Das Seelenfünklein: der ungeschaffene Funke im Grund der Seele
Das Seelenfünklein (mittelhochdeutsch „vünkelin der sêle“, lateinisch scintilla animae) ist bei Meister Eckhart der ungeschaffene, göttliche Funke im innersten Grund der Seele — der Ort, an dem die Gottesgeburt geschieht und Seele und Gott eins werden. Die Notiz verfolgt den Begriff von seinen patristischen Wurzeln (synteresis) über Eckhart und Tauler bis zu seiner Verurteilung und stellt ihn vergleichend dem vedāntischen ātman, dem Sufi-sirr, der jüdischen neschama und dem Gottebenbild gegenüber — entlang der heiklen Frage, ob der Funke mit Gott identisch oder geschaffen ist.
Definition
Das Seelenfünklein (mittelhochdeutsch „vünkelin der sêle", lateinisch scintilla animae) bezeichnet bei Meister Eckhart (etwa 1260–1328) den ungeschaffenen, göttlichen Funken im innersten Grund der menschlichen Seele. Es ist, in Eckharts kühnster Formulierung, „etwas in der Seele, das ungeschaffen und unerschaffbar ist" — ein Punkt, an dem die Seele nicht mehr Geschöpf unter Geschöpfen ist, sondern an das Göttliche selbst rührt. In diesem Funken, so Eckhart, geschieht die Gottesgeburt (die Geburt des göttlichen Wortes in der Seele), und hier werden Seele und Gott so eins, dass keine Unterscheidung mehr bleibt: „Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund."
Der Begriff steht im Zentrum eines ganzen Vokabulars, mit dem die deutsche und lateinische Mystik den innersten Ort der Gotteinung zu benennen sucht. Eckhart nennt ihn auch den Seelengrund (das namenlose Innerste der Seele), „ein Bürgelein" (ein kleines Bürglein oder Schlösschen), „den Funken", „das Haupt der Seele", „das Licht des Geistes". Verwandt ist der altkirchliche Terminus synteresis — der unauslöschliche Gewissensfunke, der den Menschen auch in der Sünde noch auf das Gute hin ausgerichtet hält. Sein Schüler Johannes Tauler (um 1300–1361) entfaltet die Lehre vom Seelengrund seelsorglich und macht den „Grund" zum Schlüsselwort einer ganzen Frömmigkeitstradition. Der Funke verbindet sich eng mit Eckharts Lehre von der Gottheit als „göttlichem Nichts" (Eckharts göttliches Nichts) und mit der negativen Theologie, die Gott nur durch Verneinung aller Bestimmungen zu erreichen sucht.
Im vergleichenden Blick erweist sich das Seelenfünklein als die rheinisch-mystische Variante einer weltweit wiederkehrenden Intuition: dass im Menschen ein göttlicher oder erwachensfähiger Kern verborgen liege. Es lädt zum Vergleich mit dem vedāntischen ātman ein, dem innersten Selbst, das im Advaita mit dem absoluten Weltgrund identisch ist (ātman ist Brahman); mit dem Gottebenbild der christlichen Anthropologie; mit dem Sufi-sirr (dem „Geheimnis", der feinsten geistigen Schicht) und dem Herzen (Qalb) sowie dem Geist (Ruh) der islamischen Mystik; mit der neschama, der höchsten Seelenstufe der Kabbala; mit dem Aufgehen im Göttlichen (fanāʾ) und mit der Gestalt des vollkommenen Menschen. Über all diesen Vergleichen aber steht eine einzige, heikle Frage, die der Funke unweigerlich aufwirft: Ist dieses Innerste mit Gott identisch oder ist es geschaffen? Eben diese Frage führte zur Verurteilung Eckharts. Die Notiz steht damit im Horizont der christlichen Mystik und der allgemeinen Frage nach der Seele.
Wortgeschichte: vom Gewissensfunken zum Seelengrund
Das Bild des „Funkens" hat eine lange Vorgeschichte, ehe es bei Eckhart seine radikale Zuspitzung erfährt. Es speist sich aus mehreren Quellen, die sich im Hochmittelalter überlagern.
