Nordfrankreichs Frauen zu Gemeinschaften zusammen, die ein Leben in Keuschheit, Armut und Gebet führten, ohne die feierlichen und unwiderruflichen Ordensgelübde abzulegen. Sie lebten von ihrer Hände Arbeit, oft in den sogenannten Beginenhöfen (béguinages), bewegten sich frei in der Stadt und trugen eine intensive, oft brautmystisch geprägte Frömmigkeit in den Alltag. Aus dieser Bewegung gingen einige der größten mystischen Schriftstellerinnen des Mittelalters hervor — neben Porete vor allem Hadewijch von Antwerpen und Mechthild von Magdeburg. Die Beginenmystik bildet den unmittelbaren geistigen Nährboden ihres Werkes.
Gerade die Freiheit dieser Bewegung machte sie verdächtig. Frauen, die außerhalb der klaren institutionellen Grenzen lebten, die in der Volkssprache über Gott schrieben und deren Frömmigkeit sich der Kontrolle eines Beichtvaters oder einer Ordensregel entzog, galten der kirchlichen Hierarchie zunehmend als unberechenbar. Das Konzil von Vienne (1311–1312), nur ein Jahr nach Poretes Hinrichtung, sollte in dem berüchtigten Dekret Ad nostrum die Beginen pauschal des Irrtums verdächtigen und ihnen häretische Sätze zuschreiben — Sätze, die den Grundgedanken des Spiegels auffallend ähneln. Poretes Fall steht so am Beginn einer Wende, in der die einst geduldete, ja geförderte Beginenbewegung unter den Generalverdacht der Ketzerei geriet.
Die „Häresie des Freien Geistes"
Der Vorwurf, unter dem Porete verurteilt wurde, gehört in den weiteren Zusammenhang der sogenannten „Häresie des Freien Geistes" (lateinisch secta spiritus libertatis). Damit bezeichneten Inquisitoren und Theologen des 14. Jahrhunderts eine angebliche Bewegung von Menschen, die behaupteten, eine so vollkommene Vereinigung mit Gott erreicht zu haben, dass sie der kirchlichen Vermittlung — der Sakramente, der Tugendübung, ja des sittlichen Gesetzes — nicht mehr bedürften. Die vollendete Seele, so der ihnen unterstellte Gedanke, könne nicht mehr sündigen; was immer sie tue, tue Gott in ihr.
Die moderne Forschung ist sich weitgehend einig, dass es eine organisierte „Sekte des Freien Geistes" als reale Institution vermutlich nie gegeben hat; sie war zu erheblichem Teil ein Konstrukt der Verfolger, ein Kompositbild aus verdächtigen Sätzen, das dann rückwirkend einzelnen Personen und Schriften übergestülpt wurde. Umso bezeichnender ist, dass ausgerechnet Poretes Spiegel zu den wenigen tatsächlich erhaltenen Texten gehört, in denen sich Formulierungen finden, die dem Klischee des „Freien Geistes" nahekommen — die Rede von einer Seele, die „von den Tugenden Abschied nimmt" und weder der „Kirche der Werke" noch der Vernunft bedarf. Genau diese Sätze wurden im Prozess isoliert, ihres kunstvollen allegorischen Zusammenhangs entkleidet und als Beweis der Häresie verlesen. Der Spiegel ist damit zugleich das wichtigste Dokument und das prominenteste Opfer der Konstruktion dieser Häresie.
Der Spiegel der einfachen Seelen
Titel, Sprache und Gattung
Poretes Werk trägt in der altfranzösischen Überlieferung den Titel Le Mirouer des simples âmes anéanties et qui seulement demeurent en vouloir et désir d'amour — „Der Spiegel der einfachen, vernichteten Seelen, die allein im Wollen und Verlangen der Liebe verharren". Der Titel ist bereits ein ganzes Programm: Ein Spiegel (mittellateinisch speculum) ist im Mittelalter ein verbreiteter Buchtitel für ein Werk, das dem Leser ein Bild, ein Muster, ein Vorbild vor Augen stellt; hier ist es das Bild der vollkommen „einfachen" und „vernichteten" Seele, in dem die Leserin sich selbst erkennen und zu dem sie sich wandeln soll.
Das Werk ist in altfranzösischer Sprache verfasst — genauer in einem pikardisch gefärbten Französisch — und gehört damit zu jener bemerkenswerten Welle volkssprachlicher Theologie, in der Frauen wie Hadewijch von Antwerpen und Mechthild von Magdeburg die anspruchsvollsten geistlichen Inhalte aus dem Latein der Kleriker in die gesprochene Sprache übertrugen. Dass eine Laienfrau in der Volkssprache eine derart kühne, spekulative Theologie entfaltete, war für sich genommen bereits ein Politikum: Die Volkssprache entzog den Text der Kontrolle der lateinisch gebildeten Klerikerelite und machte ihn einem Publikum zugänglich, das die feinen dogmatischen Absicherungen möglicherweise nicht mitzulesen verstand.
