Mystische Traditionen

Die Walpurgisnacht und der Brocken

Die Nacht zum 1. Mai als sagenhafter Hexen-Versammlungstermin auf dem Brocken im Harz: Namensherkunft (hl. Walburga), volkstümlicher Sabbatglaube, Abwehrbräuche, der vorchristlich-saisonale Hintergrund und die literarische Verewigung durch Goethes „Faust".

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Definition

Die Walpurgisnacht ist im deutschsprachigen Volksglauben die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai – eine sogenannte Schwellennacht (eine Nacht des Übergangs, in der die Grenze zwischen den Welten als durchlässig gilt) –, in der nach verbreiteter Vorstellung die Hexen auf Besen, Heugabeln oder Böcken durch die Luft zu einem nächtlichen Versammlungsort fahren, um dort gemeinsam mit dem Teufel ihren „Sabbat" (das große Hexenfest) zu feiern. Der berühmteste dieser Versammlungsorte ist der Brocken (auch Blocksberg genannt), mit 1141 Metern der höchste Berg des Harzes und Norddeutschlands. Die Verbindung von Termin (Mai-Vorabend) und Ort (Brocken) bildet einen festen Komplex der deutschen Sagenüberlieferung, der durch Goethes „Faust" (vgl. die Faust-Sage) eine weltliterarische Verewigung erfahren hat und bis heute die touristische und neuheidnische Rezeption des Harzes prägt.

Der Begriff verknüpft auf eigentümliche Weise zwei ganz verschiedene Schichten: einerseits den christlichen Heiligenkalender – die Nacht trägt ihren Namen nach der heiligen Walburga (auch Walpurgis), einer angelsächsischen Äbtissin des 8. Jahrhunderts, deren liturgisches Gedenken im Mittelalter auf den 1. Mai fiel –, andererseits einen volkstümlichen, in seinen Wurzeln teils vorchristlichen Frühlings- und Maibrauch, der den Übergang von der dunklen zur hellen Jahreshälfte markiert. Diese Überlagerung (die Überschichtung einer älteren saisonalen Schwelle durch einen christlichen Heiligennamen) ist für das Verständnis des Phänomens zentral: Die Heilige hat mit dem Hexenglauben sachlich nichts zu tun; ihr Festtermin gab der Nacht lediglich den Namen.

Wissenschaftlich ist die Walpurgisnacht in mehrfacher Hinsicht ein Studienobjekt: für die Volkskunde (Sagenforschung, Brauchforschung), für die Geschichte der Hexenverfolgung und der gelehrten Dämonologie (die theologische Lehre von den Dämonen und vom Teufelspakt), für die vergleichende Religionswissenschaft (im Kontext saisonaler Schwellennächte und ritueller Ordnungsumkehr) sowie für die Literaturwissenschaft (Goethe-Rezeption). Die folgende Darstellung behandelt die Namensherkunft, den volkstümlichen Sabbatglauben, die Abwehrbräuche, den saisonalen Hintergrund, die literarische Rezeption, die naturkundlichen Brocken-Phänomene, die historische Einordnung des „Sabbats" als dämonologisches Konstrukt und schließlich die vergleichende und moderne Perspektive.

Die heilige Walburga und die Namensherkunft

Die historische Walburga (um 710 – 25. Februar 779) war eine angelsächsische Nonne, eine Verwandte des Missionars Bonifatius und Schwester der Missionare Willibald und Wunibald. Sie folgte dem Ruf zur Mission ins Frankenreich und wirkte schließlich als Äbtissin des Doppelklosters Heidenheim im fränkischen Raum. Nach ihrem Tod wurden ihre Gebeine in das bayerische Eichstätt überführt; dort entwickelte sich ein bedeutender Wallfahrtskult, der besonders mit dem „Walburgisöl" verbunden ist – einer wundertätigen, als heilkräftig geltenden Feuchtigkeit, die nach der Überlieferung aus ihrem Grab tritt. Walburga gilt als Patronin gegen Krankheiten, gegen Hundebiss und Tollwut sowie als Schutzheilige der Bauern und der Ernte.