Die erste Wurzel ist der antik-platonische und stoische Gedanke eines göttlichen Lichtanteils im Menschen. Schon die Stoa kannte den Gedanken eines im Menschen wohnenden Funkens des göttlichen Logos; der Neuplatonismus Plotins lehrte, dass der höchste Teil der Seele niemals ganz von ihrem göttlichen Ursprung abgeschnitten sei, sondern „oben" verbleibe. Diese Vorstellung eines unverlierbaren göttlichen Kerns geht über die Kirchenväter — Origenes, Augustinus — in die mittelalterliche Mystik ein.
Die zweite, terminologisch entscheidende Wurzel ist die synteresis. Der Begriff entsteht aus einer wohl verschriebenen Lesart eines Wortes bei Hieronymus, der in seinem Ezechiel-Kommentar von einer scintilla conscientiae spricht — einem „Funken des Gewissens", der selbst im verworfensten Menschen nicht völlig erlischt und ihn das Gute noch als Gutes erkennen lässt. Aus diesem „Gewissensfunken" wird in der Scholastik die synteresis: jene oberste, unverlierbare Spitze der praktischen Vernunft, die den Menschen unwandelbar auf das Gute ausrichtet. Bonaventura und Thomas von Aquin diskutieren sie ausführlich, ordnen sie aber dem geschaffenen Seelenvermögen zu. Hier liegt der entscheidende Punkt: In der Hochscholastik ist der Funke ein geschaffenes Vermögen der Seele — ein Stück ihrer natürlichen Ausstattung, nicht ein Stück Gottes.
Die dritte Wurzel ist die affektive Brautmystik des 12. Jahrhunderts, vor allem bei Bernhard von Clairvaux und Wilhelm von Saint-Thierry, die den innersten Ort der Gotteinung als Höhepunkt der Liebe und der gleichgestaltenden Vereinigung beschreibt, ohne ihn jedoch ontologisch mit Gott zu identifizieren. Eckhart erbt all diese Stränge — den platonischen Lichtfunken, die scholastische synteresis, die mystische Einungssprache — und treibt sie über die Grenze, die seine Vorgänger gewahrt hatten: Bei ihm wird aus dem geschaffenen Gewissens- und Vernunftfunken ein ungeschaffener Grund.
Eckharts Lehre vom Seelenfünklein
Das Seelenfünklein ist einer der vier tragenden Begriffe von Eckharts mystischer Theologie, neben der Gottheit (dem Gott jenseits Gottes), der Abgeschiedenheit (der völligen Loslösung von allem Geschaffenen) und der Gottesgeburt (der Geburt des göttlichen Wortes in der Seele). Diese vier hängen untrennbar zusammen: Im abgeschiedenen, von allen Bildern und Bindungen gereinigten Seelengrund — eben dem Fünklein — gebiert die namenlose Gottheit ihren Sohn.
Der ungeschaffene Grund
Eckharts entscheidende und folgenreichste Behauptung lautet, dass es in der Seele „etwas" gebe, das ungeschaffen und unerschaffbar sei (mittelhochdeutsch ungeschaffen und ungeschepfelich). In einer berühmten Passage der deutschen Predigten sagt er: „Ich habe zuweilen von einem Licht gesprochen, das in der Seele ist, das ungeschaffen und unerschaffbar ist." Dieses Licht, dieser Funke, ist nicht ein Vermögen unter den Seelenvermögen — nicht Gedächtnis, nicht Verstand, nicht Wille —, sondern liegt diesen allen voraus, in einem „Grund", der namen- und weiselos ist. Eckhart variiert die Bilder unaufhörlich: Mal ist es „ein Fünklein", mal „ein Bürgelein", mal „das Innerste und Oberste der Seele", mal schlicht „der Grund".
Mit dieser Rede vom Ungeschaffenen sprengt Eckhart den scholastischen Rahmen. Während Thomas die synteresis als geschaffenes Vermögen bestimmt hatte, behauptet Eckhart einen Punkt in der Seele, der nicht mehr auf der Seite des Geschöpfes, sondern auf der Seite Gottes steht. Eben deshalb kann er sagen, dass in diesem Funken die Unterscheidung zwischen Gott und Seele aufhört.