Der Form nach ist der Spiegel ein allegorischer Dialog. Die Handlung — soweit man von einer solchen sprechen kann — vollzieht sich als Gespräch zwischen personifizierten Gestalten. Die wichtigsten Sprecherinnen sind die Seele (l'Âme), die den Weg beschreitet; Dame Amour, die Liebe, die diesen Weg lehrt und rechtfertigt; und die Vernunft (Raison), die immer wieder erschrocken nachfragt, an den kühnen Sätzen Anstoß nimmt und um Erklärung bittet. Diese dramatische Konstruktion ist von tiefer Bedeutung: Die Vernunft verkörpert im Text genau jene Instanz — die diskursive, abwägende, an Regeln und Verdiensten orientierte Verstandeshaltung —, die auf dem höchsten Weg überwunden werden muss. Dass die Vernunft im Verlauf des Dialogs sinnbildlich „stirbt", ist eine der provokantesten Gesten des Buches.
Die Stufen des Aufstiegs
Im Zentrum des Spiegels steht die Lehre von den sieben Stufen (oder „Seinsweisen", französisch estres), die die Seele auf ihrem Weg zur Vernichtung und Rückkehr in ihren göttlichen Ursprung durchläuft. Diese Stufenordnung ist kein bloßes literarisches Ornament, sondern das begriffliche Rückgrat des Werkes; sie ordnet die verwirrend kühnen Einzelaussagen in einen erkennbaren Aufstiegsweg.
Auf den unteren Stufen lebt die Seele noch im Gehorsam gegen die Gebote, in der Nachfolge der Tugenden und in den Werken der Liebe — der gewöhnliche, verdienstliche Weg der Kirche. Sie tut das Gute, übt die Tugenden, unterwirft ihren Willen. Doch dieser Weg, so lehrt Dame Amour, ist noch nicht der höchste; er ist der Weg derer, die Porete — durchaus provokant — die „traurigen" oder die im Dienst der Tugenden „mühevoll Arbeitenden" nennt. Auf den höheren Stufen geschieht etwas Entscheidendes: Die Seele gibt ihren eigenen Willen auf, und zwar so vollständig, dass sie nichts mehr will — weder das Heil noch die Verdammnis, weder den Himmel noch selbst die Tugenden um ihrer selbst willen. In diesem völligen Loslassen sinkt sie in ihren Ursprung zurück, in das Nichts, aus dem sie geschaffen wurde, und wird darin mit Gott vereint.
Die höchsten Stufen bleiben in diesem irdischen Leben unerreicht oder nur augenblicksweise gestreift; ihre volle Verwirklichung ist der Herrlichkeit vorbehalten. Der Spiegel bewegt sich also nicht im Register einer erreichten Vollkommenheit, die sich selbstsicher über das Gesetz erhebt, sondern im Register einer äußersten, fast schwindelerregenden Selbstentäußerung, in der jede Selbstbehauptung — auch die des Verdienstes und der Tugend — verzehrt wird.
Die vernichtete Seele: das anéantissement
Der Schlüsselbegriff des ganzen Werkes ist das anéantissement, die „Zunichtemachung" oder „Vernichtung" der Seele (von altfranzösisch néant, „Nichts"). Die vollkommene Seele ist die âme anéantie, die „zunichtegewordene Seele". Damit ist keine Selbstzerstörung und keine Auslöschung des Personseins im psychologischen Sinne gemeint, sondern die vollständige Entleerung von allem Eigenwillen, Eigenwissen und Eigenhaben — ein radikales Aufhören des selbstbezogenen Ich, damit an seiner Stelle allein Gott wirke.
Porete beschreibt diesen Vorgang wiederholt im Bild des Feuers: Wie das Eisen im Feuer selbst zu Feuer wird und seine eigene Gestalt verliert, so wird die Seele in der göttlichen Liebe zu Liebe und verliert ihr abgetrenntes Eigensein. Die Seele wird nicht neben Gott gestellt, sondern in ihm „verschmolzen"; sie lebt nicht mehr aus sich, sondern nurmehr aus der göttlichen Liebe — jener alles verzehrenden Kraft, die die Metaphysik der Liebe in ihren verschiedenen Traditionen umkreist. Dieses Bild vom Eisen im Feuer, das in der christlichen Mystik eine lange Geschichte hat, formuliert eine Vereinigung, die bis an die Grenze der Ununterscheidbarkeit von Gott und Seele geht — und ebendort, an dieser Grenze, entzündete sich der theologische Verdacht.