Entscheidend für die Namensgebung ist der Kalender: Das Hauptfest der heiligen Walburga – ursprünglich ihr Todestag, der 25. Februar, dann aber vor allem der Tag ihrer Heiligsprechung beziehungsweise Translation (der feierlichen Überführung ihrer Reliquien) – wurde im mittelalterlichen Heiligenkalender auf den 1. Mai gelegt. Der Vorabend eines Heiligenfestes heißt traditionell „Nacht" oder „Abend" des Heiligen; so wurde die Nacht zum 1. Mai zur „Walpurgisnacht". Es handelt sich also um eine schlichte Datumskoinzidenz: Der christliche Festtag fiel mit einem alten, ohnehin schon mit Maibräuchen und – im späteren Volksglauben – mit Hexenfurcht besetzten Termin zusammen, und der Heiligenname blieb an der Nacht haften.

Die Forschung betont, dass diese Verbindung sekundär ist. Walburga war keine „heidnische Göttin" und keine getarnte Frühlingsgottheit, wie ältere, romantisch-spekulative Mythenforschung mitunter behauptet hat; sie war eine historische christliche Äbtissin. Dass ausgerechnet ihr Name die „Hexennacht" bezeichnet, ist eine Ironie der Überlieferungsgeschichte. Paradoxerweise wurde Walburga im Volksglauben sogar zur Schutzpatronin gegen die Hexen – man rief sie und ihr Öl gerade in dieser Nacht zur Abwehr böser Mächte an. Ähnliche Überlagerungen christlicher Heiligenfeste mit älteren saisonalen Schwellen finden sich quer durch den europäischen Festkalender, etwa im Verhältnis von Allerheiligen/Allerseelen zu Samhain oder bei der Verchristlichung der Sonnwendfeste durch das Weihnachts- und das Johannisfest. Eine besonders sprechende Parallele bietet die irische Brigid, deren Festtag (Imbolc, 1. Februar) eine Göttin und eine christliche Heilige in einer Figur überlagert.

Der Brocken als Blocksberg: die Geographie der Sage

Der Brocken ragt als kahle, oft in Nebel und Wolken gehüllte Granitkuppe über die Wälder des Harzes empor. Sein raues, baumloses Gipfelklima, die häufigen Wetterumschwünge, die bizarren Felsformationen (etwa die „Teufelskanzel" und der „Hexenaltar") und seine über weite Strecken sichtbare, beherrschende Gestalt machten ihn zu einem prädestinierten Imaginationsraum des Unheimlichen. In der Sagenwelt heißt er Blocksberg; „auf den Blocksberg fahren" oder „sich zum Blocksberg wünschen" wurde zur sprichwörtlichen Umschreibung für die Hexenfahrt und für eine Verwünschung („Fahr zum Blocksberg!").

Die Vorstellung, dass sich die Hexen gerade hier sammeln, ist im Kern eine norddeutsch-mitteldeutsche Lokalisierung eines verbreiteten europäischen Motivs. Vergleichbare „Hexenberge" und Sabbatorte gibt es vielerorts: den Heuberg in Schwaben, den Köterberg im Weserbergland, den Bocksberg und zahlreiche weitere Höhen; in Italien war der Nussbaum von Benevent der sagenhafte Sammelplatz, im Baskenland die Wiese Akelarre. Der Brocken setzte sich vor allem im 16. bis 18. Jahrhundert als der prominenteste deutsche Sabbatort durch – begünstigt durch seine geographische Auffälligkeit, durch frühneuzeitliche gelehrte und populäre Schriften und schließlich, endgültig, durch Goethe.

Der Harz selbst ist eine an Sagen reiche Bergregion, deren Stoffe die Brüder Grimm in ihren Deutschen Sagen (1816/1818) sammelten und so für die literarische Überlieferung sicherten; die wissenschaftliche Mythologie der Brüder Grimm machte solche regionalen Erzählstoffe zum Gegenstand einer nationalen Mythenforschung. Die Verbindung von realer, eindrucksvoller Landschaft und übernatürlicher Erzählung ist ein wiederkehrendes Muster der europäischen Sagenbildung, das auch in der vergleichenden Symbolik des Berges – als Ort der Gottesnähe wie der Geisternähe – seinen Niederschlag findet.