Die Gottesgeburt im Funken
Der Funke ist nicht ein ruhender Besitz, sondern ein Geschehen: Er ist der Ort, an dem sich die Gottesgeburt vollzieht. Eckhart greift den altkirchlichen Gedanken der Geburt des Logos in der Seele auf (er findet sich schon bei Origenes und Maximus Confessor) und macht ihn zum Zentrum seiner Predigt: Der Vater gebiert seinen Sohn nicht nur in der Ewigkeit, sondern „ohne Unterlass" im Grund der Seele — und zwar so, dass diese Geburt eine und dieselbe ist wie die ewige Geburt in der Gottheit. Voraussetzung ist die Abgeschiedenheit: Nur die von allem Geschaffenen, von allen Bildern, vom Eigenwillen und selbst von der eigenen Vorstellung Gottes gereinigte Seele wird im Funken empfänglich. Wo der Mensch ganz „ledig und frei" geworden ist, da gebiert sich Gott in ihm — und der Mensch wird, was Eckhart in einer der kühnsten Wendungen sagt, „durch Gnade, was Gott von Natur ist".
Die Einung — „Gottes Grund und mein Grund"
In der Einung des Funkens hört für Eckhart jede Zweiheit auf. In der deutschen Predigt heißt es: „Gottes Grund und der Seele Grund ist ein Grund." Und in einer noch radikaleren Formulierung: Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht — „mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Gesicht und ein Erkennen und eine Minne". Diese Sätze stehen an der Grenze dessen, was die christliche Orthodoxie zulassen konnte. Sie scheinen die kategoriale Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf — das Fundament der gesamten abendländischen Theologie — im innersten Punkt der Seele aufzuheben. Eckhart selbst hat stets betont, dass diese Einung Geschehen der Gnade und nicht Aufhebung der Geschöpflichkeit sei; doch die Bildsprache des Ungeschaffenen ließ sich leicht im Sinne einer Wesensidentität lesen.
Johannes Tauler und der Seelengrund
Was bei Eckhart spekulative Zuspitzung war, wird bei seinem Schüler Johannes Tauler zum seelsorglichen Programm. Tauler übernimmt die Lehre vom innersten Punkt der Seele, nennt ihn aber durchgängig den Grund (oder Seelengrund) und vermeidet die schärfsten metaphysischen Spitzen seines Lehrers. Der „Grund" ist bei ihm der verborgene, „edle" Boden der Seele, in dem Gott wesentlich gegenwärtig ist und in den der Mensch durch „Einkehr" zurückzukehren hat. Tauler spricht vom gemüete — der tiefsten, auf Gott hin ausgerichteten Schicht der Person — und macht den Weg zum Grund zu einem Weg der Demut, der Gelassenheit und des Leidens.
Diese Verschiebung ist folgenreich. Indem Tauler den Grund weniger als ungeschaffene Identität denn als Ort der gnadenhaften Gotteseinwohnung und als Ziel eines konkreten geistlichen Weges beschreibt, entschärft er die häresieverdächtige Schärfe der Eckhartschen Rede. Eben deshalb blieb Taulers Mystik — anders als die Eckharts — über Jahrhunderte unverurteilt und konnte über die Theologia deutsch, über Martin Luther und die christliche Mystik bis tief in den deutschen Pietismus fortwirken. Die Lehre vom „Seelengrund" wird so zu einem der dauerhaftesten Vermächtnisse der rheinischen Mystik.
Die Verurteilung: identisch oder geschaffen?
Die heikle Frage, ob der Funke mit Gott identisch oder geschaffen sei, ist nicht bloß ein theologisches Detail, sondern die eigentliche Sollbruchstelle der Eckhartschen Mystik — und sie führte unmittelbar zu seiner Verurteilung. 1326 leitete der Kölner Erzbischof ein Inquisitionsverfahren ein; Eckhart verteidigte sich, starb aber 1328 auf dem Weg nach Avignon, ehe ein Urteil erging. Mit der Bulle In agro dominico vom 27. März 1329 verurteilte Papst Johannes XXII. posthum 28 Sätze Eckharts — 17 als häretisch, 11 als der Häresie verdächtig.