Die vernichtete Seele wird von Porete mit einer Reihe kühner Prädikate belegt: Sie ist „frei", ja „edel", sie „hat Gott durch göttliche Gnade in sich" und lebt in vollkommener Ruhe. Sie befindet sich, wie der Text sagt, jenseits der Vermittlung der Vernunft — sie bedarf des abwägenden Verstandes nicht mehr, weil sie unmittelbar aus der Liebe lebt. Hier zeigt sich die zutiefst apophatische Signatur des Werkes, die den Weg beschreitet, den die Via negativa der negativen Theologie kennzeichnet: Was die vollendete Seele ist, lässt sich nicht positiv aussagen, sondern nur durch Verneinung umkreisen — sie ist ohne Willen, ohne Warum, ohne Werk, ohne Wissen, ein Nichts, in dem Gott alles ist. In dieser Struktur der Verneinung, die zugleich Über-Fülle meint, berührt Porete den Kern jener Rede vom göttlichen Nichts, die auch Meister Eckharts Lehre von das Seelenfünklein durchzieht.
Der Abschied von den Tugenden
Die berühmteste — und gefährlichste — Wendung des Spiegels ist die Rede davon, dass die freie Seele von den Tugenden Abschied nimmt. In einer der meistzitierten Passagen erklärt die Seele, sie habe den Tugenden „den Abschied gegeben" (congé), sie sei einst deren Dienerin gewesen, nun aber seien die Tugenden ihre Dienerinnen. Es ist entscheidend, diesen Satz in seinem Sinn zu verstehen, denn genau seine Herauslösung aus dem Zusammenhang wurde Porete zum Verhängnis.
Porete meint damit nicht, die vollkommene Seele dürfe fortan unsittlich handeln oder die Tugenden missachten. Ihr Gedanke ist ein anderer und subtiler: Solange die Seele die Tugenden mühsam übt, um dadurch Verdienst zu erwerben und ihr Heil zu wirken, steht sie noch unter ihnen — sie handelt aus Anstrengung, aus Berechnung, aus einem „Warum". Die vollkommen vernichtete Seele aber tut das Gute nicht mehr aus Anstrengung und nicht um eines Lohnes willen, sondern es fließt aus der göttlichen Liebe, die in ihr wirkt, gleichsam von selbst. Die Tugenden sind dann nicht mehr abgeschafft, sondern aufgehoben: Sie geschehen mühelos, weil nicht mehr das anstrengende Ich, sondern die Liebe handelt. Die Seele ist so frei geworden, dass sie den Tugenden nicht mehr dient, sondern sie in vollkommener Freiheit hat.
Diese Lehre steht in enger struktureller Verwandtschaft zur eckhartschen gelassenheit und zum Handeln „ohne Warum" (sunder warum): Das vollkommene Tun ist das absichtslose, lohnfreie, aus dem Grund der Gottverbundenheit strömende Tun. Doch was bei Eckhart in scholastischer Vorsicht und mit lateinischen Absicherungen entfaltet wurde, sprach Porete in der Volkssprache mit einer Kühnheit aus, die den Verdacht des Antinomismus (der Lehre, der Vollkommene stehe über dem sittlichen Gesetz) förmlich herausforderte. Der Vorwurf, ihre „edle Seele jenseits der Tugend" predige in Wahrheit die Freiheit zur Sünde, verkennt die asketische, ganz auf Selbstentäußerung zielende Stoßrichtung des Textes — aber er lag, aus dem Zusammenhang gerissen, nahe.
Die zwei Kirchen: Sainte-Église la Petite und Sainte-Église la Grande
Ein weiterer folgenreicher Gedanke des Spiegels ist Poretes Unterscheidung zweier „Kirchen". Sie spricht von der „Heiligen Kirche der Werke" (Sainte-Église la Petite, „die kleine heilige Kirche") und der „Heiligen Kirche der Liebe" (Sainte-Église la Grande, „die große heilige Kirche"). Die „kleine Kirche" ist die Kirche derer, die noch auf dem Weg der Werke, der Tugenden und der Vernunft stehen — die institutionelle, sichtbare Kirche des verdienstlichen Handelns. Die „große Kirche" ist die unsichtbare Gemeinschaft der vollkommen freien, vernichteten Seelen, die allein von der Liebe regiert werden.