Der volkstümliche Sabbatglaube: Hexenfahrt, Tanz und Ordnungsumkehr

Im Zentrum des Walpurgisnacht-Glaubens steht die Vorstellung des Hexensabbats – einer großen nächtlichen Zusammenkunft der Hexen unter dem Vorsitz des Teufels. Die volkstümliche und die gelehrt-dämonologische Überlieferung zeichnen ein erstaunlich konsistentes Bild, das sich aus mehreren festen Bausteinen zusammensetzt.

Die Hexenfahrt. Die Hexen verlassen in dieser Nacht heimlich ihr Haus – oft, während der Ehemann schläft – und fliegen durch die Luft zum Versammlungsort. Als Reittiere dienen der Besen (das wohl bekannteste Hexenattribut, ein Gerät der weiblichen Hauswirtschaft, das durch den Flug ins Dämonische verkehrt wird), die Ofengabel, der Spinnrocken oder ein Bock (Ziegenbock), der wiederum als Verkörperung des Teufels gedeutet wurde. Die Fahrt wird durch eine Flugsalbe ermöglicht, mit der sich die Hexe einreibt, unter Aussprache einer Zauberformel („oben aus und nirgends an"). Sie verlässt das Haus durch den Schornstein – ein Schwellen- und Übergangsort par excellence, der das Innen mit dem Außen, das Haus mit dem Himmel verbindet.

Das Fest auf dem Berg. Auf dem Brocken angekommen, huldigen die Hexen dem Teufel, der häufig in Bocksgestalt oder als „schwarzer Mann" thront. Es folgen die typischen Elemente: der Reigentanz um Feuer oder um den Teufel, und zwar – als Zeichen der verkehrten Welt – „rückwärts", entgegen dem Sonnenlauf (eine düstere Verkehrung jener heiligen Tänze, die in vielen Traditionen die kosmische Ordnung gerade bejahen); das Festmahl (ein Gelage ohne Salz und ohne Brot, oft mit ekelerregenden Speisen); die Buhlschaft (der geschlechtliche Verkehr mit dem Teufel oder mit Dämonen); der Bericht der Hexen über das angerichtete Unheil; und die rituelle Verhöhnung des Christlichen (verkehrte Messe, Schändung der Sakramente, der berüchtigte Kuss auf das Hinterteil des Teufels, der osculum infame). Mit dem ersten Hahnenschrei beziehungsweise dem Läuten der Morgenglocke löst sich die Versammlung auf, und die Hexen kehren heim.

Die Umkehr der Ordnung. Strukturell ist der Sabbat eine systematische Inversion (Umstülpung) der gültigen sozialen und religiösen Ordnung: Statt der Kirche der nackte Berg; statt der Messe die Teufelshuldigung; statt des Tanzes im Reigen sonnenläufig der Tanz rückwärts; statt der ehelichen Ordnung die dämonische Buhlschaft; statt des Tages die Nacht. Diese rituelle Ordnungsumkehr ist ein anthropologisch breit belegtes Muster, das in zahlreichen Festkomplexen – vom römischen Saturnalienfest bis zum mittelalterlichen Karneval – wiederkehrt; im Sabbatbild erscheint sie jedoch nicht als erlaubtes Ventil, sondern als dämonisches Gegenbild, als die von Grund auf böse „Anti-Gesellschaft". Die ekstatische, leibhaftige Nachtfahrt wiederum hat strukturelle Verwandte in den schamanischen Geisterreisen und in den ekstatischen Kulten – man vergleiche die rauschhafte Auflösung der Ordnung im Dionysoskult.

Abwehrbräuche: Feuer, Lärm und Schutzzeichen

Da die Nacht als besonders gefährlich galt, entwickelte der Volksglaube ein dichtes Repertoire apotropäischer (unheilabwehrender) Bräuche. Sie zielen darauf, Hexen, Dämonen und schädliche Geister von Haus, Stall, Vieh und Feld fernzuhalten – gerade weil mit dem Maibeginn auch der landwirtschaftliche Jahreszyklus, das Austreiben des Viehs und das Gedeihen der Saat auf dem Spiel standen.