Unter den verurteilten Sätzen findet sich prominent die Rede vom Ungeschaffenen in der Seele. Die Bulle beanstandet ausdrücklich Eckharts Lehre, „dass es etwas in der Seele gebe, das ungeschaffen und unerschaffbar sei; wäre die ganze Seele so, wäre sie ungeschaffen und unerschaffbar" — und erklärt diesen Satz für irrig. Hier liegt der Kern des Konflikts: Die kirchliche Lehre hält unbedingt daran fest, dass die Seele ganz und gar Geschöpf ist. Ein ungeschaffener Punkt in ihr würde bedeuten, dass ein Stück Gott selbst in der Seele wäre — was die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf, das Fundament des christlichen Gottesbegriffs, durchbräche.
Wichtig ist die Einsicht der neueren Forschung (etwa bei Bernard McGinn), dass die Bulle nicht Eckharts Person, sondern die missverständliche Form seiner Aussagen traf: Eckhart selbst verstand das Ungeschaffene wohl nicht als zweite, mit Gott identische Substanz neben der geschaffenen Seele, sondern als die Weise, in der Gott im Grund der Seele anwesend und wirksam ist — gnadenhaft, nicht naturhaft. Doch seine paradoxe, bewusst überspitzende Predigtsprache lud die identitätsmetaphysische Lesart geradezu ein. Die Spannung ist nie ganz aufzulösen; sie macht das Seelenfünklein bis heute zu einem der faszinierendsten und gefährlichsten Begriffe der christlichen Mystik.
Großer Vergleichsteil
Im interreligiösen Vergleich erweist sich das Seelenfünklein als eine besonders kühne Antwort auf die anthropologische Grundfrage nach dem göttlichen Kern im Menschen. Die durchgehende Bruchlinie ist auch hier jene zwischen Teilhabe bei bleibender Differenz und wesenhafter Identität mit dem Göttlichen — und das Fünklein steht, schärfer als das Gottebenbild, genau auf dieser Schwelle.
Vedānta — der Funke und der ātman
Die nächste und zugleich heikelste Parallele ist der vedāntische ātman. Im Advaita-Vedānta ist der ātman, der innerste Kern des Selbst, letztlich identisch mit dem absoluten Weltgrund Brahman; das große Wort „tat tvam asi" („das bist du") und die Einheit von ātman und Brahman behaupten keine bloße Ähnlichkeit, sondern Identität. Eckharts Rede vom ungeschaffenen Funken, in dem „Gottes Grund und mein Grund ein Grund" sind, klingt erstaunlich nahe an dieser Identitätsmetaphysik. Beide kennen einen Tiefenpunkt, an dem die Trennung zwischen Selbst und Absolutem aufhört; beide verlangen eine radikale Abkehr von der oberflächlichen Ich-Identität (Eckharts Abgeschiedenheit, das vedāntische Durchschauen der Illusion). Doch ein entscheidender Unterschied bleibt: Der ātman ist das Absolute, schon immer und ohne Vermittlung — die Differenz war von Anfang an bloßer Schein. Eckhart hingegen versteht die Einung als Geschehen der Gnade und als Geburt; selbst in der kühnsten Formulierung bleibt der theologische Rahmen von Schöpfung und Gnade erhalten. Eben weil das Fünklein dem ātman so nahekommt, wurde es der Orthodoxie verdächtig.
Islam — sirr, Qalb und Ruh
Die islamische Mystik kennt eine fein gestufte Lehre von den inneren Schichten des Menschen, die dem Funken-Gedanken nahesteht. Das Sufitum unterscheidet im Inneren mehrere „Subtilitäten" (laṭāʾif): das Herz (Qalb) als Ort der Gotteserkenntnis und des Wechsels zwischen den Zuständen; den Geist (Ruh) als die höhere, gottnahe geistige Substanz; und das sirr — das „Geheimnis", die feinste und innerste Schicht, in der allein die unmittelbare Gottesschau geschieht. Das sirr ist funktional dem Seelenfünklein verwandt: der verborgene Punkt, an dem der Mensch das Göttliche unmittelbar berührt. Auch die islamische Mystik kennt das Aufgehen des Ich im Göttlichen — fanāʾ, das „Auslöschen" des Selbst in Gott, gefolgt von baqāʾ, dem „Fortbestehen" in Gott. Doch das sunnitische Tasawwuf hält — wie die christliche Orthodoxie — strikt an der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf (tanzīh) fest: Auch im sirr bleibt der Mensch Geschöpf, das den Schöpfer spiegelt, ohne mit ihm wesenseins zu werden. Die identitätsnahe Sprache mancher Sufis (etwa die Rede vom „Ich bin die Wahrheit") wurde im Islam ebenso umstritten wie Eckharts Funke im Christentum.