Porete behauptet nicht ausdrücklich, die „große Kirche" stehe der Institution feindlich gegenüber; sie ordnet die beiden vielmehr als niedere und höhere Stufe. Doch die Sprengkraft ist unübersehbar: Wenn die vollkommene Seele einer „Kirche der Liebe" angehört, die über der „Kirche der Werke" steht, dann relativiert sich der Anspruch der sichtbaren, sakramental verfassten Kirche, die alleinige und höchste Vermittlerin des Heils zu sein. Die freie Seele, so die gefährliche Konsequenz, bedarf der „kleinen Kirche" mit ihren Werken und ihrer Vernunft nicht mehr in derselben Weise. In einem Zeitalter, das die kirchliche Vermittlung als unverzichtbar verstand, war dies eine der brisantesten Aussagen des ganzen Buches — und einer der Angelpunkte des Prozesses.
Prozess und Hinrichtung
Die erste Verurteilung in Cambrai
Der Weg zum Scheiterhaufen begann bereits um 1306. Der Bischof von Cambrai, in dessen Diözese der Hennegau lag, ließ Poretes Spiegel als irrig und häretisch verurteilen und ein Exemplar öffentlich verbrennen. Zugleich wurde Porete verboten, das Buch weiter zu verbreiten oder ihre Lehren weiterhin zu vertreten; ein Zuwiderhandeln wurde ausdrücklich mit schweren Strafen bedroht. Diese erste Verurteilung ist entscheidend für das spätere Todesurteil: Sie machte Porete zu einer bereits einmal verwarnten Person, so dass jede Fortsetzung ihrer Tätigkeit den Tatbestand des Rückfalls (lateinisch relapsus) erfüllte — und der rückfällige Ketzer war nach mittelalterlichem Recht dem weltlichen Arm zur Hinrichtung zu überstellen.
Porete jedoch fügte sich nicht. Sie verbreitete den Spiegel weiter und legte ihn — nach den Prozessakten — sogar geistlichen Autoritäten vor, darunter einem Bischof, um ihn gleichsam approbieren zu lassen. Ob dies Ausdruck ungebrochener Überzeugung, seelsorglicher Sendung oder auch einer Fehleinschätzung der Gefahr war, muss offenbleiben; die Quellen erlauben hier kein sicheres psychologisches Urteil. Sicher ist, dass ihr fortgesetztes Wirken sie schließlich vor das mächtigste Inquisitionsgericht ihrer Zeit brachte.
Der Pariser Prozess
Um 1308 wurde Porete verhaftet und nach Paris überstellt, wo ihr Prozess unter dem Inquisitor Wilhelm von Paris (Guillaume Humbert, auch Guillaume de Paris genannt) geführt wurde — demselben Dominikaner, der zugleich als Beichtvater des französischen Königs Philipp IV. („des Schönen") und als führender Inquisitor im gleichzeitigen, politisch motivierten Prozess gegen den Templerorden fungierte. Der Prozess Poretes ist damit in eine Epoche eingebettet, in der die französische Krone und die Inquisition eng zusammenwirkten und die Ausschaltung von Häresie und die Durchsetzung königlicher Macht ineinandergriffen.
Das auffälligste Merkmal des Prozesses ist Poretes Schweigen. Über einen langen Zeitraum — die Quellen sprechen von etwa anderthalb Jahren Haft — weigerte sie sich standhaft, vor dem Inquisitor den Eid abzulegen, der für ein Verhör erforderlich war, und antwortete ihren Richtern überhaupt nicht. Dieses Schweigen wurde als Hartnäckigkeit und als Zeichen der Unbußfertigkeit gewertet. Nach kanonischem Recht galt, wer den geforderten Eid über einen bestimmten Zeitraum verweigerte, als exkommuniziert und schließlich als überführter Ketzer.
Zur theologischen Absicherung ließ der Inquisitor eine Reihe von Sätzen aus dem Spiegel — die Überlieferung nennt fünfzehn oder einundzwanzig herausgezogene Artikel — einer Kommission von Pariser Theologen (Magistern der Universität, der bedeutendsten theologischen Autorität der Christenheit) zur Begutachtung vorlegen. Diese Gutachter verurteilten die vorgelegten Sätze im Frühjahr 1310 als häretisch. Es ist charakteristisch für das Verfahren, dass den Theologen offenbar nur die isolierten Sätze, nicht aber der vollständige allegorische Zusammenhang des Werkes vorgelegt wurde — eine Herauslösung, die die kühnsten Formulierungen ihres kunstvollen, dialektisch gebrochenen Kontextes beraubte und sie umso anstößiger erscheinen ließ.