Brauch Form Funktion
Maifeuer / Walpurgisfeuer Große Höhenfeuer in der Nacht Reinigung, Lichtsetzung, Vertreibung der Dämonen
Lärmbräuche Glockenläuten, Peitschenknallen, Schießen, Schreien, „Hexenbrennen" Verscheuchen der Hexen durch Lärm
Schutzzeichen Kreuze an Türen und Ställen, Weihwasser, geweihte Kräuter Bannung des Bösen durch das Heilige
Sperrkräuter Beifuß, Wacholder, „Donnerkraut", Birkenzweige Schwellenschutz an Tür und Stall
Verkehrte Geräte Umgedrehte Besen, kreuzweise gelegte Gegenstände Verwirrung der Hexen
Anrufung der Heiligen Walburga und ihr Öl Heiliger Schutz in der gefährlichen Nacht

Das Maifeuer ist der wohl wichtigste positive Brauch: Auf den Höhen entzündet, markiert es zugleich das Frühlingsfest und die Vertreibung der dunklen Mächte. Solche Höhenfeuer an saisonalen Wendepunkten gehören zu einem alten europäischen Brauchkomplex, der von den keltischen Beltane-Feuern bis zu den Johannisfeuern reicht und der den reinigenden, dämonenbannenden Charakter des Feuers in den Mittelpunkt stellt – ein Komplex, der auch im germanischen Blót-Kult und seinen Opfer- und Festfeuern einen Hintergrund hat – ein Motiv, das auch in der zoroastrischen Spiritualität des heiligen Feuers zentral ist, dort allerdings in einem ganz anderen, kultisch-reinheitsbezogenen Sinn. Das Element des Lärms (das „Austreiben" oder „Verbrennen" der Hexen durch Knallen und Schreien) und die Schwellenkräuter an Tür und Stall verweisen auf die Logik des Schutzes an den Übergangsorten, an denen die Geister einzudringen drohen.

Bemerkenswert ist, dass viele dieser Bräuche ambivalent sind: Dasselbe Feuer, das die Hexen vertreibt, ist auch das Fest des Frühlings; dieselbe Nacht, die Furcht weckt, ist auch die Nacht des Maitanzes und der Werbung. Diese Doppelnatur – Bedrohung und Fest, Abwehr und Übermut – ist für die Schwellennächte charakteristisch.

Der vorchristlich-saisonale Hintergrund: Mai, Frühling und die Schwelle

Hinter dem christlich benannten und vom Hexenglauben überformten Termin steht ein älterer, saisonaler Kern: der Beginn des Mais als Markstein des bäuerlichen und vegetativen Jahres. Der 1. Mai liegt etwa in der Mitte zwischen Frühlings-Tagundnachtgleiche und Sommersonnenwende; er gehört zu den Vierteljahres-Schwellen, an denen der Jahreslauf einschneidet. Mit ihm beginnt die helle, fruchtbare Jahreshälfte: Das Vieh wird auf die Weiden getrieben, die Vegetation entfaltet sich, die Werbung und die Hochzeiten häufen sich.

Dieser Termin korrespondiert mit dem keltischen Beltane (dem Maifest, dem „hellen Feuer"), das im keltischen Jahresrad das Gegenstück zu Samhain (dem Fest zum 1. November, dem Beginn der dunklen Hälfte) bildet. Beide sind Schwellenfeste, an denen die Grenze zwischen der menschlichen und der Geisterwelt als durchlässig gilt – Samhain als die „Geisternacht" des dunklen, die Maischwelle als die des hellen Halbjahres. Dass im germanischen wie im keltischen Kulturraum gerade diese Übergangstermine mit Geistererscheinungen, Schutzfeuern und Fruchtbarkeitsriten besetzt sind, verweist auf eine gemeineuropäische Logik der Jahresschwelle, die der germanische Jahreskreis und das Imbolc-Lughnasadh-Paar auf je eigene Weise gliedern; sie ist in die breiteren Vorstellungswelten der nordisch-germanischen Mythologie eingebettet.