Judentum — die neschama
Die jüdische Tradition, besonders die Kabbala, kennt eine Stufenlehre der Seele, in der die höchste Schicht dem Funken-Gedanken entspricht. Über der belebenden nefesch und der affektiven ruach steht die neschama — die höchste, dem Göttlichen unmittelbar zugewandte Seelenstufe, die als „Lebensatem" Gottes (vgl. Genesis 2,7, „er blies ihm den Lebensatem in die Nase") gilt und in der Kabbala den eigentlichen göttlichen Anteil des Menschen darstellt. Die neschama ist der Ort, an dem die menschliche Seele aus der göttlichen Welt stammt und zu ihr zurückstrebt. Strukturell entspricht sie dem Seelengrund: ein göttlich-unverlierbarer Kern, durch den der Mensch mit seinem Ursprung verbunden bleibt. Doch auch das Judentum wahrt — bei aller Nähe der kabbalistischen Sprache zur Emanation — grundsätzlich die Differenz zwischen dem Schöpfer und der von ihm „eingehauchten" Seele.
Christliche Anthropologie — Funke und Gottebenbild
Innerhalb des Christentums ist das Seelenfünklein die mystische Radikalisierung des Gottebenbildes. Die Imago-Dei-Lehre bestimmt den Menschen als Bild Gottes — als Geschöpf, das den Schöpfer widerspiegelt, ohne mit ihm wesenseins zu sein; ein Bild ist gerade nicht das, was es abbildet. Augustinus hatte das Bild in die innere Trinitätsstruktur des Geistes (Gedächtnis, Einsicht, Wille) verlegt. Eckhart treibt diesen Gedanken über die Grenze: Aus dem geschaffenen Bild wird der ungeschaffene Grund, in dem das Urbild selbst gegenwärtig ist. Während die Imago die bleibende Differenz von Bild und Urbild wahrt, führt der Funke das Bild bis an die Schwelle der Identität — und genau dort, an dieser Schwelle, brach der Konflikt mit der Orthodoxie auf. Der vollendete Träger eines solchen Grundes findet im Vergleich seine Entsprechung im vollkommenen Menschen der islamischen Mystik, dem vollkommenen Spiegel der göttlichen Namen — auch er steht an der Grenze zwischen Spiegelung und Einung.
Die folgende Tabelle fasst zusammen, wie verschiedene Traditionen den innersten göttlichen Kern bestimmen und welches Verhältnis zum Absoluten daraus folgt:
| Tradition | Begriff | Natur des inneren Kerns | Verhältnis zum Absoluten |
|---|---|---|---|
| Rheinische Mystik | Seelenfünklein / Seelengrund | ungeschaffener Funke, Ort der Gottesgeburt | Einung an der Schwelle zur Identität, doch Gnade |
| Scholastik | synteresis | geschaffener Gewissens- und Vernunftfunke | bleibend geschöpflich, auf Gott ausgerichtet |
| Advaita Vedānta | ātman | unveränderliches Selbst, Tiefenpunkt | vollständige Identität mit Brahman |
| Islam (Tasawwuf) | sirr / Qalb / Ruh | feinste innere Schicht der Gottesschau | Gottesschau bei gewahrter Transzendenz (tanzīh) |
| Judentum (Kabbala) | neschama | höchste, eingehauchte Seelenstufe | göttlicher Ursprung bei bleibender Differenz |
| Christliche Anthropologie | imago Dei | geschaffenes Bild Gottes im Geist | Abbild bei strikter Schöpfer-Geschöpf-Differenz |
Kritik und Grenzen
Das Seelenfünklein ist von verschiedenen Seiten kritisch befragt worden — theologisch, philologisch und im interreligiösen Vergleich.