Der Scheiterhaufen
Am 31. Mai 1310 wurde Porete von einer Versammlung von Juristen und Theologen als rückfällige und unbußfertige Ketzerin verurteilt und dem weltlichen Arm übergeben. Einen Tag später, am 1. Juni 1310, wurde sie auf der Place de Grève in Paris — dem traditionellen Hinrichtungsplatz — öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die zeitgenössischen Chronisten, die von der Hinrichtung berichten, vermerken auffallend die Fassung und Würde, mit der die Verurteilte ihren Tod erlitt; einige Berichte sprechen davon, dass ihr Verhalten viele der Umstehenden zu Tränen rührte. Ob dies als historische Beobachtung oder als hagiographische Stilisierung zu werten ist, lässt sich nicht sicher entscheiden; festzuhalten bleibt der Eindruck eines Todes, der selbst den Berichterstattern als bemerkenswert erschien.
Mit Marguerite Porete wurde, soweit die Quellen reichen, die erste Person hingerichtet, deren Verurteilung ausdrücklich mit der Zuschreibung zur „Häresie des Freien Geistes" verbunden war — ein trauriger Präzedenzfall, an den sich das Konzil von Vienne nur ein Jahr später anschloss. Bemerkenswert ist ferner, dass im selben Pariser Kontext ein junger Kleriker, Guiard de Cressonessart, verurteilt wurde, der sich als Poretes Verteidiger hervorgetan hatte; er entging dem Tod durch Widerruf und lebenslange Kerkerhaft. Der Fall zeigt, dass Poretes Wirken einen Kreis von Anhängern hatte und nicht die isolierte Verirrung einer Einzelnen war.
Das anonyme Nachleben und die Wiederentdeckung
Ein Buch überlebt seine Verfasserin
Das eigentlich Erstaunliche an der Geschichte Marguerite Poretes ist, dass ihr Buch den Scheiterhaufen überdauerte — und zwar gerade dadurch, dass es seine Verfasserin verlor. Der Spiegel wurde nach Poretes Tod nicht vollständig vernichtet; Abschriften zirkulierten weiter, wurden ins Lateinische, ins Italienische und ins Mittelenglische übersetzt und verbreiteten sich über die klösterlichen und geistlichen Netzwerke Europas. Entscheidend war dabei, dass der Name der verurteilten Ketzerin von den Handschriften abgelöst wurde: Der Spiegel zirkulierte anonym.
Ohne den anstößigen Namen, gelesen als frommes Werk anonymer Herkunft, entfaltete der Spiegel eine stille, breite Wirkung. In England wurde er im 15. Jahrhundert ins Mittelenglische übertragen und in Kartäuserkreisen als Andachtsbuch geschätzt; ein englischer Übersetzer, der sich mit den Initialen „M. N." zeichnet, versah den kühnen Text sogar mit erläuternden Glossen, um seine schwierigsten Stellen rechtgläubig zu deuten. In Italien wurde der Spiegel ebenfalls gelesen und geschätzt. So kam es zu der tiefen Ironie, dass ein Werk, für das seine Autorin als Ketzerin verbrannt worden war, jahrhundertelang unbehelligt in eben jenen kirchlichen Institutionen als geistliche Nahrung diente, deren Inquisition es verurteilt hatte.
Romana Guarnieri und die Identifikation von 1946
Die Verbindung zwischen dem anonym überlieferten Spiegel und der historisch bezeugten, aber scheinbar werkverlorenen Ketzerin Marguerite Porete blieb über sechshundert Jahre unbekannt. Man kannte aus den Chroniken die 1310 verbrannte Beghine und ihr verurteiltes Buch; und man kannte, getrennt davon, ein anonymes mystisches Werk namens Mirouer des simples âmes, das in mehreren Sprachen umlief. Dass beides ein und dasselbe war, entdeckte erst im Jahr 1946 die italienische Kirchenhistorikerin Romana Guarnieri. Sie wies nach, dass der anonyme Spiegel mit Poretes verbotenem Buch identisch ist, und gab damit dem lange gelesenen, aber verfasserlosen Text seinen Namen und seine tragische Geschichte zurück.
Guarnieris Identifikation gehört zu den bedeutendsten Funden der mittelalterlichen Mystikforschung des 20. Jahrhunderts. Sie machte aus einem anonymen Andachtsbuch schlagartig ein Schlüsselwerk der Frauenmystik, der volkssprachlichen Theologie und der Geschichte der Häresieverfolgung. Erst durch sie konnte Porete jenen Rang in der Geschichte der abendländischen Mystik einnehmen, der ihr gebührt — als eine der originellsten Stimmen einer ganzen Epoche, deren Werk beinahe für immer namenlos geblieben wäre.