Die ältere, romantisch geprägte Forschung – etwa Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie (1835) – neigte dazu, im Walpurgis-Hexentanz die direkte Fortsetzung eines vorchristlichen Fruchtbarkeits- und Vegetationsfestes oder eines germanischen Frühlingskults zu sehen; der nächtliche Hexentanz wäre demnach das ins Dämonische gewendete Echo eines alten Mai- und Götterfestes. Die neuere Volkskunde ist hier vorsichtiger: Sie warnt vor einer ungebrochenen „Kontinuitätsthese", die hinter jedem Brauch ein lückenlos überliefertes heidnisches Ritual vermutet. Vieles, was als „uralt-heidnisch" gilt, ist in seiner überlieferten Form früh- bis nachneuzeitlich und vom gelehrten Hexendiskurs sowie von der Romantik mitgeprägt. Festzuhalten bleibt gleichwohl, dass die saisonale Schwelle des Maibeginns ein realer, alter Bezugspunkt ist, auf den sich die jüngeren Schichten – Heiligenfest, Hexenglaube, Maibrauchtum – auflagerten. Diese Spannung zwischen Kontinuität und Konstruktion ist ein Grundthema der spirituellen Naturdeutung europäischer Festkulturen.

Zum lebendigen Maibrauchtum, das denselben Termin positiv besetzt, gehören der Maibaum (der aufgerichtete, geschmückte Baum als Vegetations- und Fruchtbarkeitssymbol), der Tanz in den Mai, das Maistecken (das Aufstellen geschmückter Birken vor dem Haus der Geliebten) und vielerorts der Maikönig oder die Maibraut. Diese Bräuche zeigen, dass die Nacht keineswegs nur Furcht, sondern ebenso Übermut, Werbung und Frühlingsfreude trug.

Die literarische Verewigung: Goethes „Faust"

Die weltliterarische Prägekraft des Walpurgis-Brocken-Komplexes verdankt sich vor allem Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der den Stoff in beiden Teilen seines „Faust" verarbeitete. Goethe kannte den Harz aus eigener Anschauung; er bestieg den Brocken erstmals 1777 im Winter – eine Erfahrung, die in das Gedicht Harzreise im Winter und in die literarische Aufladung des Berges einging. Der „Faust"-Stoff selbst geht auf die ältere Faust-Sage um den historischen Schwarzkünstler des 16. Jahrhunderts und auf das Volksbuch von 1587 zurück.

„Faust I": Walpurgisnacht auf dem Brocken. In der Szene „Walpurgisnacht" führt Mephistopheles den Faust in der Nacht zum 1. Mai hinauf auf den Brocken, mitten in das wüste Treiben der Hexen, Irrlichter und Dämonen. Die Szene ist ein Höhepunkt der dämonischen Sphäre der Tragödie: Hexen und Hexenmeister strömen von allen Seiten zum Gipfel, es erklingt der „Hexenchor", der Satan thront, und Faust verfällt im Tanz mit einer jungen Hexe der Verlockung – bis ihn die Vision der unschuldig leidenden Gretchen zurückreißt. Goethe verarbeitet hier die volkstümlichen Sabbatmotive – Besenfahrt, Reigen, Teufelshuldigung – literarisch und zugleich satirisch zugespitzt. Unmittelbar angeschlossen ist das „Walpurgisnachtstraum" (mit dem Untertitel Oberons und Titanias goldne Hochzeit) – ein eingeschobenes, an Shakespeares Sommernachtstraum anknüpfendes satirisches Intermezzo, in dem Goethe in raschen Strophen literarische und politische Zeitgenossen verspottet.

„Faust II": Die Klassische Walpurgisnacht. Im zweiten Teil schuf Goethe als Pendant die „Klassische Walpurgisnacht", die nicht mehr auf dem germanischen Brocken, sondern in der antiken Landschaft Thessaliens (auf den Pharsalischen Feldern und am Fluss Peneios) spielt. Hier begegnen statt der nordischen Hexen die Gestalten der griechischen Mythologie – Sphinxe, Greifen, Sirenen, Kentauren, die Pythagoreer-Figuren Anaxagoras und Thales, die See-Wesen um Galatea. Diese Verlagerung vom „romantischen" zum „klassischen" Schauplatz spiegelt Goethes Programm der Verbindung von nordischer und antiker Welt und kulminiert in der Gestalt der Helena. Die beiden Walpurgisnächte bilden so ein bewusst gesetztes Gegensatzpaar: die wüst-dämonische germanische und die schön-philosophische antike Geisternacht.