Die theologische Grundkritik ist die der kirchlichen Verurteilung selbst: Ein ungeschaffener Punkt in der Seele scheint die kategoriale Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf aufzuheben und damit den Pantheismus-Verdacht zu nähren. Wer den Funken für mit Gott identisch hält, verwischt die Grenze, auf der die gesamte abrahamitische Theologie beruht. Die Verteidigung — schon von Eckhart selbst und später von der historisch-kritischen Forschung vorgetragen — verweist darauf, dass Eckhart das Ungeschaffene nicht als zweite Substanz, sondern als die gnadenhafte Anwesenheit Gottes im Seelengrund verstand, und dass seine paradoxe Sprache absichtlich überspitzt, um zur Abgeschiedenheit zu rufen, nicht um eine Ontologie der Wesensidentität aufzustellen.
Eine philologische Vorsicht ist geboten gegenüber der Versuchung, Eckharts Bildsprache vorschnell zu systematisieren. Eckhart predigte in der Volkssprache und variierte seine Bilder — Funke, Bürgelein, Grund, Licht, Haupt der Seele — bewusst, ohne sie zu einem festen Begriffssystem zu fixieren. Die spätere Tradition (und manche moderne Deutung) hat diese fließenden Metaphern oft härter gefasst, als sie gemeint waren. Wer das „Fünklein" als präzisen ontologischen Terminus behandelt, droht die rhetorisch-seelsorgliche Funktion der Eckhartschen Rede zu verfehlen.
Eine vergleichende Vorsicht betrifft die Gleichsetzung des Funkens mit dem ātman, dem sirr oder der Buddha-Natur. Die strukturelle Ähnlichkeit — ein göttlicher Kern im Menschen — ist auffällig und hat besonders die perennialistische Religionsdeutung (etwa bei den Vertretern einer „immerwährenden Philosophie") dazu verleitet, alle diese Konzepte als Ausdruck derselben mystischen Erfahrung zu lesen. Demgegenüber mahnt die religionswissenschaftliche Forschung zur Differenzierung: Der ātman ist von vornherein mit dem Absoluten identisch, der Funke wird es allenfalls durch Gnade; das sirr bleibt geschöpflich; die neschama ist eingehaucht, nicht ungeschaffen. Die Ähnlichkeit der Bilder verdeckt leicht die tiefen Unterschiede in der Bestimmung des Verhältnisses zum Absoluten. Gerade die Frage „identisch oder geschaffen?", an der Eckhart scheiterte, trennt die Traditionen, wo ihre Sprache sie zu vereinen scheint.
Fazit
Das Seelenfünklein ist der kühnste anthropologische Begriff der rheinischen Mystik: der ungeschaffene Funke im Grund der Seele, der Ort der Gottesgeburt, an dem nach Eckhart „Gottes Grund und mein Grund ein Grund" sind. In ihm bündeln sich die ältere Lehre vom Gewissensfunken (synteresis), die platonische Vorstellung eines göttlichen Lichtanteils und die mystische Einungssprache zu einer Aussage, die die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf im innersten Punkt der Seele zu überschreiten scheint. Sein Schüler Tauler entschärfte die Lehre seelsorglich zum „Seelengrund" und sicherte ihr so eine ungebrochene Wirkungsgeschichte, während Eckharts eigene Formulierungen 1329 in In agro dominico verurteilt wurden.
Im Vergleich erweist sich das Fünklein als eine theistische Mystik, die das Gottebenbild bis an die Schwelle der Einung treibt — näher an die Identitätsmetaphysik des ātman und der ātman-Brahman-Einheit als jeder andere christliche Begriff, und doch durch den Rahmen von Schöpfung und Gnade von ihr getrennt. Es berührt sich mit dem Sufi-sirr und dem Herzen (Qalb) und dem Geist (Ruh), mit dem Aufgehen im Göttlichen (fanāʾ) und der Gestalt des vollkommenen Menschen, mit der kabbalistischen neschama. Über all dem steht die eine, ungelöste Frage — ist der Funke mit Gott identisch oder geschaffen? —, die Eckhart die Verurteilung eintrug und die das Seelenfünklein bis heute zu einem Brennpunkt der christlichen Mystik und der vergleichenden Lehre von der Seele macht. Verstanden im Geist Eckharts und der negativen Theologie sowie seiner Lehre vom göttlichen Nichts (Eckharts göttliches Nichts), ist der Funke kein Besitz, sondern ein Geschehen: der Ort, an dem der von allem Geschaffenen abgeschiedene Mensch sich der Geburt Gottes öffnet.