Vergleichende Perspektive
Poretes Spiegel eignet sich in besonderer Weise für die vergleichende Betrachtung, weil er die universalen Strukturen der mystischen Selbstentäußerung — die Vernichtung des Ich, die Vereinigung mit dem Göttlichen, das Leben jenseits von Verdienst und Berechnung — in einer extrem zugespitzten Form entfaltet.
Meister Eckhart und die rheinische Mystik
Die unmittelbarste und meistdiskutierte Parallele besteht zu meister-eckhart, einem Zeitgenossen Poretes. Die Verwandtschaft ist so eng, dass die Forschung ernsthaft erwogen hat, ob Eckhart Poretes Werk gekannt haben könnte — er wirkte in den Jahren um ihren Prozess in Paris, und der Spiegel zirkulierte in eben jenem Milieu. Eine direkte Abhängigkeit ist nicht erwiesen; sicher aber ist die strukturelle Nähe der Grundgedanken. Poretes anéantissement, die Vernichtung der Seele, entspricht Eckharts Lehre von der Abgeschiedenheit und der gelassenheit — dem völligen Loslassen des eigenen Willens und Habens, damit Gott im Grund der Seele geboren werde, jenem innersten Funken, den Eckhart das Seelenfünklein nennt. Poretes Rede vom Tun „ohne Warum", das nicht mehr aus Berechnung, sondern aus der göttlichen Liebe fließt, ist die Parallele zu Eckharts berühmtem Handeln sunder warum.
Beide wurden von der kirchlichen Autorität verfolgt: Porete wurde 1310 verbrannt; Eckhart sah sich am Ende seines Lebens einem Ketzerprozess gegenüber, und eine Reihe seiner Sätze wurde 1329 — postum — in der Bulle In agro dominico verurteilt. Der Unterschied der Schicksale ist gleichwohl aufschlussreich und wird oft mit dem Unterschied der Sprache, des Geschlechts und des institutionellen Status erklärt: Eckhart, der lateinisch geschulte Ordensmann und Magister, konnte sich verteidigen, widerrief die verurteilten Sätze im Voraus, soweit sie irrig verstanden würden, und starb, ehe das Urteil fiel; Porete, die schreibende Laienfrau ohne Orden und ohne akademischen Titel, schwieg und starb. In diesem Kontrast liegt eine der eindringlichsten Lehren über die Bedeutung von Sprache und sozialer Stellung für das Überleben kühner Theologie.
Hadewijch und die Minne-Mystik der Beginen
Innerhalb der Beginenbewegung steht Porete in der Nachbarschaft von Hadewijch von Antwerpen und Mechthild von Magdeburg. Alle drei schrieben in der Volkssprache, alle drei machten die Minne, die göttliche Liebe, zum Zentrum ihres Denkens, und alle drei verbanden die Sprache der höfischen Liebesdichtung mit der Erfahrung der Gottvereinigung. Hadewijchs Bild vom „Abgrund" (afgront), in den die Liebe die Seele reißt, und ihr Begriff der verzehrenden Sehnsucht (orewoet) stehen Poretes Feuer- und Vernichtungsbildern nahe.
Zugleich markiert Porete innerhalb dieser Tradition den radikalsten, spekulativsten Pol. Wo Hadewijch die affektive Glut der Minne, das Leiden und Sehnen des liebenden Herzens in den Vordergrund stellt, treibt Porete die Konsequenz der Liebe bis zur völligen Aufhebung des Ich und zur apophatischen Rede von der Seele als Nichts. Poretes Spiegel ist gleichsam die Stelle, an der die Minne-Mystik der Beginen in die spekulative Wesensmystik übergeht — und ebendort mit der Institution kollidiert. Dass Hadewijch selbst in ihren Schriften auf die Spannungen der Beginen mit der kirchlichen Autorität hinweist, und dass spätere Leser Hadewijch und Porete ausdrücklich zusammendachten, unterstreicht die enge Verwandtschaft der beiden Stimmen.
Sufische Parallelen: Fanāʾ und Baqāʾ
Über die Grenzen des Christentums hinaus zeigt Poretes anéantissement eine auffallende strukturelle Nähe zur Begrifflichkeit der islamischen Mystik, des Tasawwuf. Die „Vernichtung" der Seele entspricht bemerkenswert genau dem sufischen Begriffspaar von Fanāʾ und Baqāʾ: dem fanāʾ (arabisch, „Auslöschung", „Vergehen"), dem Erlöschen des selbstbezogenen Ich in der Gegenwart Gottes, und dem baqāʾ (arabisch, „Fortdauer", „Bleiben in Gott"), dem Zustand, in dem der Mystiker, nachdem sein Ich vergangen ist, nurmehr aus Gott und in Gott fortbesteht. So lebt auch Poretes vernichtete Seele nach ihrer anéantissement nicht im Nichts, sondern gerade als Nichts ganz aus Gott. Die Struktur — Auslöschung des Eigenseins, gefolgt von einem neuen Bestehen allein aus dem Göttlichen — ist in beiden Traditionen dieselbe.