Goethes „Faust" hat die Gleichung „Walpurgisnacht = Hexensabbat auf dem Brocken" endgültig im kulturellen Gedächtnis Europas verankert; ohne ihn wäre der Brocken vermutlich nur eine von vielen regionalen Hexenhöhen geblieben. In der weiteren literarischen und musikalischen Rezeption wirkte der Stoff breit nach – etwa in Felix Mendelssohns Kantate Die erste Walpurgisnacht (nach einer Ballade Goethes, in der heidnische Druiden ihr Maifeuer durch die Verkleidung als Teufel und Hexen vor christlichen Verfolgern schützen) oder in Modest Mussorgskis Tondichtung Eine Nacht auf dem kahlen Berge.

Reale Brocken-Phänomene: das Brockengespenst

Ein rationaler Kern mancher Brockensagen liegt in einem realen optischen Naturphänomen, das gerade auf diesem nebelreichen Gipfel besonders häufig zu beobachten ist: dem Brockengespenst. Es entsteht, wenn ein Beobachter mit der Sonne im Rücken auf einer Anhöhe steht und sein Schatten auf eine tiefer liegende Nebel- oder Wolkenwand geworfen wird. Der Schatten erscheint dann stark vergrößert und scheinbar in unermesslicher Ferne – eine riesenhafte, dräuende Gestalt, die jede Bewegung des Beobachters mitvollzieht. Häufig ist der Schattenkopf zusätzlich von einem farbigen Lichtring umgeben, der Glorie (auch „Heiligenschein" oder Brockenbogen), die durch Beugung des Lichts an den Nebeltröpfchen entsteht.

Für den vormodernen Betrachter musste diese Erscheinung – ein gewaltiger, mit Lichtkranz umgebener „Geist", der ihm im Nebel gegenübertrat – als handfeste Bestätigung des Übernatürlichen wirken. Die Volkskunde sieht im Brockengespenst daher einen plausiblen physikalischen Erfahrungskern, der die übernatürliche Aufladung des Berges mitnährte. Das Phänomen ist freilich nicht auf den Brocken beschränkt – es tritt an vielen Bergen und vom Flugzeug aus auf –, hat aber hier seinen sprichwörtlichen Namen gefunden. Es zeigt exemplarisch, wie ein wahrnehmungspsychologisch und meteorologisch erklärbares Ereignis mit einer vorhandenen Sagentradition verschmelzen und diese verstärken kann.

Historische Einordnung: der „Sabbat" als dämonologisches Konstrukt

Für die wissenschaftliche Einordnung ist eine klare Unterscheidung grundlegend: Der Hexensabbat, wie ihn die Walpurgisnacht-Sage entwirft, ist kein real praktizierter Kult, sondern ganz überwiegend ein Konstrukt der gelehrten Dämonologie der späten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theologie und der Inquisition. Das voll ausgebildete Sabbatbild – kollektive Teufelsverehrung, Pakt, Buhlschaft, Flug, Schadenzauber – kristallisierte sich erst im 15. Jahrhundert heraus und wurde durch theologische Traktate, durch das berüchtigte Hexenhammer-Handbuch (Malleus Maleficarum, 1486) und durch die Verhörpraxis der Prozesse verbreitet und „bestätigt".

Der entscheidende mechanische Punkt ist: Die Geständnisse, die das Sabbatbild scheinbar verbürgen, wurden ganz überwiegend unter der Folter und nach den vorgegebenen Frageschemata der Richter erpresst. Die Angeklagten – ganz überwiegend Frauen, häufig ältere, arme, am Rand der Dorfgemeinschaft stehende – „gestanden", was die Inquisitoren hören wollten. Das Sabbatbild ist somit weniger ein Bericht über das, was Hexen taten, als ein Spiegel dessen, was die Verfolger fürchteten und imaginierten: eine verschworene, die christliche Ordnung von innen zersetzende „Anti-Kirche". Die europäische Hexenverfolgung (mit ihrem Höhepunkt etwa 1560–1630) forderte nach den vorsichtigen Schätzungen der Forschung mehrere zehntausend Todesopfer.

Wegweisend für eine differenzierte Deutung ist die Arbeit des Historikers Carlo Ginzburg. In I benandanti (1966; deutsch Die Benandanti) zeigte er an norditalienischen Prozessakten, dass es volkstümliche Vorstellungen von ekstatischen Nachtfahrten gab – die „Benandanti" (die „gut Wandelnden") des Friaul glaubten, im Geist auszufahren, um die Ernte gegen die Hexen zu verteidigen –, die von den Inquisitoren erst nach und nach in das gelehrte Schema des Teufelssabbats umgedeutet und damit kriminalisiert wurden. In seinem umfassenden Werk Storia notturna (1989; deutsch Hexensabbat) verfolgte Ginzburg die Tiefenschicht dieser Nachtfahrt-Vorstellungen und versuchte, sie in einen weiten europäisch-eurasischen Zusammenhang ekstatischer, schamanisch anmutender Glaubensformen zu stellen. Seine These – ein folkloristisch-„schamanistischer" Untergrund hinter dem konstruierten Sabbatbild – ist in Teilen umstritten, hat aber die Forschung nachhaltig geprägt, indem sie die volkstümliche Eigenschicht von der gelehrten Projektion zu trennen lehrte. Sie verweist zugleich auf die Verwandtschaft mit den ekstatischen Initiations- und Geisterreise-Komplexen, wie sie die germanische Weissagung der Völva und der weitere schamanische Horizont kennen.

Vergleichende Perspektive

Die Walpurgisnacht lässt sich in mehrere vergleichende Zusammenhänge einordnen, die ihre Strukturen erhellen.

Saisonale Schwellen- und Geisternächte. Die Maischwelle gehört zu einem gemeineuropäischen System von Jahresschwellen, an denen die Grenze zur Geisterwelt als durchlässig gilt. Ihr Gegenstück ist das herbstliche Samhain (1. November), die „Geisternacht" zu Beginn der dunklen Hälfte – heute christlich überlagert als Allerheiligen und säkular als Halloween. Beide rahmen das helle und das dunkle Halbjahr; die Walpurgisnacht und Samhain bilden gleichsam die beiden Tore des Jahres. Auch der germanische Jahreskreis kennt mit der Wintersonnenwende und den „Rauhnächten" eine eigene Geisterzeit, in der – ähnlich wie zur Walpurgisnacht – die Wilde Jagd als geisterhafter Zug durch die Lüfte braust und in der Frau Holle (Holda) die mythische Gebieterin der Schwellenzeit ist.

Rituelle Ordnungsumkehr. Der Sabbat als systematische Verkehrung der gültigen Ordnung steht in einer breiten Reihe von Inversionsfesten. Das römische Saturnalienfest kehrte die soziale Hierarchie zeitweise um (Herren bedienten die Sklaven, ein „Saturnalienkönig" regierte närrisch); der mittelalterliche Karneval und das „Narrenfest" erlaubten den geregelten, befristeten Übermut. Anthropologisch erscheint solche Umkehr als erlaubtes Ventil, das die Ordnung durch ihre rituelle Aussetzung paradoxerweise bestätigt. Das Sabbatbild übernimmt das Inversionsmuster, deutet es aber ins absolut Böse um: Hier ist die verkehrte Welt nicht erlaubtes Spiel, sondern die dämonische „Gegenkirche".

Ekstatische Nachtfahrt und schamanischer Horizont. Die fliegende Hexenfahrt hat strukturelle Verwandte in den ekstatischen Geisterreisen vieler Kulturen – von der schamanischen Seelenreise bis zu den Benandanti Ginzburgs. Auch die pharmakologische Dimension ist erwogen worden: Die überlieferten Flugsalben enthielten der Sage nach Nachtschattengewächse (Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel) mit halluzinogen-deliranter Wirkung, sodass das „Fliegen" zumindest teilweise als Rauscherfahrung gedeutet werden kann – eine Parallele zu den entheogenen Praktiken und zur rauschhaften Grenzauflösung im Dionysoskult. Hier ist freilich Vorsicht geboten: Die Quellenlage zu den Salben ist dünn und stark vom gelehrten Diskurs überformt.

Die mythische Gestalt der „Hexe". Schließlich verweist die Figur der nächtlich fahrenden Frau auf ältere mythische Herrinnen der Schwelle und der Geisterzüge – auf gestaltwandelnde, ambivalente Göttinnen und Geisterfrauen, die im europäischen Volksglauben zwischen Schutz- und Schreckgestalt changieren, wie sie etwa in Frau Holle noch fassbar sind. Die christliche Dämonologie zog diese ambivalenten Gestalten ins eindeutig Böse; die Romantik holte sie als „Mythos" zurück.