Diese Parallele darf nicht als historische Abhängigkeit missverstanden werden; ein direkter Einfluss der sufischen Lehre auf Porete ist nicht nachweisbar. Was sie so aufschlussreich macht, ist gerade die Unabhängigkeit: Zwei Traditionen, die einander nicht kannten, gelangen von der gemeinsamen Grunderfahrung der liebenden Selbstentäußerung zu einer nahezu identischen begrifflichen Struktur. Poretes Feuer-Bild — das Eisen, das im Feuer selbst zu Feuer wird — hat im Sufismus seine genaue Entsprechung in den Bildern, mit denen etwa die Auslöschung des Tropfens im Meer beschrieben wird. In der vergleichenden Mystikforschung gilt das Begriffspaar Fanāʾ/Baqāʾ darum als eine der erhellendsten Brücken zum Verständnis von Poretes anéantissement.
Kenosis und die Struktur der Selbstentäußerung
Schließlich lässt sich Poretes Lehre auch auf den urchristlichen Begriff der Kenosis (griechisch kénōsis, „Entleerung", „Selbstentäußerung") beziehen, mit dem der Philipperhymnus des Neuen Testaments die Selbstentäußerung Christi beschreibt, der „sich selbst entleerte" und Knechtsgestalt annahm. Poretes vernichtete Seele vollzieht in ihrem anéantissement gleichsam die Nachfolge dieser göttlichen Selbstentleerung: Sie entleert sich alles Eigenen — des Willens, des Wissens, des Habens, ja selbst des geistlichen Verdienstes —, um leer zu werden für Gott. In dieser Perspektive erscheint der scheinbar so häretische Gedanke vom „Abschied von den Tugenden" als eine zugespitzte, in die Volkssprache übersetzte Gestalt eines zutiefst christlichen Motivs: der Entäußerung des Selbst, in der die Seele nicht sich behaupten, sondern sich verlieren soll, um sich in Gott wiederzufinden.
Die abendländische Tradition kannte auch andere Modelle des Aufstiegs zum Göttlichen — etwa den platonischen Aufstieg, den Diotimas Leiter der Liebe beschreibt, auf der die Seele über die Stufen der Schönheit zum Einen emporsteigt. Doch während der platonische Aufstieg die Seele zu immer höherer Schau erhebt, beschreibt Porete den entgegengesetzten Weg der Absenkung: nicht ein Aufsteigen zu höherer Erkenntnis, sondern ein Zurücksinken in das Nichts des Ursprungs, in dem die Seele mit Gott eins wird. Beide Wege — der aufsteigende der Erkenntnis und der absteigende der Vernichtung — bezeichnen die zwei großen Grundbewegungen der abendländischen Mystik.
Kritik und Grenzen
Die Deutung Marguerite Poretes und ihres Spiegels ist mit mehreren bleibenden Schwierigkeiten behaftet, die zur Redlichkeit gehören.
Erstens die Frage nach der Häresie selbst. Die moderne Forschung ist überwiegend zurückhaltend gegenüber der These, Porete habe tatsächlich eine antinomistische, das sittliche Gesetz aufhebende Lehre vertreten. Der Vorwurf, ihre „freie Seele" predige die Freiheit zur Sünde, beruht ganz wesentlich auf der Herauslösung einzelner Sätze aus ihrem allegorischen Zusammenhang. Gleichwohl bleibt eine echte Spannung bestehen: Poretes Formulierungen — der Abschied von den Tugenden, die Entbehrlichkeit der „Kirche der Werke", die Rede von einer Seele, die tun dürfe, was sie wolle, weil sie nichts mehr wolle als Gottes Willen — sind objektiv missverständlich und lassen sich, isoliert gelesen, tatsächlich im Sinne des „Freien Geistes" deuten. Die Forschung ist uneins darüber, wie weit Porete die gefährlichen Konsequenzen ihrer Sprache selbst gesehen und bewusst in Kauf genommen hat.
Zweitens die Quellenlage. Über Poretes Leben wissen wir fast nichts Gesichertes; das meiste stammt aus den Akten ihrer Verurteilung, also aus feindlicher Quelle. Selbst die Rekonstruktion ihrer Lehre steht vor dem Problem, dass die überlieferten Handschriften des Spiegels zum Teil erheblich voneinander abweichen und in verschiedenen Sprachen vorliegen; welche Fassung dem verlorenen altfranzösischen Original am nächsten kommt, ist Gegenstand editorischer Debatte. Der einzige vollständige altfranzösische Textzeuge ist zudem erst deutlich nach Poretes Tod entstanden. Jede Aussage über „das, was Porete wirklich meinte", trägt darum einen Vorbehalt.