Moderne Rezeption

In der Moderne hat sich die Walpurgisnacht von der Sphäre der Furcht weitgehend gelöst und ist zu einem Fest geworden. Im Harz ist sie zur touristischen Hauptattraktion ausgebaut: In Orten wie Schierke, Thale (mit dem sagenumwobenen „Hexentanzplatz") und Bad Harzburg ziehen am Abend des 30. April Hexen- und Teufelsumzüge, Maifeuer, Märkte und Feiern Zehntausende von Besuchern an. Das ehemals bedrohliche Sabbatbild ist hier in karnevaleske Geselligkeit umgeschlagen – ein Beispiel dafür, wie ein Furchtmotiv in der säkularen Festkultur ins Spielerische gewendet wird.

Im modernen Neuheidentum (Wicca, neopaganen Strömungen) wird der 1. Mai als Beltane gefeiert, als eines der acht Feste des „Jahresrads", mit Maifeuer, Maibaum und Fruchtbarkeitssymbolik; hier knüpft man bewusst an den rekonstruierten saisonalen Kern an und kehrt die christlich-dämonologische Umdeutung wieder um – die „Hexe" wird zur positiven Selbstbezeichnung. In Skandinavien ist der 30. April als Valborgsmässoafton (Walpurgisabend) ein lebendiges Frühlingsfest mit großen Höhenfeuern und Studentenchören, das mit dem Hexenglauben kaum noch verbunden ist und ganz im Zeichen des Frühlingsempfangs steht.

In der Populärkultur ist die Walpurgisnacht über Goethe, über die romantische und die phantastische Literatur (etwa Thomas Mann, der in seinem Zauberberg ein berühmtes Kapitel „Walpurgisnacht" nennt), über Film, Comic und Fantasy fest verankert; „Blocksberg" und „Walpurgisnacht" sind zu festen Chiffren für das Hexen- und Übernatürliche geworden, bis hin zu Kinderbuchfiguren. Diese moderne Rezeption hält das Bild lebendig, hat es aber von seiner historischen Schwere – der realen Hexenverfolgung – weitgehend gelöst.

Fazit

Die Walpurgisnacht und der Brocken bilden einen vielschichtigen Erinnerungs- und Imaginationsraum, in dem sich mehrere Schichten überlagern: eine alte saisonale Schwelle des Maibeginns; ein durch Datumskoinzidenz angelagerter christlicher Heiligenname (Walburga); ein im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit ausgebildeter, von der gelehrten Dämonologie geprägter Sabbatglaube; ein dichtes Netz volkstümlicher Abwehr- und Maibräuche; ein eindrucksvoller, durch ein reales Naturphänomen (das Brockengespenst) zusätzlich aufgeladener Sagenberg; und schließlich die alles überstrahlende literarische Verewigung durch Goethes „Faust".

Die wissenschaftliche Betrachtung lehrt vor allem zweierlei. Erstens: Der „Hexensabbat" ist als beschriebenes Ereignis kein historischer Kult, sondern weit überwiegend ein Konstrukt der Verfolger – ein Bild der Angst, das in den Prozessen unter Folter „bestätigt" wurde und unzählige, meist weibliche Opfer forderte. Hinter ihm liegen jedoch, wie Carlo Ginzburg gezeigt hat, volkstümliche Vorstellungen ekstatischer Nachtfahrten, die erst sekundär dämonisiert wurden. Zweitens: Die Walpurgisnacht ist ein Musterbeispiel für die Überlagerung von vorchristlicher Jahresschwelle, christlichem Festkalender und literarisch-romantischer Mythenbildung – und damit eine Warnung vor allzu einfachen Kontinuitätsthesen ebenso wie eine Einladung, die gemeineuropäische Logik der Jahresschwelle und der rituellen Ordnungsumkehr im Vergleich zu betrachten. In dieser doppelten Spannung – zwischen historischer Tragödie und festlicher Imagination, zwischen Konstruktion und altem saisonalem Kern – liegt die bleibhafte Faszination des Brockens als des „Blocksbergs" der deutschen Sage.