Drittens die Gefahr der modernen Vereinnahmung. Porete ist in jüngerer Zeit zu einer Ikone geworden — als Märtyrerin der Gewissensfreiheit, als Vorläuferin der Frauenemanzipation, als Kronzeugin gegen die institutionelle Kirche. An all diesen Deutungen ist Wahres; doch sie drohen, die zutiefst mittelalterliche, ganz auf Selbstauslöschung und Gottunmittelbarkeit zielende Frömmigkeit Poretes in ein modernes Freiheitspathos zu übersetzen, das ihr fremd war. Poretes „Freiheit" ist nicht die Autonomie des selbstbestimmten Individuums, sondern die Freiheit der Seele, die nichts mehr will — eine Freiheit gerade durch die vollständige Preisgabe des eigenen Willens. Wer sie zur frühen Freiheitsheldin im modernen Sinne stilisiert, verfehlt den asketischen, apophatischen Kern ihres Werkes.
Viertens schließlich die Grenze des Vergleichs. Die Parallelen zu Eckhart, zur Minne-Mystik und zum sufischen Fanāʾ sind real und erhellend, dürfen aber nicht zu einer vorschnellen Gleichsetzung führen. Poretes Denken bleibt christlich imprägniert — von der Christologie, von der Gnadenlehre, von der Sprache der Brautmystik. Die vergleichende Betrachtung gewinnt ihren Wert nicht dadurch, dass sie die Unterschiede einebnet, sondern dass sie die je eigene Gestalt der Traditionen im Licht ihrer strukturellen Verwandtschaft schärfer hervortreten lässt.
Fazit
Marguerite Porete ist eine der eindringlichsten und tragischsten Gestalten der abendländischen Mystik: eine Laienfrau ohne Orden und ohne akademischen Rang, die in ihrer eigenen Sprache eine Theologie von äußerster spekulativer Kühnheit entwarf und dafür mit dem Leben bezahlte. Ihr Spiegel der einfachen Seelen führt die Bewegung der liebenden Selbstentäußerung bis an ihre äußerste Grenze — bis zu der „vernichteten Seele", die im Feuer der göttlichen Liebe zu nichts wird und, jenseits von Vernunft und selbst den Tugenden, in vollkommener Freiheit ganz aus Gott lebt. Ihr Werk gehört so zu den großen Zeugnissen dessen, was die Metaphysik der Liebe traditionsübergreifend bedenkt. Damit steht Porete an einem Gipfelpunkt der apophatischen Mystik — auf jenem Weg, den die Via negativa bezeichnet —, neben meister-eckhart und in der Nachbarschaft der großen Minne-Mystikerinnen wie Hadewijch von Antwerpen.
Ihr Fall bündelt zugleich mehrere der grundlegenden Spannungen der mystischen Tradition. Er zeigt, wie nahe die höchste Gottunmittelbarkeit und der Verdacht der Häresie beieinanderliegen — wie die Rede von der Seele, die der Vermittlung nicht mehr bedarf, an die Grenze rührt, an der die Institution ihre Notwendigkeit bedroht sieht. Er zeigt, wie sehr das Überleben kühner Theologie von Sprache, Geschlecht und institutionellem Status abhängt: Der lateinisch schreibende Magister Eckhart wurde postum zensiert, die volkssprachlich schreibende Beghine Porete zu Lebzeiten verbrannt. Und er zeigt in seinem erstaunlichen Nachleben — dem anonymen Fortwirken des Buches über Jahrhunderte und seiner Wiederentdeckung durch Romana Guarnieri im Jahr 1946 — die eigentümliche Zählebigkeit des mystischen Wortes, das seine Verfasserin verlor und gerade dadurch überlebte.
Was bleibt, ist ein Werk, das die Selbstentäußerung — christlich gedacht als Kenosis — an die Seele mit einer Radikalität heranträgt, die noch heute erschreckt und zieht — und eine Frau, die schwieg, als man sie zum Widerruf zwang, und deren Schweigen vor den Inquisitoren beredter geworden ist als die Sätze ihrer Richter. In der Geschichte der abendländischen Frömmigkeit ist Marguerite Porete darum beides zugleich: das prominenteste Opfer der Häresieverfolgung des 14. Jahrhunderts und eine der freiesten, unbeugsamsten Stimmen, die diese Frömmigkeit hervorgebracht hat.